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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Sechstes Kapitel

Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus behaglich ausgestreckt, Cethegus, der Präfekt.

Er war guter Dinge.

Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge König angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten gewesen. Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluß in der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben: alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an Zahl und Reichtum.

Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren, und, was die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung zu überlassen.

So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern, daß Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt, ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien.

So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem er geblättert, zur Seite, stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: «Die Götter müssen noch Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest, fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah, wenn es uns wohl geht, möchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches Vergnügen, und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man ein Mensch und möchte...» –

Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, überreichte schweigend einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. «Der Bote wartet», sagte er.

Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben.

Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt, das Siegel – die Dioskuren – erkannte, rief er lebhaft: «Von Julius! Zu guter Stunde!» löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und las – das kalte bleiche Antlitz überflogen schon einem sonst völlig fremden Hauch freudiger Wärme.

«Cethegus, dem Präfekten, sein Julius Montanus.

Wie lange ist's, mein väterlicher Lehrer» «(beim Jupiter, das klingt frostig»), «daß ich dir nicht den schuldigen Gruß gesendet. Das letztemal schrieb ich dir an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem verödeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte – und nicht fand. Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, dem Argwohn der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts in mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wußte nicht, weshalb.

Ich schalt meinen Undank gegen dich – den großmütigsten aller Wohltäter –» («so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben», schaltete Cethegus ein).

«Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern wie ein König der Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch ganz Asien und Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten – und mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. Nicht Platons schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte.

Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden, göttergesegneten Stadt, hab' ich gefunden, was ich unbewußt überall vermißt und immer gesucht.

Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück» («er hat eine Geliebte! nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank euch, Eros, und Anteros!»), «oh, mein Lehrer, mein Vater! Weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das dich ganz versteht, zum erstenmal dein eigen zu nennen?» («ah, Julius», seufzte der Präfekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, «ob ich es wußte!») «Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? Oh, wenn du's je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller endlich: zum erstenmal hab' ich einen Freund.»

«Was ist das?» rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick eifersüchtigen Schmerzes, «der Undankbare!»

«Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir bis jetzt, Du, mein väterlicher Lehrer» –

Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatt-Tisch und machte einen hastigen Gang durchs Zimmer. «Torheit!» sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf und las weiter –

«Du, so viel älter, weiser, besser, größer als ich – du hast mir eine solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, daß sie sich dir nie ohne Scheu öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie du solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witz verhöhntest: ein scharfer Zug um deinen stolzen, festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in deiner Nähe stets getötet wie Nachtfrost die ersten Veilchen» («nun, aufrichtig ist er!»). «Jetzt aber hab' ich einen Freund gefunden: offen, warm, jung, begeistert wie ich, und die gekannte Wonne ist mein Teil. Wir haben nur eine Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden kein Ende der geflügelten Worte. Aber ich muß ein Ende finden dieses Briefs. Er ist ein Gote» («auch noch», sagte Cethegus ungehalten,) «und heißt Totila.»

Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte nichts, nur die Augen schloß er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:

«Und heißt Totila!»

«Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt urplötzlich aus der Tür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt, in der Hand ein spitzes Gerät: er packt mich an der Schulter und schrie: ‹Pollux, mein Pollux, hab' ich dich endlich!›

Ich dachte, der Alte sei verrückt, und sagte: ‹Du irrst, guter Mann: ich heiße Julius und komme von Athen.›

‹Nein›, schrie der Alte, ‹Pollux heißt du und kommst vom Olymp.› Und eh' ich wußte, wie mir geschah, hatte er mich zur Tür hineingedreht. Da erkannte ich denn allmählich, woran ich mit dem Alten war, er war der Bildhauer, der die Statuen ausgestellt.

In seiner Werkstatt standen andre halbvollendete umher, und er erklärte mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Für den Kastor habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten gefunden. ‹Aber umsonst erflehte ich› – fuhr er fort – ‹all diese Tage vom Himmel einen Gedanken für meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und Gestalt muß da sein. Und doch muß die Verschiedenheit so deutlich sein wie die Gleichheit: sie müssen zusammengehören und doch jeder ganz eigenartig sein. Umsonst lief ich alle Bäder und Gymnasien Neapolis' ab: ich fand den Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans eigne Fenster geführt: wie ein Blitz schlug's in mich ein, da steht mein Pollux, wie er sein muß: und nicht lebendig laß' ich dich aus dieser Halle, bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.›

Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages wiederzukommen. Und das erfüllt' ich um so lieber, als ich erfuhr, daß mein gewalttätiger Freund Xenarchos sei, der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich dann wieder und fand meinen Kastor – es war Totila: und ich kann nicht leugnen, daß mich die große Ähnlichkeit überraschte, wenn auch Totila älter, höher, kräftiger und unvergleichlich schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und gerade so, schwört der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Götterbildern Xenarchs kennen und lieben. Wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux, innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen, durch die Straße gehn.

Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Blüte geknickt hätte.

Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus gewandelt, in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit – du wirst sie schelten – des Freundes weißen Gotenmantel umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflügeln aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er, meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein, und friedlich plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der Stadt zurück.

Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her, und ich fühle kaltes Eisen an meinem Halse.

Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füßen, Totilas Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum Morde gegen mich treiben können.

Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: ‹Nicht dich – Totila, den Goten› – und er zuckte und war tot. Man sah's an Tracht und Waffen – es war ein isaurischer Söldner.»

Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn. «Wahnsinn des Zufalls», sagte er, «wohin konntest du führen!»

Und er las zu Ende:

«Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser ließ die Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen – ohne Erfolg. Uns beiden aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft gefestigt und mit Blut geweiht für alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein freundlich Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich mich frage, wem dank' ich all dies Glück? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt Neapolis gesendet, in der ich all mein Glück gefunden. So mögen dir es alle Götter und Göttinnen vergelten! Ach, ich sehe, dieser ganze Brief redet nur von mir und dieser Freundschaft – schreibe doch bald, wie es um dich steht. Vale.»

Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund.

Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten. Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stützend. «Wie kann ich nur so – jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr natürlich, wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius. Warte, ich will dir ein Rezept schreiben.» Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Antlitz setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der Bronzevase, griff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten Tinte aus einem Löwenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:

«An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt von Rom.

Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spaß gemacht. Sie zeigt, daß du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgetan, wirst du ein Mann sein.

Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du suchst sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus, meinen ältesten Gastfreund in Neapolis auf Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schönste Römerin unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt. Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus für dich wirbt. Du aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.

Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage, und obgleich du weißt, daß ich es wünsche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen: geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich habe einmal einen gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom über alles. Vale.»

Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte ihn mit den Bändern von rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte er einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler: draußen an der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.

Der Sklave trat wieder ein.

«Laß den Boten in meinen Thermen baden, gib ihm Speise und Wein, einen Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurück nach Neapolis.»

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