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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 104
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Bald, nachdem der Präfekt die Königin verlassen, war es dunkel geworden über Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewölk bedeckt, das heftiger Wind aus dem Neumond vorüberjagte, so daß kurzes, ungewisses Licht mit desto tieferem Dunkel wechselte.

Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der übrigen Gefangenen vollendet und kam müde und traurig in sein Vorgemach zurück. Er fand kein Licht brennend. Mit Mühe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der Halbtür lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangtür geheftet.

«Laß mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzünden: und teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst.» – «Nein, kein Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draußen im Hof, im Mondlicht naht.» – «Nun so komm wenigstens hier herein und ruhe auf dem Dreifuß. Hier ist Brot und Fleisch.» – «Soll ich essen, während er Hunger leidet?» – «Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?»

«Was ich denke?» wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: «Ihn! Und wie wir so oft gesessen in dem Säulengang vor unserem schönen Hause, wann der Brunnen plätscherte in dem Garten und die Zikaden zirpten auf den Olivenbäumen. Und die kühle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzügen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoß, die Händchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt trägt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trägt er, – die schmerzen... – –» Und sie drückte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.

«Herrin, was quälst du dich? Es ist doch nicht zu ändern!»

«Ich will es aber ändern! Ich muß ihn retten und – Ah, Dromon, hierher! Was ist das?» flüsterte sie und wies in den Hof.

Der Alte sprang geräuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, weiße Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel das Mondlicht darauf.

«Es ist eine Lemure! Ein Schatten der vielen hier Ermordeten», sprach der Alte bebend. «Gott und die Heiligen schützet mich!» Und er bekreuzte sich und verhüllte das Haupt.

«Nein», sprach Rauthgundis, «die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. Jetzt ist's verschwunden – Dunkel ringsum – Sieh, da bricht der Mond durch – da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangtür. Was schimmert da rot im weißen Licht? Ah, das ist die Königin – ihr rotes Haar! Sie hält an der Gangtür. Sie schließt auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!»

«Weiß Gott, es ist die Königin! Aber ihn ermorden! Wie könnte sie!»

« Sie könnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach! Ein Wunder tut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!»

Und da trat sie aus der Halbtür in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fuße.

Inzwischen hatte Mataswintha die Gangtür aufgeschlossen und ihren Weg erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Händen tastend, zurückgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschloß sie auch diese.

Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er saß, den Rücken gegen die Türe gewandt, das Haupt auf die Hände gestützt, reglos auf einem Steinblock.

Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.

Da spürte Witichis an dem Windzug, daß die Pforte geöffnet worden. Er hob das Haupt. Aber er sah sich nicht um.

«Witichis – König Witichis» – stammelte endlich Mataswintha – «ich bin's. Hörst du mich?»

Aber der Gefragte rührte sich nicht.

«Ich komme, dich zu retten – fliehe! Freiheit!»

Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.

«O sprich! – O sieh nur auf mich!» – Und sie trat ein. Gern hätte sie seinen Arm berührt, seine Hand gefaßt. Sie wagte es noch nicht. «Er will dich töten – quälen. Er wird es tun, – wenn du nicht fliehst.»

Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, näher zu treten. «Du sollst aber fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein – durch mich! Ich flehe dich an – fliehe! Du hörst mich nicht. Die Zeit drängt! Einst sollst du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die Schlüssel der Kerkerpforte und der Gangtür! Flieh!» Und nun faßte sie seinen Arm, wollte ihn emporreißen.

Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Füßen. – Er war an den Steinblock festgeschlossen.

«Oh, was ist das?» rief sie und fiel in die Knie.

«Stein und Eisen», sagte er tonlos. «Laßt mich. Ich gehöre dem Tode. Und hielten mich auch diese Bande nicht – ich folgte dir doch nicht! Zurück in die Welt? Die Welt ist eine große Lüge. Alles ist Lüge.»

«Du hast recht! Sterben ist besser. Laß mich sterben mit dir. Und verzeih mir. Denn auch ich habe dir gelogen.»

«Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.»

«Aber du mußt mir noch vergeben, ehe wir sterben.

Ich habe dich gehaßt – ich habe gejubelt über deinen Niedergang – ich habe – oh, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch muß ich deine Verzeihung haben – und müßt' ich sie mir erstehlen. Vergib mir – reiche mir die Hand zum Zeichen, daß du mir verzeihst.»

Aber Witichis war in sein Brüten zurückgesunken.

«Oh, ich flehe dich an – verzeihe mir, was immer ich dir mag getan haben.»

«Geh – warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! Nicht besser, nicht schlimmer!»

«Nein, ich bin böser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse denn: ich habe dich gehaßt, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoßen! Du ließest mich nicht dein Leben teilen, – verzeihe mir. – Gott, ich will ja nur mit dir sterben dürfen. Reich' mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, daß du mir verzeihst.» Und sie streckte kniend, flehend, beide Hände zu ihm empor.

Der König, erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe Herzensgüte, regte sich in ihm und übertönte den eignen dumpfen Schmerz. «Mataswintha», sagte er und erhob die kettenklirrende Hand, «geh, es erbarmt mich dein. Laß mich allein sterben. Was immer du an mir getan – geh hin: – ich habe dir verziehn.»

«O Witichis!» hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.

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