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Ein Jahresring

Hugo Marti: Ein Jahresring - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Jahresring
authorHugo Marti
year1925
firstpub1925
publisherRhein-Verlag
addressBasel / Leipzig
titleEin Jahresring
pages186
created20080714
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5 Winter

Früh und plötzlich überfällt heute der Winterabend den Hof. Die weißen Häuser auf Lysenstöa stehen nun grau im Schnee, der rote Stall ragt dunkel auf. Hinter dem Hofgatter schließen sich die Tannen enger zusammen. Aber nicht aus dem Walde, der weit hinauf über die buckligen Hänge sich dehnt, kommt die Nacht; sie steigt auf leisen Sohlen von der Fjordbucht empor und schleppt hinter sich her die Nebelschwaden über den grauen See. Die Kämme der jenseitigen Berge sind schon in ihrer Dämmerung verloren; ferne Lichter aus Hofstuben und Stallfenstern sitzen und blitzen wie matte Funken in den Falten ihres hüllenden Mantels.

Rolf hebt abwehrend die Hand. Er steht am Fenster, am breiten, niederen Fenster seiner Stube im Lehrerhaus, das man ihm angewiesen hat, wie er vor zwei Jahren auf Lysenstöa eingezogen ist. Es ist nicht groß, das Lehrerhaus, und ist das äußerste unter den vielen Gebäuden auf dem Hof: steil fällt vor ihm der Hang hinab mit Weidland, Aeckern und Wald bis zur Seebucht. Es besteht nur aus zwei Stuben, aus Rolfs Wohnkammer und aus dem 7 weißgetünchten Raum nebenan, wo er die beiden Bauernbuben jeden Morgen unterrichtet.

Nun kehrt er sich vom Fenster ab, wandert durch die Stube, bis zum schwarzen eisernen Ofen, packt ein Scheit weißberindetes Birkenholz, schiebt es in die rotgraue Glut und schmettert die kreischende Ofentüre wieder zu. Er wandert zurück zum Fenster, sechs Schritte abgemessen, dreht sich auf dem Absatz der rechten Sohle herum, wandert zum Ofen, sechs Schritte, wendet und wandert, wendet und wandert. Er hat den Kopf leicht gesenkt, hebt ihn nur etwa, um kurz in den dämmerigen Abend hinauszublicken, und starrt dann wieder auf die braungemalten Holzdielen, über die seine Füße gehen, und auf die langen bunten gewobenen Teppiche, die er im Wandern streift.

Jäh biegt er aus seiner Bahn. Er tritt zum Tisch, einem kleinen Tisch aus hellem Tannenholz, den beschriebene und noch leere Blätter bedecken. Er setzt sich schwer auf den Stuhl davor, streckt seine Beine langhin, legt den Kopf zurück auf die harte Lehne, greift mit der Hand nach einem Papierblatt und hebt es ins schwindende Licht über die Augen empor. Jetzt reißt er sich 8 heftig auf, springt auf die Beine, schlägt das Blatt mit der Faust auf die Tischplatte, redet ins stille Zimmer, ins stille Haus, in den stillen Abend hinein:

»Ich müßte wenigstens noch das Datum hinschreiben, hier darunter, den Tag, an dem ich zuletzt gearbeitet habe. Es war am – am achtundzwanzigsten, einundzwanzigsten, vierzehnten, siebenten – am sechsten November also. Am siebenten war die Wende, der Knacks, die Lähmung. Sechsten November; Lysenstöa. Schreiben wir, als ob es vollendet wäre. Ist es nicht vollendet? Seither keine Zeile, kein Wort. Noch etwa zehn Seiten, dachte ich mir damals. Aber Dagny wollte es anders. Ihre Hand zog den Strich; meine schreibt ein müdes Datum darunter.«

Seine Finger suchen die Feder unter den wirr durcheinandergewühlten Blättern; da hört er, wie plumpe Schuhe auf dem Steinpflaster der Hauswand entlang stolpern. Er ist in zwei Schritten am Fenster, das auf den Hof hinausgeht, reißt es auf und ruft in die graue, schneefeuchte Abendluft: »Bist du es, Jens? Bist du zurück? Hast du den Brief bestellt? Ja, komm herein.«

9 Er schließt das Fenster, hastig, doch mit sicheren Griffen, schiebt die Blätter auf dem Tisch zusammen, legt ein Buch darüber, schaut nach der Türe hin, die sich langsam auftut. Da steht Jens, dunkel vor der Dämmerung, gebückt unter dem Gebälke; er trägt seine Holzsäge in der Hand und die Pelzmütze tief auf dem Kopf, bis zu den Augen und halb über die Ohren herunter. Er schlägt mit den Schuhen an die steinerne Schwelle, daß der Schnee in Klumpen abfällt.

Rolf hält sich mit beiden Händen hinter dem Rücken am Tisch und fragt ihn nochmals: »Also, du hast meinen Brief abgegeben?«

Jens bleibt im Rahmen der Türe stehen; die Säge stützt er behutsam auf die Schwelle. Er hebt die linke Hand und erzählt: »Ich ging hin, mitten über den Försterhof, die Holztreppe hinauf. Per schrie mir aus der Scheune zu: Wo willst du hin, Jens? Ich drehte mich nicht um. Mitten über die Treppe empor ging ich, schlug den Schnee in den Tannenzweigen, die vor der Glastüre liegen, von meinen Schuhen und öffnete die Türe. Es war warm drinnen, schon ehe man in den Flur trat.«

10 »Du hast den Brief bestellt?«, fragt Rolf zum drittenmal und unterbricht die Erzählung.

Jens blickt auf und sieht den jungen Mann an. Er sagt: »Ja, Herr Kandidat.«

»Gut, danke.« Rolf geht zum Fenster. Er reckt sich höher empor. Dann wendet er sich zum Alten: »Aber es wird ja ganz kalt hier drinnen; du läßt ja die Tür offen stehn. Hast du noch etwas zu sagen?«

»Zu sagen? Ja, natürlich. Vielleicht. Ich war schon früher einmal dort gewesen, vor Jahren, – es mögen sieben Jahre schon her sein. Ich spielte damals drinnen im Saal. Die Frau saß am Flügel, die Gattin des Försters; sie war von der Südküste irgendwoher, wo ich auch geboren bin. Ich stand neben ihr, und wir musizierten den ganzen Abend lang. Sie dankte mir mit der Hand; es waren viele Menschen zugegen. Damals waren stets viele Menschen auf dem Försterhof. Die Frau wollte es so, die Gattin des Försters. Heute aber, als ich in den Flur trat –«

»So komm doch endlich herein; ich sage ja, es wird ganz kalt.«

»Danke bestens.« Jens verbeugt sich leicht auf 11 der Schwelle, wo er steht, tritt herein, schiebt die Türe hinter sich zu, drückt sie mit dem Rücken ins Schloß und bleibt davor stehen. Er hebt die Hand zum Kopf hinauf: »Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, wenn ich meine Pelzmütze nicht abnehmen kann.«

»Nein, behalte sie nur auf dem Kopf.« Rolf tritt näher zu ihm. »Ja, hast du dir die Haare geschoren? Glatt geschoren, sehe ich? Mitten im Winter?«

Jens lächelt nachsichtig: »Einmal muß es wohl sein.«

Rolf zuckt die Achseln. »Ich hätte doch damit zugewartet, Jens. Bis in den Frühling vielleicht.«

Der Alte widerspricht leise: »Nein. Ich sagte mir: besser jetzt, wo sowieso alle ihre Mützen auf den Köpfen tragen müssen. Im Frühjahr habe ich wieder mein langes Haar. Da kommen manchmal die Fremden durch unser Tal, Städter, – Gott weiß, wer einmal kommen könnte. Sie würden auf mich nicht anders sehen als auf die Bauern, wenn ich nicht mein langes Haar hätte. So fragen sie, und man gibt ihnen Bescheid: das ist Jens, der Spielmann. Haben 12 Sie bemerkt, die Bauern sagen: der Spielmann. Ich habe sie früher einmal gebeten, zu sagen: Jens, der Musiker, oder der Geigenkünstler. Aber sie verstehen es wohl nicht besser oder mögen nicht. Sie sagen immer noch: der Spielmann –.«

Rolf wird wieder ungeduldig. »Nun ja«, sagt er. »Wie war das mit dem Brief?«

»Mit dem Brief?«

»Den du bestellen solltest. Du standest im Flur –«

Jens nickt. »Ich stand und wartete eine Weile. Da kein Mensch kam, klopfte ich an die Zimmertüre rechts. Ich kenne die Türen von früher. Man rief: Komm. Eine leise Stimme sagte: Komm. Ich wußte ja, daß die Stube sehr groß ist. Ich ging hinein und verbeugte mich gleich bei der Türe. Weit weg, am äußersten Fenster saß sie und nickte ein klein wenig.«

»Saß wer?«, fragt Rolf und schaut dem Alten ins Gesicht.

