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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 159
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Zweites Kapitel

Und noch dazu verringerte eine unabweisbare Notwendigkeit die Zahl der wehrfähigen Goten in König Tejas Heer auf das furchtbarste.

Seit dem ersten Augenblick der begonnenen Verfolgung hatte sich Cethegus mit den Isauriern, mit seinen byzantinischen Truppen – sarazenischen und herulischen Reitern – und Alboin mit seinen Lanzenreitern an die Fersen der Abziehenden geheftet, sollte nicht die ohnehin langsame Bewegung des durch so viele Frauen, Kinder, Greise gehemmten Rückzugs völlig gehemmt werden, so mußte fast jede Nacht eine kleine Heldenschar geopfert werden, die an günstig gelegener Stelle halt machte und hier durch zähen, todeskühnen, hoffnungslosen Widerstand die Verfolger so lange hinhielt, bis das Hauptheer wieder großen Vorsprung gewonnen.

Dieses grausame, aber einzig ergreifbare Mittel mußte bald mit Aufopferung einer halben Tausendschaft, bald, wo die Verteidigungsstellung breitere Stirn hatte, mit noch größeren Opfern angewendet werden.

König Teja hatte es vor dem Aufbruch von «Spes bonorum» laut dem ganzen Heer verkündet: schweigend hatten die Männer das furchtbare Mittel gebilligt.

Und so ungestüm bewarben sich die «Todgeweihten» jeden Abend um diesen Ehrenposten, daß König Teja – feuchten Auges – das Los entscheiden ließ; er wollte keinen kränken durch Bevorzugung anderer. Denn die Goten, den sichern Untergang von Volk und Reich vor Augen, sehr viele Weib und Kind dem Narses verfallen wissend, drängten sich um die Wette zum Tode. So wurde dieser Rückzug eine Ehrenstraße gotischen Heldentums; jede Haltstelle fast ein Markstein todesmutiger Aufopferung.

So fielen als Führer dieser «Nachhut des Untergangs» der alte Haduswinth bei Nuceria Camellaria, der junge, pfeilkundige Gunthamund bei ad Fontes, der rasche Reiter Gudila bei ad Martis.

Aber es sollte diese Aufopferung und des Königs Feldherrnschaft nicht ohne Frucht bleiben für die Geschicke des Volkes.

Bei Fossatum, zwischen Tudera und Narnia, kam es zu einem Nachtgefecht mit der Nachhut unter dem tapfern Grafen Markja, das vom Nachmittag, da sie die Reiter des Cethegus erreicht hatten, angefangen bis zum Sonnenaufgang währte. Als endlich das wiederkehrende Licht die rasch aufgeworfenen Erdschanzen der Goten beleuchtete, war es auf diesen grabesstill. Die Verfolger rückten mit äußerster Vorsicht an: endlich sprang Cethegus vom Pferd und auf die Brüstung der Schanze, hinter ihm Syphax.

Da winkte Cethegus hinab. «Kommt nach, es hat keine Gefahr! Ihr habt nur hinwegzuschreiten über die Feinde; denn hier liegen sie tot: alle tausend, dort auch Graf Markja, ich kenne ihn.»

Als aber nun die Reiter, nachdem die Schanzen hinweggeräumt waren, dem abgezogenen Hauptheer, das sehr großen, weiteren Vorsprung gewonnen, nachjagten – Cethegus führte sie –, erfuhren sie alsbald von den Bauern, daß das gotische Hauptheer hier, auf der flaminischen Straße, nicht vorübergezogen war.

Durch das edelste Opfer war es erkauft, daß König Teja seines Rückzugs weitere Richtung von hier ab auf geraume Zeit verschleiert hatte: die Verfolger hatten alle Fühlung mit ihm verloren. Cethegus riet Johannes, einen Teil der Seinen zur Rechten nach Südosten, Alboin dagegen zur Linken der flaminischen Straße nach Nordosten verfolgen zu lassen, um die Spur wieder aufzufinden.

Ihn selbst aber zog es gewaltig nach Rom: er hoffte die Stadt vor Narses, ohne Narses zu erreichen, zu gewinnen und dann, vom Kapitol herab, ihm wie Belisar Schach zu bieten. Nach der Entdeckung, daß sich König Teja der Verfolgung entzogen habe, berief Cethegus seine vertrauten Tribunen und eröffnete ihnen, er sei entschlossen, nun, nötigenfalls mit Gewalt, der steten Beaufsichtigung durch Alboin und Johannes sich zu entziehen, die er durch die angeratenen Entsendungen geschwächt wußte, und mit seinen Isauriern allein nach Rom zu eilen, geradewegs auf der Flaminia, die ja nun von den Goten nicht gesperrt war.

