Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 113
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Inzwischen aber stieg in dem belagerten Rom die Not und die Erschöpfung der Bürger auf den höchsten Grad.

Der Hunger lichtete die ohnehin so dünne Besatzung der weiten Wälle. Umsonst tat der Präfekt sein Äußerstes. Umsonst griff er zu allen Mitteln, bald der Überredung, bald der Gewalt. Umsonst verschwendete er sein Gold, neue Lebensmittel in die Stadt zu schaffen. Denn bis auf die letzten Körner fast waren die Getreidevorräte aufgezehrt, die er aus Sizilien hatte kommen und auf dem Kapitole bergen lassen.

Unerhörte Belohnungen verhieß er jedem Schiff, dem es gelänge, sich mit Vorräten durch die Flotte des Königs zu stehlen, jedem Söldner, der es wagte, sich durch die Tore und die Zelte der Belagerer hinaus- und mit Mundvorrat zurückzuschleichen. Die Wachsamkeit Totilas war nicht zu täuschen. Anfangs hatten einzelne geldgierige Waghälse des Präfekten Lohn zur Nacht hinausgelockt. Als aber Graf Teja jeden Morgen darauf über die Wälle beim flaminischen Tor ihre Köpfe schleudern ließ, verging auch den Begehrlichsten die Lust.

Teuer wurde das Aas der gefallenen Maultiere verkauft. Um das Unkraut und die Brennesseln, die sie gierig aus den Schutthaufen rupften, schlugen sich die hungernden Weiber. Der Hunger hatte längst gelehrt, das Uneßbare gierig zu verschlingen. Und nicht mehr zu zählen waren die Überläufer, die aus den Häusern, von den Mauern zu den Goten eilten. Teja zwar wollte diese mit Speerrechen zurückgetrieben wissen in die Stadt, sie desto früher zum Fall zu bringen. Totila aber befahl, sie alle aufzunehmen, zu speisen und nur darüber fürsorglich zu wachen, daß sie nicht durch plötzliche, maßlose Befriedigung des maßlosen Heißhungers, wie anfangs oft geschehen war, dem Tode verfielen.

Cethegus verbrachte nun jede Nacht auf den Wällen.

In wechselnden Stunden beging er selbst, mit Speer und Schild, musternd die Wachen, auch wohl eine Schildwache ablösend, der Schlaf und Hunger den Lanzenschaft aus der Hand zu lösen drohten. Solch Beispiel wirkte dann freilich wieder eine Weile ermannend auf die Tüchtigen: begeistert standen auch jetzt die Licinier, Piso und Salvius Julianus zu dem Präfekten und die blind ergebenen Isaurier.

Nicht aber alle Römer: so nicht Balbus, der Schlemmer.

«Nein, Piso», sagte dieser einst, «ich halte es nicht länger mehr aus. Es ist nicht in Menschenart. Wenigstens nicht in meiner. Heiliger Lucullus! Wer hätte das je von mir geglaubt! Ich gab neulich meinen allerletzten, größten Diamanten für einen halben Steinmarder hin»

«Ich weiß die Zeit», lächelte Piso, «da du den Koch in Eisen schmieden ließest, hatte er den Meerkrebs eine Minute zu lang sieden lassen.»

«O Meerkrebs! Bei der Barmherzigkeit des blassen Heilands! Wie kannst du dies Wort, dies Bild heraufbeschwören! Meine ganze unsterbliche Seele geb' ich für eine Schere, ja für den Schweif. Und niemals ausschlafen! Weckt nicht der Hunger, weckt das Wächterhorn.»

«Sieh den Präfekten an! Seit vierzehn Tagen hat er nicht vierzehn Stunden geschlafen. Er liegt auf dem harten Schild und trinkt Regenwasser aus dem Helm.»

«Der Präfekt! Der braucht nicht zu essen. Er zehrt von seinem Stolz, wie der Bär von seinem Fett, und saugt an seiner Galle. Ist ja nichts an ihm als Sehnen und Muskeln, Stolz und Haß! Ich aber, ach, ich hatte so lieblich weißes Fett angehäuft, daß mich im Schlaf die Mäuschen anbissen: sie hielten mich für einen spanischen Mastschinken. Weißt du das Neueste? Im Gotenlager ist heute eine ganze Herde feister Rinder eingetrieben worden – lauter apulische: Lieblinge der Götter und Menschen!»