»Fräulein Dagny, und nickte ein klein wenig.«

Rolf wendet sich weg, geht zum Fenster. »Ja –. Und du gabst ihr den Brief?«

»Nein doch. Ich stand ja bei der Türe. Nun ging ich zu ihr hin. Die Säge hatte ich vor der 13 Tür in die Ecke gestellt, um nicht behindert zu sein. Ich verbeugte mich noch einmal und sagte: Ich habe die Ehre, Ihnen einen Brief zu überbringen. Und ich reichte ihr den Brief. Sie nahm ihn – nein: riß ihn mir aus der Hand.«

»Sagte sie nichts?«

»Ja, doch, sie fragte rasch: Von Rolf? Ich antwortete nicht, da sie schon zu lesen begonnen hatte. Ich stand und hatte Zeit, das Fräulein zu betrachten. Ich habe sie ja gekannt, als sie ganz jung war. Nun ist sie so ganz anders. Sie ist ja auch weg gewesen, einen Winter, in der Stadt. Ich studierte sie genau, während sie las, während ihre Augen über die Seiten flogen. Sie schien nicht so erfreut zu sein, wie ich dachte. Nein, sie war eher etwas –«

»Ja, also.« Rolf geht wieder im Zimmer auf und ab. Jens schweigt und folgt ihm mit den Blicken langsam. »Nein, sprich nur weiter.«

»Eher etwas erregt. Sie stand auf. Ist Rolf zu Hause?, fragte sie mich. Er war zu Hause, als er mir den Brief gab, antwortete ich, um genau zu sein.«

Rolf bleibt stehen und wendet den Kopf zum Alten hin. »Ich schrieb ja, ich würde zu Hause 14 bleiben. Ich hätte zu arbeiten. Ich könne nicht kommen, wolle nicht kommen.«

Jens hebt die Hand, wischt sich über die Augen, blinzelt. »Ja, das stand wohl in dem Brief. Denn Fräulein Dagny erhob sich rasch und ging aus dem Zimmer, ohne mich anzusehen. Ich denke mir, sie kommt hierher. Ich habe den bestimmten Eindruck –«

»Hierher? Sagte sie so etwas?«

»Nein, sie lief aus dem Zimmer; vielleicht weinte sie. Ich blieb allein zurück in meiner Verwunderung.«

Rolf steht vor dem Alten. »Hierher? Aber ich schrieb ja, ich wolle arbeiten? Ich hätte keine Zeit –. Ja, du siehst, ich habe also zu tun.« Er weist mit der Hand nach dem Tisch. Jens rührt sich nicht. »Du hast wohl auch deine Arbeit?«

Jens zuckt zusammen. »Ich soll Holz sägen, Ja. Ich gehe nun.« Er nimmt die Säge unter den Arm und dreht sich zur Türe hin. Da Rolf am Fenster steht und ihn nicht sieht, geht er hinaus.

Nun hat sich der Abend in der Stube breit gemacht. Er hat die Dinge, die zusammengehören, 15 auseinandergestellt, hier das Bett, dort den Tisch, da den Menschen. Jedes ist allein.

Rolf öffnet rasch die Türe und ruft hinaus: »Jens, hör einmal. Komm zurück. Du kannst gut noch eine Weile hierbleiben. Es eilt wohl nicht so mit dem Holzsägen. Hier, setz dich.« Er schiebt den Alten zum Sofa, das zwischen Bett und Buchspind steht, und setzt sich ihm gegenüber auf den Stuhl zum Tisch. Seine Hände fahren über die Blätter, die dort aufgestapelt sind. Sie holen zwei Zigarren aus der Schachtel und legen eine vor den Alten hin. »Steck dir diese an.«

Jens schüttelt den Kopf. »Nein, danke, ich rauche nicht. Warum sollte ich freiwillig etwas in mir abtöten? Ein Künstler muß alle Sinne rein behalten, solange es geht. Bin ich ein Selbstmörder?«

»Na«, sagt Rolf und bläst sein Streichholz aus. »Trinkst du auch nicht?«

Jens lächelt unsicher vor sich hin. »All das kostet Geld, Herr Kandidat.«

Da schlägt Rolf mit der flachen Hand auf den Tisch. »Nenn mich doch nicht immer Kandidat. Ich bin Student. Ich unterrichte zwei 16 Bauernbuben, um mir ein wenig Geld zu verdienen. Sonst bin ich nichts.«

Jens nickt. »Ich weiß, ich weiß. Aber ich nenne Sie gern den Herrn Kandidaten. Was tuts? Sie können mich ruhig Herr Kapellmeister nennen; es macht mich nicht verlegen. Ich war einmal auf dem Wege dazu, wie Sie jetzt auf dem Wege zum Kandidaten sind. Ich hätte etwas Großes werden können, sehen Sie. Ich spiele so gut wie ein anderer; denn ich weiß, was gut spielen heißt. Sie hörten vielleicht schon, daß ich in der Stadt spielte, vor Jahren?«

»Ja, ich glaube; warum gingst du eigentlich nicht weiter? Wurdest Taglöhner hier oben?«

Jens wiegt den Kopf hin und her. »Ja, warum? So kann man fragen.« Er lächelt. »Es sind so viele Gründe. Ich denke manchmal darüber nach. Hören Sie: das Leben hat mir ein Bein gestellt. Ich verheiratete mich.«

Erstaunt sieht ihn Rolf an. »Bist du verheiratet?«

»Ich war es.«

»Ist deine Frau gestorben?«

»Nein, sie lebt. Ich denke, sie lebt.«

»Geschieden?«

17 »Nein; ich fand keinen Anlaß dazu. Ich schickte sie weg. Das heißt – nein, es ist ja nicht ganz wahr. Ich ging weg, ich; verstehen Sie? Ja, ich verließ sie. Aber da war es schon zu spät.«

Rolf legt seinen Kopf auf die Stuhllehne zurück und läßt den Rauch aus offenen runden Lippen zur weißen Decke emporsteigen. Dann sagt er: »Ich verstehe nicht recht.«

»Doch, es war zu spät. Ich bin sicher, hätte ich sie früher verlassen, wäre es noch gut gekommen. Ich säße nicht hier, mit einer Säge –! Ich wäre vielleicht das geworden, was ich hätte werden können.«

Nach einer Weile fragt Rolf: »Also du meinst, man sollte sich nicht verheiraten?«

Jens streckt beide Hände vor sich hin, abwehrend. »Man, man –! Wer spricht denn von den andern? Ich spreche von mir.« Es ist still in der Stube. »Die andern mögen tun, was sie wollen.« Wieder ist es still. Plötzlich hebt der Alte den Kopf. »Ich hörte zufällig, Sie seien verlobt, Herr Kandidat?« Rolf regt sich nicht, antwortet nicht. Aber Jens steht feierlich auf, verbeugt sich und sagt: »Darf ich Ihnen Glück wünschen?« Rolf dankt nicht. Mit leeren, 18 erschrockenen Augen setzt sich der Alte wieder hin und schweigt. Jetzt ist es dunkel geworden.

