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Ein gräflicher Geburtstag / 1

Fritz Reuter: Ein gräflicher Geburtstag / 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämmtliche Werke Band IV
authorFritz Reuter
year1903
publisherHinstorff'sche Hofbuchhandlung Verlagsconto
addressWismar
titleEin gräflicher Geburtstag / 1
pages213-246
created20021005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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Fritz Reuter

Ein gräflicher Geburtstag.

Die Feier des Geburtstages der regierenden Frau Gräfin, wie sie am 29. u. 30. Mai 1842 in der Begüterung vor sich ging.Die gräflich Hahn'sche »Begüterung« in Mecklenburg ist gemeint.

Erster Tag.

Motto:
Lustig leben die Kosacken.


Eines schönen Morgens, es war am 29. Mai 1842, sah ich vor dem Hause eines Freundes einen Wagen halten, den dieser mein Freund mit einem andern Freunde, der uns beiden gehörte, eben besteigen wollte. »Wohin?« frag' ich. »»Nach S.,«« ist die Antwort. »Was habt Ihr denn dort zu thun?« – »»Oh,«« schreiet mein lebhafter Freund Fischer: »»Geburtstag – venetianische Regatta – Bucentaur – kleine Engel – Warensche Fischerknechte – Kanonen – Fischerstechen – Bier und Branntwein – Volk – Gräfin X. – Bratwurst.««

»Daraus werde ich nicht klug,« sag' ich; »lieber Meier,Die beiden Freunde heißen jedoch eigentlich mit dem ersten Buchstaben nicht Meier und Fischer, sondern anders. Anmerk. des Verfassers. sage Du mir, was es eigentlich giebt.« – »»Ich bin auch nicht klug daraus geworden,«« sagt Meier, »»nur so viel weiß ich, daß ich einen Brief gelesen habe, so eine Art Programm, worin von vielen Festlichkeiten die Rede war, von denen ich bei uns zu Land noch nimmer gehört; zuletzt aber stand in dem Briefe ein Passus, den habe ich verstanden, denn er lautete sehr populär: ›An den Ufern des Sees sollen Feuer angemacht werden; an diesen soll sich das Volk lagern, soll daselbst mit Bier und Branntwein, Kartoffeln und Wurst tractirt werden und soll Hurrah! rufen, und soll dieses Hurrahrufens kein Ende sein!‹««

Das Alles war zu verlockend; ich sprang auf den Wagen und wir fuhren nach S. Das erste, was mir allda vor Augen kam, war eine schöne, laubumwundene Ehrenpforte. Oben auf der Spitze derselben prangte die Grafenkrone und unter derselben der Namenszug der Gräfin A. H. Ich wollte eben die Pforte passiren, da gewahrte ich eine schwarzleibige und schwarzbeinige hagere Gestalt, in der Hand eine Papierrolle haltend und in großer Unruhe unter der Ehrenpforte hin und her laufend. Ach Gott, dacht' ich, das ist auch wieder so ein armer Schulmeister aus der Begüterung, der eine Bittschrift anbringen will. Mit diesen mitleidigen Gefühlen schreite ich weiter; aber plötzlich hält mir der Schwarze die Papierrolle unter die Nase. »Lieber Freund,« sage ich, »Sie irren mit Ihrer Bittschrift, ich bin keine hohe Herrschaft, ich bin Volk;« und dabei schwebte mir so ein dunkles, aber hoffnungsreiches Bild von Bier und Branntwein, Kartoffeln und Wurst vor. – »»Was Bittschrift, was Volk,«« sprudelte mich das Kerlchen an, »»ich bin der Capellmeister R. und soll darauf sehen, daß kein ungeweihter Fuß den Boden unter der Ehrenpforte betritt, bevor er nicht Die getragen, deren Strahlen bald hinter jenen Fichten aufgehen werden; Leute, wie Sie, gehen durch die kleine Pforte hier nebenan.«« – Während ich mich nun zum Gehen durch die Nebenehrenpforte umwandte, erschaute ich in geringer Entfernung einige grüne Leute mit gelben Blechinstrumenten unter dem Arm, welche mich lebhaft an Spinat mit Eiern erinnerten. – »Wer sind diese?« frag' ich. – »»Wenn sie roth und weiße Jacken tragen,«« sagt Fischer, »»sind sie Stallknechte; sehen sie aber grün aus, dann sind sie Capelle.«« – »Das ist ein sonderbarer praktischer Dualismus, der hier herrscht,« dachte ich; »der Capellmeister ist zugleich Portier und die Stallknechte Capelle!« – Doch wir zogen ein durch die enge Pforte in das Paradies hochgräflicher Lustbarkeiten.

