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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Drittes Kapitel

Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und zechten, ahnten sie nicht, daß über ihren Häuptern in dem Gemach des Königs eine Verhandlung gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches Schicksale entscheiden sollte.

Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt, und lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich schienen sie handelseinig geworden, und Petros wollte anheben, nochmal vorzulegen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der König unterbrach ihn. «Halt!», flüsterte der kleine Mann, der in seinem weiten Purpurmantel verlorenzugehen drohte, «halt – noch eins!»

Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach und hob den Vorhang, ob niemand lausche.

Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner leise am Gewand.

Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben, vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes, der die kleinen Augen zusammenkniff: «Noch dies. Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten sollen – auf daß sie eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig, einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich zu machen.» – «Daran hab' ich bereits gedacht», nickte Petros. «Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nüchterne Witichis.» –

«Du kennst deine Leute gut», grinste Theodahad, «du hast dich tüchtig umgesehen. Aber», raunte er ihm ins Ohr, «einer, den du nicht genannt hast, einer vor allen muß fort.»

«Der ist?»

«Graf Teja. des Tagila Sohn.»

«Ist der melancholische Träumer so gefährlich?»

«Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher Feind! Schon von seinem Vater her.»

«Wie kam das?»

«Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mußte seine Äcker haben – umsonst drang ich in ihn. Ha», lächelte er pfiffig, «zuletzt wurden sie doch mein. Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut dabei und ließ mir's – billig – ab. Ich hatte einiges Verdienst um die Kirche in dem Prozeß – dein Freund, der Bischof von Florentia, kann dir's genau erzählen.»

«Ich verstehe», sagte Petros, «was gab der Barbar seine Äcker nicht in Güte! Weiß Teja –?»

«Nichts weiß er. Aber er haßt mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut – kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist der Mann, seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen.»

«So?» sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. «Nun, genug von ihm: er soll nicht schaden. Laß dir jetzt noch mal den ganzen Vertrag Punkt für Punkt vorlesen; dann unterzeichne.

Erstens. König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und die zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nämlich Dalmatien, Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den gotischen Besitz in Gallien, zugunsten des Kaisers Justinian und seiner Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom, Neapolis und alle festen Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu öffnen.»

Theodahad nickte.

«Zweitens. König Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, daß das ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen geführt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der König wird dafür sorgen, daß jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben muß.

Drittens. Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König Theodahad und seiner Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit, und viertens» –

«Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen», unterbrach Theodahad, nach der Urkunde langend. «Viertens beläßt der Kaiser dem König der Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Königsschatz der Goten, der allein an geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt ist. Er übergibt ihm ferner zu erb und eigen ganz Tuscien von Pistoria bis Cäre, von Popilonia bis Clusium, und endlich überweist er an Theodahad auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen Einkünfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmäßigen Herrn zurückerworbenen Reiches. Sage, Petros, meinst du nicht, ich könnte drei Viertel fordern?»

«Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, daß sie dir Justinian gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die äußersten, meiner Vollmacht überschritten.»

«Fordern wollen wir's doch immerhin», meinte der König die Zahl ändernd. «Dann muß Justinian herunter markten oder dafür andere Vorteile gewähren.»

Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln:

«Du bist ein kluger Handelsmann, o König. – Aber hier verrechnest du dich doch», sagte er zu sich selbst.

Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran, und eintrat ins Gemach in langem, schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen besäten Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung, eine Königin trotz der verlorenen Krone: überwältigende Hoheit der Trauer sprach aus den bleichen Zügen.

«König der Goten», hob sie an, «vergib, wenn an deinem Freudenfeste ein dunkler Schatten noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum letztenmal.»

Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen.

«Königin» – stammelte Theodahad.

«Königin! O wär' ich's nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge meines edeln Sohnes, wo ich Buße getan für all meine Verblendung, und all meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.»

Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden Blick.

«Es ist ein übler Gast», fuhr sie fort, «den ich in mitternächtlicher Stunde als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil für einen Fürsten als in seinem Volk: zu spät hab' ich's erkannt, zu spät für mich, nicht zu spät, hoff' ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild, der den erdrückt, den er beschirmen soll.»

«Du bist ungerecht», sagte Petros, «und undankbar.»

«Tu nicht, mein königlicher Vetter», fuhr sie fort, «was dieser von dir fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sizilien sollen wir abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege – ich wies die Schmach von mir. Ich sehe», sprach sie, auf das Pergament deutend, «du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurück, sie werden dich immer täuschen.»

Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen mißtrauischen Blick auf Petros.

Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: «Was willst du hier, du Königin von gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und deine Macht ist um.» – «Verlaß uns», sagte Theodahad, ermutigt. «Ich werde tun, was mir gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen, mich von meinen Freunden in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein.» Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.

«Nun», lächelte Petros, «kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu unterzeichnen.»

«Nein», sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden Männer, «Ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe geradewegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens bei Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Anträge, die Pläne von Byzanz und dieses schwachen Fürsten Verrat.»

«Das wird nicht abgehen», sagte Petros ruhig, «ohne dich selbst zu verklagen.»

