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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 160
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Drittes Kapitel

Scharf hatte der große Feldherr Narses die Wegrichtung erkannt, auf welcher König Teja von der flaminischen Straße abgebogen war.

Nach Norden zunächst, nach der Küste des jonischen Busens, war er ausgewichen und führte hier, mit seltner Wegeskunde, auf vielfach gewundenen Pfaden, sein flüchtendes Volk und Heer unbehelligt, unerreicht von den Verfolgern, über Hadria, Aternum, Ortona nach Samnium: daß Rom für ihn verloren, erfuhr er durch einzelne aus der Stadt geflohene Goten schon hinter Nuceria Camellaria.

Nicht unerwünscht kam des Königs rasch zum Ende drängendem und schonungslosem Sinn die Nötigung, sich seiner Gefangenen zu entledigen: diese, an Zahl fast halb so stark als ihre Besieger, hatten die Überwachung so schwierig gemacht, daß Teja jeden Befreiungsversuch mit dem Tode bedrohen mußte. Hinter Fossatum bei der Nordschwenkung machten sie trotzdem einen Versuch, massenhaft mit Gewalt loszubrechen.

Sehr viele wurden bei dem Unternehmen getötet: alle, die übriggeblieben waren, mit Orestes und sämtlichen Führern, ließ der König bei dem Übergang über den Aternus mit gebundenen Händen in den Fluß werfen und ertränken.

Auf Adalgoths Fürbitte hatte er finster erwidert: «Zu vielen Tausenden haben sie wehrlose Goten-Weiber und -Kinder an ihren Herdfeuern überfallen und geschlachtet: das ist kein Krieg der Krieger mehr: das ist ein Mordkampf der Völker. Laß uns darin – halbwegs – auch das unsre tun.»

Aus Samnium eilte der König, das unwehrhafte Volk langsam unter schwacher Bedeckung nach sich führend – denn hier drohte keine Verfolgung – mit den besten Truppen rasch nach Campanien. So unerwartet traf er hier ein, daß er das kleine, durch die bisherigen Gefechte mit der Überzahl zusammengeschmolzene Heer von Herzog Guntharis und Graf Grippa – er traf sie in fester Stellung zwischen Neapolis und Beneventum – fast ebenso überraschte, wie bald darauf die siegessichern Gegner.

Er erfuhr, daß die «Romäer», von Capua aus, Cumä bedrohten. «Nein», rief er, «diese Burg sollen sie nicht vor mir erreichen. Dort hab' ich noch ein wichtig Werk zu vollenden.»

Und verstärkt durch die Besatzung aus seiner eignen Grafenstadt Tarentum, unter dem tapfern Ragnaris, griff er die Übermacht der Byzantiner, die auf geheimem Marsche von Capua aus Cumä überrumpeln wollten, sie selbst aufs höchste überraschend, an und schlug sie unter blutigen Verlusten grimmig aufs Haupt; er spaltete mit der Streitaxt dem Archonten Armatus die Stirn; an seiner Seite durchrannte der junge Herzog von Apulien den Dorotheos mit dem Speer. Entsetzt flohen die Byzantiner gen Norden bis nach Terracina.

Es war der letzte Sonnenkuß, den der Siegesgott auf die blaue Gotenfahne legte. Tags darauf zog König Teja in Cumä ein.

Totila hatte, auf sein ernstes Andringen, sich entschlossen, bei dem diesmaligen allentscheidenden Auszug von Rom, gegen seine Gewohnheit, für die Treue der Stadt Rom Geiseln zu nehmen. Niemand wußte, wohin diese gebracht worden.

Am Abend seines Einzugs ließ König Teja den zugemauerten Garten des Kastells zu Cumä aufbrechen; hier waren, hinter turmhohen Wällen, die Geiseln Roms geborgen: Patrizier, Senatoren – darunter Maximus, Cyprianus, Opilio, Rusticus, Fidelius: die angesehensten Männer des Senats – im ganzen dreihundert an der Zahl. Sie waren alle Glieder des alten Bundes der Katakomben wider die Goten.