Hinter der Ehrenpforte standen ungefähr 20–30 kleine bunte Kinder, angethan mit rothen, blauen, gelben und gestreiften Jäckchen und weißen Pumphöschen: alle aber hatten rothe Schlafmützen auf, und sahen justement aus wie die bunten Papierschnitzel, die ich als Knabe an den Schweif meines Drachens zu binden pflegte; der Capellmeister aber war der Drachen. – »Ich bitte Dich, lieber Fischer,« sag' ich, »wie kann man so kleinen Kindern schon Schlafmützen aufsetzen; was sollen sie denn im Alter tragen?« – »»Dieses sind keine gewöhnliche Schlafmützen,«« sagt Fischer belehrenden Tones, »»sondern phrygische, wie sie zu Neapel und Ischia getragen werden; auch sind dies keine Tagelöhnerkinder aus der Begüterung, sondern wirkliche kleine Fischerkinder aus Castellamare und Sorrent, die sich die Mühe gemacht haben, expreß hierher zu kommen, um etwas zu singen, und zwar sind's Männlein und Fräulein.«« – »Du scherzest,« sag' ich; »das letztere wenigstens kann ich nicht glauben, denn Jungen sind's doch gewiß alle.« –»»Du wirst's gleich sehen,«« sagt Fischer, und geht an das bunte Gewimmel hinan. »Guten Tag, Kinder,« ruft er, und siehe da! er hatte Recht: die Hälfte der armen Kleinen nahm die Schlafmützen ab und die andere Hälfte machte einen tiefen Knix, ganz ihrer Beinkleider vergessend.

Wir befanden uns jetzt in einer breiten Fichtenallee, die an den Strand des schönumuferten Sees hinabführte. Schon früher war ich in S. gewesen, hatte aber noch nie so einen Baumgang bemerkt. Um mich zu orientiren, wandte ich mich an einen Tagelöhner, der in seinem ›Sünndagnahmiddagschen‹ und auf seinen Handstock gestützt, das Ganze mit einem verteufelt nachdenkenden Blicke ansah. – »Mein Lieber! ist diese Allee schon immer hier gewesen?« – »»O, wat woll't Herr, hir stünnen süs schöne Plummenböm; dei hewwen s' æwer afhau't un uns de ollen Fichten ahn Wötteln inplant't; so 'n Herrschaften hewwen männigmal so 'n Infäll!«« – »Nehm' Er sich in Acht,« sag' ich, »was Er da sagt, ist ja Rebellion.« – Bestürzt stottert der hochgräfliche Unterthan: »»Ach nehmen 't de Herr nich æwel, ick dacht, Sei wiren kein von de B.schen!«« und erschlug sich seitwärts in die Büsche.

Am Ende der Allee, am Ufer des Sees, der tief blau vor uns da lag, fing ein Gerüst an, das eine ziemliche Strecke in den See hineinragte und so eine Art von Molo vorstellen sollte; das äußerste Ende desselben war durch ein Zelt gegen die Sonnenstrahlen geschützt, und dies war der Punkt, von wo ans die Noblesse das zu erwartende Schauspiel mit ansehen sollte.