Am andern Morgen früh kam Piso mit Salvius Julianus, den Präfekten zu wecken, der auf dem Wall an der Porta portuensis lag, nahe dem gefährdetsten Punkt, dem Stromriegel. «Vergib, ich störe dich im seltnen Schlaf...»

«Ich schlief nicht. Ich wachte. Melde, Tribun.»

«Balbus ist mit zwanzig Bürgern heute nacht von seinem Posten entflohen. An Seilen haben sie sich herabgelassen an der Porta latina. Dort brüllten die ganze Nacht die apulischen Rinder. Ihr Ruf war, scheint's, unwiderstehlich.»

Aber das Lächeln verging dem Satirenschreiber, als ihn der Blick des Cethegus traf. «Ein Kreuz, dreißig Fuß hoch, wird errichtet vor dem Hause des Balbus an der Via sacra. Jeder Überläufer, der wieder in unsre Hand fällt, wird darangeschlagen.»

«Feldherr – Kaiser Constantinus hat die Kreuzigungsstrafe abgeschafft, zu Ehren des Heilands», warnte Salvius Julianus.

«So führ' ich sie wieder ein, zu Ehren Roms. Jener Kaiser hielt wohl nicht für möglich, daß ein römischer Ritter und Tribun die Stadt Rom um einen Braten verraten werde.»

«Aber noch mehr! Ich kann die Turmwache nicht mehr bestellen an der Porta pinciana. Von den sechzehn Legionären sind neun hungertot oder hungerkrank.»

«Das gleiche fast meldet Marcus Licinius von der Porta tiburtina», fügte Julianus bei. «Wer soll wehren der überallher drohenden Gefahr?»

«Ich! Und der Mut der Römer. Geh! Laß durch Herolde alle Bürger und alles, was noch in den Häusern ist, berufen an das Forum romanum.»

«Herr, es sind nur noch Weiber, Kinder und Kranke...»

«Gehorche, Tribun!»

Und finstern Blickes stieg der Präfekt vom Wall, schwang sich auf Pluto, sein edles, schwarzes, spanisches Roß, und zog langsam, von einer Schar berittener Isaurier gefolgt, überall die Wachsamkeit der Posten, die Zahl der Truppen prüfend, auf den weitesten Wegen durch einen großen Teil der Stadt: zugleich dadurch den Herolden und den Bürgern Zeit verstattend, zu rufen und zu folgen.

So ritt er auf langem Wege das rechte Tiberufer aufwärts. Aus den Häusern schlich nur spärlich zerlumptes Volk, die Reiter anstarrend in dumpfer Verzweiflung. An der Brücke des Cestius erst wurden die Haufen dichter. Cethegus hielt sein Pferd an, die dort ausgestellten Wachen zu mustern.

Da eilte plötzlich aus der Tür eines niedrigen Hauses ein Weib, mit fliegenden Haaren, ein Kind auf dem Arm. Ein älteres zerrte an den Lumpen ihres Gewandes. «Brot! Brot!» schrie sie. «Ja, werden Steine zu Brot durch Tränen? O nein! Sie bleiben hart! Hart wie – ha, hart wie jener da! Seht, Kinder: das ist der Präfekt von Rom. Der dort, auf dem schwarzen, Roß, mit dem purpurnen Helmbusch, mit dem furchtbaren Blick! Aber ich fürchte ihn nicht mehr. Seht, Kinder: der hat euren Vater auf die Wälle gezwungen, Tag und Nacht, bis er umfiel, tot. Fluch dir, Präfekt von Rom!» Und sie ballte die Fäuste gegen den unbeweglich haltenden Reiter.

«Brot, Mutter! Gib uns zu essen!» heulten die beiden Kinder.

«Zu essen hab' ich nicht für euch, aber zu trinken vollauf! Hier!» schrie das Weib, umklammerte das ältere Kind mit der Rechten, drückte das kleinere mit der Linken fester an die Brust und schwang sich mit beiden Kindern über das Geländer in die Flut. Ein Schrei des Entsetzens, gefolgt von Flüchen, lief durch die Menge.

«Sie war wahnsinnig!» sprach der Präfekt mit lauter Stimme und ritt weiter.

«Nein, sie war die klügste von uns allen!» antwortete eine Stimme aus der Menge.

«Schweigt! Ihr Legionäre, laßt die Tuba schmettern! Vorwärts! Auf das Forum!» befahl Cethegus, und sausend sprengte die Reiterschar davon.

