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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 163
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Sechstes Kapitel

Oberhalb des Engpasses am Vesuv, den wir die Gotenschlucht nennen mögen, wölbte sich eine schmale Höhlung in den schwarzen Lavafels, in ihren Tiefen hatte König Teja die heiligen Schätze des Volkes – den Königsleichnam und den Königshort – geborgen. Theoderichs Banner war vor der Mündung aufgesteckt. Ein purpurner Königsmantel, an vier Speeren aufgespannt, bildete den dunkelglühenden Vorhang des Felsgemachs, wo der letzte Gotenkönig seine Königshalle errichtet hatte: ein Lavablock, von dem Felle des schwarzen Panthers bedeckt, war sein letzter Thron.

Hier weilte König Teja, wann ihn nicht seine eifersüchtig gewahrte Wachtstunde vornhin an die Südmündung der Gotenschlucht rief, auf die unaufhörlich, bald von fern mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, bald aus der Nähe in kühnem, plötzlichem Anlauf die Vorposten des Narses Angriffe unternahmen.

Keiner der heldenhaften Wächter kehrte abgelöst heim, der nicht an Schild und Harnisch Spuren solcher Angriffe mitbrachte oder sie zurückließ vor dem Eingang in Gestalt erschlagener Feinde.

So häufig begegnete dies, daß die Verwesung der Erschlagenen – denn diese fortzutragen wagte niemand – den Aufenthalt an dem Paßeingang unmöglich zu machen drohte.

Narses schien hierauf gezählt zu haben.

Als Basiliskos diese nutzlosen Opfer beklagte, hatte er entgegnet: «Sie nützen vielleicht nach ihrem Tode mehr als in ihrem Leben.» Aber König Teja befahl, zur Nacht die Leichen über das schroffe Lavageklippe zu werfen, so daß sie, grauenhaft zerrissen, von der Nachfolge hinwegzuschrecken schienen. Da erbat Narses eilfertig die Gunst, die Erschlagenen durch Unbewaffnete abholen lassen zu dürfen, was der König gewährte.

Seit dem Rückzug in diese Schlucht hatten die Goten noch nicht einen Mann im Kampf verloren, denn nur der vorderste im Engpaß war den Feinden erreichbar; und dieser Wächter, unterstützt von den hinter ihm stehenden Genossen, war noch nie erlegt worden.

Eines Abends, nach Sonnenuntergang – es war nun September und die Spuren des Kampfes von Taginä schon fast getilgt; die Blumen, welche Cassiodor und die Religiosä des Klosters neben den drei Sarkophagen seiner Braut und seines Freundes angepflanzt, hatten schon frische Keime getrieben – schritt König Teja, abgelöst von Wisand, dem Bandalarius, den Speer auf der Schulter, nach seiner Lavahalle.

Vor dem Vorhang schon empfing ihn Adalgoth, ihm, wehmütig lächelnd, kniend den hohen Goldpokal kredenzend. «Laß mich immerhin noch meines Mundschenkamtes warten: – wer weiß, wie lang's noch währt.»

«Nicht lange mehr!» sprach Teja ernst, sich niederlassend. «Wir wollen hier außen bleiben, vor dem Vorhang.

Sieh, wie prachtvoll die ganze Bucht von Bajä bis Surrentum im Schimmer der eben versunkenen Sonne glüht: – das blaue Meer ward purpurfarben Blut. Wahrlich, keinen schöneren Rahmen konnte das Südland gewähren, die letzte Schlacht der Goten drein zu fassen. Wohlan, das Bildnis sei des Rahmens wert. Es drängt zum Ende. Wie sich nun alles erfüllt hat, was ich geahnt – geträumt – gedichtet».

Und der König stützt das Haupt auf beide Hände.

Er sah erst wieder auf, als ein silberner Harfenklang ihn weckte. Adalgoth hatte verstohlen des Königs kleine Harfe hinter dem Vorhang herausgelangt.

«Horch, Herr König», sagte er, «wie ich – oder wie sich selbst – dein Lied von der Lavaschlucht vollendet hat. Gedenkst du noch der Nacht zu Rom in der Wildnis von Efeu, Marmor und Lorbeer? Nicht eine vergangene Schlacht, aus Vorzeittagen: – deinen, unsern eignen letzten Heldenkampf hast du, vorschauend, an diesem Ort geahnt.»

