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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Vierzehntes Kapitel

Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das Klirren von Waffen. Alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald, aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß ein Mann, der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt.

Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger schwarzer Roßschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken. Vorwärts gebeugt trieb er das schaumbespritzte Roß zu rasender Eile und sprang am Südeingang des Dings sausend vom Sattel.

Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, tödlichen Haß sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schönen Antlitz traf Wie von Flügeln getragen stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter Kraft: «Verrat, Verrat!» und stürzte dann wie blitzgetroffen nieder. Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund erkannt: «Teja, Teja!» riefen sie, «was ist geschehen? Rede!» – «Rede!» wiederholte Witichis, «es gilt das Reich der Goten!»

Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler Stimme:

«Verraten sind wir, Goten, verraten von unserm König. Ich erhielt Auftrag vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich gebeten. Ich schöpfte Verdacht, doch ich gehorchte und gehe unter Segel mit meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlägt zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den ‹Mercurius›, den raschen Keles – das leichte Postschiff Theodahads. Ich kannte das Fahrzeug wohl, es gehörte einst meinem Vater. Wie das unserer Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwöhnisch, jage ihm nach und hole es ein. Er trug diesen Brief an Belisar von des Königs Hand: ‹Du wirst zufrieden sein mit mir, großer Feldherr. Alle Gotenheere stehen in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr könntest du landen. Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört, seine Boten in den Turm geworfen.

Zum Dank erwart' ich, daß du den Vertrag genau erfüllst und den Kaufpreis in Bälde bezahlst.›» Teja ließ den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.

Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung.

«Ich ließ umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr.» Und taumelnd sank er in Witichis' Arme.

Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles: weit überragte er die ganze Menge. Er riß dem Träger, der die Lanze mit des Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug, den Schaft aus der Hand und hielt ihn vor sich in der Linken, in der Rechten hob er sein Steinbeil: «Verkauft, verraten sein Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm, nieder, nieder!» Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt war wie der erste Donnerschlag, der ein lange brütendes Gewitter entfesselt. Nur dem Wüten empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar, welches nun das in seinen Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. «Nieder, nieder, nieder mit ihm!» hallte es tausendfach wider unter betäubendem Klirren der Waffen.

Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und sprach feierlich: «Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden, sehende Sonne und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgetan seinen ehemaligen König Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an den Feind verraten.

Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das Gotenrecht und das Leben. Und solches tun wir nicht nach Unrecht, sondern nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Königen und wollten eh' der Könige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein König, daß er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk.

So sprech' ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflüchtig sollst du sein, achtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grünt. Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich höht und Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag, wann ihm der Wind steht unter seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen die Hölle. Dein Erb und Eigen teil' ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und Fleisch den Raben in den Lüften.

Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstraße, soll dich erschlagen, ungestraft, und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten Goten. Ich frage euch, soll's so geschehn?»

«So soll's geschehn!» antworteten die Tausenden und schlugen Schwert an Schild.

Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle einnahm, das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach: «Des Neidkönigs wären wir ledig! Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer, gilt es, einen neuen König wählen. Denn ohne König sind wir nie gewesen. Soweit unsere Sagen und Sprüche zurückdenken, haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glückes der guten Goten. Solang es Goten gibt, werden sie Könige haben: und solang sich ein König findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem gilt's, ein Haupt, einen Führer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl, Theoderich, geleuchtet: aber schmählich ist's erloschen in Theodahad. Auf, Volk der Goten, du bist frei! Frei wähle dir den rechten König, der dich zu Sieg und Ehre führt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur Königswahl!»

«Zur Königswahl!» sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der Tausenden.

Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte gen Himmel: «Du weißt es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt das heilige Recht der Not. Wir ehren das Recht des Königtums, den Glanz, der von der Krone strahlt. Geschändet aber ist dieser Glanz, und in der höchsten Not des Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu allen Völkern der Erde und laut verkünden: nicht aus Verachtung, aus Verehrung der Krone haben wir es getan.

Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer im Volk, von altem Geschlecht, von tapferm Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone würdig. Wie leicht kann es kommen, daß einer diesen, der andere jenen vorzieht?

Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da der Feind im Lande liegt! Drum laßt uns schwören vorher feierlich: wer das Stimmenmehr erhält, sei's nur um eine Stimme, den wollen wir all' als unsern König achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwöre es – schwört mit mir.»

«Wir schwören!» riefen die Goten.

Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in seinem Herzen: er bedachte, daß sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte, und kaum war der Schwur verhallt, als er vortrat und rief: «Wen sollen wir wählen, gotische Männer? Bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann jungkräftigen Armes wider den Feind. Aber das allein genügt nicht. Weshalb haben unsere Ahnen die Amaler erhöht? Weil sie das edelste, das älteste, Göttern entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!»

Von den Balten lebte nur ein männlicher Sproß, ein noch nicht wehrhafter Enkel des Herzogs Pitza – denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und Ibba, war seit langen Jahren geächtet und verschollen. – Arahad rechnete sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und schrie:

«Was Adel! Was Geschlecht! Sind wir Adelsknechte oder freie Männer? Beim Donner! Werden wir Ahnen zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir sagen, Knabe, was ein König braucht.

Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der König soll ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der Vorkämpfer im Schwertkampf. Der König soll haben einen immer ruhigen, immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der König soll haben eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Maß: er soll nie sich selbst verlieren und vergessen in Haß und Liebe, wie wir wohl dürfen, wir unten im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein dem Verhaßtesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede wohnt bei kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft, – der Mann, Arahad, ist königlich geartet, und hätt' ihn der letzte Bauer gezeugt.»

Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten, und beschämt trat Arahad zurück. Aber jener fuhr fort: «Gute Goten! Ich meine, wir haben einen solchen Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.

Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die Karanthanen, wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb' ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig erfahr' ich von der Menschen Händel, selbst von des eignen Volkes Taten, wenn nicht ein Salzroß halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis in jene öde Höhe der Waffenruhm eines vor allen unsern Helden, der nie das Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos eingesteckt. Seinen Namen hört' ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hört' ich bei jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das geschehn. Ich hatt' ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen. Heute hab' ich ihn gesehen und gehört. Ich habe sein Aug' gesehen, das klar und milde wie die Sonne. Ich hab' sein Wort gehört; ich hab' gehört, wie er dem Feind selbst, dem verhaßten, zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf. Ich hab' gehört, wie er allein, da uns alle der blinde Haß fortriß mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht' ich mir in meinem alten Herzen: ‹Der Mann ist königlich geartet, stark im Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold›. Goten: der Mann soll unser König sein. Nennt mir den Mann!»

«Graf Witichis, ja Witichis, Heil König Witichis!»

Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein erschütternder Schreck den bescheidenen Mann ergriffen, der gespannt der Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen ward, daß er der so Gepriesene sei.

Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen erschallen hörte, überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl: «Nein, das kann, das soll nicht sein.»

Er riß sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hände drückten, los, und sprang hervor, das Haupt schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm ausstreckend. «Nein!» rief er, «nein, Freunde! Nicht das mir! Ich bin ein schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht ein gutes Werkzeug, kein Werkmeister! Wählt einen andern, einen Würdigeren!»

Und wie bittend streckte er beide Hände gegen das Volk.

Aber der donnernde Ruf: «Heil König Witichis!» ward ihm statt aller Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, faßte seine Hand und sprach laut: «Laß ab, Witichis! Wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich den König anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr hätte? Siehe, du hast alle Stimmen und willst dich wehren?»

Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die Hand vor die Stirn. Da trat der Alte ganz nahe zu ihm und flüsterte in sein Ohr: «Wie? Muß ich dich stärker mahnen? Muß ich dich mahnen jenes mächtigen Eides und Bundes, da du gelobtest: ‹Alles zu meines Volkes Heil.› Ich weiß, – ich kenne deine klare Seele, –: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde: ich ahne, daß dir diese Krone große, bittre Schmerzen bringen wird. Vielleicht mehr als Freuden; deshalb fordre ich, daß du sie auf dich nimmst.»

Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den Hügel hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf: «Heil König Witichis.»

«Ich fordre es bei deinem Bluteid! – Willst du ihn halten oder brechen?» flüsterte Hildebrand. «Halten!» sprach Witichis und richtete sich entschlossen auf.

Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor und sprach: «Du hast gewählt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich will dein König sein!»

Da blitzten alle Schwerter in die Luft, und lauter scholl's: «Heil König Witichis!»

Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und sprach: «Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl! Denn unserm König ziemt jetzt diese Stätte. Nur einmal noch laß mich des Grafenamtes walten.

Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den die Amaler getragen, und ihr goldenes Zepter reichen, – nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als Zepter, zum Zeichen, daß du unser König wardst um deiner Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken, die alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So laß dich krönen mit dem frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst.»

Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es um Witichis' Haupt: «Auf, gotische Heerschar, nun walte deines Schildamts.»

Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertümlichen breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den König, der nun mit Kranz, Stab und Mantel geschmückt war, darauf und zeigten ihn auf ihren hohen Schultern allem Volk: «Sehet, Goten, den König, den ihr selbst gewählt: so schwört ihm Treue.»

Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht kniend, die Hände hoch gen Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.

Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: «Wie ihr mir Treue, so schwör' ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter König sein, des Rechtes walten und dem Unrecht wehren, gedenken will ich, daß ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte, und mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich's weihen, dem Volk der guten Goten. Das schwöre ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue.»

Und den Dingschild vom Baume hebend, rief er: «Das Ding ist aus. Ich löse die Versammlung.»

Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder, und bunt und ordnunglos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Römer, die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer Volksfreiheit mit angesehen, wie sie in Italien seit mehr als fünfhundert Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Männer mischen, denen sie Wein und Speisen verkauften.

Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Führern des Heeres nach einem der Zelte zu begeben, die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren.

Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es schien, ein wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja, des Tagila Sohn.

«Der bin ich: was willst du mir, Römer?» sprach dieser sich wendend. «Nichts, Herr, als diese Vase überreichen. Seht nach: das Siegel, der Skorpion, ist unversehrt.» – «Was soll mir die Vase? Ich kaufe nichts dergleichen.» – «Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und Rollen, die euch zugehören. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie euch zu geben. Ich bitt' euch, nehmt.»

Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge verschwunden. Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden heraus, gleichgültig sah er hinein. Aber plötzlich schoß ein brennend Rot über seine bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze, und er biß krampfhaft in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber drängte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: «Mein König – König Witichis – eine Gnade!»

«Was ist dir, Teja, um Gott? Was willst du?»

«Urlaub! Urlaub auf sechs – auf drei Tage! Ich muß fort.» – «Fort, wohin?» – «Zur Rache! Hier lies – der Teufel, der meine Eltern verklagte, in Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb – er ist es – den ich längst geahnt: hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen Hand – es ist Theodahad! –»

«Er ist's, es ist Theodahad», sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. «Geh denn! Aber zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom, er ist gewiß längst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.»

«Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers säße.»

«Du wirst ihn nicht finden.»

«Ich finde ihn, und müßt ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im Schoße des Himmelgottes suchen.»

«Er wird mit starker Bedeckung gelichtet sein», warnte der König.

«Aus tausend Teufeln hol' ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb' wohl, König der Goten. Ich vollstrecke die Acht.»

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