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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, den Präfekten, und unsern neuen Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.

Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem Erinnern an frühere Zeiten – sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren – zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt ungestört von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu besprechen.

«Sobald ich mich überzeugt hatte», schloß Cethegus seinen Bericht über die letzten Ereignisse, «daß die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst Gerüchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner törichten Begeisterung für mich hätte bald alles verdorben. Unablässig forderte er meine Diktatur, buchstäblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man müsse mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse – der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand weiß recht, warum – nahm ihn für mehr berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei zurückgekehrt, und so beruhigten sich allmählich Volk und Senat.»

«Du aber», sagte Petros, «hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der Barbaren gerettet – ein unvergeßliches Verdienst, das dir die ganze Welt, zunächst aber die Regentin, danken muß.» – «Die Regentin – arme Frau!» meinte Cethegus achselzuckend, «wer weiß, wie lange die Goten oder deine Gebieter zu Byzanz sie noch werden auf dem Throne lassen.» – «Wie? Da irrst du sehr!» fiel Petros eifrig ein. «Meine Sendung hat vor allem den Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie man das am besten könne», setzte er pfiffig hinzu.

Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den Gesandten lächelnd an: «O Petros, o Petre», sagte er, «warum so verdeckt? Ich dächte doch, wir kennten uns besser.»

«Was meinst du?» fragte der Byzantiner befangen.

«Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, daß wir damals schon unzählige Male als Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.» – «Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen, und Justinian» – «Erglüht natürlich für die Herrschaft der Barbaren in Italien.» – «Freilich», sagte der Rhetor verlegen, «es könnten Fälle eintreten –»

«Petre», rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, «keine Phrasen und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein. Du meinst, es muß immer gelogen sein, und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man muß aber nur dann lügen, wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie kannst du mich darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, hängt davon ab, ob er glaubt, ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh, trotz all deiner Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag' ich dir ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vorhat.»

Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: «Noch immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen», sagte er giftig. – «Jawohl, und du weißt, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite, und erst der Dritte warst du.»

Da trat Syphax ein:

«Eine verhüllte Frau, o Herr», meldete er, «sie wartet dein im Zeussaal.»

Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: «Nun, ich wünsche Glück zu solcher Störung.»

«Ja, dir!» lächelte Cethegus und ging hinaus.

«Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen», dachte der Byzantiner.

Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.

«Fürstin Gothelindis», fragte der Präfekt überrascht, «was führt dich zu mir.

«Die Rache!» erwiderte eine heisere, unschöne Stimme, und die Gotin trat dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht häßliche Züge: und man hätte sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die Wangen schoß, wie sie bei jenem Wort die Faust ballte. So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge, daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.

«Rache?» fragte er, «an wem?»

«An – davon später. Vergib», sagte sie, sich fassend, «daß ich euch störe. Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?»

«Ja. Woher weißt du –»

«Oh, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten», sagte sie gleichgültig.

«Das ist nicht wahr», sprach Cethegus im Geiste, «ich hab' ihn ja zur Gartentür hereinführen lassen. Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?»

«Ich will dich nicht lange hier festhalten», fuhr Gothelindis fort. «Ich habe nur eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib – die Tochter Theoderichs – stürzen, und ich will's: bist du darin für mich oder gegen mich?»

«Oh, Freund Petros», dachte der Präfekt, «jetzt weiß ich bereits, was du mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon seid.»

«Gothelindis», hob er ausholend an, «du willst die Regentin stürzen – das glaub' ich dir – aber daß du's kannst, bezweifle ich.»

«Höre, dann entscheide, ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge ermorden lassen.»

Cethegus zuckte die Achseln: «Das glauben manche Leute.»

«Aber ich kann es beweisen.»

«Das wäre», meinte Cethegus ungläubig. – «Herzog Thulun, wie du weißt, starb nicht sofort. Er ward auf der ämilischen Straße überfallen, nahe bei meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter – ich bin aus dem Hause der Balten – er verschied in meinen Armen.»

«Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?»

«Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.»

Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. «Nun, wer war er? Was hat er ausgesagt?»

«Er war», sprach Gothelindis scharf, «ein isaurischer Söldner, ein Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom, und sagte aus: Cethegus, der Präfekt, hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.»

«Wer hörte dies Geständnis außer dir?» fragte Cethegus lauernd.

«Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du zu mir stehest. Wenn aber nicht, dann –»

«Gothelindis», unterbrach der Präfekt, «keine Drohung: sie nützt dir nichts. Du solltest einsehen, daß du mich dadurch nur erbittern, nicht zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein – du warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß niemand sonst das Geständnis gehört – wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du mir's als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?»

«Genau, seit lange.»

«Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.»

Er ging in das Studierzimmer zurück. «Petros, mein Besuch ist die Fürstin Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wünscht uns beide zu sprechen. Kennst du sie?»

«Ich? O nein; ich habe sie nie gesehen!» sagte der Rhetor rasch.

«Gut; folge mir.» Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis ihm entgegen:

«Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.»

Petros verstummte.

Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete sich an der Bestürzung des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: «Du siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm, laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt euch also verbunden, die Regentin zu stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen. Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg für Justinian nicht frei.»

Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein klares Durchschauen der Lage. Endlich sprach Gothelindis: «Theodahad, meinen Gemahl, den letzten Amelungen.»

«Theodahad, den letzten, der Amelungen», wiederholte Cethegus langsam. Indessen überlegte er alle Gründe für und wider. Er bedachte, daß Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des Kaisers anders, früher als er wollte, herbeiführen würde.

Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange fernhalten müsse, und er beschloß bei sich, die gegenwärtige Lage und Amalaswintha aufrechtzuerhalten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen ließen. All das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. «Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?» fragte er ruhig.

«Wir werden das Weib auffordern, zugunsten meines Gatten abzudanken, unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.»

«Und wenn sie's darauf wagt?»

«So vollführen wir die Drohung», sagte Petros, «und erregen unter den Goten einen Sturm, der ihr –»

«Das Leben kostet», rief Gothelindis.

«Vielleicht die Krone kostet», sagte Cethegus. «Aber gewiß sie nicht Theodahad zuwendet. Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er nicht Theodahad.»

«Nur zu wahr!» knirschte Gothelindis.

«Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen viel unerfreulicher wäre als Amalaswintha.

Und deshalb sag' ich euch offen: ich bin nicht für euch, ich halte die Regentin.»

«Wohlan», rief Gothelindis grimmig, sich zur Tür wendend, «also Kampf zwischen uns, komm, Petros.»

«Gemach, ihr Freunde», sprach der Byzantiner.

«Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.»

Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha an Justinian überbracht.

Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich.

«Nun», meinte Petros höhnisch, «willst du noch die Königin stützen, die dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchführte und deine Freunde nicht für dich wachten.»

Cethegus hörte ihn kaum an. «Armseliger», dachte er, «als ob es das wäre! Als ob die Regentin daran nicht ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen könnte! Aber die Unvorsichtige hat bereits getan, was ich von Theodahad erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all meine Pläne bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen, und sie werden jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin, wird Justinian ihren Beschützer spielen.» Und nun wandte er sich scheinbar in großer Bestürzung an den Gesandten, den Brief zurückgebend: «Und wenn sie ihren Entschluß durchführte, wenn sie auf dem Thron bliebe – bis wann können eure Heere landen?»

«Belisar ist schon auf dem Wege nach Sizilien», sagte Petros, stolz darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben, «In einer Woche kann er vor Rom liegen.»

«Unerhört», rief Cethegus in unverstellter Bewegung.

«Du siehst», sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief gereicht, «die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.»

«Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, fordre ich dich auf, mir beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seine Freiheit wiederzugeben. Man weiß am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen, und nach dem Siege verheißt dir Justinian – die Würde eines Senators zu Byzanz.»

«Ist's möglich!» rief Cethegus. «Aber nicht einmal diese höchste Ehre treibt mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die Undankbare, die zum Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht. – Du bist doch gewiß», fragte er ängstlich, «daß Belisar noch nicht sobald landen wird?»

«Beruhige dich», lächelte Petros, «diese meine Hand ist's, die ihn herbeiwinkt, wenn es Zeit. Erst muß Amalaswintha durch Theodahad ersetzt sein.»

«Gut», dachte Cethegus, «Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens empfangen kann.» – «Ich bin der Eure», sprach er, «und ich denke, ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Zepter entsagen.»

«Nie tut sie das!» rief Gothelindis.

«Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr Herrscherstolz. Man kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben», sagte Cethegus nachsinnend. «Ich bin meiner Sache gewiß, und ich grüße dich, Königin der Goten!» schloß er mit leichter Verbeugung.

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