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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Achtes Kapitel

Wir haben Cethegus, den Präfekten, seit seiner Abreise nach Rom aus den Augen verloren.

Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse die eifrigste Tätigkeit entfaltet: denn er erkannte, daß die Dinge jetzt zur Entscheidung drängten; er konnte ihr getrost entgegensehen.

Ganz Italien war einig in dem Haß gegen die Barbaren: und wer anders vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das Haupt der Katakombenverschwörung und der Herr von Rom.

Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und ausgerüsteten Legionäre und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er in den letzen Monaten nachts wie tags hatte arbeiten lassen. Und nun war es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen ehrgeizigen Plänen gedroht, abzuwenden. Durch zuverlässige Kundschafter hatte er erfahren, daß die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei Sizilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die Seeräuberei zu unterdrücken beschäftigt schien.

Freilich sah Cethegus voraus, daß es zu einer Landung der Griechen in Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht entbehren.

Aber alles war ihm daran gelegen, daß dies Auftreten des Kaisers eben nur eine Nachhilfe bleibe, und deshalb mußte er, ehe ein Byzantiner den italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft veranlaßt und zu solchen Erfolgen geführt haben, daß die spätere Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelehnt werden konnte.

Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet.

Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz Italien an einem Tag überfallen, mit einem Schlag alle festen Plätze, Burgen und Städte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu fürchten, daß sie bei ihrer großen Unkunde in Belagerungen und bei der Anzahl und Stärke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft über die Halbinsel wiedergewinnen würden.

Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends über die Alpen zu drängen: und Cethegus wollte schon dafür sorgen, daß diese Befreier ebenfalls keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten, um sich ihrer später unschwer wieder entledigen zu können.

Dieser Plan setzte nun aber voraus, daß die Goten durch die Erhebung Italiens überrascht würden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar schon ausgesprochen war, dann natürlich ließen sich die Barbaren die in Kriegsstand gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich entreißen. Da nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung erwarten mußte, da es kaum noch gelungen war Belisar wieder abzuwenden von Italien, beschloß er, keinen Augenblick mehr zu verlieren.

Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigung Roms eine allgemeine Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das mühsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick des Losschlagens bestimmt und Cethegus als Führer dieser rein italischen Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der Bestochenen oder Furchtsamen, die nur für und mit Byzanz zu handeln geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu überwältigen, wenn er diese sofort in den Kampf zu führen versprach.

Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom, und ungeduldig sehnte der Präfekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige noch unfertige Turm des aurelischen Tores unter Dach: Cetheus führte die letzten Hammerschläge: ihm war dabei, er höre die Streiche des Schicksals von Rom und von Italien dröhnen.

Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen eingefunden, und der Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter den Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewünscht hatte; aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finsteren Mienen von den Tischen zurück.

Der Priester hatte seit langem eingesehen, daß Cethegus nicht bloß Werkzeug sein wollte, daß er eigene Pläne verfolgte, die der Kirche und seinem persönlichen Einfluß sehr gefährlich werden konnten. Und er war entschlossen, den kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Römers gegen den Überlegenen im geheimen zu schüren.

Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich, Hypatius von Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen öffentlich mit dem Papst, aber geheim mit König Theodahad, in Unterstützung des Petros, in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten.

«Du hast recht, Silverius», murrte Scävola im Hinausgehen aus dem Tor des Theaters, «der Präfekt ist Marius und Cäsar in einer Person.» – «Er verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu sehr trauen», warnte der geizige Albinus. – «Liebe Brüder», mahnte der Priester, «sehet zu, daß ihr nicht einen unter euch lieblos verdammt. Wer solches täte, wäre des höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht unser Freund die Fäuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen ‹Ritter›: es ist das gut so, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen...»

«Aber dadurch auch eine neue aufrichten», meinte Calpurnius.

«Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in Brutus' Tagen», sprach Scävola.

«Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer»: sagte Silverius, «je näher der Tyrann, desto drückender die Tyrannei: je ferner der Herrscher, desto erträglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.»

«Jawohl», stimmte Albinus bei, der große Summen von Byzanz erhalten hatte, «der Kaiser muß der Herr Italiens werden.» – «Das heißt», beschwichtigte Silverius den unwillig auffahrenden Scävola, «wir müssen den Präfekten durch den Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten niederhalten. Siehe, wir stehen an der Schwelle meines Hauses. Laßt uns eintreten. Ich habe geheim euch mitzuteilen, was heute abend in der Versammlung kundwerden soll. Es wird euch überraschen. Aber andre Leute noch mehr.»

Inzwischen wär auch der Präfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede überdachte er: wußte er doch längst, was er zu sagen hatte, und, ein glänzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen, überließ er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend, daß das eben frisch aus der Seele geschöpfte Wort am lebendigsten wirkt.

Aber er rang nach innerer Ruhe, denn seine Leidenschaft schlug hohe Wellen.

Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin getan, seit zuerst dieses Ziel mit dämonischer Gewalt ihn angezogen. Er erwog die kurze Strecke, die noch zurückzulegen war: er überzählte die Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen, und ermaß dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu überwinden. Und das Ergebnis dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit jugendlicher Aufregung ergriff.

Mit gewaltigen Schritten durchmaß er das Gemach.

Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender Schlacht: er umgürtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner Kriegsfahrten und drückte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu erkämpfen. Dann trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah ihr lange in das schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Händen die Hüften des Imperators und rüttelte an ihnen: «Leb' wohl», sagte er, «und gib mir dein Glück mit auf den Weg. Mehr brauch' ich nicht.»

Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium hinaus auf die Straße, wo ihn schon die ersten Sterne begrüßten.

Zahlreicher als je hatten sich die Verschworenen an diesem Abend in den Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf den Wunsch des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte vertreten: von den starken Grenzhüterinnen Tridentum, Tarvisium und Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia, welche die laue Welle des ausonischen Meeres bespült, hatten sie alle ihre Boten zugesendet, jene berühmten Städte Siziliens und Italiens mit den stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakusä und Catana, Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumä, Capua und Beneventum, Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum, Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fäsulä, Pisa, Luca, Luna und Genua, Ariminium, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.

Da waren ernste Senatoren und Dekurionen, ergraut in dem Rat ihrer Städte, deren Häupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute, breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spöttische Rhetoren: und namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jeden Ranges und jeden Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt gehorsam.

Wie Cethegus, noch hinter der Mündung des schmalen Ganges verborgen, die Massen in dem Halbrund der Grotte übersah, konnte er sich eines verächtlichen Lächelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief Außer der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem nicht stark genug war, schwere politische Pläne mit Opfern und Entsagungen zu tragen – welch verschiedene und oft welch kleine Motive hatten die Verschworenen hier zusammengeführt!

Cethegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau: hatte er sie doch durch Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten beherrschen gelernt. Und er mußte zuletzt noch froh darum sein: echte Römer hätte er nie, wie diese Verschworenen, so völlig unter seinen Einfluß gebracht.

Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgendeiner Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter Streich unter die Unzufriedenen geführt: und wenn er sich nun vorstellte, daß er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermännern entgegentreten sollte – da erschrak er fast über die Vermessenheit seines Planes.

Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius seinen Blick auf die Schar der jungen «Ritter» lenkte, denen wirklich kriegerischer Mut und nationale Begeisterung aus den Augen sprühte: so hatte er doch einige zuverlässige Waffen. –

«Gegrüßt, Lucius Licinius», sprach er, aus dem Dunkel des Ganges hervortretend. «Ei, du bist ja gerüstet und gewaffnet, als ging es von hier gegen die Barbaren.»

«Kaum bezwing' ich das Herz in der Brust vor Haß und vor Freude», sagte der schöne Jüngling. «Sieh, alle diese hier hab' ich für dich, für das Vaterland geworben.»