»Wo die Lavaklippen ragen
    An dem Fuße des Vesuvs,
Durch die Nachtluft hört man klagen
    Töne tiefen Weherufs,
Denn ein Fluch von tapfern Toten
    Lastet auf dem Felsenring:
Und es ist das Volk der Goten,
    Das hier glorreich unterging.»

«Ja, glorreich, mein Liebling. Das soll uns kein Schicksal und kein Narses rauben. Das fürchterliche Gottesurteil, das unser teurer Totila heraufgefordert – es ist grauenvoll ergangen über den Mann, sein Volk und seinen Gott. Kein Gott im Himmel hat, wie jener Edle wähnte, in gerechter Waage unser Schicksal gewogen. Wir fallen durch tausendfachen Verrat der Welschen, der Byzantiner und durch die dumpfe Übermacht der Zahl. Aber wie wir fallen, unerschüttert, stolz noch im Untergang: – das konnte kein Schicksal, nur der eigne Wert entscheiden.

Und nach uns? Wer wird nach uns herrschen in diesen Landen?

Nicht lange dieser Griechen Tücke –, und nicht der Welschen eigne Kraft –: noch hausen viele der Germanenstämme jenseits der Berge – sie setz' ich ein zu unsern Erben und Rächern.»

Und leise nahm er die Harfe auf, die Adalgoth niedergelegt, und sang leise, hinabschauend in das rasch nächtig gewordene Meer.

Und die Sterne standen schon über seinem Haupt.

Und nur manchmal griff er in die Saiten:

«Erloschen ist der helle Stern
    Der hohen Amelungen.
O Dietrich teurer Held von Bern,
    Dein Heerschild ist gesprungen.
Das Feige siegt – das Edle fällt –
    Und Treu und Mut verderben:
Die Schurken sind die Herrn der Welt: –
    Auf, Goten, laßt uns sterben! –
O schöner Süd, o schlimmes Rom,
    O süße Himmelsbläue –
O blutgetränkter Tiberstrom –
    O falsche, welsche Treue.
Noch hegt der Nord manch kühnen Sohn
    Als unsers Hasses Erben:
Der Rache Donner grollen schon: – –
    Auf, Goten, laßt uns sterben!»

«Die Weise gefällt mir», rief Adalgoth – «aber ist sie schon zu Ende, der Schluß?»

«Den Schluß kann man nur zum Takt der Schwerterstreiche singen», sprach Teja, «Du hörst, dünkt mir, bald auch den Schluß.»

Und er stand auf.

«Geh, mein Adalgoth», sagte er, «laß mich allein.

Allzulange schon habe ich dich ferngehalten von» – da lächelte er durch seine Trauer – «von der lieblichsten aller Herzoginnen. Wenige solche Abendstunden habt ihr noch zusammen, arme Kinder. Euch, wenn ich retten könnte, ihr junges, zukunftknospendes Leben... –»

Er strich mit der Hand über die Stirn.

«Torheit», sprach er dann. «Ihr seid auch nur ein Stück von dem todverfallnen Volk: – freilich das holdeste.»

Adalgoths Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, da der König seines jungen Weibes gedacht. Nun trat er dicht an Teja heran und legte ihm fragend die Hand auf die Schulter.

«Ist keine Hoffnung? Sie ist so jung!»

«Keine», sprach Teja: «denn es steigen keine Engel rettend vom Himmel. Noch wenige Tage, bis der Mangel anhebt. Dann mach' ich ein rasches Ende. Die Männer brechen hervor und fallen im Kampf.»

«Und die Weiber, die Kinder – die Tausende?»

«Ich kann ihnen nicht helfen. Ich bin nicht der allmächtige Gott der Christen. Aber in die Byzantiner Sklaverei soll kein gotisch Weib und Mädchen fallen, das nicht die Schande wählt statt freien Todes. Sieh hin – mein Adalgoth – schon zeigt die dunkle Nacht die Bergglut voll. – Siehst du: – dort hundert Schritte rechts von hier – ha, wie herrlich die Flammen aus der dunkeln Mündung steigen! – wann des Passes letzter Wächter fiel – ein Sprung dahinab –: und keines Römers freche Hand rührt an unsere reinen Frauen. Ihrer gedenk' –: noch mehr als unsrer, denn wir können fallen allüberall –. Der Goten Frauen eingedenk, kor ich zur letzten Walstatt: – – den Vesuvius!»

Und begeistert, nicht mehr weinend, warf sich Adalgoth an seines Königs Brust.

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