Teja ließ ihnen von den aus Rom entwichenen Goten berichten, wie die Römer, verführt von Sendlingen des Narses, sich in einer Nacht plötzlich erhoben, alle Goten, auch Weiber und Kinder, deren sie habhaft werden konnten, ermordet und den Rest in die Moles Hadriani zusammengedrängt hatten.

So furchtbar war der Blick des Königs, den er auf den zitternden Geiseln während dieser Erzählung ruhen ließ, daß zwei derselben das Ende abzuwarten nicht ertrugen, sondern sich sofort an den harten Felswällen die Köpfe einrannten.

Nachdem die Boten eidlich ihre Erzählung bekräftigt hatten, wandte sich der König schweigend und schritt aus dem Garten. Eine Stunde darauf starrten die Köpfe der dreihundert Geiseln gräßlich von den Mauerzinnen herab.

«Aber nicht bloß dies furchtbare Richteramt zog mich nach Cumä», sprach Teja zu Adalgoth. «Es gilt, hier noch ein heiliges Geheimnis zu erheben.»

Und er lud ihn, sowie die anderen Führer des Heeres, zum fest- und freudelosen Nachtmal. Als das traurige Gelage zu Ende, winkte der König dem alten Hildebrand. Dieser nickte, hob eine düster brennende Pechfackel aus dem Eisenring der Mittelsäule der gewölbten Halle und sprach:

«Folgt mir nach, ihr Kinder junger Tage, nehmt eure Schilde und eure Schwerter mit.»

Es war die dritte Stunde der Julinacht, die Sterne standen in der Mitternacht.

Da schritten aus der Halle, schweigend dem König und dem urgrauen Waffenmeister folgend, Guntharis und Adalgoth, Aligern, Grippa, Ragnaris und Wisand, der Bandalarius: Wachis, des Königs Schildträger, schloß den Zug mit einer zweiten Fackel.

Gegenüber dem Schloßgarten erhob sich ein riesiger Rundturm, «der Turm Theoderichs» genannt, weil ihn dieser große König neu verstärkt hatte. In dieses Turmgebäude leuchtete und schritt voran der alte Hildebrand.

Aber anstatt nun von dem Erdgeschoß aus, das nur die leere Turmstube zeigte, die hohe Treppe emporzusteigen, machte der Alte halt. Er kniete nieder, und vorsichtig messend spannte er mit der gewaltigen Hand auf dem Boden von der sorgfältig wieder geschlossenen Türe an nach der Mitte fünfzehn Handspannen – der ganze Boden schien aus drei kolossalen Granitplatten zusammengelegt –. Auf der fünfzehnten Spanne hielt er den linken Daumen an und schlug mit der Steinaxt auf die Platte: da klang es hohl: und in eine schmale, kaum sichtbare Ritze des Gesteins die Spitze der Axt bohrend hieß er alle Mann hinter sich zur Linken treten. Als dies geschehn, schob er die Steinplatte nach rechts vor; schwarz, turmhoch, wie das Gebäude über dem Erdgeschoß sich erhob, senkte es sich hier hügeltief in die Erde.

Nur um einen Mann knapp hindurchzulassen, gewährte die Öffnung Raum; sie führte auf eine schmale, in den Fels gehauene Treppe von mehr als zweihundert Stufen.

Schweigend stiegen die Männer hinab. Unten angelangt fanden sie den entsprechenden Kreisraum durch eine Steinmauer in zwei Halbkreise geteilt. Der von ihnen betretene Halbkreis war leer.

Und nun maß König Teja von der Erde auf zehn Handbreiten an der Mauer. Hier drückte er an einen Stein: eine schmale Pforte tat sich nach innen auf. Der alte Hildebrand atmete tief, trat vorleuchtend ein, und der König und jener entzündeten zwei in die Wand eingesteckte große Fackeln.

Da fuhren die übrigen glanzgeblendet zurück und bedeckten die Augen. Als sie wieder aufblickten, gewahrten sie – sofort erkannten die gotischen Männer das Geheimnis – den ganzen reichen Amalungenhort Dietrichs von Bern.