Rechts und links von obbesagtem Molo aber war ein kleines Eselfuhrwerk mit einer Cofent-TonneTonne mit Cofent: dünnes, schwaches Bier (von conventus Zusammenkunft). in den See hineingefahren, und auf dem einen derselben stand der Schweinejunge, auf dem andern der Gänsejunge, beide in Bacchusse verpuppt, und brüllten Mecklenburgische Dithyramben: »Hurah, de Fru Gräfin sall leben!« Ihre Verpuppung war außerordentlich einfach durch ein Shirting-Hemde und einen Weinlaub-Kranz bewerkstelligt; ihr Attribut war ein hölzerner Becher, der genau so aussah, wie das Gefäß, in das die Meierinnen die Butter einzupfunden pflegen. Bei diesem Anblick ward mir wunderlich melancholisch zu Muthe und ich jammerte: Ihr armen Götterjünglinge! Eure Götterschaft hat heute Nachmittag schon ausgespielt; Euer Becher wird sich morgen in den Dreizack verwandelt haben, nicht in den des Neptun, nein, in den des Misthofs, und Eure Schultern, blendend jetzt durch die Unschuldsfarbe des griechischen Shirting-Gewandes, werden in allen Regenbogenfarben spielen, wenn der Wirthschafter merkt, daß Ihr die göttliche Cofent-Tonne noch nicht vergessen, oder daß Ihr Euch nach Art der alten Heiden-Götter in ein dolce far niente einwiegen wollt.

Diese trüben Betrachtungen wurden plötzlich durch ein kläglich Gewimmer von Kinderstimmen unterbrochen. Ich weiß nicht wie es kam, es schreckte mich der Gedanke an den Kindermord von Bethlehem auf; mich umsehend gewahrte ich den schwarzen Capellmeister, wie er gleich einem Zauberer wunderbare Kreise über die kleinen bunten Kinder schwang, die sich um ihn herumdrängten und aussahen, wie die heraufbeschworenen Geister des Trödels.

Ich.
        Was weben die dort um den schwarzen Mann?
Freund Fischer.
Weiß nicht, was sie kochen und schaffen.
Ich.
Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.
Freund Fischer.
Eine Sängerzunft.
Ich.
Sie streuen ihr Weihrauch,
Freund Fischer.
Und singen dazu.

Ja wohl! sie sangen, und was sie sangen, ward uns durch herumgereichte, gedruckte Zettel kund. Da ich noch so einen Zettel besitze, so will ich ihr Lied dem geneigten Leser nicht vorenthalten.

Empfang.

Heil Dir, Du Blüthenkranz
Herrin im Anmuthsglanz: –
Heil Agnes Dir!
Fühle, wie tiefbewegt,
Heut' jedes Herz sich reg't:
Wenn uns Dein Engelsbild,
Segnend erscheint! –

Grüß Dich Gott, unser Gott!
Segne Sie, treuer Gott!
Väterlich-mild. –
Die da mit frommem Sinn
Ueber die Erd' weit hin!
Freundlich den Blick uns lenkt;
Treu Dein gedenkt. – &c. &c.

Kaum waren die dünnen Kinderstimmen verhallt, als plötzlich eine Schaar reisiger Reiter in Form und Gestalt mecklenburgischer Gensd'armen, unter Kanonendonner und lautem Ruf auf das Volk eindrang. »Platz, Platz für die Hohen Herrschaften!« Das Volk riß aus, die Krieger behaupteten das Feld, ganz wie bei einer Pariser Emeute. Hier galt rascher Entschluß: entweder Gänsehirt oder Schweinehirt, entweder links oder rechts; ich hielt mich rechts und schwur zur Fahne des göttlichen Sauhirten. Als sich nun Alles so recht fest und mich mit einem Fuß in den See gedrängt hatte, herrschte ein stummes Schweigen der Erwartung und aus purer Devotion rief das Volk nicht ein einziges Mal Hurrah. Jetzt wäre es sonst an der Zeit gewesen, denn die Königin des Festes nahete langsamen Schritts, schwanenweiß und auch so stolz, und hinter ihr die Festordner und Festordnerinnen, hier aufmunternd, winkend, dort zürnend, dann die Gäste, dann die homines minorum gentium, als da sind Kammerzofen und Lakaien, und zuletzt der bunte Schweif des Drachen, die kleinen Fischerkinder, deren Aufgabe noch nicht vollständig gelös't war.