Das ist der frühe Winterabend in den einsamen Stuben. Er macht, daß Dinge und Menschen sich verlieren, die aneinander gewöhnt waren und zueinander gehörten, und er macht, daß andere sich finden, die nie sich suchten. Er ist stärker als die Dinge und Menschen. Ihm widerstreben, sich gegen ihn auflehnen wollen –, es nützt nichts.

Nach einer langen Weile – Jens fährt aus seiner Sofaecke empor, denn er hat nicht gemerkt, was in der Stube vorging – ist plötzlich Licht da: eine weiße, milde Lampe mitten auf dem Tisch. Rolf hat sie behutsam herbeigetragen. Und ihr Licht fließt rings herab über Bücher, Papiere, den weißen gehobelten Tisch, über die Kniee der beiden Männer und über die bunten Ueberzüge auf Sofa und Stuhl. Ihr Licht bindet einen goldenen Faden um das Nächste. Aber die Gesichter bleiben draußen, bleiben im Schatten. Und des Alten Finger, die auf dem Tisch in den Blättern gespielt haben, ohne es zu wissen, ziehen sich überrascht aus dem Lichtschein zurück. Aber sein Mund verrät die stillen Gedanken.

19 »Ich dachte es mir wohl, daß Sie schreiben. Gedichte. Sie sind also auch so etwas wie ein Künstler.«

Rolf steht auf, fegt die Papiere zusammen, läßt sie in die Schieblade fallen. »Ich habe einmal geschrieben, ja.«

Jens faltet die Hände. »Es ist vorüber? Schon vorbei? Dann sind Sie also auch einmal Künstler gewesen. Und so jung schon damit fertig. Sehen Sie mich an, Herr Kandidat. Ich bin es noch, trotz allem bin ich es noch. Das Leben hat mich nicht untergekriegt. Es ist mit mir, wie mit einem Schiff, ja, genau so –.«

»Wie mit einem Schiff? – Rauch doch, Jens. Hier, es kostet ja nichts.«

Nun schiebt der Alte lächelnd die Zigarre zwischen die schmalen Lippen. »Danke, danke bestens.« Er hält das Streichholz hinter knochigen, krummen Händen, pafft laute Rauchwolken in den Lichtkreis hinein und schmunzelt. »Ja, gerade wie mit einem Schiff, das auf eine Klippe gefahren ist. Die Menschen sagen, es ist untergegangen. So steht es in der Zeitung. Es ist auch untergegangen, in Stücke zerschmettert, die Ladung in die Tiefe gesunken. Aber draußen, 20 irgendwo im Weltmeer, schwimmt noch eine Planke oder ein Mast, – ja, der Mast mit der Flagge darauf, mit dem farbigen, schönen Wimpel. Das ist doch die Hauptsache vom Schiff; und sie schwimmt.«

»Ja, meinst du?« Rolf lacht, laut und lange.

»Die Hauptsache, die Hauptsache! Ein Fetzen buntes Tuch oben auf einer langen Stange. Nur das Wahrzeichen vom untergegangenen Schiff. Hat damit gar nichts zu tun, treibt nicht, steuert nicht, – gar nichts!«

Jens bleibt ernsthaft, hebt beschwörend die Hand. »Es ist das Höchste vom ganzen Schiff gewesen, Herr Kandidat. Alles andere zählt nicht.«

Sie schweigen. Dann fragt Rolf – und sein Blick geht zum Fenster hinüber, das dunkel in der Wand steht –: »Hör mal, Jens, nachdem du deine Frau weggeschickt hattest –«

Der Alte unterbricht ihn rasch: »Es ist also nicht genau so zugegangen. Ich schickte sie nicht weg. Es mangelte mir wohl an Mut dazu, um die Wahrheit ehrlich zu sagen. Ich ging weg, nicht sie.«

»Gut, nachdem du also von ihr weggegangen 21 warst, ist sie da später je noch einmal zu dir gekommen?«

Jens schüttelt lächelnd den Kopf, hebt die Augen: »Nein, Herr Kandidat, nein. Ich sank ja auch immer tiefer. Aeußerlich, meine ich. Das Wrack sank. Wäre ich berühmt geworden, wer weiß –? Aber den Wimpel schätzte sie nicht.«

Rolf beugt sich plötzlich über den Tisch, nach dem Alten hin; sein Gesicht taucht ins Licht und ist hart und böse. »Ich schrieb also in dem Briefe: nein, ich hätte keine Zeit, müßte arbeiten, glaubte endlich wieder arbeiten zu können. War das nicht deutlich genug?«

Der Alte zögert erschrocken mit der Antwort. Dann lächelt er wieder. »Nein. Wenn man verlobt ist: nein!«

Rolf zieht langsam die Brauen über den Augen empor. »Du begreifst es also, daß sie heute kommen wird, trotz dem Brief?« Und sein Gesicht gleitet wieder in die Dunkelheit zurück.

Jens sieht ihn lange an. »Sie haben sie ja nicht weggeschickt. Sie sind verlobt. Fräulein Dagny hat alle Rechte, Sie heute besuchen zu kommen. Alle Rechte, verstehen Sie? Und wenn sie Ihre Arbeit etwa unterbricht, so haben Sie 22 schlechterdings kein anderes Recht, als ihr dankbar die Hände zu küssen. Wissen Sie denn nicht, was verlobt sein heißt?«

»Aber es gibt doch etwas wie Stolz, Scham, Feingefühl, Verletztsein, – was weiß ich?«

Jens legt seine klobigen Hände auf den Tisch und rückt mit dem Leib ins Licht. Seine Augen blicken besorgt auf den jungen Mann. »Herr Kandidat, man setzt sich über so vieles hinweg, wenn man verlobt ist. Liebe verzeiht alles. Und dann können auch andere Gründe vorhanden sein; ich weiß es ja nicht. Unsereiner kennt so wenig von der verfeinerten Maschinerie, wie sie die Menschen über uns im Herzen tragen –.«

Rolf steht hastig vom Stuhl auf und geht im Zimmer hin und her. »Ha, Jens, du Künstler, du – und sprichst von Menschen über uns! Da haben wir den Wimpel. Menschen über uns!«

Der Alte steht vor ihm, hält ihn in seinem Gange auf, lächelt nachsichtig. »Sie sprechen von einem Künstler, ich aber sprach nicht als Künstler. Mein lieber Herr Kandidat – Sie erlauben die Vertraulichkeit? –, merken Sie denn nicht, daß ich mir alle Mühe gebe, mich mit Ihnen verständlich zu unterhalten, so zu reden, 23 daß Sie es begreifen? Es handelt sich doch bei dem, worüber wir sprechen, nicht um einen Künstler und ein Weib. Sie sind vielleicht einmal Künstler gewesen, auf dem Wege dazu. Alle Wege führen nach Rom; wieviele Menschen sind dort gewesen? Sie wollen ja gar kein Künstler mehr sein. Sie haben den Wimpel schon eingezogen. Nein, ich habe allen Grund, zu versuchen, mit Ihnen als Mensch zu reden. Und da – ja da schäme ich mich nicht, Fräulein Dagny als ein Wesen über mir zu bezeichnen. Von Menschen über mir zu sprechen. Sie zum Beispiel, Herr Kandidat, von unten her zu betrachten.«

