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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 134
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Siebzehntes Kapitel

Und der König entsiegelte die äußeren Schnüre und las:

«Dies hat geschrieben Hildegisel, des Hildemut Sohn, den sie den Langen nennen, ehemals Priester, dermalen Burgmann zu Teriolis. Geschrieben auf Vorsprechen des alten Iffa: und ist alles wahrhaftig aufgeschrieben. Also: nun kommt's.

Das Latein ist wohl oft nicht, wie es in der Kirche gesungen wird. Aber Ihr werdet's schon verstehn, Herr König.

Denn wo's schlecht Latein, da ist's gut Gotisch. Also nun kommt's aber wirklich.

So spricht Iffa, der Alte: ‹Herr König Totila. Was in dieser hier eingewickelten Rolle geschrieben steht, ist die Niederschrift des Mannes Wargs, der aber nicht mein Sohn war und nicht Wargs hieß – sondern Alarich hieß er und war der Balte, der verbannte Herzog von –›»

Ein Ruf des Staunens ging durch die Versammlung der Goten. Der König hielt inne. Herzog Guntharis aber sprach:

«Dann ist Adalgoth, der sich den Sohn des Wargs nannte, der Sohn des Balten Alarich, den er selber als des Königs Herold, umreitend in allen Städten auf weißem Roß, mit lautem Heroldspruch gesucht. Und niemals sah ich größere Ähnlichkeit als die zwischen Vater Alarich und Sohn Adalgoth.»

«Heil dir, Herr Herzog von Apulien!» rief lächelnd Totila und schloß den Knaben in die Arme.

Sprachlos vor Staunen sank Gotho nieder in die Knie, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und zu Adalgoth aufblickend seufzte sie: «Also nicht mein Bruder? O Gott! – Heil dir, Herr Herzog von Apulien. Leb' wohl, auf immer!» und sie stand auf und wandte sich, zu gehen.

«Nicht meine Schwester?» jubelte Adalgoth. «Das ist das Beste an dem ganzen Herzogtum Apulien! Halt da» – und er fing sie auf, drückte ihr Köpfchen an die Brust, küßte sie herzhaft auf den Mund und sprach zum König: «Herr König Totila, nun gebt uns zusammen. Hier ist meine Braut – hier steht meine Herzogin.»

Totila aber, welcher einstweilen beide Urkunden durchflogen hatte, lächelte: «Ja, da braucht's nicht Salomons Königsweisheit dazu, hier das Rechte zu finden. – Junger Herzog von Apulien, so verlob' ich dir die Braut.»

Und er legte das weinende, lachende Kind in seine Arme. Zu den Goten umher aber sprach er: «Vergönnt, daß ich euch aus dem etwas ungeschlachten Latein von Hildemuts Sohn – ich kannte ihn: besser war er mit dem Speer als mit der Feder zu brauchen – und dem Testament des Herzogs die Wunder kurz erkläre, die wir hier sehen. Herzog Alarich beteuert hier seine Unschuld.»

«Die ist jetzt erwiesen: durch seinen Sohn», rief Herzog Guntharis, «und ich hatte nie an seine Schuld geglaubt.»

«Er erfuhr erst spät den geheimen Ankläger. Unser Adalgoth hat dessen Namen aus der zertrümmerten Cäsarstatue ans Licht gebracht. Cethegus der Präfekt hatte eine Art Tagebuch geführt, in geheimer Schrift: aber Cassiodorus hat sie, mit Staunen und Entsetzen über die Frevel des so lang von ihm bewunderten Mannes, entziffert. Da fand sich ein Eintrag folgenden Inhalts in dem vor etwa zwölf Jahren geschriebenen Anfang: ‹Baltenherzog verurteilt. Daß er unschuldig, glaubt nur noch er selbst und sein Ankläger. Wer Cethegus ins Herz trifft, soll nicht leben. Als ich damals am Tiberufer aus Tod gleicher Betäubung erwachte, war diese Rache mein erster Gedanke: sie ward mein Schwur: er ist erfüllt.›