Je näher der Zug unserm Bacchus kam, desto unruhiger wurde Letzterer, und als die Gefeierte des Festes ihm gegenüberstand, brach er in ein so ungeheures Freudengebrüll aus, daß wir uns davor entsetzten und sogar sein eigener Esel den Versuch, ihn zu übertreffen, kopfschüttelnd unterlassen mußte. Darauf seinen Becher leerend, schwenkte er denselben um sein mit Weinlaub umkränztes Haupt und rief: »Prosit Schwester!« Leider aber hatte dieser unbesonnene junge Gott die Anfangsgründe seiner Bacchusschaft schlecht studirt und eine übergroße Nagelprobe in seinem Gefäß gelassen, die nun in den Lüften einen Halbkreis beschrieb, der bei dem weißen Gewande seiner Gebieterin begann und bei meinem weißen Strohhute endigte, uns gewissermaßen durch eine Cofent-Kette in Rapport setzend. – »Tausend,« sagt Fischer, »das war eine feine Schmeichelei!« – »»Nun höre mal,«« sag' ich, »»wenn Du das schmeicheln nennst, wenn man Damen Cofent auf die Kleider gießt, so ist es leicht den Angenehmen zu spielen; ich bin auch schön beschmeichelt worden, sieh' mal meinen neuen Hut an.«« – »Ach. wer redet denn von dem Begießen,« entgegnet Fischer; »diesen Theil des Actus nahm die Gnädigste, wie es mir schien, auch ziemlich ungnädig auf; ich meine die Worte ›Prosit Schwester‹.« – »»Und was findest Du anders darin als Unverschämtheit?«« frage ich. – »Lieber Freund,« antwortete er, »Du scheinst in der Mythologie schlecht bewandert: der alte Jupiter gebar, ich weiß nicht in welchem Jahre seiner Weltregierung, den Bacchus aus seiner Hüfte, und ferner gebar er aus seinem Hirnkasten die Sinnigste, Klügste aller Göttinnen, die Minerva, – ergo!« – »»Nun, ergo?«« – »Ergo, wenn Bacchus sagt: Prosit Schwester, so heißt dies für den Kenner: Prosit Göttin Minerva!«

Ein hoher Adel hatte sich derweil in das für ihn bestimmte Zelt begeben, und ein verehrungswürdiges Publikum stand gaffend und drängend am Ufer des Sees, als wiederholt Kanonendonner vom Land auf den See und vom See auf das Land uns das Zeichen gab, daß die Spiele ihren Anfang nähmen. Mitten auf dem See lag die Flotte von bunt bewimpelten und bunt bemannten Fahrzeugen und in ihrer Mitte das Admiral- oder Orlogschiff. Freilich Alles in Miniatur, aber doch recht nett, denn die Flotte bestand aus Kähnen, das Admiralschiff aus einem großen Holzkahn, Prahm genannt, seine Caronaden waren gepumpte Königsschuß-Böller und der Admiral ein Fischermeister. Die Mannschaft war mit respective blauen oder rothen Jacken und weißen weiten Beinkleidern bekleidet; auch fehlten die phrygischen Schlafmützen nicht. Sie waren in zwei feindliche Parteien getheilt, von denen die Blauen die Farben der Gräfin verfochten, die Rothen die des Grafen. Mit dem ersten Kanonenschusse begann der Kampf; paarweise ruderten die Kämpfer in edlem Wetteifer dem Ziele zu, dem Zelte nämlich, und wie einst auf dem Hippodrom zu Constantinopel der Kampf der Grünen und Blauen Hof und Volk in ängstlicher Spannung erhielt, so harrete hier Hof und Volk ängstlich der Entscheidung zwischen den Rothen und Blauen. Endlich war das letzte Paar an's Ziel gelangt und nun erhob sich ein fragendes Gemurmel unter dem Volk: Wer hett wunnen? – De Graf hett wunnen, war die Antwort. – Und wirklich, in diesem Kampf hatte der Graf gewonnen. Beinahe wäre dies Veranlassung zum ersten Hurrahruf geworden, – doch