Und über die fabricische Brücke, durch das carmentalische Tor gelangte der Präfekt an den Fuß des kapitolinischen Hügels auf das Forum romanum.

Leer sah der weite Raum aus: nicht gefüllt durch die paar tausend Menschen, die in elenden Kleidern auf den Stufen der Tempel und Hallen kauerten oder sich mühsam an Speeren und Stäben aufrecht hielten.

«Was will der Präfekt?» – «Was kann er noch wollen?» – «Wir haben nichts mehr als unser Leben.» – «Gerade das will er –» – «Wißt ihr schon? Vorgestern hat sich auch Centumcellä an der Küste den Goten ergeben.» – «Ja, die Bürger haben die Isaurier des Präfekten überwältigt und die Tore geöffnet.» – «Oh, könnten wir's nachtun.» – «Bald müssen wir's tun, sonst ist es zu spät.» – «Mein Bruder fiel gestern tot um, die gekochten Brennesseln noch im Munde: er konnte sie nicht mehr verschlingen.» – «Auf dem Forum Boarium ward gestern eine Maus in Gold aufgewogen.» – «Ich bezog heimlich eine Woche gebratenes Fleisch von einem Metzger – roh wollte er's nicht liefern... –» – «Sei froh! Sie stürmen ja das Haus, wo sie Bratendunst riechen –» – «Aber vorgestern ward er zerrissen vom Volk auf der Straße. Er hatte bettelnde Kinder in sein Haus gelockt – ihr Fleisch hatte er uns verkauft.» – «Der Gotenkönig aber, wißt ihr, wie der mit seinen Kriegsgefangenen umgeht?» – «Wie ein Vater mit seinen hilflosen Kindern.» – «Die meisten treten sofort in seine Dienste.» – «Ja, aber die, welche es nicht wollen, versieht er mit Reisegeld –» – «Ja, und mit Kleidern und Schuhen und Lebensmitteln.» – «Die Wunden und Kranken werden gepflegt.» – «Und er läßt sie durch Wegkundige bis an die Küstenstädte geleiten.» – «Auch die Überfahrt ins Ostreich auf Kauffahrerschiffen hat er ihnen schon bezahlt.»

«Seht, da steigt der Präfekt von dem schwarzen Roß.» – «Wie Pluto sieht er aus.» – «Nicht Princeps senatus mehr, Princeps inferorum.»

«Seht – seinen Blick!» – «Kalt: und doch wie Flammenpfeile.» – «Ja, meine Muhme hat recht. So kann nur blicken, wer kein Herz mehr hat.» – «Das ist was Altes. Strigen und Lamien haben ihm nachts das Herz ausgefressen.» – «Was nicht gar! Es gibt gar keine Lamien. Aber den Teufel gibt es: denn der steht in der Bibel. Und er hat ein Bündnis mit ihm geschlossen. Der Numider, der dort sein schwarzes Roß am Zügel hält, ist der Bote der Hölle, der ihn überall begleitet. Keine Waffe kann dem Präfekten die Haut ritzen. Nicht Nachtwachen noch Hunger verspürt er. Aber er kann auch nie mehr lächeln. Denn er hat seine Seele der Hölle verpfändet.» – «Woher weißt du's?» – «Der Diakon von Sankt Paul hat's uns neulich alles gedeutet. Und Sünde ist es, einem solchen länger zu dienen. Hat er doch auch unsern Bischof Silverius dem Kaiser verraten und in Ketten übers Meer geschickt.»

«Und hat er doch neulich sechzig Priester, rechtgläubige und arianische, als des Verrats verdächtig aus der Stadt gewiesen.» – «Das ist wahr.» – «Er muß aber auch dem Teufel gelobt haben, alle Qualen über Rom und die Römer zu bringen.» – «Aber wir wollen's nicht mehr dulden.» – «Wir sind frei, er hat's uns oft gesagt. Ich will ihn fragen, mit welchem Recht...»

Aber mitten im Wort verstummte der tapfere Redner: – ein Blick des Präfekten hatte ihn getroffen, der im Emporsteigen zur Rednerbühne die kleine murrende Gruppe streifte.

