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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 144
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

In den Gotenzelten gingen schon seit mehreren Tagen dunkle Gerüchte von der Annäherung neuer Hilfsscharen von Osten her, die zugewanderte Goten meldeten.

Der König wußte von keinem Zuzug aus jener Richtung und sandte deshalb vorsichtig, einem etwaigen Flankenangriff der Byzantiner zu begegnen, Graf Thorismut, Wisand, den Bandalarius, und den jungen Adalgoth mit einigen berittenen Sajonen auf Kundschaft aus.

Aber am Tage darauf schon kamen diese zurück, und Graf Thorismut sprach frohen Angesichts, da er mit Adalgoth in das Zelt des Königs trat: «Ich bringe dir, o König, einen alten Freund zur rechten Stunde.» – «Er gleicht ganz dem Königstiger», fiel Adalgoth ein, «den du in den letzten Zirkusspielen dem Volke zu Rom gezeigt. Nie sah ich solche Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier.» – «Er wird dir hochwillkommen sein – da ist er schon.»

Und vor dem König stand – Furius Ahalla, der Korse.

Er neigte das stolze, noch tiefer gebräunte Antlitz und legte die linke Hand auf die Brust «Ich grüße dich, König der Goten.»

«Willkommen, Weltumsegler, in Italien. Woher kommst du?» – «Von Tyrus.» – «Und was führt dich zurück?» – «Das, o König, kann ich nur dir vertraun.»

Auf einen Wink Totilas verließen die andern das Zelt: da faßte der Korse in fiebernder Erregung seine beiden Hände. «O sage ja, sage ja: mein Leben, – mehr als mein Leben hängt daran!»

«Was meinst du?» fragte der König, mit unwilligen Staunen zurücktretend. Die heiße, wilde, hastige Art des Mannes war seiner Natur sehr entgegen.

«Sage ja: du bist mit des Westgotenkönigs Agila Tochter verlobt? – Valeria ist frei?»

Der König furchte die Stirn und schüttelte zürnend das Haupt. Aber ehe er sprechen konnte, fuhr der Korse in heftiger Erregung fort: «Staune nicht – frage nicht! Ja: ich liebe Valeria mit aller Glut, fast hass' ich sie: – so lieb' ich sie. Ich warb um sie vor Jahren. Ich erfuhr, sie sei dein: – vor dir trat ich zurück: – erwürgt hätt' ich jeden andern mit diesen Händen. Ich eilte fort, ich stürzte mich in Indien, in Ägypten in neue Gefahren, Abenteuer, Schrecknisse, Genüsse. Umsonst. Ihr Bild blieb unvermischt in meiner Seele. Höllenqualen der Entbehrung erlitt ich um sie. Ich dürstete nach ihr wie der Panther nach Blut. Und ich verfluchte sie, dich und mich. Und ich wähnte, längst sei sie dein geworden.

Da traf ich im Hafen von Alexandria auf westgotische Schiffe aus Spanien, und die Männer, alte Handelsfreunde von Valerius und mir, erzählten von deiner Erhebung zum König: und als ich nach Valeria, deiner Königin, forschte, beteuerten sie, du seist unvermählt, und sie fügten bei, ihr König Agila habe dir seine Tochter und ein Waffenbündnis angetragen gegen Byzanz: du habest das angenommen. Aber vor allem, wiederholten sie – ja, sie beschworen es, da ich zweifelnd in sie drang – du seiest unvermählt, und deine frühere Braut Valeria, die ihnen sehr wohl bekannt, lebe einsam zu Taginä.

‹Valeria frei!› jauchzte alles in mir auf. Noch dieselbe Nacht lichtete ich die Anker meiner Schiffe, nach Italien zu eilen. Auf der Höhe vor Kreta stieß ich auf ein stattliches Geschwader. Es waren persische Reiter, die Justinian geworben und auf Kauffahrteischiffen nach Italien gegen dich senden wollte unter ihrem Häuptling Isdigerdes, meinen alten Bekannten. Von ihnen erfuhr ich, mit welch' gewaltiger Macht Narses dich bedrohe.

Und nun, König Totila, beschloß ich, die alte Dankesschuld zu zahlen.

Es gelang mir, indem ich das Doppelte bot, Isdigerd und seine Reiter – es sind ganz auserlesene Scharen, – in meinen Sold zu gewinnen, und ich führe sie dir zu: wie ich von deinen Grafen höre, zu höchst erwünschter Verstärkung. Es sind mehr als zweitausend Pferde.»

«Sie sind sehr willkommen», sprach Totila erfreut, «ich danke dir.»

«Daß du noch unvermählt, ward mir bestätigt», fuhrt der Korse fort – «aber – sie sagen – Valeria sei nicht frei – sie sei noch immer –: ich wollt' es, konnt' es, kann es nicht glauben – kann nicht die Hoffnung – nein, nein, schüttle nicht das Haupt. – Ich beschwöre dich: sage ja, sie ist frei.» – Und wieder griff er nach des Königs Händen.

Aber dieser machte sich los, nicht ohne Zeichen des Zornes. «Noch immer die alte, verderbliche, unbändige Glut! Wann erkaltet die Lava? Noch immer – ja, der Sänger hat recht: – die unheimliche Art des Tigers – man kann jeden Augenblick den Sprung im Nacken spüren.»

«Predige nicht, Gote», zürnte der Korse, «sage ja oder nein – ist Valeria... –?»

«Mein ist Valeria», rief heftig der König, «mein jetzt und ewig.»