Geheimnis schwebt noch auf den Gründen dieser Rachsucht: doch müssen sie irgendwie zusammenhängen mit Julius Manilius Montanus, unserem Freund. Wo ist er? –»

«Er hat sich mit Cassiodorus schon wieder in die Peterskirche zurückbegeben», sprach Graf Teja: «du mögest sie entschuldigen: sie beten um diese Stunde jeden Tag um den Frieden mit Byzanz. Und Julius auch für des Präfekten Seele», fügte er mit bittrem Lächeln bei. «Nur schwer hatte König Theoderich an die Schuld des tapfren Herzogs geglaubt, mit welchem innige Freundschaft ihn verbunden.»

«Hatte er ihm doch», fiel Herzog Guntharis ein, «einst einen breiten, goldnen Armreif geschenkt mit einer Runenschrift.»

Der König fuhr fort, aus der Rolle lesend: «Und diesen Armreif hier habe ich mitgenommen in Verbannung und Flucht mit meinem kleinen Knaben. Dieser Armreif, entzweigebrochen zwischen dem Runenspruch, mag einstmals die echte Geburt meines Sohnes als Wahrzeichen beweisen.»

«Er trägt das Wahrzeichen im Antlitz», meinte Herzog Guntharis.

«Aber es fehlt auch an dem goldnen nicht», sprach Adalgoth: «wenigstens ein Stück hat mir der alte Iffa mitgegeben: hier ist's», und er holte nun den halben Armreif, den er an einer Schnur auf der Brust trug, hervor. «Ich habe nie den Sinn der Runen enträtseln können:

‹Dem Balten –
Dem Falken –
In Not –
Dem Freunde –›»

«Ja, dir fehlte die andre Hälfte, Adalgoth», sprach die Hirtin und holte aus dem Busentuch das zweite Stück. «Sieh, hier lauten die Runen:

‹der Amaler,
der Adler,
und Tod,
der Freund.›»
«‹Dem Balten der Amaler.
Dem Falken der Adler.
In Not und Tod
Dem Freunde der Freund›»

So las, nun beide Halbringe zusammenhaltend, Teja.

Totila aber fuhr fort: «Endlich aber hatte mich der König nicht mehr schützen können, als ihm Briefe vorgelegt wurden, so meisterhaft gefälscht und meiner Handschrift nachgebildet, daß ich selbst, als mir zuerst ein harmloser Satz aus dem Inhalt, auf einem herausgeschnittenen Pergamentstreifen, vorgelegt wurde, ohne weiteres anerkannte ‹ja, das hab' ich geschrieben›. Da paßten die Richter den Streifen wieder in das Pergament und lasen mir das ganze vor: und so sollte ich denn geschrieben haben an den Hof von Byzanz, ich wolle den König ermorden und Süditalien räumen, wenn man in Byzanz mich als König von Norditalien anerkennen wolle. Da verurteilten mich die Richter.

Als ich aus dem Saal geführt wurde, traf ich auf dem Gange Cethegus Cäsarius, meinen langjährigen Feind –: es war mir gelungen, ein Mädchen, um das er warb, dem unheimlichen Mann zu entziehen und einem wackern Freund in Gallien als Gattin zuzuführen – er drängte sich durch die Wachen, schlug mir die Schulter und sprach: ‹Wem die Liebe entrissen, den tröstet der Haß.› Und an seinem Blick erriet ich es: er und kein andrer war der falsche Ankläger.

Als letzte Gnade gewährte mir der König die Mittel, aus dem Kerker zu entfliehen. Aber ich ward geächtet, friedlos gehetzt mit meinem ganzen Haus; mein Erbe eingezogen. Lang zog ich unstet in den Nordbergen umher, bis ich mich entsann, daß auf dem Berg der Iffinger bei Teriolis altgetreue Gefolgen meines Geschlechts siedelten: dorthin wanderte ich mit meinem Knaben und wenigen Schatzstücken des Baltenhauses.

