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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Sechstes Kapitel

Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, daß Daphnidion sich's nicht nehmen ließ, die Domina müsse die Nymphen oder gar den altehrwürdigen Waldgott Picus selbst gesehen haben.

Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefühle löste sich in einem Strom von heißen Tränen, und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen Rusticianas Antworten und Aufschluß zu geben.

In der tiefen Seele des Kindes wogte ein schweres Ringen.

Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mädchen nicht ganz entgangen, daß der schöne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die dunklen Augen auf ihr ruhen ließ, daß er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr bestimmt ins Bewußtsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen Blick ertappte und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch Kinder. Sie wußte nicht zu nennen, was in Athalarich vorging kaum wußte er es selbst, und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch sie gern in seiner Nähe lebte, gern dem kühnen, von der Art aller andrer Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen Gärten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Träumereien abgerissene, aber immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie schwärmerischer Jugend, sie so völlig verstand und würdigte.

In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe ihres über alles geliebten Vaters.

Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glühender Haß gegen den Mörder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte Boëthius, selbst in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein hochmütiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen, und seit seinem Untergang atmete natürlich die ganze Umgebung Kamillas, die Mutter, die beiden rachedürstenden Brüder, die Freunde des Hauses, nur Haß und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mörder und Tyrannen Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des Königs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht verhindert. So hatte das Mädchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht. Und wann er genannt wurde, oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all ihr Haß gegen die Barbaren in höchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener Neigung zitterte, die sie zu dem schönen Königssohn gezogen. –

Und nun – nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit tückischem Streich zu treffen!

Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn erkannte, blitzschnell erfaßt, daß er es war, der, wie die Fassung der Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhaßte Feind, der Sproß des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres Vaters klebte, der König der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie glühend Erz auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglücken. Für ihn hatte sie Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkühnt, ihren Schritten zu folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wünsche zu erfüllen: – und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all dies, der Gedanke, warum er das getan. Er liebte sie. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, daß des Boëthius Tochter –

Oh, es war zu viel! Und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in die Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschöpfung auf sie niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle folgend, sofort die Villa und die verhaßte Nähe des Königs fliehen und ihr Kind jenseits der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte bisher den Aufbruch verhindert, und sowie der Präfekt das Haus betrat, schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er nahm Rusticiana allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hörte er daselbst, den Rücken an einen Lorbeerstamm gelehnt, das Kinn in die linke Hand gestützt, ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu.

«Und nun rede», schloß sie, «was soll ich tun? Wie soll ich mein armes Kind retten? Wohin sie bringen?»

Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen pflegte, halb geschlossen hatte.

«Wohin Kamilla bringen?» sagte er. «An den Hof, nach Ravenna.»

Rusticiana fuhr empor: «Wozu jetzt der giftige Scherz!»

Aber Cethegus richtete sich rasch auf.

«Es ist mein Ernst. Still – hör mich. Kein gnädigeres Geschenk hat das Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen können. Du weißt, wie völlig ich die Regentin beherrsche.

Aber nicht weißt du, wie völlig machtlos ich bin über jenen eigensinnigen Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiß nicht, ob er mich mehr fürchtet oder mehr haßt. Das wäre mir ziemlich gleichgültig, wenn der Verwegene mir nicht sehr entschieden und sehr erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer älter, reifer, gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig seine Jahre. Er nimmt ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt, daß der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird höchst gefährlich. Und ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt über ihn. Zu seinem Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren beherrschen.»

«Nimmermehr!» rief Rusticiana. «Nie, solang ich atme. Ich an den Hof des Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! Des Boëthius Tochter! Sein blutiger Schatten würde...»

«Willst du diesen Schatten rächen? Ja, willst du die Goten verderben? Ja! Also mußt du wollen, was dahin führt.» – «Nie, bei meinem Eide!» – «Weib, reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei meinem Eide! Wie? Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir Rache verheißen? Hast du's nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, dich und deine Kinder verflucht für den Eidbruch? Man sieht sich vor bei euch Weibern. Gehorche oder zittere für deine Seele.»