»Zum Teufel mit diesem blödsinnigen: Herr Kandidat!«

Jens verliert sein Lächeln nicht. »Wären Sie ein Künstler, noch ein Künstler, – ich würde wahrscheinlich du zu Ihnen sagen. Wir pflegen das unter uns so zu halten.« Rolf zuckt die Achseln und legt sich auf das Sofa. Er dreht sich gegen die Wand. Jens steht in der Mitte der Stube und spricht ruhig lächelnd weiter. »Darf ich ihnen etwas erzählen? Etwas von Ihnen erzählen? Vielleicht erinnern Sie sich 24 nicht mehr daran und hören es darum ganz gern. – Ich beobachtete Sie nämlich einmal im letzten Sommer. Es war früh am Morgen, es mag um drei Uhr gewesen sein. Ich schlafe wenig im Sommer, und nur am Mittag, wenn es stille ist. An dem Morgen, von dem ich erzähle, kamen Sie vom Walde her durch die Roggenfelder auf den Hof. Vom Walde her; Sie waren im Walde gewesen, es hingen Moose und Tannennadeln an Ihrem Rücken. Sie gingen nicht rasch, aber sehr leicht, und strichen mit beiden Händen flach über die Aehren rechts und links am Wege. Sie gingen nahe an mir vorbei, und Sie sahen mich nicht. Es war doch schon ganz hell, alle Vögel sangen, wir beide waren die einzigen Menschen draußen. Seither habe ich Sie nie mehr zu solchen Tageszeiten gesehen, und wenn wir uns begegnen, grüßen Sie freundlich und lächeln, wie alle augenzwinkernd lächeln, wenn sie mir begegnen. O, ich fühle es schon, aber was soll ich sagen?«

Rolf hat sich wieder erhoben. Er schiebt dem Alten eine neue Zigarre zu, begütigend: »Da, nimm noch eine. Du erzählst vortrefflich.«

25 Jens rührt sich nicht vom Fleck. »Danke, keine mehr. Ich stehe schon so in Ihrer Schuld.«

»Unsinn. Hast du mir nicht den Dienst mit dem Brief erwiesen?«

»Das war etwas anderes; das war ein Auftrag. Für meine Arbeit werde ich als Taglöhner auf dem Hofe bezahlt, wie Sie als Lehrer bezahlt werden. Dieses hier – sind Gefälligkeiten. Die sollte man eigentlich nur von seinesgleichen entgegennehmen, – vielleicht auch nur seinesgleichen anbieten.« Rolf stützt die Arme auf seine Kniee und legt den Kopf in die Hände. »Um fortzufahren, wo Sie mich unterbrachen: ich machte mir natürlich so meine Gedanken über Sie, Herr Kandidat, daß ich Sie nie mehr aus dem Walde treten sah, daß Sie mich kannten und anlächelten wie die andern, die Bauern, – über alle diese verdächtigen Anzeichen machte ich mir so meine Gedanken. Ich dachte mir, Sie arbeiteten vielleicht; und, weiß Gott, ich grüßte Sie dafür nur um so tiefer. Ich weiß ja schon, daß es nicht damit getan ist, an einem Sommermorgen um drei Uhr mit leichtem Schritt aus dem Walde heimzukehren. Er arbeitet nun, dachte ich. Dann erfuhr ich zufällig, 26 – ich frage nie jemanden nach so etwas –, zufällig erfuhr ich, Sie seien verlobt. Mit Fräulein Dagny, die ich ganz jung schon kannte.«

Als erwarte er eine Antwort, einen Einspruch, eine Rüge, schweigt der alte Jens. Rolf regt sich nicht. Da kommt wieder die Stimme aus dem Dunkel der Stube.

»Sehen Sie, Herr Kandidat: mir, unsereinem, einem Künstler muß es möglich sein, im Frühling das Loch zu verlassen, in das man sich den Winter über verkrochen hat, und mit leichtem Gepäck weiterzuwandern. Es braucht einer ja nicht weit zu gehen; er kann ja auch wieder zurückkehren, nach ein paar Tagen, nach einer Woche, wenn es ihm behagt und beliebt; aber wandern, mit leichtem Gepäck wandern, das muß er können, diese Freiheit muß er bewahren. Sehen Sie meine Schuhe an: sie sind dünn für den hohen Schnee, nicht wahr, und sie haben Löcher in den Sohlen. Ich habe mir Leder gekauft, aber ich warte zu bis in den Vorfrühling; dann will ich ganze Schuhe an meinen Füßen haben, dann ist meine Zeit gekommen, mein Haar wieder gewachsen. Sie aber werden verlobt sein, Herr Kandidat, sehen Sie bitte her: verlobt!«

27 Und nun tut der alte Mann im Dunkel eine Gebärde, die häßlich ist, rasch und heftig: er legt die beiden Hände vor sich übers Kreuz, als wären sie an den Gelenken gefesselt und zusammengeschnürt. Rolf sieht es, springt auf, brüllt ihn an:

»Ich will dir sagen, Jens: weißt du eigentlich, wie dumm, eitel, blödsinnig dein Geschwätz ist, dein Künstlertum mit dem langen Haar, dem leichten Gepäck auf der Frühlingswanderung, den zerlöcherten Sohlen, ja – und daß du deine Frau habest wegschicken oder dich von ihr trennen müssen? Wer bist du denn eigentlich? Kannst du eine Geige halten, darauf spielen? Die Mädchen sagen, du fiedelst so langweilig, daß ihnen die Beine beim Tanzen einschlafen. Ja, das sagen sie.«

Rolf geht an dem Alten vorbei zum Fenster. Er läßt ihn dastehen, verwirrt, zerschmettert, vernichtet. Er dreht sich nicht um, wie ihm Jens bittend, flehend die Hände hinhält: »Sehen Sie her, sehen Sie auf diese Finger, Herr Kandidat. Können solche Hände noch Geige spielen? Sehen Sie diese Risse von der Kälte und von den Holzsplittern, mit dem harten Schmutz darinnen? 28 Fühlen Sie, wie steif.« Er hält ihm die Hände eine Weile hin, dann wendet er sich langsam weg, hebt bei der Türe die Säge auf, faßt nach der Klinke. »Ja, ich stehe da draußen im Schuppen, und es schneit, und wenn ich nicht sägen und sägen würde, was die Kräfte hergeben, so würde ich erfrieren. Ich habe keine Handschuhe, Herr Kandidat.«

Rolf kommt langsam auf ihn zu. »Ja, ich meine ja nicht –, es war nicht so gemeint, Jens.« Doch nochmals bleibt er stehen, heftiger in der Stimme: »Aber warum gehst du da herum und hältst große Reden voll – voll Verachtung für uns andere? All dein Künstlertum, was ist das denn?«

Der alte Mann sieht ihn furchtlos und treuherzig an. Er sagt ganz einfach: »Nur der Wimpel, Herr Kandidat, nur der farbige Fetzen am geborstenen Mast. Die Ladung ist versunken, ich weiß. Tausende von Dampfschiffen fahren breit und sicher daher, mit einem und zwei Schornsteinen; aber hohe Masten und farbige Wimpel zuoberst, das ist aus der Mode gekommen, das ist nur noch ganz selten, ich weiß. Wenn einmal so ein gut gepanzerter 29 Schiffsrumpf, so ein großartiger Dampfbootsbauch auf den treibenden Mastbaum fährt, da knickt er in Splitter auseinander, denn er ist morsch geworden, so lange hat er auf den Wellen herumgetrieben. Ich weiß, ich weiß.«

Seine Hand zuckt von der Türklinke weg. Die Türe wird von außen geöffnet, heftig und doch angstvoll. In der Kälte, die schwallbreit hereinströmt, steht ein Frauenwesen in Pelzmantel und Pelzmütze, steht Dagny. Sie hält die Tür in der Hand, schaut auf den alten Jens, schaut auf Rolf, der näher beim Lichte steht. Ihre Augen sind wie Vögel, wenn die Wellen hochgehen und die Winde zwischen den Klippen des Fjords hin und her jagen: sie sind ruhelos, aber sicher.

Da klemmt der alte Jens seine Säge fester unter den Arm und verbeugt sich tief vor Dagny. In zwei Schritten ist er an ihr vorbei und hat die Türe hinter sich ins Schloß gezogen.

