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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 124
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Siebentes Kapitel

Cethegus tat einen tiefen Zug aus dem vor ihm stehenden Becher, der in getriebenem Golde einen Turm darstellte.

Er war wesentlich verändert seit jener Nacht zu Rom.

Schärfer waren die Furchen an den Schläfen, noch fester geschlossen der Mund, die Unterlippe herb emporgehoben, seltener spielte jenes ironische Lächeln um die Mundwinkel, das ihn verjüngte und verschönte. Die Augen waren nun gewöhnlich halb geschlossen.

Nur manchmal öffneten sie sich voll, den gefürchteten Blick zu sprühen, der noch grimmiger durchbohrend traf.

Nicht älter, aber eiserner, schärfer, schonungsloser noch schien er geworden.

«Du kennst», hob er an, «den Lauf der Dinge bis zum Fall von Rom. Ich sah in jener Nacht fallen die Stadt, das Kapitol, mein Haus, meinen Cäsar. Der krachende Sturz dieses Bildes schmerzte brennender als die Pfeile der Goten und selbst der Römer.

Die Sinne schwanden mir vor Schmerz und Zorn, als ich den Mörder meines Cäsar strafen wollte. Ich brach in der Bibliothek an der Statue des Zeus zusammen.

Ich erwachte wieder durch den kühlen Hauch der Nachtluft und des Tiberstromes, der schon einmal, – vor zwanzig Jahren! – den Todwunden neu belebt.»

Eine finstre Wolke zog über die mächtige Stirn.

«Davon ein andermal vielleicht – vielleicht auch nie», sprach er, eine Frage seines Wirtes abschneidend.

«Diesmal hatten mich gerettet Lucius Licinius – sein Bruder ist für Rom und mich gefallen – und der treue Maure, der wie durch ein Wunder dem schwarzen Wüterich Teja entgangen war. Zur Vordertüre von diesem hinausgeschleudert – in seiner Gier, den Herrn zu erreichen, nahm sich der Barbar nicht die Zeit, den Diener zu morden – eilte er an die Hintertüre. Dort traf er auf Lucius Licinius, der, von mir getrennt durch die Volkshaufen, erst jetzt mein Haus von der Seitengasse her erreichte.

Beide eilten nun durch die geöffneten Türen auf der Spur meines Blutes bis in den Zeussaal mir nach.

Dort fanden sie mich bewußtlos: und hatten gerade noch Zeit, mich in meinem Mantel wie eine leblose Ware zum Fenster hinaus in den Hof hinabzulassen. Syphax war zuerst hinabgesprungen und fing mich im Herabgeiten auf aus den Händen des Tribuns. Dieser sprang nach, und rasch trugen sie mich in meinem Mantel aus der Hintertür des brennenden Hauses hinab an den Fluß.

Dort war es nun ziemlich leer. Denn alle Goten und die gotenfreundlichen Römer waren dem König auf das Kapitol gefolgt, dort den Brand zu löschen. Er hatte ausdrücklich befohlen – ich hoffe zu seinem blutigen Verderben! – alle Nichtkämpfenden zu verschonen und nicht zu behelligen. So ließ man denn auch meine beiden Träger überall durch mit ihrer Last. Man glaubte, sie trügen einen Toten.

Und sie glaubten es selbst eine Zeitlang.

Im Fluß fanden sie einen leeren Fischerkahn voller Netze. Sie legten mich hinein, Syphax warf meinen blutigen Mantel mit dem purpurnen Abzeichen des ‹princeps Senatus› auf das Ufer, die Feinde zu täuschen, bedeckten mich mit Segeltüchern und Netzen und ruderten den Fluß hinab, durch die noch immer brennenden Nachen hindurch. Hinter diesen erwachte ich: Syphax wusch mir die Stirn mit Tiberwasser.

Mein erster Blick fiel auf das brennende Kapitol.

Sie sagen, mein erster Ruf war: ‹Umkehren! Das Kapitol!› Und mit Gewalt mußten sie den Fieberwirren halten. Mein erster klarer Gedanke natürlich war: ‹Wiederkehr! Wiedervergelten! Wiedergewinnung Roms!›

Im Hafen Portus trafen wir ein italisches Getreideschiff. Darauf waren sieben Ruderer. Meine Retter hielten an dem Schiff, sich Brot und Wein zu erbitten. Denn beide waren auch verwundet. Da erkannten mich die Ruderer.

Einer wollte mich gefangen den Goten ausliefern, hoher Belohnung gewiß. – Aber die andern sechs waren alte Schanzarbeiter von mir an dem Grabmal Hadrians, ich hatte sie jahrelang genährt. Sie erschlugen den siebenten, der laut die Goten heranrief, und sie versprachen Lucius, mich zu retten, wenn sie irgend vermochten.