Cethegus blickte grüßend umher:

«Auch du hier, Kallistratos – du heitrer Sohn des Friedens?»

«Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der Gefahr», sagte der Hellene und legte die weiße Hand auf das zierliche Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die seit den Floralien ganz von dem Präfekten gewonnen, ihre Brüder, Vettern, Freunde mitgebracht hatten. Prüfend flog sein Blick über die Gruppe, er schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine Gedanken: «Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla?

Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er sprach: ‹Ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blüht unter gotischem Schutz: laßt mich aus eurem Spiel.› Und als ich weiter in ihn drang – denn ich gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen Tausende von Armen, über die er gebeut – sprach er kurz abweisend: ‹Ich fechte nicht gegen Totila.›»

«Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart bindet», meinte Piso.

Cethegus lächelte, aber er furchte die Stirn. «Ich denke, wir Römer genügen», sprach er laut, und das Herz der Jünglinge schlug.

«Eröffne die Versammlung», mahnte Scävola unwillig den Archidiakon, «du siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen. Unterbrich ihn: rede.»

«Sogleich. Bist du gewiß, daß Albinius kommt?»

«Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Tor.»

«Wohlan», sagte der Priester. «Gott mit uns!» Und er trat in die Mitte der Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: «Im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nächst Gott dem Herrn aber gebührt der höchste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner frommen Gemahlin, die mit tätigem Mitleid die Seufzer der leidenden Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Führer, dem Präfekten, der unablässig für unseres Herrn, des Kaisers Sache wirkt...» –

«Halt, Priester!» rief Lucius Licinius dazwischen, «ihr nennt den Kaiser von Byzanz hier unsern Herrn? Wir wollen nicht den Griechen dienen statt den Goten! Frei wollen wir sein!» – «Frei wollen wir sein», wiederholte der Chor seiner Freunde.

«Frei wollen wir werden!» fuhr Silverius fort. «Gewiß. Aber das können wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, geliebte Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt, Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen köstlichen Ring – sein Bild in Karneol – gesendet, zum Zeichen, daß er billige, was der Präfekt für ihn, den Kaiser, tue, und der Präfekt hat den Ring angenommen: sehet hier, er trägt ihn am Finger.»

Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cethegus. Dieser trat schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.

«Sprich, Feldherr!» rief Lucius, «widerlege sie! Es ist nicht, wie sie sagen mit dem Ring.»

Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: «Es ist, wie sie sagen: der Ring ist vom Kaiser, und ich hab' ihn angenommen.»

Lucius Licinius trat einen Schritt zurück.

«Zum Zeichen?» fragte Silverius.

«Zum Zeichen», sprach Cethegus mit drohender Stimme, «daß ich der herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den mich einige halten, zum Zeichen, daß ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf Byzanz und wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten – darum nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zögert: deshalb hab' ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser zurückzustellen. Du, Silverius, hast dich als Vertreter von Byzanz erwiesen: hier, gib deinem Herrn sein Pfand zurück: er säumt zu lang; sag' ihm, Italien hilft sich selbst.»

«Italien hilft sich selbst!» jubelten die jungen Ritter.

«Bedenket, was ihr tut!» warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. «Den heißen Mut der Jünglinge begreif' ich – aber daß meines Freundes, des gereiften Mannes Hand nach dem Unerreichbaren greift – befremdet mich. Bedenket die Zahl und die wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Männer Italiens seit langem des Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des Landes in der Hand...» –

«Schweig, Priester», donnerte Cethegus, «das verstehst du nicht! Wo es die Psalmen zu erklären gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da rede du: denn solches ist dein Amt; wo's aber Krieg und Kampf der Männer gilt, laß jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen Himmel – laß uns nur die Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl. Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich doch vielleicht Italiens noch erbarmt? Ihr könnt müde Greise werden bis dahin – oder wollt ihr, nach alter Römer Art, die Freiheit mit dem eigenen Schwert erkämpfen? Ihr wollt's, ich seh's am Feuer eurer Augen. Wie? Man sagt uns, wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel jener Römer, die den Weltkreis bezwungen? Wenn ich euch aufrufe, Mann für Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus, Cornelius, Valerius, Licinius – wollt ihr mit mir das Vaterland befreien?»

