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Ein Herbst in Wales

Julius Rodenberg: Ein Herbst in Wales - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
booktitleEin Herbst in Wales
authorJulius Rodenberg
year1858
firstpub1858
publisherCarl Rümpler
addressHannover
titleEin Herbst in Wales
pages340
created20141018
sendergerd.bouillon@t-online.de
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– Von Dir und Deinem Volk hab' ich gedacht
Du lebtest, nach der vor'gen Tage Pracht,
Schweigsam in Deinen Bergen, spröd wie Erz –
Dein Stolz war mir bekannt, – doch nicht Dein Herz!
Doch nun, da ich geschaut Dein Antlitz recht,
Dein blühend Thal, Dein ewig jung Geschlecht,
Und Deiner Frauen Mund, der süß in Scham
Sich öffnet – nun, da ich vernahm,
Daß rings das Land noch klingt von Harfenschall,
Der mächtig rauscht, wie Deiner Waßer Fall:
Nun kenn' ich Dich! – kenn' Deine Lust, Dein Weh',
Die tief und ewig sind, wie Deine See!

Aus dem Englischen des Leigh Hunt.

 

Ein Herbst in Wales

Land und Leute, Märchen und Lieder.

Von

Julius Rodenberg.

 

 

Hannover.
Carl Rümpler.
1858.

 


 

Der edlen Frau

Baroness Lionel von Rothschild

auf Gunersbury bei London

 

mit herzlicher Verehrung

zugeeignet.

 

Am 1. Mai 1857.  

Gnädige Frau! Dieß Buch gehört Ihnen. Nicht blos, weil Ihr Geist über den Blättern schwebte, indem ich schrieb, oder weil ich es mit der Feder geschrieben habe, die Sie mir zum Ersatz für die Feder von Segontium verehrten; dieß Buch gehört Ihnen, weil ich Ihnen die Anregung dazu verdanke. Aus den walisischen Hochlanden kam ich nach London herein, recht wie eine verlorene Seele. Nach dem Bergwind, der mir dorten gerauscht, nach den stillen blauen Seen, die mir dorten geleuchtet – nach dem ganzen, schönen Hochlandstraum erwachte ich auf einmal im Londoner Herbstnebel und befand mich so nüchtern, so sehr nüchtern! Ernst und verschloßen alle Häuser – ernst und verschloßen alle Herzen; ich irrte durch die unabsehbaren Straßencolonnen und suchte Menschen. Ich war verstimmt, und ward es immer mehr. Doch Sie wißen, Gnädige, das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche, »aber auf seine Weise, um uns Etwas über unsre Wünsche gewähren zu können.« Es führte mich in Ihre Nähe. Es war ein Tag, wie ich ihn in meinem Leben nicht gesehn hatte. Gunersbury lag ganz in Nebel. Aber Sie – ein sanfter, glänzender Stern – ließen mich doppelt empfinden, wie das Licht Ihrer Seele aus Sphären ströme, die kein Nebel der Welt verdunkeln kann. Mir ward so wol davon, daß ich's am ruhigen Schlage des Herzens fühlte. Auch die ländliche Einsamkeit, die Sie umgab, die lang vermißte Ruhe, der frische Hauch des Friedens, der über die Wiesen und Seen von Gunersbury hereinwehte – der Ton idealer Begeisterung, mit der Sie über die uns gemeinsamen Interessen des Judenthums sprachen, und die Art, wie sich mit dieser so edlen Neigung ein offner und angeregter Sinn für alles Schöne in deutscher Literatur, Kunst und Wißenschaft verband: dieß zusammen wirkte so beruhigend und besänftigend auf mich, daß sich das Gleichgewicht meiner Seele freundlich wieder herstellte. Ja, an diesem Tage sollte mir Alles denkwürdig werden, selbst die Heimkehr. Der Nebel hatte sich in selten gesehener Schwere niedergesenkt. Alles war verhüllt; man sah Nichts, man hörte kaum Etwas und hatte nur das Gefühl des Unermeßlichen und Unendlichen um sich. Die Laternen strahlten von ihren zu Himmelhöhe emporgewachsenen Pfählen dicke, fast greifbare Lichtmassen in den Dunst hinein und feurig schoßen die Wagenlichter vorüber. Fast diabolisch wurde die Scene, als Knaben mit flackernden Kienholzfackeln über den Weg hin- und herliefen und die Omnibusse, einer hinter dem andren, von einem Laternenträger geführt, wie eine Geistercaravane vorüberzogen. War das Alles geschehn, um mir zu zeigen, welch ein »kalter Nebel« zwischen London und Gunersbury liege; oder vielmehr, um mich fühlen zu laßen, daß nur ein freudig angeregtes Gemüth dazu gehöre, um selbst den Nebel poetisch zu finden? In jenen Tagen stieg der Gedanke in mir auf, meine walisischen Reiseskizzen dichterisch auszumalen und zu einem Ganzen zu ordnen. Der Gedanke ward mir lieb und werth und er ward es mir immer mehr, je natürlicher er sich mit den geistigen Anregungen verband, die ich – gnädige Frau! von Ihnen empfieng. – Ich habe Sie hernach noch mehrere Male gesehn und von jeder Begegnung ist mir eine schöne Erinnerung geblieben. Wie reizend war der Gang am Rande des Teiches, in dem der versinkende Tag sich spiegelte; – unter den gestreckten Aesten der Ceder, die sich über uns weit und mächtig dachten! Wir sprachen von Thomas Moore und seinen orientalischen Dichtungen.

