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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Sechzehntes Kapitel

Sowie sie draußen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und drückte einen Kuß auf ihre weiße niedre Stirn. «Vergib ihm», sagte er, «er meint es gut.»

«Ich weiß es», sagte sie, seinen Kuß erwidernd. «Darum, und weil er unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch.» – «Du hast recht, wie immer.» Und er schlang den Arm um sie. «Was hat er Besondres vor?» dachte Theodora. «Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.»

«Du hast recht», wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder schreitend. «Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten entscheidet, aber mir dafür diese beiden Männer des Sieges gegeben – und zum Glück ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein wäre eine stete Reichsgefahr, an dem Tage, da sie Freunde würden, wankte mein Thron. Du schürst doch ihren Haß?»

«Er ist leicht zu schüren: zwischen ihnen ist eine natürliche Feindschaft wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzähl' ich mit großer Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar Weib und Gebieterin.» – «Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich treulich dem reizbaren Krüppel. Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach Italien.»

«Wen willst du senden?» – «Natürlich Belisar. Er verheißt, mit dreißigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend übernehmen will.»

«Glaubst du, daß jene kleine Macht genügen wird?»

«Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird all seine Kraft aufbieten, und es wird ihm doch nicht ganz gelingen.» – «Und das wird ihm sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu ertragen.» – «Aber er wird drei Viertel der Arbeit tun. Dann rufe ich ihn ab, breche selbst mit sechzigtausend auf, nehme Narses mit, vollende im Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.»

«Fein gedacht», sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner Schlauheit: «dein Plan ist reif.»

«Freilich», sagte Justinian seufzend stehenbleibend. «Narses hat recht, im geheimen Grund des Herzens muß ich's zugestehen. Es wäre dem Reiche heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kommt einst das Verderben.»

«Laß es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wenn von Justinian nur noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu haben. Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mögen für ihre Gegenwart sorgen: sorge du für die deine.» – «Wenn man aber dann sprechen wird: hätte Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stünd' es besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?» – «So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und noch eins» – und hier verdrängte der Ernst der tiefsten Überzeugung den Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zügen.

«Ich ahn' es, doch vollende.»

«Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.

Höher als das Reich muß dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft mußte mancher blut'ge Schritt geschehn: manches Harte mußte getan werden: Leben und Schätze so manchen gefährlichen Feindes mußten – genug.

Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der heiligen, der christlichen Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich machen wird auf Erden. Aber für den Himmel – wer weiß, ob es genügt!

Laß uns» – und ihr Auge erglühte von unheimlichem Feuer – «laß uns die Ungläubigen vertilgen und über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur Gnade suchen.» Justinian drückte ihre Hand. «Auch die Perser sind Feinde Christi, sind sogar Heiden.» – «Hast du vergessen, was der Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward der rechte Glaube gebracht, und sie haben ihn verschmäht. Das ist die Sünde wider den heiligen Geist, die nie vergeben wird – auf Erden und im Himmel. Du aber bist das Schwert, das diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: sie sind Christi verhaßteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, daß er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft dich Italien, Rom, die Stätte, wo der Apostelfürsten Blut geflossen, die heil'ge Stadt: nicht länger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gib sie dem wahren Glauben wieder.»

Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz empor. «Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja, was, noch mächtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen treibt. Aber bin ich fähig, bin ich würdig, so Großes, so Heiliges zu Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sünd'ge Hand so Großes vollführen? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser Nacht geworden, war er von Gott gesendet? Und was soll er bedeuten? Treibt er zum Angriff, oder mahnt er ab? Nun hatte deine Mutter Komito, die Wahrsagerin von Kypros, große Weisheit, Ahnungen und Träume zu deuten.» –

«Und du weißt, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang des Vandalenkrieges aus deinem Traume gedeutet?»

«Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weißt, ich werde irre an dem besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Höre denn. Aber» – und er warf einen ängstlichen Blick auf sein Weib –, «aber bedenke, daß es ein Traum war und kein Mensch für seine Träume kann.»

«Natürlich, sie sendet Gott.» – «Was werd' ich vernehmen?» sagte sie zu sich selbst.

«Ich war gestern nacht eingeschlafen, erwägend den letzten Bericht über Amala – über Italien. Da träumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit sieben Hügeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das ich je gesehen. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen. Plötzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein brüllender Bär, aus dem Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor. Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drückte sie an meine Brust und floh mit ihr: rückblickend sah ich, wie der Bär die Schlange zerriß und die Schlange den Bären zu Tode biß.»

«Nun, und das Weib?»

«Das Weib drückte einen flüchtigen Kuß auf meine Stirn und war plötzlich wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr ausstreckend. Das Weib», fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen sollte, «ist natürlich Italien.»

«Jawohl», sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. «Der Traum ist der glücklichste. Bär und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die Siebenhügelstadt ringen. Du entreißest sie beiden und läßt sie sich gegenseitig vernichten.

«Aber sie entschwindet mir wieder – sie bleibt mir nicht.»

«Doch. Sie küßt dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien aufgehn in deinem Reich.»

«Du hast recht», rief Justinian aufspringend. «Sei bedankt, mein kluges Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: Belisar soll ziehn.»

Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er plötzlich an. «Aber noch eins.» Und die Augen niederschlagend, faßte er ihre Hand.

«Ah», dachte Theodora, «jetzt kommt's.»

«Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die Hofburg von Ravenna mit Hilfe der Königin selbst eingezogen sind – was – was soll dann mir ihr, der Fürstin, werden?»

«Nun», sagte Theodora völlig unbefangen, «was mit ihr werden soll? Was mit dem entthronten Vandalenkönig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.»

Justinian atmete hoch auf. «Mich freut es, daß du das Richtige fandest.»

Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, weiße, wunderzierliche Hand.

«Mehr als das», fuhr Theodora fort. «Sie wird um so leichter auf unsre Pläne eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem Herzen finden.»

«Du weißt gar nicht», fiel Justinian eifrig ein, «wie sehr du dadurch unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muß völlig von ihrem Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna führen.»

«Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das würde sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig. Sie muß völlig in unsern Händen, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das Schwert Belisars aus der Scheide fährt.»

«Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.»

«Wohl, etwa auf Sizilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand, eine Flotte in jene Gewässer zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß Belisars Arm es zuziehn.»

«Aber wer soll es legen?»

Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:

«Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Cäsarius, der Präfekt von Rom, mein Jugendfreund.»

«Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, nicht mein Untertan, mir nicht völlig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?»

«Nein», rief Theodora rasch, «er ist zu jung für ein solches Geschäft, nein.» Und sie schwieg nachdenklich. «Justinian», sprach sie endlich, «auf daß du siehst, wie ich persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich gilt und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir selber meinen Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Präfekten Studiengenossen, den schlauen Rhetor – ihn sende.»

«Theodora» – rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, «du bist mir wirklich von Gott geschenkt. Cethegus – Petros – Belisar: Barbaren, ihr seid verloren!»

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