Dagnys Arme fallen am Körper herunter. Ihr Kopf sinkt langsam nach vorne.

Rolf tut einen Schritt gegen sie hin, bleibt wieder stehen. »Du kommst also –. Du bist also doch gekommen.«

30 Sie antwortet nicht. Er legt seinen rechten Arm um ihre Schultern und küßt sie auf die Stirne, die kalt ist wie der frühe Winterabend. Sie wendet sich leicht von ihm weg, nun weint sie leise, und plötzlich wirft sie sich ihm an die Brust, die Hände vor sich gefaltet und den Kopf gesenkt. Ihr Mund stammelt: »Ich wußte ja – ich wußte es ja so gut –.« Seine Arme müssen sie halten; seine Finger streichen über ihr Gesicht. Er sieht von ihr weg und murmelt: »Willst du nicht versuchen, ein wenig ruhiger zu sein? Dagny, weine doch nicht.«

Sie weint nicht mehr. Sie lächelt, wie sie den Kopf hebt: »Ich wußte ja, daß du mich nicht wegweisen würdest.« Sie sieht ihn von der Seite her an. »Du verzeihst mir, Rolf? Sieh, du wolltest nicht zu mir kommen, – da kam ich zu dir.«

Rolf löst seinen Arm von ihr, läßt sie stehen und geht zum Fenster. Sie schaut ihm nach, folgt ihm, ergreift seine schlaff herabhängende Hand. »Rolf, ich kam zu dir –. Du hast es nicht leicht mit mir, ich weiß es wohl. Hab Geduld.« Rolf schweigt; er läßt ihr die Hand. Sie senkt wieder den Kopf, und ihre Schultern zucken. Langsam öffnet sie den Mantel. 31 Da wendet sich Rolf ihr zu und hilft ihr aus dem Pelz. »Willst du –, gib auch deine Mütze.« Sie neigt den Kopf vor ihm, er streift die Mütze von ihren Haaren, legt sie zum Mantel aufs Sofa und bleibt beim Tische stehen.

Dagny nähert sich ihm langsam, unsicher lächelnd, und wie sie vor ihm steht, beugt sie spielend ihren Kopf auf seine Schulter herab. »Es ist so still in unserm großen, grauen Haus. Ich kenne jedes Geräusch, jede Diele, die knarrt, jedes Fenster, das im Winde rüttelt. Bei dir, in deiner Stube, ist noch so vieles fremd für mich. Ich bin gerne hier. Welch guten Gedanken du hattest, mir zu schreiben, du wollest nicht zu mir kommen. Ich las zwischen den Zeilen.« Sie lacht in seine Schulter hinein, die er unwillig emporreißt. »Bist du nicht froh, Liebster, daß ich zwischen den Zeilen las?«

Rolf spricht über sie hinweg, in die Dunkelheit hinaus: »Stand wirklich das – das zwischen den Zeilen? Ich hätte etwas anderes herausgelesen. Jeder Mensch – nein, aber manche Frau, manches Mädchen hätte sicher etwas ganz anderes zwischen den Zeilen gefunden.«

Nun begegnen sich ihre Augen; sie sind ganz 32 nahe. Dagny hat blanke Augen, die nichts verraten. Rolf zieht die Brauen zusammen.

»Stand denn nicht in dem Brief, daß ich dich heute nicht zu sehen wünsche, nicht sehen könne, – nicht wolle?«

Aus dem kurzen Schweigen hebt sich Dagnys Stimme demütig: »Nein. Es stand darin, du müssest arbeiten und fändest keine Zeit, zu mir zu kommen. Hier –.« Ihre Hand greift nach dem Mantel; ein Blatt Papier knittert.

Rolf hält sie am Arme fest.

»Ja, aber –« Dagny fährt rasch weiter, und Tränen treten ihr in die Augen: »Ich dachte mir, ich wolle gehen, zu dir gehen und dich mitten in der Arbeit überraschen, dich vielleicht herausreißen, stören, ja stören, – und das war wohl nicht recht gedacht, – oder doch still in deiner Stube sitzen, während du arbeitest, zugegen sein, nur da sein und manchmal auf dich schauen. Ich – ich ahnte doch nicht, daß ich so unwillkommen sein würde. Ich ahnte doch nicht, daß – daß du mich gar nicht brauchen könntest, nicht einmal meine Anwesenheit ertragen könntest, daß ich dir zur Last fiele.«

Nun zieht Rolf ihr feuchtes Gesicht näher zu 33 sich: »Aber nein, Dagny, es ist ja – du irrst –«

Doch sie entwindet sich seinen Händen. »Nein, ich irre mich nicht. Nein, ich gehe nun. Arbeite, arbeite weiter. Ich will ja nicht stören.« Schon greift ihre Hand nach dem Mantel.

Rolf sagt gereizt. »Stören –! Als ob deine leibliche Anwesenheit mich stören würde. Es ist doch ganz etwas anderes.«

Sie blickt rasch auf. »Ganz etwas anderes, – sagst du nun? Aber im Briefe –?«

Er zischt: »Zwischen den Zeilen –?«

Sie wirft den Mantel wieder hin. »Du hast gar nicht gearbeitet, ich weiß es, Rolf. Es ist gar nicht so, daß du arbeiten wolltest.«

»Doch, es ist so.«

»Jedenfalls, du tatest es nicht.«

Er lacht bitter: »Nein!«

»Nein. Du saßest und schwatztest mit dem alten Jens. Um mit diesem Narren, diesem – diesem Jens schwatzen zu können, schriebst du mir den Brief? Deshalb konntest du nicht kommen. Keine Zeit! Arbeiten! Gott weiß, was ihr euch zu sagen hattet, daß du deshalb mich nicht besuchen, – mich nicht einmal hier dulden kannst.«

34 Rolf sagt ruhig: »Es ist auch nicht genau so. Jens blieb hier, – ich behielt ihn hier, weil ich nicht arbeitete. Aber arbeiten wollte ich. Wollte ich, – hörst du? Als ich sah, daß nichts daraus werden würde, bat ich ihn, hierzubleiben und mir Gesellschaft zu leisten. So war es.«

Hohn flackert in Dagnys Stimme. »Mich zu bitten, – mir zu erlauben, dir Gesellschaft zu leisten, daran dachtest du nicht.« Nach einer Weile: »Arbeiten, sagst du.« Sie geht zum Tisch. »Hier liegen Bücher. Deine Arbeit, davon erzählst du mir nie. Ich weiß gar nichts davon. Wo ist sie? Hier?«

Sie reißt die Schieblade hervor; ihre Finger beginnen in den Papieren zu kramen. Rolf steht plötzlich neben ihr, hält eisern fest ihr Handgelenk, daß sie aufschreit.

Er sagt nur: »Laß das. Laß meine Arbeit in Frieden.«

Dagny sieht ihn groß an, weicht zurück, setzt sich aufs Sofa. Ihre Stimme ist tonlos. »In Frieden, – ja. Du bittest um Frieden für sie.« Jäh aber fährt sie empor. »Hätte ich sie hier in meinen Händen, jetzt zwischen meinen Fingern gehabt, – zerrissen hätte ich sie. Du weißt es 35 wohl. Ich kenne sie nicht, ich soll sie nicht kennen. Nichts lieferst du mir aus.« Wieder dämpft sich ihre Stimme. »Erinnerst du dich daran, als wir in der Stadt waren, im Theater? Einmal, ein einziges Mal waren wir dort.«

»Du wolltest kein zweites Mal hingehen.«

»Nein, nicht das. Erinnerst du dich?«

Rolfs Antwort zögert. »– Ja.«

»Vor uns, links vor dir saß ein Mädchen. Erinnerst du dich?«

»Ja.«

»Du kanntest sie, ihr grüßtet euch, aber du wolltest sie mir nicht vorstellen. Du sprachst nicht von ihr. Du schwiegst bloß lange. Erinnerst du dich an all das?«

»Ja, aber das war doch –«

Dagny schlägt mit der flachen, runden Hand leicht auf den Tisch. »Nein, so war es.«

Eine Weile steht Rolf noch da, sieht in ihr fragendes Gesicht, in ihre blanken Augen, auf diese heischende Hand, dann wendet er sich weg, geht in die Dunkelheit. Es bleibt still.