In hohen Getreidehaufen bargen sie mich vor den gotischen Wachtschiffen, welche die Ausfahrt des Hafens hüteten. Lucius und Syphax ruderten mit in Schiffertracht. So entkamen wir. Aber an Bord dieses Schiffes war ich dem Tode nahe durch meine Wunden. Nur des Mauren Pflege und die Seeluft haben mich gerettet. Tagelang, sagen sie, sprach ich nur die Worte: ‹Rom, Kapitol, Cäsar.›

Gelandet auf Sizilien bei Panormos im Schutz der Byzantiner, genas ich rasch. Mein alter Freund Cyprianus, der mich einst zu Ravenna in den Palast Theoderichs eingelassen, da ich Präfekt von Rom werden sollte, empfing mich dort als Hafenarchon. Kaum genesen, ging ich von Sizilien nach Kleinasien oder, wie ihr sagt, Asiana, auf meine Güter – du weißt, ich hatte herrliche Latifundien bei Sardes, Philadelphia und Tralles...» –

«Du hast sie nicht mehr, – die säulenreichen Villen?»

«Ich verkaufte sie alle. Denn ich mußte doch sofort aufs neue Söldner werben, Rom und Italien zu befreien.»

«Tenax propositi!» rief staunend Prokopius. «Du hast die Hoffnung noch nicht aufgegeben?»

«Kann ich mich selbst aufgeben? Mit dem Erlös – er war nicht klein: die Villen an der Küste bei Ephesos und Jassos ließ Furius Ahalla kaufen – ging ich zu meinen alten Gastfreunden im Lande der Isaurier, Armenier und Abasgen. Einen Isaurerfürsten mußte ich totschlagen, weil er nachts mein Zelt überfiel und mein Gold ohne andere Gegenleistung als einen Dolchstoß gewinnen wollte. Darauf warb ich der Söldner eine gute Zahl.

Aber freilich: Narses hat sie teuer gemacht, er verwöhnt sie und verdirbt das Geschäft. Sie sterben nicht mehr so billig wie früher. Er hat viele tapfre Häuptlinge für sich gewonnen.

Ich mußte mich noch nach andern Völkern umtun.

Nun sitzt da unten in Pannonien ein nicht gar volkreicher, aber sehr wilder und tapfrer Germanenstamm, den ich durch deine Schilderungen, o Vortrefflicher, erst recht entdeckt – durch seine blutigen Kriege mit den Gepiden bekannt.»

«Ah», rief Prokop, «die wilden Langobarden! Gott gnade deinem Italien, wenn die je einen Fuß hineinsetzen. Der Langobarde ist wie der Wolf im Vergleich mit dem Schäferhund, dem Goten, gegen das goldvließige Schaf Italien.»

«Rom soll aber selber wieder die alte Wölfin werden.

Ich würde sie schon wieder hinausschaffen aus meinem Vaterland, die Barbaren des Alboin! Zu diesen Langbärten – denn das soll des Namens Sinn sein – hab' ich Licinius auf Werbung geschickt. Mich freut es ganz besonders», schloß er grimmig, «Germanen durch Germanen zu verderben. Rom gewinnt bei jeder Wunde, die sich Langobarde und Gote hauen.»

«Du hast die Weisheit des Tiberius aus deinem Tacitus gelernt. Aber laß den Tacitus stehn – er ist zu herbe. Hier ist ein ausgezeichnetes Getränk: Ammianus Marcellinus! Wirklich ein geistreicher Gesell!»

«Wie wird man dereinst ‹Prokopius› beim Trinken beurteilen?»

«Bauwerke», sagte dieser «‹muffig›.»

«Perser- und Vandalenkrieg: ‹goldklar›», sprach Cethegus.

«Gotenkrieg – ‹zu sauer›», meinte dessen Verfasser, den Mund verziehend.

«Aber Geheimgeschichte», lächelte Cethegus «‹prickelnd – am Schluß der Mahlzeit nur tropfenweise zu schlürfen›.»

«Bah, ein Brechmittel», sagte Prokop, sich schüttelnd.

«Ich selbst aber», fuhr Cethegus fort, «eilte hierher in die Höhle eures – soll ich sagen: Löwen?»

«Das wäre zuviel gesagt», meinte Prokop: «selbst in den Bauwerken soll keine solche Lüge stehn.»

«Nun also: eures Fuchses oder Hamsters. Denn ich bin nicht so kühn wie der große Belisarius, mir einzubilden, mit Söldnerhaufen allein die Goten zu besiegen. Diese Barbaren haben das unverschämte Glück, ein Volk zu sein. Ihr König ist ihres Volkstums lebendiges Symbol. Es ist aber sehr schwer, ein Volk zu besiegen. Auch ein so plumpes, törichtes, dumpfes Volk wie diese Barbaren.» – «Namentlich», sprach Prokop beipflichtend, «ein Volk zu besiegen – ohne ein Volk.»

«Aber Byzanz ist, wenn kein Volk, ein Staat. Dieser Staat ohne Volk kann das Volk ohne Staat vernichten. Denn das ist ja kein Staat, was diese Goten ihr ‹Reich› nennen. Es ist nur die seßhaft gewordene Horde. Haben sie nicht unter jenem Witichis drei Heere in Waffen gegeneinander gehabt! Solcher Torheit, Unreife, Barbarei ist auch das Byzanz deiner Geheimgeschichte noch überlegen. Kaiser Justinian hat ja sein Wort verpfändet, Italien zu befreien. Wohlan, er soll gemahnt werden, es zu lösen. Ich will ihn mahnen, so lange, bis er's tut.»