«Ich will mich selbst verklagen. Enthüllen will ich all meine Torheit, all meine blutige Schuld, und gern den Tod erleiden, den ich verdient. Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom Ätna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstellen, und retten werd' ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die mein Leben sie gestürzt.» Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach.

Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte. «Rate, hilf –», stammelte er endlich.

«Raten? Da hilft nur ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben, läßt man sie gewähren. Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür mußt du sorgen.»

«Ich?» rief Theodahad erschreckt; «ich kann dergleichen nicht! Wo ist Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.»

«Und der Präfekt», sagte Petros – «sende nach ihnen.»

Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle heraufbeschieden. Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin, ohne jedoch dem Präfekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.

Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin:

«Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muß ihre Schritte bewachen, sie darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen – sie darf den Palast nicht verlassen. Das vor allem!» Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor Amalaswinthens Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. «Sie betet laut in ihrer Kammer», sprach sie verächtlich. «Auf, Cethegus, laß uns ihre Gebete vereiteln.»

Cethegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt, die Arme über die Brust gekreuzt, diese Vorgänge schweigend und sinnend mit angehört. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: – das durfte nicht weiter angehn.

«Sprich, Cethegus,» mahnte Gothelindis nochmals, «was tut jetzt vor allem not?»

«Klarheit», sagte dieser sich aufrichtend. «In jedem Bunde muß der Zweck, der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein: sonst werden sie stets sich durch Mißtrauen hemmen. Ihr habt eure Zwecke – ich habe den meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon gesagt: du Petros, willst, daß Kaiser Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen reiche Entschädigung an Rache, Geld und Ehren. Ich habe – ich habe auch meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du würdest doch nicht lange mehr glauben, daß ich nur den Ehrgeiz habe, dein Werkzeug zu sein und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich habe meinen Zweck, all eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muß ihn euch selbst verraten.

Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er, wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.

Aber er will nicht, wie ihr, daß Kaiser Justinianus unbedingt an ihre Stelle trete, er will nicht die Traufe statt des Regens.

Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner – du weißt, mein Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Athen, und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn, nicht zu melden, ich hab' es ihm lange selbst geschrieben – die Barbaren hinauswerfen, ohne euch hereinzulassen.

Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe nicht entbehren. Doch will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken. Kein byzantinisch Heer darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung für Justinian. Die Segnungen der Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure Tyrannei.»

Über Petros' Züge zog ein feines Lächeln, das Cethegus nicht zu bemerken schien; er fuhr fort: «So vernehmt meine Bedingung. Ich weiß, Belisarius liegt mit Flotte und Heer nah bei Sizilien. Er darf nicht landen. Er muß heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht eher, als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und ihre Soldatenherrschaft, und ich weiß, welch milde Herren diese Goten sind. Und mich erbarmt Amalaswintha: sie war eine Mutter meines Volkes. Deshalb wählet, wählet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann laß sehen, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreißt. Wählt ihr Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren, und Italien unterwirft sich dem Kaiser als eine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Wähle, Petros.»

«Stolzer Mann», sprach Gothelindis, «du wagst uns Bedingungen zu setzen, uns, deiner Königin?» Und drohend erhob sie die Hand.

Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig herab. «Laß die Possen, Eintagskönigin. Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz. Vergißt du deine Ohnmacht, so muß man dich dran mahnen. Du thronst, solange wir dich halten.» Und mit so ruhiger Majestät stand er vor dem zornmütigen Weib, daß sie verstummte. Aber ihr Blick sprühte unauslöschlichen Haß.

«Cethegus», sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, «du hast recht. Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit uns und unbedingt?»

«Unbedingt.»

«Und Amalaswinthen?»

«Geb' ich preis.»

«Wohlan», sagte der Byzantiner, «es gilt.»

Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an Belisar und reichte sie dem Präfekten: «Du magst die Botschaft selbst bestellen.»

Cethegus las sorgfältig: «Es ist gut», sagte er, die Tafel in die Brust steckend, «es gilt.»

«Wann bricht Italien los auf die Barbaren?» fragte Petros.

«In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb' wohl.»

«Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib – die Tochter Theoderichs verderben?» fragte die Königin mit bittrem Vorwurf. «Erbarmst dich ihrer abermals?»

«Sie ist gerichtet», sagte Cethegus, an der Tür sich kurz umwendend. «Der Richter geht – der Henker Amt hebt an.» Und stolz schritt er hinaus.

Da faßte Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln sehn, mit Entsetzen dessen Hand: «Petros», rief er, «um Gott und aller Heiligen willen, was hast du getan? Unser Vertrag und alles ruht auf Belisar, und du schickst ihn nach Hause?»

«Und läßt diesen Übermütigen triumphieren?» knirschte Gothelindis.

Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz. «Seid ruhig», sagte er, «diesmal ist er überwunden, der Allüberwinder Cethegus, besiegt von dem verhöhnten Petros.» Er ergriff Theodahad und Gothelindis an den Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um, und flüsterte dann: «Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt, der bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig. Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hof von Byzanz.»

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