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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Zwölftes Kapitel

«Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen», rief Marcus Licinius, «aber der Orkus verschlinge ihre Brüder!» Und er riß den welken Rosenkranz vom Haupt –, die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht – und ersetzte ihn durch einen frischen. «Nicht nur die Freiheit haben sie uns genommen – sie schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die Türe verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.»

«Barbarischer Geschmack!» meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum Trost nach seinem Isiswein langend. «Du kennst sie auch, Furius – ist es nicht Geschmacksverirrung?» – «Ich kenne deine Nebenbuhler nicht», sagte der Korse. «Aber es gibt schon Burschen unter diesen Goten, die einem Weib gefährlich werden mögen.

Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst entdeckt, das aber freilich noch ohne Spitze ist.» – «Erzähle nur», mahnte Kallistratos, die Hände in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen Erzschüsseln herumgereicht wurde, «vielleicht finden wir die Spitze dazu.»

«Der Held meiner Geschichte», hob Furius an, «ist der schönste der Goten.» – «Ah, Totila der junge», unterbrach Piso und ließ sich den kameengeschmückten Becher mit Isiswein füllen. «Derselbe. Ich kenne ihn seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig Angesicht geschaut, abgesehen davon» – und hier überflog des Korsen Züge ein Schatten ernsten Erinnerns, und er stockte –, «daß ich ihm sonst verbunden bin.»

«Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf», spottete Massurius, dem Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll pizentinischen Zwiebacks zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. «Nein, aber er hat mir, wie allen, mit denen er zu tun hat, viel Freundliches erwiesen, und gar oft hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten, wo ich landete.»

«Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der Barbaren», sagte Lucius Licinius. – «Wie um ihre Reiterei», stimmte Marcus bei, «der schlanke Bursche ist der beste Reiter seines Volks.»

«Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung, aber vergebens drang ich in ihn, die fröhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu teilen.»

«Oh, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt», meinte Balbus, «du hast stets die feurigsten Weine.» – «Und die feurigsten Mädchen», fügte Massurius bei.

«Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo die Fleißigsten faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß, ihm auf die Sprünge zu kommen, und umschlich abends sein Haus in der Via lata. Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angetan, einen Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht neben dem Tore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner, ein alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob seiner großen Treue die Hut des Tores anvertraut.

Vor dem Tore blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog eine schmale Seitentür von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos auf, und hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.»

«Ei, ei», fiel Piso der Dichter eifrig ein, «ich kenne den Juden und Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind! Die schönste Tochter Israels, die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist dunkelmeeresblau, und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.» – «Gut, Piso», lächelte Cethegus – «dein Gedicht ist schön.» – «Nein», rief dieser. «Miriam selbst ist die lebendige Poesie.» – «Stolz ist die Judendirne», brummte Massurius dazwischen, «sie hat mich und mein Gold geschmäht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.» – «Siehe», sprach Lucius Licinius, «so hat sich der hochmüt'ge Gote, der einherschreitet, als trüg' er alle Sterne des Himmels auf seinem Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.»

«So dacht' auch ich, und ich beschloß, den Jungen bei nächster Gelegenheit schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar Tage darauf mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim ersten Frührot: und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an dem Judenturm vorüberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir, der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem Tor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über Brust und Rücken, in Gärtnertracht, wie damals – Totila. Er lag also nicht in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine Vertraute, und wer weiß, wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt. Der Glücksvogel! Bedenkt nur, auf der Via Capuana stehen all die Villen und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis, und in jenen Gärten prangen und blühen die herrlichsten Weiber.»

«Bei meinem Genius», rief Lucius Licinius, die bekränzte Schale hebend, «dort leben ja die schönsten Weiber Italiens – Fluch über den Goten!» – «Nein», schrie Massurius, von Wein erglühend,. «Fluch über Kallistratos und den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich, Hausherr, deine Mädchen kommen, wenn du deren bestellt hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu spannen.» – «Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!» riefen die jungen Leute durcheinander.

«Halt», sprach der Wirt, «wo Aphrodite naht, muß sie auf Blumen wandeln. Dies Glas bring ich dir, Flora!» Er sprang auf und schleuderte an die getäfelte Decke eine köstliche Kristallschale, daß sie klirrend zersprang.

Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getäfel wie eine Falltür empor, und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf die Häupter der erstaunten Gäste nieder. Rosen von Pästum, Veilchen von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes Schneegestöber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die Polster und die Häupter der Gäste.

«Schöner», rief Cethegus, «zog Venus nie auf Paphos ein.»

Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim Klang von Lyra und Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs: vier hochgeschürzte Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persischer Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen Zimbeln schlagend aus einem Gebüsch von blühendem Oleander.

Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer Fächermuschel, dessen goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier Flötenbläserinnen in lydischem Gewand – Purpur und Weiß mit goldgestickten Mänteln – schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines blühenden Mädchens von lockender, üppiger Schönheit, dessen fast einzige Verhüllung der Aphroditen nachgebildete Gürtel der Grazien war.

«Ha, beim heiligen Eros und Anteros!» schrie Massurius und sprang unsicheren Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.

«Verlosen wir die Mädchen!» rief Piso, «ich habe ganz neue Würfel aus Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.» – «Laß sie den Festkönig verteilen», schlug Marcus Licinius vor. «Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der Liebe», rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, «und Musik, heda, Musik –»

«Musik», befahl Kallistratos.

Aber noch ehe die Zimbelschlägerinnen wieder anheben konnten, wurde die Eingangstür hastig aufgerissen, und die Sklaven, die ihn aufhalten wollten, zur Seite drängend, stürmte Scävola herein, er war leichenblaß.

«Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cethegus? In diesem Augenblick!»

«Was gibt's?» sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.

«Was es gibt? Das Vaterland schwankt zwischen Szylla und Charybdis. Die gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza –»

«Nun?» fragte Lucius Licinius.

«Sie sind ermordet!»

«Triumph!» rief der Römer und ließ die Tänzerin fahren, die er umfaßt hielt.

«Schöner Triumph!» zürnte der Jurist. «Als die Nachricht nach Ravenna kam, beschuldigte alles Volk die Königin, sie stürmten den Palast –, doch Amalaswintha war entflohn.»

«Wohin?» fragte Cethegus, rasch aufspringend.

«Wohin? Auf einem Griechenschiff – nach Byzanz!»

Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.

«Aber das Ärgste ist – die Goten wollen sie absetzen und einen König wählen. – «Einen König?» sagte Cethegus. «Wohlan, ich rufe den Senat zusammen. Auch die Römer sollen wählen.»

«Wen, was sollen wir wählen?» fragte Scävola.

Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt seiner: «Einen Diktator! Fort, fort in den Senat.»

«In den Senat!» wiederholte Cethegus majestätisch. «Syphax, meinen Mantel.»

«Hier, Herr, und dabei dein Schwert», flüsterte der Maure. «Ich führ' es immer mit, auf alle Fälle.»

Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, der, allein völlig nüchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Straße schritt.

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