«Da wirst du lang noch mahnen müssen.»

«So scheint's. Religion, Ruhm, Gold – nichts scheint ihn mehr zu rühren.

Laß sehn, ob nicht die Furcht ihn rührt.»

«Die Furcht? Vor wem?»

«Vor Cethegus – und vor dem Unbekannten. Ungenanntes Grauen ist stets das stärkste. – Natürlich hoffte ich lebhaft auf die Kaiserin. Wir kannten uns in der Jugendzeit. – Und wir wußten unsre Vorzüge zu schätzen schon damals. – Sie war das schönste Weib, das ich – bis damals – gesehn. Und ich – nun: ich... –»

«War Cethegus», sagte Prokop.

«Aber bei aller alten Neigung, die sie nicht verleugnete, als ich nun wieder vor sie trat: die Kaiserin war nicht für meinen Krieg. Ich verstehe sie darin nicht recht. Sie hält es plötzlich für christlicher, Kirchen zu bauen als Städte zu verbrennen. – Woher diese Wandlung? Sie ist doch noch zu jung für die allgemeine Wanderung ihresgleichen von – nun, sagen wir, von Kypros nach Golgatha.»

«So weißt du nicht», fiel Prokop ein, «was außer Justinian und dir – verzeih: Rom geht vor Byzanz: was außer dir und Justinian – das ganze Ostreich weiß?»

Die schöne Kaiserin ist krank, ist innerlich verzehrt von einem furchtbaren Leiden. Du staunst? – Ja, sie erträgt nicht nur, sie verbirgt es auch mit unerreichter Willenskraft vor Justinian. Denn dieser größte und kleinste aller Selbstlinge haßt die Kranken: er kann nichts in seiner Nähe haben, was an Leiden und Sterben mahnt.

So gewaltig ihn die Kaiserin beherrscht, – ich bin gewiß, entdeckte er ihr Leiden, er schickte sie, zärtlich besorgt, zur Heilung in die fernste Stadt der Reiches. Hat er es doch mit Germanus ähnlich gemacht, den er aufrichtig geliebt.

Darum trägt die Kaiserin Höllenqualen mit lächelndem Munde. Furchtbar sollen ihre Nächte sein. Aber bei Tage, in der Nähe des Kaisers, an der Tafel, in der Kirche, bei den Zirkusfesten birgt sie ihre Schmerzen mit übermenschlicher Kraft. Auch ihre Schönheit hat kaum merklich gelitten. Denn unerschöpflich ist das Arsenal ihrer Schönheitskünste. Nur noch zarter ist sie geworden. Aber fast noch gewaltiger an beherrschendem Geist.»

«Ein wunderbares Weib.»

«Ja, und so sehr sie im kleinen ihre Listen und Ränke pflegt: in großen Dingen, in Fragen des Staats läßt sie nie von ihrer Überzeugung.»

«Nie. Oder doch nur schwer. Schon wollte der Kaiser die Friedensvorschläge der Goten annehmen: Cassiodor und – ein andrer sollten siegen über mich. – Theodora sprach nicht für den Krieg – und alles schien für mich verloren.

Da fiel mir noch im letzten Augenblick ein, auf ihre Frömmigkeit zu wirken.

Ich erfuhr durch sie selbst, daß Justinian die beiden Gesandten zu günstigem Bescheid in den Palast berufen.

Am gleichen Mittag eilte ich zu ihr und sprach: ‹Du bauest den Heiligen neue Kirchen mit allem deinem Golde. Du kannst doch höchstens noch hundert bauen. Und trittst du Italien den Goten ab, so entreißest du für immer mehr als tausend Kirchen Christus, dem Gottessohn, und überweisest sie seinen verhaßten Feinden, den arianischen Ketzern. Glaubst du das wiegen deine hundert Bauten auf?› Das wirkte. Erschrocken sprang sie von dem Lager auf und rief:

‹Nein, das ist eine Sünde, die ich nicht begehen will!

Sind wir zu schwach, jene Kirchen den Ketzern zu entreißen, wollen wir doch nimmermehr sie ihnen ausdrücklich zuerkennen. Niemals darf der Kaiser ihnen Italien friedlich überlassen! Danke dir, Cethegus: manche gemeinsame Sünde unsrer Jugend werden uns die Heiligen vergeben, weil du mich abgehalten von dieser schwersten Sünde.›

Und sie lud ihren Gemahl zu sich zur Tafel: und unter ihren Blumen, Gebeten und Küssen entbrannte Justinianus aufs neue für die Sache Christi, verwarf die Friedensvorschläge, und der weise Cassiodor zog unverrichteter Dinge ab.

Der Friede ist verhütet. Den Krieg sofort zu erzwingen hab' ich noch kein Mittel. Aber ich werde es finden. Denn Rom muß frei werden von den Barbaren.»

Und ruhig hielt Cethegus inne, ergriff den Becher und trank: aber in ihm loderte tief verhaltne Leidenschaft.

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