Der Respect und die Polizei
Die schreckten den Bauer zurück auf's Neu';
Und Alles noch stumm blieb, wie zuvor.
Da erhob der Kapellmeister sich nebst Chor:
Sie sangen von Herz und von Liebe,
Von seliger goldener Zeit,
Von Treue, von Frauenwürde,
Von Stolz und von Mütterlichkeit;
Sie sangen von allem Schönen,
Was Menschenaugen gesehen;
Sie sangen von allem Hohen;
Wir konnten's nur nicht versteh'n.
Es war uns zu hoch und zu wunderlich,
Wir konnten es nicht begreifen,
Und die Gefühl', die da regten sich,
Sie thäten an's Lachen streifen.

Sie sangen nach der Melodie der Barcarole aus der Stummen von Portici folgenden Sang:

Oh fühlt's, wie strahlend reicher Segen,
Heut hier uns nah't: Geburtstag tagt!
Besingt den Tag, der Gottes Wegen,
Den frohen Dank, aus Herzen sag't.
Doch fühl't es tief, zu Gottes preise!
Gefühl! rege Dich! –
Wie mütterlich, gut, klug und weise –
Gefühl! rege Dich! – &c. &c.

Ich mache hier darauf aufmerksam, daß die beiden angeführten Festlieder wörtlich von mir copirt sind, und daß ich auch in der Interpunction nichts geändert habe, die in solchen exaltirten, gleichsam übersinnlichen Formen sich wohl einen großen Luxus von Zeichen, namentlich von Gedankenstrichen und Ausrufungszeichen erlauben darf. Jean Paul's Regel für die Interpunktion: Wenn der Sinn halb aus ist, machst du ein Komma, wenn der Sinn ganz aus ist, machst du ein Punktum, und wenn du etwas geschrieben hast, worin gar kein Sinn ist, kannst du Komma und Punktum setzen, wo du willst; diese Regel, sage ich, leidet hier durchaus keine Anwendung.

Jetzt, mein liebes Vaterland, mein liebes Mecklenburg, muß ich dich apostrophiren! Wir haben zwar manche poetische Produkte in die Welt gesetzt; aber diese undankbare Welt, die wir durch selbige zu beglücken meinten, ist der Ansicht, wir producirten bei weitem nicht so schöne Gedichte, wie Weizen.

Doch ich kann dich, mein liebes poetisches Mecklenburg, trösten mit der Versicherung, daß du obige beiden Gedichte nicht vor dem Richterstuhle der gesunden Vernunft und des guten Geschmacks zu vertreten nöthig hast; sie gehören der Ukermark an, und die mag sich denn auch darüber verantworten, – wir können uns nur daran ergötzen. Die Gerechtigkeit gegen die Ukermark verlangt jedoch, daß ich auch einen unserer Dichter, der Vergleichung wegen, anführe, wenn auch mein Dichter freilich nicht den Vorzug einer hohen Geburt in Anspruch nehmen kann. Also: Hört! Hört!

›Gedichte eines Bauernjungen.‹
An seinen Schulmeister.

Sowie die Sonn' am Firmament
Den Bauern auf die Pelze brennt,
So bist Du liebes Schulmeisterlein,
Ein allerliebstes Männelein.