Aber während er sprach, führte Syphax eilfertig einen römischen Bürger ins Zelt, den er mit Mühe aus den Händen der Langobarden gelöst: jener hatte nach dem Präfekten gefragt, und sie hatten ihn «behandeln wollen wie gewöhnlich», hatten sie gelacht. «Vom Rücken her aber», fügte Syphax bei, «naht ein großer Zug – ich spähe danach und berichte dir wieder.»

«Ich kenne dich, Tullus Faber», sprach der Präfekt, «du warst immer Rom und mir getreu. Was bringst du?»

«O Präfekt», klagte der Mann, «weil du nur noch lebst! Wir alle glaubten, du seiest tot, da du auf acht Botschaften uns keinen Bescheid gabst.»

«Ich habe nicht eine erhalten.»

«So weißt du nicht, was in Rom geschehen? Papst Silverius ist auf Sizilien in Verbannung gestorben. Der neue Papst ist Pelagius, dein Feind.»

«Nichts weiß ich. Rede!»

«O so wirst auch du nicht raten noch helfen können. Rom hat...»

Da trat Syphax ein, aber ehe er noch sprechen konnte, erschien im Zelt des Präfekten Narses, gestützt auf des Basiliskos Arm. «Ihr habt euch ja so lange hier aufhalten lassen von tausend gotischen Speeren», zürnte der Feldherr, «bis euch die Gesunden entkommen sind und die Kranken euch einholen konnten. Dieser König Teja kann mehr als Schilde brechen: er kann Schleier weben vor des Präfekten scharfen Augen.

Aber ich sehe durch viele Schleier, auch durch diesen.

Johannes, rufe deine Leute zurück: er kann nicht nach Süden, er muß nach Norden ausgewichen sein. Denn er weißt jetzt wohl schon lang, was den Präfekten von Rom zumeist angeht: Rom ist den Goten entrissen.»

Des Cethegus Auge leuchtete.

«Ich habe einige kluge Leute hineingeschmuggelt gehabt.

Sie trieben die Bewohner zu rascher, mächtiger Erhebung: alle Goten in der Stadt wurden erschlagen: nur fünfhundert Mann entkamen in das Grabmal Hadrians und halten es besetzt.»

«Wir haben acht Boten an dich gesandt, Präfekt», fand Faber Mut, einzuwerfen.

«Hinaus mit diesem Menschen», winkte Narses. «Ja, die Bürger Roms erinnerten sich in Liebe wieder des Präfekten, dem sie so viel verdanken: zwei Belagerungen, Hunger, Pest und Brand des Kapitols! Aber die an dich gesendeten Boten verirrten sich immer zu meinen Wölflein, und diese haben sie wohl zerrissen. An mich jedoch gelangte die Gesandtschaft, die der heilige Vater Pelagius abgeordnet hat; und ich habe mit ihm einen Vertrag geschlossen, den du, o Stadtpräfekt von Rom, gewiß gutheißen wirst.»

«Ich werde ihn nicht auflösen können.»

«Die guten Bürger Roms scheuen nichts so sehr als eine dritte Belagerung; sie haben sich erbeten, wir möchten nichts unternehmen, was zu einem neuen Kampf um ihre Stadt führen könnte, die Goten im Grabmal Hadrians müßten, schreiben sie, bald dem Hunger erliegen, und ihre Wälle wollten sie selbst decken, und sie haben geschworen, nach jener Gotenschar Untergang die Stadt nur zu übergeben ihrem natürlichen Beschützer und Haupt: dem Stadtpräfekten von Rom. Bist du damit zufrieden, Cethegus? Lies den Vertrag – gib ihn ihm, Basiliskos.»

Cethegus las in tiefer, freudiger Erregung; so hatten sie ihn doch nicht vergessen, seine Römer! So riefen sie doch nun, da alles zur Entscheidung drängte, nicht die gehaßten Byzantiner, sondern ihn, ihren Schirmherrn, zurück aufs Kapitol. Schon sah er sich wieder auf dem Gipfel der Macht.

«Ich bin's zufrieden», sagte er, die Rolle zurückgebend.

«Ich habe gelobt», sprach Narses, «keinen Versuch zu machen, die Stadt mit Gewalt in meine Hand zu bringen: erst muß König Teja dem König Totila nachgefolgt sein.

Dann Rom und – manches andre. Folge mir, Präfekt, in den Kriegsrat.»

Als Cethegus die Beratung in dem Zelt des Narses verließ und nach Tullus Faber forschte, war jede Spur von diesem verschwunden.

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