Das ist die frühe Winternacht in den einsamen Stuben. Sie macht, daß Menschen sich plötzlich verloren haben, die glaubten, nebeneinander 36 her gehen zu müssen, und sie macht, daß andere, die man ferne glaubte, plötzlich da sind. Sie hat die große Macht über die Menschen, über ihre Herzen. Sich gegen sie auflehnen, – was nützt es? Man kann nur warten, abwarten.

Dagny weint. Ihr Leib ist zur Seite gesunken; ihr Antlitz liegt im dunkeln Pelz; ihre Finger zucken.

Rolf legt seine Hand auf ihr schimmerndes Haar. »Weine doch nicht. Laß doch das Weinen, Dagny. Hörst du? – Könnten wir nicht – einmal – ruhig miteinander reden?«

Sie hebt den Kopf empor, greift nach seiner Hand. »Vergiß, was ich soeben sagte. Rolf! Antworte mir, willst du es vergessen? Ich weiß, ich muß dich bitten, so vieles zu vergessen, was ich sage und tue. Ich bin so – so –. Sei nicht hart zu mir.«

Rolf wendet sein Gesicht weg. »Hart – ja, ich bin grausam zu dir.«

Sie umklammert stärker seine Hand. »Nein, Rolf. Du sollst streng zu mir sein, ich muß deine harte Hand fühlen, – deinen festen Handgriff, sonst falle ich ja. Sonst bin ich allein. Aber was ich vorhin sagte, das alles ist so 37 häßlich, neidisch. Ich weiß gar nicht, was ich manchmal sage. Es ist Eifersucht, ich bin eifersüchtig auf alles, auf alle, die dich haben, auf den Narren Jens, mit dem du sprichst, auf deine Arbeit, von der ich nichts weiß, auf das Mädchen, das du mir nicht vorstellen wolltest. Ich weiß, das alles ist häßlich. Aber ich kann nicht anders. Ich liebe dich, ich will dich allein haben, ganz für mich. Seitdem ich dich das erstemal sah –« Sie fühlt, wie Rolf zusammenzuckt. »Ich weiß, du findest das dumm. Ich bin so. Ein Kind, Rolf. Du hast es selber gesagt. Du mußt mich halten. Du hast mich einmal genommen, so wie ich war. Ich komme nicht los von dir. Du sollst nicht von mir weggehen. Du darfst es nicht.«

Sie hat sich erhoben, sie steht nun neben ihm. Ihre Hände haben seine Schultern gepackt, rütteln ihn, legen sich ihm um den Nacken. So stehen sie in der Dunkelheit, nahe beieinander. Ihre Schatten, an der Wand, sind eins geworden, ein großer Schatten, ohne Form, ohne Linien, ohne Sinn. 38

 

Noch liegt die Stille des Wintermorgens auf Lysenstöa. Noch sind die Türen nicht aufgegangen, noch krachen nicht die Scheiter in den Oefen. Im Stall mag eine Kette rasseln; aber Rolf hört sie nicht. Seine schweren Schuhe dröhnen durchs stille Lehrerhaus; und niemand hört sie als er allein. Er rafft mit wenigen Griffen aus dem Schrank und von der Wand zusammen, was er braucht, steckt es in den braunen Rucksack und schnürt ihn mit klammen Fingern zu. Er geht zum Fenster; ein fahler Schein liegt hinter den Eisblumen. Er haucht an die milchigkrustige Scheibe, späht hinaus: keine Nebel, nur mattgrauer Schnee, ein gelber Saum am Himmel über den Höhen.

Nun fährt er in die blaue Jacke, knöpft sie bis hoch ans Kinn hinauf zu, zerrt die Kappe über die Ohren, buckelt den Sack und legt die Büchse darüber, quer über den Rücken, daß sie festsitzt und nicht gleiten kann. Er geht über den schmalen Hausgang in die Schulstube hinein, legt einen Zettel auf den Tisch und schreibt mit steifen Buchstaben darauf: Ich gehe in den Wald. Dann verläßt er das Haus.

Vor der Schwelle wirft er die langen, schmalen 39 Skier in den Schnee, gleitet mit einem Ruck in die Lederriemen und schnallt sie straff um Rist und Ferse. Die Fäuste packen die Stöcke, und mit einem Zug der Arme schiebt er sich der Hauswand entlang, biegt um die Ecke und läßt den schlafenden Hof hinter sich.

Ueber die Hänge hinab, in weiten Schleifen, pfeilt er der Fjordbucht zu. Die Luft des frühen Morgens steht dünn, wie von der nächtlichen Kälte starr, um ihn; er bricht in sie ein, durchreißt sie, daß sie in Wirbeln um ihn aufzischt, schneidet sie mit Gesicht, Leib und Beinen. Sie wirft sich ihm entgegen, hämmert auf ihn ein wie mit Fäusten, jagt ihm das Blut in die Glieder, während sie ihm die Züge des Angesichts steift. Seine Wimpern zerren sich, die Lider werden gespannt, der Mund brennt eisig.

Dann und wann, zwischen den Hangbuckeln hindurch, um die er saust, sieht er die Häuser von Lysenstöa noch auftauchen, den roten Stall, das weiße Wohnhaus mit den Birken davor, seine eigene Hütte zuäußerst am Hügel, und dahinter den bereiften Wald. Er kennt jede Falte des Geländes, durch das er seine Hölzer steuert, den vereisten Bach, über dem der Schnee 40 tief und zusammengeweht liegt, die Wiesen hier und die Aecker dort und drunten die Landzunge, die in den Fjord hinausgeht und auf der im Sommer die Fohlen und jungen Pferde dahinjagen. Hier ragt der Stein, ihr Fels –.

Einmal, an einem blanken Juliabend, hatte er hier gelegen, in der moosigen Schale auf dem Stein. Er hatte die langsamen Schläge ihrer Ruder von ferne schon gehört; die Luft war ganz still. Er hatte ihr Boot um die waldige Ecke biegen sehen; dann war es hinter dem Ufergestrüpp verborgen. Als es am Stein vorbeiglitt, hatte sie die Ruder halb eingezogen; die Tropfen fielen klirrend ins Wasser. Sie spähte hinauf nach Lysenstöa; er sah ihre Augen weit offen, ihr Haar lag wie ein vergessener Kranz aus Abendsonne um ihre Schläfen. Er rief sie an: »Komm.« Sie erschrak, tauchte hastig die Ruder ins Wasser, fuhr weiter und in einem großen Bogen über den See zurück nach dem Försterhof. Lange blieb die Spur ihres Bootes auf dem Wasser, wie ein schimmernder Pfad. Am nächsten Abend lag er wieder dort, die Ellbogen im Moos, das Gesicht in den Händen. Der See war ruhig, kein Boot furchte ihn. Am 41 dritten kam sie. Er reichte ihr die Hand, als sie auf den Felsen stieg. »Wie heißt du?« »Dagny.« »Und ich –.« »Du bist Rolf«, sagte sie und legte sich neben ihm ins Moos, ohne ihn anzusehen.

Nun trägt ihn das Fjordeis. Eben und furchenlos dehnt es sich vom Ufer zum Ufer und füllt die innerste, die letzte Bucht. Die Skier surren durch den Schnee, der hier härter und stellenweise salzig zerkrümelt ist. Ihre Doppelspur legt sich wie ein schmales Band durch die grauhelle Weite; in gleichmäßigen Abständen begleiten sie, wie Nägel, mit denen man es festgeheftet hat, die Zeichen der Stöcke im Schnee. In der Bucht von Engnes klimmt die Spur steil ans Land und verschwindet im Walde.