«Quiriten», hob er an, «ich rufe euch alle auf, Legionäre zu werden. Hunger und – schmählich zu sagen von römischen Männern! – Verrat lichten die Reihen unsrer Wachen. – Hört ihr die Hammerschläge? Ein Kreuz wird gezimmert für die Überläufer. – Noch größere Opfer fordert Rom von den Römern. Denn ihr habt keine Wahl. Bürger anderer Städte mochten schwanken zwischen Übergabe und Untergang. Wir, erwachsen im Schatten des Kapitols, haben diese Wahl nicht. Hier gehn die Schauer von mehr als tausendjährigem Heldentum. Hier kann kein feiger Gedanke laut werden. Ihr könnt nicht wieder die Barbaren ihre Rosse binden sehen an die Säulen des Trajan. Eine letzte Anstrengung gilt es. Früh reift das Heldenmark in den Knaben des Romulus und Cäsar; spät weicht die Kraft aus den tibertrinkenden Männern. Ich rufe die Knaben vom zwölften, die Männer bis zum achtzigsten Jahre auf die Wälle. Still! Murrt nicht! Ich werde meine Tribunen mit den Lanzenträgern von Haus zu Haus gehen lassen: nur um zu hindern, daß nicht allzu zarte Knaben, allzu müde Greise zu den Waffen greifen. Was murrt ihr da drüben? Weiß jemand bessern Rat der Verteidigung? Er gebe ihn: laut, von diesem Platz herab, den ich ihm dann räumen werde.»

Da ward es still an der Stelle, wohin der Blick des Präfekten geblitzt.

Aber hinter ihm erhob sich, bei denen, die sein Auge nicht bändigen konnte, grollendes Gemurmel. «Brot!» – «Übergabe!» – «Friede!» – «Brot!»

Cethegus wandte sich. «Schämt ihr euch nicht? So viel habt ihr ertragen, eures Namens würdig. Und nun, da es noch kurze Zeit gilt, auszuharren, wollt ihr erlahmen? In wenigen Tagen bringt Belisar Entsatz.»

«Das hast du uns schon siebenmal gesagt.» – «Und nach dem siebenten Male verlor Belisar fast alle Schiffe.» – «Die helfen jetzt mit, unsern Hafen sperren.» – «Du sollst uns eine Frist, ein Ende setzen dieses Elends. Denn mich erbarmt es dieses Volks.»

«Wer bist du?» fragte Cethegus den unsichtbaren Redner. «Du kannst kein Römer sein.»

«Ich bin Pelagius der Diakon, ein Christ und ein Priester des Herrn. Und ich fürchte nicht die Menschen, sondern Gott. Der König der Goten, obwohl ein Ketzer, soll versprochen haben, in allen Städten, die sich unterwerfen, die Kirchen, die seine Mitketzer, die Arianer, den Rechtgläubigen entrissen, zurückzugeben. Schon dreimal soll er Herolde an die Bürger Roms gesendet haben mit gütigsten Bedingungen – man hat sie nie zu uns sprechen lassen.»

«Schweig, Priester. Du hast kein Vaterland als den Himmel, keinen Staat als das Reich Gottes, kein Volk als die Gemeinde der Heiligen, kein Heer als die Engel. Bestelle du dein himmlisch Reich. Männern überlaß das Reich der Römer.»

«Aber der Mann Gottes hat recht.» – «Eine Frist!» – «Einen nahen Termin!» – «Bis dahin wollen wir noch ausharren.» – «Doch verläuft er ohne Entsatz –» – «Dann Übergabe!» – «Dann öffnen wir die Tore.»

Aber diesen Gedanken scheute Cethegus.

Wußte er doch, seit langen Wochen ohne alle Kunde von der Außenwelt, durchaus nicht, wann etwa Belisar vor der Tibermündung erscheinen konnte. «Wie?» rief er. «Soll ich euch eine Frist setzen, wie lang ihr noch Römer sein wollt und von wann ab Memmen und Sklaven? Die Ehre kennt keine Termine.»

«So sprichst du, weil du selbst nicht mehr an Entsatz glaubst.»

«So spreche ich, weil ich an Euch glaube.»

«Aber wir wollen es so. Wir alle. Hörst du? Du sprachst ja immer von der römischen Freiheit. Wohlan, sind wir frei oder dir verfallen, wie deine Söldner? Hörst du? Wir fordern einen Termin. Wir wollen es!» – «Wir wollen es!» wiederholte der Chor.

Da schollen, ehe Cethegus erwidern konnte, Tubarufe von der Südostecke des Forums her: von der sacra Via strömten Volk und Bewaffnete gemischt heran, in ihrer Mitte zwei Reiter in fremden Waffen.

 << Kapitel 112  Kapitel 114 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.