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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Vierzehntes Kapitel

Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln, das ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt, und richtete sich auf.

Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend kleiner als Justinian, weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig gewesen wäre, herabsenkte. Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke, und er hinkte etwas auf dem linken Fuß, weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem Gabelgriff stützte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fernhielt, dem fast häßlichen Gesicht die Weihe geistiger Größe verlieh: und der Zug schmerzlicher Entsagung und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte sogar einen fesselnden Reiz. «Imperator», sagte er mit scharfer bestimmter Stimme, «ich widerrate diesen Krieg – für jetzt.»

Unwillig zuckte des Kaisers Auge: «Auch aus Gründen der Gerechtigkeit?» fragte er, fast höhnisch. – «Ich sagte für jetzt.» – «Und warum?» – «Weil das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat, soll nicht in fremde Häuser einbrechen.» – «Was soll das heißen?» – «Das soll heißen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, kommt vom Osten.»

«Die Perser!» rief Justinian verächtlich.

«Seit wann», sprach Belisar dazwischen, «seit wann fürchtet Narses, mein großer Nebenbuhler, die Perser?»

«Narses fürchtet niemand», sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn, «weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht, steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.»

«Nun, und was soll das bedeuten?»

«Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich, o Kaiser, für den Römernamen, den wir noch immer führen, Jahr für Jahr von Chosroes, dem Perserkhan, den Frieden um viele Zentner Goldes zu erkaufen.»

Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: «Wie kannst du Geschenke, Hilfsgelder also deuten!»

«Geschenke! Und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur über den Zahltag, verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Dörfer. Hilfsgelder! Und er besoldet damit Hunnen und Sarazenen, deiner Grenze gefährlichste Feinde.»

Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. «Was also rätst du?» fragte er, hart vor Narses stehenbleibend. «Nicht die Goten anzugreifen ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kräfte deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen, die schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die verbrannten Städte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten – trotz Belisars tapfrem Schwert – verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Gürtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies Notwendige alles vollbracht – und ich fürchte sehr, du kannst es nicht vollbringen! –, dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.»

Justinianus schüttelte leicht das Haupt. «Du bist mir nicht erfreulich, Narses», sagte er bitter.

«Das weiß ich längst», sprach dieser ruhig.

«Und nicht unentbehrlich!» rief Belisar stolz. «Kehre dich nicht, mein großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gib mir die dreißigtausend, und ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.»

«Und ich wette meinen Kopf», sagte Narses, «was mehr ist, daß Belisar Italien nicht erobern wird, nicht mit dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht mit hunderttausend Mann.»

«Nun», fragte Justinian, «und wer soll's dann können und mit welcher Macht?»

«Ich», sagte Narses, «mit achtzigtausend.»

Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Antwort fand.

«Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen Gegner gestellt», sprach der Jurist.

«Und tu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der: Belisarius ist ein großer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein großer Feldherr – und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur ein großer Feldherr überwinden.»

Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und preßte die Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war, als wolle er dem Krüppel neben ihm den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: «Belisar kein großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.»

«Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal», seufzte er leise, «um seine Gesundheit. Er wäre ein großer Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held wäre. Er hat noch jede Schlacht, die er verlor, aus zu viel Heldentum verloren.»

«Das kann man von dir nicht sagen, Narses», warf Belisar bitter ein.

«Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.»

Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius, der, den Vorhang aufhebend, meldete:

«Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde gelandet und fragt –»

«Herein mit ihm, herein!» rief der Kaiser, hastig von seiner Kline aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis sich zu erheben: «Nun, Alexandros, du kommst allein zurück?»

Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte: «Allein.»

«Es verlautete doch – dein letzter Bericht – wie verließest du das Gotenreich?»

«In großer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die Königin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmütigsten Feinde zu entledigen. Sollte der Anschlag mißlingen, so war sie in Italien nicht mehr sicher und bat sich in diesem Falle aus, daß sie auf meinem Schiff nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flüchten dürfe.»

«Was ich mit Freuden bewilligte. Nur, und der Anschlag?»

«Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.

Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste unter ihnen, Herzog Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu flüchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen verlassen, schon auf der Höhe von Arimunum, holte uns Graf Witichis mit Übermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurückzukehren, indem er sich für ihre Sicherheit bis zur feierlichen Untersuchung vor der Volksversammlung verbürgte. Da sie von ihm erfuhr, daß jetzt auch Herzog Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, daß er und seine mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da überdies Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.»

«Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?»

«Gut für dich, o großer Kaiser. Das vergrößerte Gerücht von dem Aufstand der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen Römern und Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen Diktator wählen, deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen, nachdem die Regentin in den Händen des Witichis: nur das geniale Haupt der Katakombenmänner hat es verhindert.»

«Der Präfekt von Rom?» fragte Justinian.

«Cethegus. Er mißtraute dem Gerücht. Die Verschworenen wollten die Goten überfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum Diktator wählen. Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche auf die Brust setzen und sagte: nein.»

«Ein mutiger Mann!» rief Belisar.

«Ein gefährlicher Mann!» sagte Narses.

«Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr Amalaswinthens, und alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All das hab' ich auf meiner absichtlich zögernden Küstenfahrt bis nach Brundisium erfahren. Aber noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur unter den Römern, unter den Goten selbst hab' ich eifrige Freunde von Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Königshauses.»

«Das wäre!» rief Justinian. «Wen meinst du?»

«In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Theodahad, Amalaswinthens Vetter.»

«Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?»

«Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber böses Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gründlichste die Regentin. Er, weil sie seiner maßlosen Habsucht, mit der er all seiner Nachbarn Grundbesitz an sich zu reißen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen, die ich nicht entdecken konnte, ich glaube, sie reichen in die Mädchenzeit der beiden Fürstinnen zurück – genug, ihr Haß ist tödlich. Diese beiden nun haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu wollen; ihr genügt es, scheint's, die Todfeindin vom Thron zu stürzen, er freilich fordert reichen Lohn.»

«Der soll ihm werden.»

«Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt – das Adelsgeschlecht der Wölsungen hat den andere Teil – und spielend in unsre Hände bringen kann, dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fällt, ihr auf den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin – ich glaube, es ist sehr wichtig.»

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