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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 103
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Die Maßregeln zur Befreiung des Königs waren getroffen.

Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau einzuprägen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Roß Dietrichs von Bern ihrer warten sollte.

Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn gewährt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurückgekehrt. Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstürzte und sie über die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust mit den Fäusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.

«Rede», gebot Rauthgundis und preßte die Hand auf das wild pochende Herz, «ist er tot?»

«Nein, aber die Flucht ist unmöglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer Stunde kam der Präfekt und stieg zu dem König hinab. Wie gewöhnlich schloß ich ihm selbst die beiden Türen, die Gangtür und die Kerkerpforte, auf – da –» – «Nun?» «Da nahm er mir die beiden Schlüssel ab: er werde sie fortan selbst verwahren.» – «Und du gabst sie ihm?» knirschte Rauthgundis. «Wie konnt' ich sie weigern! Ich wagte das Äußerste. Ich hielt sie zurück und fragte: O Herr, vertraust du mir nicht mehr?' Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer trennen können.

‹Von jetzt an – nicht mehr!› sprach er und riß mir die Schlüssel aus der Hand.»

«Und du ließest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?»

«O Herrin, du tust mir weh und unrecht! Was hättest du an meiner Stelle tun können? Nichts andres!»

«Erwürgt hätt' ich ihn mit diesen Händen! Und nun? Was soll jetzt geschehn?»

«Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehn.»

«Er muß frei werden. Hörst du, er muß!»

«Aber Herrin! Ich weiß ja nicht wie.»

Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. «Erbrechen wir die Türen mit Gewalt.» Dromon wollte ihr die Axt entwinden.

«Unmöglich! Dicke Eisenplatten!»

«So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der Gangtür erschlag' ich ihn mit diesem Beil»

«Und dann? Du rasest! Laß mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner nutzlosen Wacht.»

«Nein, ich kann's nicht denken, daß es heut' nicht werden soll. Vielleicht kommt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht» – sprach sie nachsinnend. «Ah», schrie sie plötzlich, «gewiß, das ist's. Er will ihn ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh ihm, wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangtür will ich hüten wie ein Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie beschreitet.» Und sie drückte sich hart an die Halbtür des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.

Aber Rauthgundis irrte.

Nicht um seinen Gefangenen zu töten hatte der Präfekt den Schlüssel an sich genommen. Er war mit demselben in den linken, den Südbau des Palastes geschritten. Spät am Nachmittag trat Cethegus – er kam aus dem Kerker des Königs – in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, daß Aspa nur mit tränenerfüllten Augen noch auf ihre Herrin sah.

«Zerstreue», sprach Cethegus, «schönste Tochter der Germanen, die Wolken, die auf deiner weißen Stirn lagern, und höre mich ruhig an.»

«Wie steht es mit dem König? Du lässest mich ohne Nachricht. Du versprachst, ihn freizugeben nach der Entscheidung. Ihn über die Alpen führen zu lassen. Du hältst dein Wort nicht.»

«Ich habe das versprochen: – unter zwei Bedingungen.

Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfüllt. Morgen kommt der kaiserliche Neffe Germanus zurück von Ariminum – dich nach Byzanz zu führen: – du gibst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen, und nichtig.»

«Ich sagte dir schon: nein, niemals!»

«Das tut mir leid – um meinen Gefangenen.

Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem Wege nach Byzanz.»

«Niemals.»

«Reize mich nicht, Mataswintha! Die Torheit des Mädchens, das so teuren Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, überwunden. Dasselbe Geschöpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch wirklich den Mädchentraum, so rette den einst Geliebten.»

Mataswintha schüttelte das Haupt.

«Ich habe dich bisher als eine Freie, als Königin behandelt. Erinnere mich nicht, daß du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen Gemahlin – bald seine Witwe – und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu Füßen. Tochter Amalaswinthens – solltest du nicht die Herrschaft lieben?»

«Ich liebe nur... –! Niemals!»

«So muß ich dich zwingen!»

Sie lachte: «Du? mich? zwingen?»

«Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zugrunde gerichtet!) Die zweite Bedingung nämlich ist: daß der Gefangene diesen leergelassenen Namen ausfüllt – er ist der Name des Schatzschlosses der Goten – und diese Erklärung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfängt mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm – ich, der Sieger, – er hatte noch kein Wort für mich. Nur das erstemal, da erhielt ich einen Blick für den er allein den stolzen Kopf verlieren müßte.»

«Nie gibt er nach.»

«Das fragt sich doch. Auch Felsen zermürbt beharrlicher Tropfenfall. Aber ich kann nicht lange mehr warten.

Heute früh kam Nachricht, daß der tolle Hildebad in wütigem Ausfall Bessas so schwer geschlagen, daß er kaum die Einschließung noch aufrecht erhält. Überall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muß fort und ein Ende machen und diese Funken auslöschen mit dem Wasser der Enttäuschung, besser als mit Blut. Dazu muß ich des gefangenen Königs Erklärung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst bezeugt, so werd' ich den Gefangenen – ich schwöre es dir beim Styx, – werd' ich den Gefangenen –»

Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. «Du wirst ihn doch nicht töten?»

«Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann töten.»

«Nein, nein!» schrie Mataswintha auf.

«Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das sagen: dir, dieser händeringenden Verzweiflung wird er glauben, daß es ernst. Du vielleicht rührst ihn: mein Anblick härtet seinen Trotz. Er wähnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlüssel – du sollst deine Stunde frei wählen zu seinem Kerker.»

Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthas Seele durch ihr Auge.

Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lächelnd schritt er hinaus.

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