«Entsetzlicher! Soll ich all meinen Haß dir, deinen Plänen opfern?»

«Mir? Wer spricht von mir? Deine Sache führ' ich. Deine Rache vollend' ich. Mir haben die Goten nichts zuleid getan. Du hast mich aufgestört von meinen Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten. Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurück zu Horatius und der Stoa! Leb' wohl.»

«Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?»

«Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie soll ihn nur beherrschen. Oder», fügte er, sie scharf ansehend, hinzu, «fürchtest du für ihr Herz?» – «Deine Zunge erlahme! Meine Tochter ihn lieben? Eher erwürg' ich sie mit diesen Händen.»

Aber Cethegus war nachdenklich geworden.

Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr! Aber wenn sie ihn liebt – und der Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch... «Wo ist deine Tochter?» fragte er laut.

«Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde nie einwilligen, nie.»

«Wir wollen's versuchen. Ich gehe zu ihr.»

Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber Cethegus wies sie zurück.

«Allein muß ich sie haben!» sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei seinem Anblick erhob sich das schöne Mädchen von den Teppichen, auf denen sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden, begrüßte sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt.

«Du weißt, Cethegus?» – «Alles.» – «Und du bringst mir Hilfe.»

«Rache bring' ich dir, Kamilla!»

Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine zornige Abweisung der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung für die Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene Schmach! Rache an den Mördern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern kochte das heiße Blut des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cethegus' Wort!

«Rache? Wer wird mich rächen? Du?» – «Du dich selbst! Das ist süßer.»

Ihre Augen blitzten. «An wem?» – «An ihm. An seinem Haus. An allen unsern Feinden.» – «Wie kann ich das? Ein schwaches Mädchen?» – «Höre auf mich, Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëthius edler Tochter sag' ich, was ich sonst keinem Weib der Erde vertrauen würde. Es besteht ein starker Bund von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus diesem Lande: das Schwert der Rache hängt über den Häuptern der Tyrannen. Das Vaterland, der Schatten deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.»

«Mich? Ich – meinen Vater rächen? Sprich!» rief hocherglühend das Mädchen, die schwarzen Haare aus den Schläfen streichend. «Es gilt ein Opfer. Rom fordert es.» – «Mein Blut, mein Leben! Wie Virginia will ich sterben.» – «Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der König liebt dich. Du mußt nach Ravenna. An den Hof. Du mußt ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle haben keine Macht über ihn. Nur du hast Gewalt über seine Seele. Du sollst dich rächen und ihn vernichten.»

«Ihn vernichten?!» – Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefühle, Tränen brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. – Cethegus stand auf «Vergib», sagte er. «Ich gehe. Ich wußte nicht, daß du den König liebst.»

Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des Mädchens Brust. Sie sprang auf und faßte ihn an der Schulter:

«Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewußt, daß ich hassen kann.» – «So beweis' es. Denn ich glaub' es dir nicht.» – «Ich will dir's beweisen!» rief sie. «Sterben soll er! Er soll nicht leben!»

Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr schwarzes Haar flog um die weißen Schultern.

Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiß es noch nicht. Sie haßt ihn daneben. Und das allein weiß sie. Es wird gehn.

«Er soll nicht leben», wiederholte sie. «Du sollst sehen», lachte sie, «wie ich ihn liebe! Was soll ich tun?» – «Mir folgen in allem.» – «Und was versprichst du mir dafür? Was soll er erleiden?» – «Verzehrende Liebe bis zum Tod.» – «Liebe zu mir? Ja, ja, das soll er!» – «Er, sein Haus, sein Reich sollen fallen.»

«Und er wird wissen, daß durch mich –» – «Er soll es wissen. Wann reisen wir nach Ravenna?»

«Morgen! Nein, heute noch.» Sie hielt inne und faßte seine Hand: «Cethegus, sage, bin ich schön?»

«Der Schönsten eine.»

«Ha!» rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. «Er soll mich lieben und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muß ihn sehen!» Und sie stürmte aus dem Gemach. Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei Athalarich zu sein.

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