Da lagen, teils zierlich gehäuft, teils ordnungslos nebeneinander geschüttet, Waffen, Gerät und Schmuck aller Art. Die Sturmhaube von Bronze aus altetruskischer Zeit, in grauen Vorzeittagen durch den Handel den Goten bis an die Ostsee oder an den Pruth und Dniester zugeführt und nun von dem nach Süden ziehenden Wandervolk wieder zurückgebracht, nahe an die Stätte vielleicht, wo sie gehämmert worden; daneben das Fell des Seehunds und der Rachen des Eisbären über einen flachen Kopfschirm von Holz gespannt: keltische Spitzhelme; stolzgeschweifte römische und byzantinische Helmkämme, Halsringe von Bronze und von Eisen, von Silber und von Gold; Schilde, von dem ungefügen, mannshohen Holzschild, der, aufgestellt wie eine Mauer, den Pfeilschützen barg, bis zu dem zierlichen, mit Edelsteinen und Perlen übersäten, runden, kleinen Reiterschild der Parther; neben altertümlichen Kettenringen von erdrückender Schwere, leichte Harnische von purpurfarbenem Linnengewebe, dazu Frameen, Schwerter, Dolche von Stein, von Bronze und von Eisen; Beile und Keulen, zum Teil noch aus dem Knochen des Mammut, roh, mit Bast umwunden und in ein Hirschgeweih gesteckt, bis zu der fränkischen Franziska und dem zierlich durchbrochenen, kleinen, vergoldeten Wurfbeil, mit welchem ein aufgesteckter Apfel von römischen Zirkusreitern im Galopp gespalten werden mußte; Speere, Lanzen, Wurfspieße aller Art: von dem kaum behauenen Stoßzahn des Narwal bis zu dem goldeingelegten Ebenholzschaft der asdingischen Vandalenkönige in Karthago und dem massiv goldnen Wurfpfeil dieser Fürsten mit dem Purpurgefieder des Flamingo am Schaft und der fußlangen Stahlspitze: Kriegsmäntel aus dem Pelz des blauen Fuchses bis zu dem Fell des numidischen Löwen und dem kostbarsten Purpur von Sidon; Schuhe, von den langen, schaufelähnliche Schneeschuhen der Skritofinnen bis zu den Goldsandalen von Byzanz; Wämser von friesischer Wolle und Tuniken von chinesischer Seide, dazu ungezähltes Gerät und Tafelgeschirr: hohe Krüge, flache Schalen, runde Becher, bauchige Urnen, von Bernstein, von Gold, von Silber, von Schildpatt, Armringe und Schulterspangen, Schnüre von Bergkristallen und von Perlen, und noch sonst unerschöpflich mannigfaltiges Geschirr für Speise und Trank, Gerät für Kleidung und Schmuck, für Spiel und Kampf.

«Ja», sprach König Teja, «diese geheime Höhle, nur uns, den Blutsbrüdern bekannt – der Waffenmeister hatte sie in den Fels hauen lassen, als er vor vierzig Jahren Graf von Cumä war – sie war das Schatzgewölbe, das den Hort der Goten barg.

Deshalb fand Belisarius so wenig vor, als er den Schatz zu Ravenna erbeutete. Die edelsten und kostbarsten Stücke der Beute und der Geschenke, die Sammlung der Amalungenehren in Krieg und Frieden, die weit über Theoderich hinauf zu Winithar, Ermanarich, Athal, Ostrogotho, Isarna bis Amala emporsteigen – sie haben wir hier geborgen. Nur das gemünzte Gold hatten wir in Ravenna behalten und solches Gerät, das reicher an Goldwert als an Ehren schien.

Monatelang sind die Feinde über diese Schätze hingeschritten, doch es schwieg die treue Tiefe des Abgrunds.

Nun aber tragen wir sie alle mit uns – in eure breiten Schilde schöpfet sie und reichet sie, die Staffeln herauf, einer dem andern – in das letzte Schlachtfeld, darauf ein ostgotisches Volksheer kämpfen wird – nein, bange nicht, jung Adalgoth, auch wenn ich gefallen bin und alles verloren ist –: nicht sollen die heiligen Schätze der Ehre die Feinde nach Byzanz schleppen.