Herrlicher aber hätte sich das Bild. das Sie mir hinterlaßen haben, nicht vollenden können, als durch den Nachmittag, an welchem ich Abschied von Ihnen nahm. In einem der dunkelsten Gäßchen der City, in Bell Lane stand der herrschaftliche Wagen aus Gunersbury. Der stattlich gallonierte Kutscher saß stolzer auf seinem Bocke da, als drinnen in der dämmernden Halle einer jüdischen Armenschule die Erste ihres Volkes auf einem hölzernen Schemelchen. Ja, edle Frau, so erhaben, so menschlich groß sah ich noch keine Fürstin, als Sie – umgeben von zwei liebenswürdigen Töchtern – unter den vierhundert armen, verlaßenen Kindern ihres Volkes – den Hülflosen ein Trost – ihren Glaubensschwestern ein Vorbild und uns – die wir bewundernd von fern stehen – das Ideal einer Frau, die, auf den Höhen des Lebens geboren, nicht nur mit dem Glanz alles Dessen geschmückt ist, was hohe Bildung und mächtige Stellung gewähren: sondern auch mit einem Herzen voll Liebe und Opferfähigkeit in die Tiefen hinabsteigt, um die Nacht des Elends und der Unwißenheit zu erleuchten und zu erwärmen . . .

Von alle Diesem mächtig bewegt, verließ ich London und England. Und in dieser Stimmung war es, daß ich mein Buch unternahm und vollendete. Zwar steht es mit den geschilderten Eindrücken in keiner äußerlichen Verbindung. Aber das ist die Macht des weckenden Frühlings, daß er mit einem Athem hier das Kornfeld und die Rebe und dorten, hoch im Gebirge das Alpenkraut knospen und blühen läßt; und das ist die Macht des edlen Frauenherzens, daß es hier in bescheidener Verborgenheit Segen schafft und Freude bereitet, und dort in Poetenherzen halbvergeßne Träume und halbverschollne Erinnerungen zu neuem und schönerem Leben erweckt. –

Gnädige Frau! – nehmen Sie darum das Buch, das ich Ihnen schulde und mit herzlicher Verehrung hiermit überreiche!

 


 

Für die Leser,

welche meinem Buche ein paar freie Stunden zu schenken gedenken, erlaube ich mir noch folgende Bemerkungen hinzuzufügen. Es war nicht mein Plan, ein gelehrtes Buch zu schreiben; ich war vielmehr darauf bedacht den Eindrücken, die der Herbstaufenthalt in Wales meinem Herzen und meinem Geiste hinterließ, eine künstlerisch abgerundete Form zu geben. Aber da es mir zugleich darum zu thun war, dem allzustarken Vordrängen der Subjectivität – einem Fehler, den man bei Reisewerken mit Recht tadelt, obwol er nirgends so aus der Natur der Sache zu entspringen scheint, als grade hier – zu begegnen: so habe ich mit den persönlichen XIV Erinnerungen die Ergebnisse meiner Studien über Wales und die Waliser verwebt. Was dem Bucht an subjectiver Frische verloren gieng, hat es, wie ich denke, an objectivem Gehalt gewonnen. Ob die Mischung in der Weise geschah, daß man die beiden Bestandtheile meine Werkchens nicht mehr als besondre empfindet: das zu beurtheilen muß ich der Milde der Leser anheimgeben. In Bezug auf die Theile des Buches, welche kymrische Überlieferungen nur in eine, dem deutschen Publikum zugängliche, Form gebracht haben, nämlich die Märchen, Volksliedchen und Melodieen, bin ich meinen Lesern noch einige Erklärungen schuldig.

Was die Märchen anbelangt, so glaube ich, daß ich eine ziemlich vollständige Sammlung der s. g. kymrischen Mabinogi's gegeben habe. Einen Theil derselben verdanke ich zwar Croker's »Fairy Legends« (London, 1831), einen andren der »Fairy Mythology« von Keightley (London, 1850); allein viele der schönsten von denen, die ich mitgetheilt XV habe, finden sich weder in der einen noch in der andren Sammlung.

Die Volksliedchen (Pennillion) fand ich in den »Musical and Poetical Relicks« von E. Jones (London, 1784) und dem »Cambro Briton« (London, 1819–22) zerstreut. Ich habe sie im Geiste, obschon nicht regelmäßig im Versmaße des Volkes, das sie gesungen hat und noch singt, in's Deutsche übertragen und glaube, daß dieß der erste Versuch ist, diese anmuthigen Liedchen der Waliser in unsre Sprache einzuführen.

Das Arrangement der zum Schluße des Buches mitgetheilten walisischen Volksmelodieen verdanke ich der Güte meines theuren Freundes, des Königlich Hannoverschen Hofcapellmeisters Dr. Heinrich Marschner. Gewis war Niemand mehr berufen, die einfach herzigen Harfenweisen des walisischen Volkes für den Gesang umzuschaffen, als er, der unter allen Tondichtern der Neuzeit als der volksthümlichste geschätzt wird. Die Aufnahme XVI dieser, gleichsam als Probe mitgetheilten, Lieder wird darüber entscheiden, ob wir demnächst eine größere Sammlung walisischer Melodieen mit Text dem deutschen Publikum vorlegen dürfen oder nicht. Ihm aber, dem Componisten des »Vampyr«, des »Templers« und »Hans Heiling« danke ich hiermit noch einmal für die Bereitwilligkeit, mit welcher er mein Buch mit seiner Kunst und einem Namen geschmückt hat! –

J. R.

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