Ein poetischer Vergleich, der vielleicht noch vieles zu wünschen, aber nichts zu hoffen übrig läßt.

Der Jäger und sein Hund.
Eine Fabel.

Ein Jäger und sein Hund
Verfolgten einen Hasen, und
Wollten ihn greifen, aber
Der Has' lief in den Haber.

Nun vergleicht und wählt, Ihr Kunstrichter; doch fürchte ich, die Ukermark siegt, wenn anders der Ausspruch wahr ist, daß gerade die schönsten Melodien und Lieder Gemeingut des Volkes werden. Ich habe nämlich das Gedicht ›Gefühl, rege Dich‹ auf den Straßen einer kleinen Stadt singen hören, freilich mit der Version:

Gefühl rege Dich, un holl Di jo nich, so nich up!

Das Wettrudern war zu Ende; die Preise waren vertheilt; der Gesang verstummt; da begann der zweite Theil des actus, das Fischerstechen (des joutes sur l'eau, wie es auf dem Gebrauchs-Zettel heißt). Dieser Theil des Festes war für mich von minderem Interesse; desto größeren Jubel aber erregte er bei denjenigen aus dem Volke, denen die Mitspieler persönlich bekannt waren, und die nicht unterließen, ihre Bekannten laut zur Tapferkeit anzufeuern. »Johann Krischan! slah tau! Johann Jochen! wehr Di!« so erscholl es laut um mich her, und wenn einer der Kämpfer in das Wasser gestoßen wurde, war Freude und Gelächter groß.

Jetzt begann nun der dritte und letzte Act, das Wettschwimmen; er wurde ebenfalls mit Kanonendonnner introducirt. Ein übelgesinnter Spaßvogel neben mir meinte, dies ewige Kanoniren komme ihm vor wie der Titel des Shakespeare'schen Dramas ›Viel Lärm um Nichts.‹ Dem sei nun, wie ihm wolle, unsere Aufmerksamkeit wurde von Neuem auf den See gelenkt und zwar zunächst auf ein Gerüst, welches genau so aussah, wie ein Galgen, dann aber aus fünf arme Sünder, angethan mit weißen Sterbekleidern und höchst widerstrebend die Hinrichtungs-Maschine besteigend. »Was Teufel!« fragte ich, »sind das Todes-Candidaten?« – »»Oh ne! bitt' um Entschuldigung, dieses weniger,«« antwortete ein wohlaussehender und wie ein Bürgersmann gekleideter Mensch; »»der eine ist ein Drechsler, der zweite ein Schornsteinfeger und die drei Kleinen sind Straßenjungen von ordentlichen Eltern aus unserer ehrsamen Stadt M.; alle sind begierig, den ausgesetzten Preis von zwölf Thalern preußisch Courant zu gewinnen!««

Hier wurde seine Rede durch die Geschütze unterbrochen, und Plumps, Patsch! purzelte Einer nach dem Andern von dem Gerüste in den See. »Ach wie schön!« sagte hier eine junge, blaßgesichtige Dame, die sich vielleicht etwas in Belletristik übernommen hatte, »so stürzte sich einst im weißen Gewande Sappho vom Leukadischen Fels.« – »»Ja,«« rief Fischer boshaft, »»oder so springen zwei Neufundländer und drei Pudel ins Wasser, um sich einander einen hineingeworfenen Knochen streitig zu machen.««

Der eine der Schwimmer zog es vor, alsbald dem nächsten Ufer zuzurudern, wo er sich hinter einem Busch barg und aus dem Shakespeare'schen Sommernachtstraum aufführte: ›Diese Weißdornhecke soll mein Ankleidezimmer sein‹; drei andere erreichten das Ziel nicht, oder doch zu spät, und mußten zum Theil von Kähnen aufgefischt werden, um sie vor den Umarmungen der Wassernixe zu bewahren. Nur der Drechsler erreichte das Ziel und ward Sieger.