«Wir wollen es! Führe uns, Cethegus!» riefen die Jünglinge begeistert.

Nach einer Pause begann der Jurist: «Ich heiße Scävola. Wo römische Heldennamen aufgerufen werden, hätte man auch des Geschlechts gedenken mögen in dem das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du jugendheißer Held Cethegus, hast du mehr als Träume und Wünsche, wie die jungen Toren, hast du einen Plan?» –

«Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste fast aller Festungen Italiens: an den nächsten Iden, in dreißig Tagen also, fallen sie alle, auf einen Schlag, in meine Hand.»

«Wie? Dreißig Tage sollen wir noch warten?» fragte Lucius.

«Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte wieder erreicht, bis meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt über vierzig Jahre warten müssen!»

Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er selbst geschürt, wollte nicht mehr ruhen: sie machten verdroßne Mienen zu dem Aufschub – sie murrten.

Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. «Nein, Cethegus,» rief er, «so lang kann nicht mehr gezögert werden! Unerträglich ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet, als er muß. Ich weiß euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den nächsten Tagen können die Waffen Belisars in Italien blitzen.»

«Oder sollen wir vielleicht», fragte Scävola, «Belisar nicht folgen, weil er nicht Cethegus ist?»

«Ihr sprecht von Wünschen», lächelte dieser, «nicht von Wirklichem. Landete Belisar, ich wäre der erste, mich ihm anzuschließen. Aber er wird nicht landen. Das ist's ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser hält nicht Wort.»

Cethegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.

«Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort erfüllen, als du meinst. Belisar liegt bei Sizilien.»

«Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht mehr auf Belisar.»

Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange, und eilfertig stürzte Albinus herein:

«Triumph», rief er, «Freiheit, Freiheit!»

«Was bringst du?» fragte freudig der Priester.

«Den Krieg, die Rettung. Byzanz hat den Goten den Krieg erklärt.»

«Freiheit, Krieg!» jauchzten die Jünglinge.

«Es ist unmöglich!» sprach Cethegus, tonlos.

«Es ist gewiß!» rief eine andre Stimme vom Gange her – es war Calpurnius, der jenem auf dem Fuß gefolgt – «und mehr als das: der Krieg ist begonnen. Belisar ist gelandet auf Sizilien, bei Catana: Syrakusä, Messana sind ihm zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist übergesetzt nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.»

«Freiheit!» rief Marcus Licinius.

«Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flüchten die überraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien gen Neapolis.»

«Es ist erlogen, alles erlogen!» sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu den andern.

«Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten Sache. Aber der Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreißigtausend Mann.» – «Ein Verräter, wer noch zweifelt», sprach Scävola. – «Nun laß sehen», höhnte Silverius, «ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der erste von uns sein, dich Belisar anzuschließen?»

Vor Cethegus' Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, seine Welt. So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, für einen verhaßten Feind alles getan, was er getan.

Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getäuscht, machtlos, überwunden! Wohl jeder andre hätte jetzt alles weitre Streben ermüdet aufgegeben. In des Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der Schlag sein Ohr, und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Muße, ihr einen Seufzer nachzusenden, denn aller Augen hingen an ihm. Er beschloß, eine zweite zu schaffen.

«Nun! Was wirst du tun?» wiederholte Silverius.

Cethegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er mit ruhiger Stimme: «Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt, ich gehe in sein Lager.» Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges, gefaßten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorüber.

Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern, aber er verstummte, da ihn der Blick des Präfekten traf: «Frohlocke nicht, Priester», schien er zu sagen, «diese Stunde wird dir vergolten.»

Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn.

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