Denn wunderbar ist das letzte Schlachtfeld, das ich uns erkoren. Es soll die letzten Goten und ihre Schätze und ihren Rum verschlingen und verbergen.»

«Ja, auch ihren höchsten Schatz und Ruhm», sprach der alte Hildebrand, «nicht nur Gold und Silber und edle Steine. Sehet her, meine Goten!»

Und er leuchtete in den von einem Vorhang abgesperrten Schlußraum des Halbkreises und schob den Vorhang zur Seite.

Da fielen alle andern ehrfürchtig auf die Knie.

Denn sie erkannten den großen Toten, der da hoch aufgerichtet auf dem goldnen Throne saß, den Speer noch in der Rechten, vom Purpurmantel umwallt.

Es war der große Theoderich.

Und die von den Ägyptern zu den Römern gewanderte Kunst, die Leichen wundersam zu wahren, hatte den Heldenkönig in schauerlicher Leibhaftigkeit erhalten.

Tiefste Erschütterung band den Männern die Rede.

«Schon seit langer Zeit», hob endlich Hildebrand an, «mißtrauten Teja und ich dem Stern der Goten. Und ich, der ich vor Ausbruch des Krieges die Ehrenwache an dem Marmor-Rundhaus zu Ravenna hatte, in welchem Amalaswintha ihren toten Vater beigesetzt – ich liebte das ganze Gebäude wenig, und weniger noch die weihrauchqualmenden Priester, die dort so oft für des Gewalt'gen große Seele beten wollten.

Und ich dachte: wenn unsere Spur dereinst getilgt wird aus diesem Südland, sollen nicht Welsche und Griechlein ihr Gespött treiben mit den Gebeinen des teuren Helden.

Nein, wie jener erste Bezwinger der Romaburg, wie der Westgote Alarich im heiligen Strombett sein von keinem gekanntes, von keinem zu schändendes Grab gefunden, – so soll auch mein großer König entrückt sein der Nachspürung der Menschen.

Und mit Tejas Hilfe schaffte ich, in dunkler Nacht, die edle Leiche hinweg aus dem Marmorhaus und aus der winselnden Priester Umgebung, und wir brachten sie, als ein Stück des Königsschatzes, in verschlossener Truhe hierher. Hier war er sicher geborgen, und fand ihn nach Jahrhunderten ein Zufall, wer konnte dann noch ihn erkennen, den König mit dem Adlerauge?

Und so ist der Steinsarkophag zu Ravenna leer, und die Mönche singen und beten dort umsonst.

Hier, bei allen seinen Schätzen und Ehren, in Heldenherrlichkeit, aufrecht thronend, sollte er ruhen –: das wird seiner Seele, die von Walhall niederschaut, lieber sein, als ausgestreckt, unter schwerem Stein, unter Weihrauchwolken, sich liegen zu sehen.»

«Nun aber», schloß Teja, «ist auch für ihn, wie für den Amalungenhort die Stunde gekommen, noch einmal aufzusteigen aus der Tiefe; wenn ihr die Schätze gehoben, heben wir sorgsam auch den teuren Heldenleib empor. Und morgen früh brechen wir alle auf aus dieser Stadt, – schon wird des Narses und des Präfekten Anrücken gemeldet – und ziehen mit Königshort und Königsleiche auf jenes letzte Schlachtfeld der Goten, wohin ich auch schon die Weiber und Kinder entboten habe: jenes Schlachtfeld – seit lange habe ich's geschaut in schlummerlosem Traumgesicht – jenes Schlachtfeld, das uns und unser Volk sieht glorreich untergehen; jenes Schlachtfeld, das, auch nachdem der letzte Speer gebrochen, alle Tod-Entschlossenen rettend, bergend aufnehmen kann in seinen glühenden Schoß: – das Schlachtfeld, das Teja sich und euch erkoren.»

«Ich ahne», fiel Adalgoth ein. «Dies, unser Schlachtfeld heißt...»

«Mons Vesuvius!» sprach Teja. «Ans Werk!»

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