Und die Getreuen nahmen mich auf und meinen Knaben und bargen mich unter dem Namen Wargs – ‹der Verbannte› – und gaben mich für den Sohn des alten Iffa aus und entfernten alle unverlässigen Knechte, die mich hätten verraten können. Und so leb' ich im Verborgnen manches Jahr.

Meinen Sohn aber will ich und sollen nach mir die Iffinger erziehen zur Rache an Cethegus, dem Verräter.

Ich hoffe, einst kommt der Tag, der meine Unschuld aufdeckt. Bleibt er aber allzulang aus, dann soll mein Sohn, wann er schwertreif geworden, hinunterziehen vom Iffaberg gen Italien, den Vater zu rächen an Cethegus Cäsarius. Dies ist mein letztes Wort an meinen Sohn.»

«Bald aber, nachdem der Herzog dies geschrieben hatte», las der König aus der andern Rolle weiter, «verschüttete ihn mit einigen meiner Gesippen der Berg in einem Felsenrutsch. Ich aber, Iffa der Alte, habe den Knaben als meinen Enkel auferzogen und als Gothos Bruder, weil immer noch die Friedlosigkeit lastete auf dem Geschlecht des Herzogs Alarich und ich nicht auch auf ihn die Rache des Höllenmannes lenken wollte. Und auf daß der Junge andern ganz gewiß nichts von seiner gefährlichen Abkunft sagen könne, habe ich ihm selber nichts davon gesagt.

Als er aber nun schwertreif geworden und ich vernahm, daß in Romaburg ein milder und gerechter König walte, der den höllischen Präfekten niederkämpfe wie der Morgengott den Nachtriesen, da sandte ich jung Adalgoth zur Rache aus und erzählte ihm, daß er ein edles Adelshaupt, den Schutzherrn unsres Geschlechts, nach seines Vaters Auftrag an Cethegus, dem grimmen Verfolger und Verderber, zu rächen habe. Aber daß er Alarichs, des Baltenherzogs Sohn, verschwieg ich ihm, denn ich scheute die Acht, die noch auf ihm lag. Seines Vaters Name konnte ihm, solang die Schuld darauf haftete, nichts nützen, nur schaden.

Ganz eilfertig aber schickte ich ihn fort, seit ich erkannte, daß ihn selbst die geglaubte Schwesterschaft nicht abgehalten, meine Enkelin Gotho gar unbrüderlich lieb zu gewinnen. Ich hätte ihm nun zwar wenigstens sagen können, daß Gotho nicht seine Schwester. Das aber soll mir fern sein, daß ich meines alten Herrn-Hauses altadligen Sproß, gleichsam durch Betrug, mit meinem Blut, mit dem schlichten Hirtenkind, verbände. Nein: er wird, wenn Recht auf Erden lebt, dereinst der Herzog von Apulien, wie sein Vater vor ihm. –

Und da ich fürchte, daß ich zu sterben komme und Adalgoth noch keine Kunde von des Präfekten Untergang geschickt hat, habe ich den langen Hildegisel gebeten, dies alles aufzuschreiben.

(Und ich, Hildegisel, habe für die Schreibung zwanzig Pfund besten Käse erhalten und zwölf Krüge Honig, was ich dankbar bekenne, und beide waren sehr gut.)

Und mit alle dem und mit den Schatzstücken, mit den blauen Steinen und feinen Gewändern aus dem Balten-Erbe, und den Goldsolidi sende ich das Kind Gotho an den gerechten König Totila: ihm soll sie alles aufdecken. Er wird die Acht, die Friedlosigkeit nehmen von dem unschuldigen Sohn des unschuldigen Mannes. Und wenn Adalgoth weiß, daß er der edeln Balten Sproß und daß Gotho nicht seine Schwester – dann mag er tun nach seinem Willen: er soll dann frei die Hirtin wählen oder meiden. Nur das wisset, daß der Iffinger Geschlecht nie unfrei war, sondern vollfrei von jeher, wenn auch in des Baltenhauses Schutz. König Totila, du entscheide über sie.»

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