Denn hier säumt noch der Wald finster und weithin das Ufer. Sein Mantel deckt den breiten Rücken der Berge, hängt über die Flanken herab, fällt in den Fjord und macht im Sommer das Wasser dunkel und verschwiegen. Da und dort hat der Mensch eine Ackerbreite Landes erstürmt, hat sich vom Boot auf eine Klippe geschwungen, die Axt in der Faust, die Sprengpatrone neben dem Kautabak in der 42 Hosentasche, hat den Wald angegriffen, in ihn hineingehauen, ihn in die Luft gejagt, einen Holzzaun zwischen ihn und sich gesetzt. Ein Haus steht nun da, Kartoffelstauden stengeln in den hellen Sommertagen empor; der Mensch hat den Wald bezwungen. Der reiche, leichte Acker auf der andern Seite des Fjords hat den Menschen abgeschüttelt, wer weiß warum, die Familie hat ihn aus ihrer Wärme vielleicht ausgestoßen, mag sein, das Gefängnis hat ihn entlassen; nun sitzt er in der Einsamkeit und hat den Wald um sich, sein Sausen um die Hütte und den Schlag der Wellen. Er sitzt auf seinem Hof, hat ihm seinen Namen gegeben und ist nicht einsamer, als er vorher war. Auch ihm ist der Wald ein Mantel geworden.

Quer den Hang hinauf schiebt Rolf seine Hölzer. Er geht mitten durchs Gestrüpp, das dürr unter seinen Skiern knackt; er geht an den hohen Tannen vorbei, unter denen der Schnee nur spärlich ist, und an den jungen Stämmen, auf denen die weiße Last wuchtet. Er sieht die Felsblöcke mit ihren Schlupfwinkeln und Höhlen und beugt sich manchmal lange über eine zage Spur. Er folgt den verwehten Stapfen 43 hangauf und hangab und verliert sie wieder in der eigenen Fahrt. Seine Augen sind hell geworden, seine Arme greifen mit den Stöcken weit aus, seine Kniee federn und sind voll Spannung; Wärme durchflutet ihn ganz.

Vom Kamm aus, den er plötzlich erklommen hat, geht sein Blick über Wald und See hinweg ins jenseitige Land. Die Wintersonne strömt breit über die Hänge herab, an den Runsen vorbei, die bläulich im gleißenden Schnee dämmern. Der ferne Wald schimmert, als läge auf ihm von Silber ein Netz mit engen Maschen, das er sprengen möchte. Ueber den Häusern steht Rauch, steil, schleierfein. Man kann die Höfe alle zählen, von ferne in ihre Verschlossenheit eindringen, ohne daß sie es merken, ihren matten Puls belauschen, ihr gedämpftes Lachen und ihre stummen Seufzer, ihre winterliche Einsamkeit.

Rolf hat die Hände auf den Stöcken gefaltet und beugt sich ausruhend über die schwanke Stütze.

Dort, hart am Ufer, ist der Försterhof. Die Birken am Weg sind laublos; sie frieren. Auf dem breiten Hofplatz hetzt ein Hund umher. 44 »Finn«, sagt Rolf laut und lächelt. Jetzt fährt das Tier in langen Sätzen gegen die Haustüre, die offen steht, und verschwindet. Bald wird jemand heraustreten; dort drinnen im Flur steht wohl jemand vor dem schrägen, blinden Spiegel und schiebt sich die Haarsträhnen unter die Pelzmütze und reibt sich mit der kleinen geballten Faust die Wange, während der Hund wie toll herumjagt. Dort drinnen sagt wohl jemand: »Finn.« Jetzt –. Rolf wendet sich weg, stößt sich in langem Ruck vorwärts, gleitet im Sonnenschein weiter.

Da überqueren seine Hölzer eine Skispur. Sie ist frisch, breit, kräftig, von einem Bauer oder einem Holzfäller. Während Rolfs Augen ihr folgen, schräg den Abhang hinauf, kracht ein Schuß. Oben auf dem runden Kollen steht ein Mann. Der hellblaue Himmel fließt weit und weich um ihn und um die hohe Föhre, die ihre struppigen Aeste über den Mann hält. Er hat die Büchse vor sich auf den Ski niedergestellt; mit der rechten Hand schattet er die Augen und späht über den Fjord.

Rolf ruft ihn an: »Erling! Bist dus?« Dann steigt er zu ihm empor. Der Mann lacht.

45 »Hast du geschossen, Erling? Bist du auf der Jagd?«

»Nein«, sagt der Mann und legt die Hand auf die Büchsenmündung. »Es war ein Zeichen, siehst du. Es war ein Gruß. Dort hinüber. Ich gehe in den Wald. Wir schleppen das Holz zum Vaajasee hinunter.«

»Wem gilt der Gruß?«, fragt Rolf und späht hinüber zu den Höfen. Der Mann schweigt.

»Bist du im Tal gewesen?«

»Ja, zwei Tage lang. Man hält es nicht immer eine ganze Woche aus, droben im Wald, siehst du.«

Rolf schüttelt den Kopf und lacht. »Wie heißt sie, der du das Zeichen gegeben hast? Ich kenne sie. Sie war auch einmal dabei, als wir auf Framstad in der Scheune tanzten. Sie wollte nicht mit mir tanzen, weil du dabei warst und weil du getrunken hattest. Wie heißt sie?«

»Das war Bodil,« sagt der Mann und hängt sich das Gewehr wieder um.

»Ich sah sie gestern im Walde bei Lysenstöa.«

»Jetzt lügst du«, sagt der Mann. »Ich war den ganzen Tag auf dem Hof und sie auch.«

»Ja, es war vor drei Tagen«, nickt Rolf lächelnd. »Ich traf sie im Walde. Sie trug ihr rotes 46 Kopftuch. Ich sagte ihr, sie müsse ein anderes umbinden, ein helles, mit Blumen darauf; da würde sie noch schmucker aussehen.«

Erling murrt finster: »Ihr rotes Kopftuch trägt sie, seitdem ich es ihr geschenkt habe und bis ich ihr ein neues schenke. Sie ist mir schmuck genug und eben recht so.«

»Ich sah sie auch früher einmal, im Herbst, drunten am Fjord. Da ging sie zusammen mit Lars Larsen.«

»Jetzt lügst du wieder.« Erling lacht aus vollem Hals. »Lars Larsen ist weit weg von hier. Er steht und dient in Moen; weißt du das nicht? Letzten Sommer war er das letztemal hier, und zu Bodil geht er nicht mehr. O nein, er hat genug von meinen Fäusten. Das muß schon ein anderer gewesen sein, mit dem Bodil ging; das muß schon ich gewesen sein.«

»Hör nun, Erling,« sagt Rolf, »ich habe Bodil versprochen, ihr ein neues, helles Kopftuch zu kaufen. Ich werde mein Wort halten, was meinst du?«

»Ob sie es tragen wird?«

»Selber werde ich es ihr ums Haar binden, und sie wird es wohl geschehen lassen müssen.«

47 Erling wiegt den Kopf hin und her. Dann sagt er rasch, ohne Rolf anzusehen: »Allerdings, des Försters Tochter trägt kein Tuch auf ihrem Haar. Darum kannst du wohl andere Mädchen damit beschenken wollen. Und Dagny wird es wohl geschehen lassen müssen.«

»Schweig von Dagny, hörst du?« Rolf reißt die Büchse von seiner Schulter und schießt in einen Baumwipfel unter dem Kollen; Schnee stäubt auf, flirrt golden im Sonnenlicht, rieselt über die aufschnellenden Aeste herab. Eine Krähe flattert trägen Schwunges hinweg. Rolf hängt die Büchse wieder über die Achsel, faßt die Skistöcke und lacht Erling breit ins Gesicht. »Du hast noch einen Schuß im Lauf, ich habe noch einen. Heute Abend, wenn ich wieder im Tal bin, kaufe ich beim Krämer das Tuch. Morgen soll es Bodil, wahrhaftig, am hellen Tag schon über den Hofplatz tragen. Sieh dich vor, Erling. Vielleicht treffen wir uns heute Abend bei Bodil.«

In scharfen Schwüngen kreuzt Rolf den Hang hinunter, daß der Schnee hinter ihm aufzischt.