Da stieß der Korse einen Schrei des Schmerzes, des Ingrimms aus und schlug sich beide Fäuste mörderisch an die Stirn. Dann warf er sich auf das Feldbett des Zeltes, schüttelte den Kopf auf den Kissen hin und her und stieß ein dumpfes Stöhnen aus.

Eine Weile sah ihm Totila mit schweigendem Staunen zu: endlich trat er zu ihm und hielt seine Rechte fest, die seine Brust zerhämmerte. «Fasse dich doch! Bist du ein Mann oder ein pfeilwunder Eber? Ist das manneswürdig, menschenwürdig? Ich dächte: du hast es mit Schmerzen gelernt, wohin sie führt, deine sinnlose Wut.»

Laut schreiend fuhr Ahalla auf, die Hand am Dolch.

«Ah, du bist es, der so sprach – der mich mahnt. Du allein darfst es: du allein kannst es! Aber ich sage dir: – tu's doch nicht wieder. Ich kann es auch von dir nicht tragen. Oh, du solltest nicht schelten, beklagen solltest du mich.

Was wißt ihr Nordlandherzen von der Glut in diesen Adern! Was ihr lieben nennt, ist mattes Sterngeflimmer. Mein Lieben ist brennendes Feuer – ja Lava, du hast recht: – wie mein Haß. Wüßtest du, wie ich um sie gelitten, wie ich aufgeglüht in Hoffnung, wie ich dich segnete und liebte und nun – alles dahin.» Und abermals begann er zu toben.

«Ich fasse dich nicht», sprach Totila streng, im Zelte auf und nieder schreitend und den Tobenden sich selbst überlassend. «Du hast eine niedere Art, vom Weib zu denken.»

«Totila!».drohte der Korse.

«Ja, eine niedere, gemeine Art. Wie von einer Ware, einem Roß etwa, das der zweite haben kann, wenn es der erste nicht festhält. Hat ein Weib keine Seele, nicht Willen und Wahl?

Und wähnst du denn, wenn ich wirklich mit einer andern vermählt oder gestorben wäre, glaubst du denn, Valeria würde dann ohne weiteres dein? Wir sind doch sehr verschieden von Art, Korse. Und ein Weib, das Totila geliebt, wird schwerlich sich trösten mit Furius Ahalla.»

Wie vom Blitz getroffen fuhr der Korse empor.

«Gote, du bist ja sehr stolz. Solcher Hochmut war dir früher fremd. Hat dich der goldne Reif so hochfahrend gemacht? Du wagst es, auf mich herabzusehn? Das trage ich von keinem Mann: – auch nicht von dir. Nimm zurück, was du da gesagt.»

Aber Totila zuckte die Achseln. «Die Eifersucht, die blinde Wut verwirrt dich. Ich habe gesagt: wer mich liebt, wird nicht nach mir dich lieben. Und das ist so wahr, daß selbst deine Wildheit es einsehen muß. Denke dir Valeria, die streng verhaltene, marmorne, vestalische: – und deine maßlos ungezähmte Art. Valeria ist kein weiches Syrerkind wie jene Zoe.»

«Nenne den Namen nicht», stöhnte der Korse.

«Valeria scheut deine Wildheit: – sie hat mir selbst einmal gesagt Grauen flößest du ihr ein.»

Da sprang Furius hinzu und faßte des Königs beide Schultern mit den Händen. «Mensch – du hast ihr gesagt? Hast ihr jenes Unheil aufgedeckt? Du hast? – Dann sollst du nicht... –»

Aber Totila stieß ihn jetzt unsanft zurück. «Genug dieses unwürdigen Tobens. Nein, ich habe es ihr nicht gesagt – bis jetzt. Aber wohl hättest du's verdient. Noch immer, nach solcher Erfahrung» – –

«Schweige davon», drohte der Korse.

«Ohne Gewalt über dich in Liebe, Haß und Zorn.

Du packst deinen Freund an wie ein Rasender, wie ein Raubtier. Wahrlich, kennte ich nicht den edlen Kern in dir, diese Wildheit hätte mich längst von dir abgewendet. Mäßige dich oder verlasse mich.» Und der König heftete seinen leuchtenden Blick streng, nicht ohne den Ausdruck überlegener Hoheit, auf den Korsen.

Diesen Blick ertrug der Leidenschaftliche nicht. Er bedeckte die Augen mit der Hand und sprach nach einer Pause mit gebrochener Stimme: «Verzeih mir, Totila. Es ist vorbei. Aber wiederhole nicht jenen Ton, diesen Blick. Er hatte mich in jener Schreckensnacht mehr gebändigt als dein Arm. Ich scheue und hasse ihn durcheinander. Zur Sühne, wenn ich dich verletzt, will ich morgen selbst deine Schlacht mit kämpfen, an deiner Seite, wie meine Reiter.»

«Sieh, das ist dein edler Kern, Furius», sprach der König, «daß du – trotz deiner Enttäuschung – dein Geschenk erfüllen willst. Ich danke dir nochmal. Deine Hilfe, deine Reiterschar macht mir die Durchführung eines trefflichen Schlachtplans möglich, auf den ich seufzend hatte verzichten müssen, aus Mangel an Rossen.»

«Deine Feldherren, die du zum Kriegsrat entboten», meldete ein Sajo, «harren vor dem Zelt.» – – «Führe sie ein! Nein, Furius: du bleibst und hörst alles mit an – deine Aufgabe ist die wichtigste nach der meinen.»

«Ich bin stolz darauf und werde sie lösen, daß du zufrieden sein sollst mit dem ‹Raubtier›.»

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