Erling schreit ihm nach: »Versuch es nur! Ich werde dort sein, wo du bist. Prahlhans!«

48 Rolf sieht zu ihm hinauf. Er steht droben neben der hohen Föhre, im blauwogenden Himmel, und rührt sich nicht. Er hat noch einen Schuß in der Büchse, aber er läßt sie ruhig am Rücken hängen. Er blickt dem Davonziehenden nach, der rund um den Kollen gleitet, jetzt in den dunkeln Schatten der Tannen hineintaucht, in den Wald verschwindet. Dann macht auch er sich davon, und seine breite Spur fegt drüben über den sonnenblanken Hügel hinab, ins Gestrüpp hinein. Der Wald hat beide aufgenommen.

Der Wald: das sind nicht Bäume, schattig und lieblich und ein Dach der Dämmerung, und dann ein Saum, eine Grenze, ein plötzliches Hinaustreten ins Freie, Helle, Wohnliche. Der Wald: das sind Täler und Hügel, Berge und Schluchten, Bäche und Seen, ohne Anfang und Ende, stundenweit, tagelang. Hier ist er dicht, ein Stamm neben dem andern, die Zweige ineinander verschlungen, verkrampft, die Kronen steil in die Höhe getrieben, ins spärliche Licht; was nicht leben kann, fällt, verdorrt, stirbt ab; der Boden ist knietief bedeckt mit moderndem Fallholz unter moosiger Hülle, die einbricht, 49 wenn man darüber schreitet. Dort ist er licht, jeder Baum ein Wunder für sich, mit Sonne und Schatten und voll Unergründlichkeit. Dieser Hang ist beinahe kahl; zwischen felsgleichen Strünken ragen rissige Föhrenstämme mit flatternden Aesten himmelan; gestrandete Schiffe, die ihre Masten im Winde schaukeln. Jener Hügel trägt wie einen zähen Panzer das verwachsene Krüppelgestrüpp der Wachholdersträucher, aus denen sich wie lichte Riesenblumen die Birken heben. Schattige Täler tun sich zu dunkeln Wassern auf; steinige Kämme steigen wie harter Schorf aus Moor und Sumpf empor. Dies alles und tausend anderes: das ist der Wald. Und sein Getier und seine Vögel, und sein Geruch und seine Töne, und der Mensch, der ihn betritt: alles gehört zu ihm, gehört ihm.

Der Mittag läßt einen Atemzug lang die niedere Sonne über ihm verweilen; und der Schnee flimmert. Die Ferne ist nah in ihrer glatten, reinen Weiße. Dann werden die Schatten länger und der Wald wird drohend.

Rolfs Skier surren, surren vorwärts. Er hat kein Ziel; er hat nur den Wald um sich. Von 50 den Kuppen und Kollen aus, so weit der Blick und das Ohr dringt, nichts als Wald, Weite, Stille. Gebüsch schlägt hinter ihm zusammen, wenn er hangabwärts saust; Täler locken ihn in felsige Schluchten und schieben ihn auf die weiße Breite vereister Seen hinaus; neue Kämme wippen ihn in neue Täler hinüber. Seine langen Hölzer fliegen, zitternd streifen sie Busch und Baum, federnd springen sie über Bachgestein und Hanggeröll. Ihr Lauf eilt den Schatten der Berge voraus, reißt ihn in sonnige Höhen empor, steht ermattet still vor der roten Lichtkugel, die plötzlich fern und groß auf blauen, zackigen Hügelketten gestrandet ist und untergeht.

Da ist der Abend; ein kalter Dampf steigt aus den Wäldern. Wie wird der Schnee auf einmal schwer, grau, feindlich. Die Skier beginnen zu ächzen.

Vor dem Einnachten kommt Rolf zum Schuß. Er packt das graue Huhn in seinen Sack; eilt, klimmt, hastet zur nächsten Höhe hinauf, schaut sich um. Täler, Seen, Täler, Berge, alles blau, spinnwebfein verhüllt. Im Geäst einer leise knarrenden Föhre hängt eine silberne Sichel, 51 der blasse Mond. Die Skier sirren zitternd taleinwärts, schräg am Hang.

Die Nacht hat alles anders gemacht. Felsblöcke hüpfen ihm trollplump entgegen, sperren den Weg, ritzen sich die Rippen wund am aufklirrenden Stock. Büsche, die platt am Boden krochen, recken sich auf schwanken Beinen empor, fahren ihm in die Kleider wie bissige Hunde, greifen nach seinen Armen. Bäume wiegen sich hin und her und lallen Lieder im Traume. Die bärtigen Föhren lachen, böse und höhnisch, und winken mit krummen Fingern. Der Boden selber, der weiche, sanfte Schnee, rollt sich zusammen wie ein sprungbereites Tier, wenn ihm der Ski in die Weichen fährt. Hügel werden zu Abgründen, die Schatten hüpfen spottend hin und her, stehn jählings starr, sind eine Felswand. Dann tut sich weiße Weite auf.

Der Ski fühlt die Ebene des Sees unter sich und wird ruhig. Dunkel stehn die Ufer. Ein feiner Strich läuft voraus, wird plötzlich breit, daß der Ski hineinstolpert, hat harstige Ränder und zwei tiefe Rillen: die Spur von geschlepptem Holz, ein Pfad in der Nacht, ein Weg durch die Einöde der Wälder.

52 Rolfs Augen schließen sich; sein Ohr nur lauscht dem leisen Knirschen des Schnees unter den langen Hölzern. Die Arme greifen weitaus, die Kniee stoßen federnd nach vorne, der Kopf ruht müde aus.

Jetzt schieben sich in weitem Bogen die Ufer zusammen; eine schwarze Wand steigt auf, zackig oben vor dem sternklaren Himmel. Stämme liegen stapelhoch auf dem Buchteis und am Lande. Eine Axt, ein Schlitten stehn dunkel im Schnee, – eine Hütte.

Rolf löst ächzend die Riemen von den steifen Schuhen, schlüpft aus den Bindungen, lehnt die klappernden Hölzer gegen die Wand, fährt mit der Hand über die glatten Flächen, klaubt den Schnee aus den schmalen Kehlen. Dann tritt er in die Hütte ein.

Im offenen Kamin glost letzte Glut. Rolfs Augen durchsuchen die Dunkelheit, seine Hände erfassen tastend die Kante einer kniehohen Liegestatt, er hört den Atem eines schlafenden Menschen.

Im Walde steht eine Holzfällerhütte, glimmt ein Scheit erlöschend in einem Kamin und spendet Wärme, schlafen Menschen. Draußen 53 ist die unendliche Nacht, der Himmel mit seinen Sternen, der Schnee, die Kälte, der Wald. Draußen ist der Tod.

Rolf legt sich hin, schiebt den Sack unter seinen Nacken, zieht die Büchse eng zu sich heran.

Neben ihm regt sich der Mensch, dreht sich unwillig halb herum, murmelt aus dem Schlaf heraus: »Hier, eine Decke. Rück näher zu mir.«

Rolf drängt sich an ihn; die Decke fällt über seinen Leib, hüllt zwei Menschen ein. Ihrer Körper gemeinsame Wärme hält sie am Leben in der Winternacht des Waldes.

Rolf fragt leise, zögernd: »Bist du es, Erling?«

Der andere schweigt; er schläft.

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