Und vor dem ganzen Diener-Troß
Die Gräfin ihn erhob,
Aus ihrem schönen Munde floß
Sein ungehemmtes Lob;
Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht
Denn er hatt' ja das Bürgerrecht;
Ihr klares Auge mit Vergnügen
Hing an den wohlgestalten Zügen.
Und gütig, wie sie nie gethan,
Nahm sie ihn bei der Hand,
Und führt' ihn zu dem Grafen hin,
Der nichts davon verstand.

Wenn übrigens unter den Anwesenden sich Jünger oder Jüngerinnen der bildenden Künste befunden hätten, so hätten sie hier die beste Gelegenheit gehabt, die Lehre von den nassen Gewändern zu studiren; wunderbar genau und durchsichtig schmiegte sich der nasse Shirting an den Körper des Siegers. »Er sieht aus,« sagte Fischer, »wie eine männliche Tochter der Niobe aus dem Berliner Museum.«

Die Festspiele zu S. waren geschlossen; etwas Kanonendonner, etwas Wagengerassel, und Alles war vorbei. Da erhob das Volk seine Stimme, nicht um Hurrah zu rufen, nein! »Nach B.« scholl es; »nach B.!« scholl es wieder aus tausend Kehlen; so mögen die ersten Kreuzfahrer auf den Gefilden von Clermont gerufen haben, »nach Jerusalem, nach Jerusalem!«

Fischer, Meier und X. (notabene ich bin hier X., die dritte unbekannte Größe) bestiegen ebenfalls ihr bescheidenes Gefährt und fuhren gen B. – Da wären wir nun; aber wie unter Dach und Fach kommen? Das Gasthaus war voll zum Ersticken: ›das weite Haus faßt nicht die Zahl der Gäste, die wallend kamen zu dem Völkerfeste.‹ Endlich durch List, durch Ueberredung, vorzüglich aber durch Schulterblätter gelang es uns Posto zu fassen in den Räumen des Hotels. Kaum waren wir drinnen, so wünschten wir uns auch schon wieder aus diesem Dunstbade hinaus; aber dies war unmöglich; das Haus glich der Unterwelt der Alten, hinein konnte man wohl, hinaus konnte keiner, außer Orpheus und Theseus; der eine war aber ein Sänger, der andere ein Held und wir waren keine Sänger und eben auch keine Helden; so mußten wir uns denn geduldig pressen lassen. Endlich war ich so glücklich, ein Fenster zu erobern; aus diesem lehnte ich mich, theils um frische Luft zu schöpfen, theils auch, um durch die weichen Theile meines Körpers die Stöße meiner Opponenten zu paralysiren. Wer die Kissen an dem hintern Theile der Waggons auf den Eisenbahnen gesehen hat, wird dieses mein Verfahren als richtig und in der Mechanik begründet anerkennen. So lag ich lange anderthalb Stunden, wurde dann aber herrlich für meine ausgestandenen Stoß- und Drangsale belohnt.

Zuerst blitzte ein Licht durch das dunkle Laub der Bäume, darauf zwei, drei, bis endlich tausende von Flammen das schöne Dorf beleuchteten, welches dalag von strahlender Helle übergossen, und doch wieder, gleichsam schüchtern, sich hinter das Laub der Bäume verkriechend, wie ein schönes Landmädchen, welches, zum erstenmale in ungewohntem Schmucke, nicht weiß, ob es sich dem fremden Auge zeigen, oder sich verbergen soll. – Wir eilten hinaus und mischten uns unter die auf- und abwogende Menge, die wie Mücken um die Lichter schwärmte und schwirrte. Es war ein zauberischer Abend und rein zum Sentimentalwerden. Ich spürte schon gewaltige Lust dazu und wäre auch wohl dazu gekommen, wenn mich nicht die Neugierde nach dem schön erleuchteten Schlosse hingezogen hätte.

Da wurde mir aber das Sentimentalwerden gründlich ausgetrieben durch einen neckischen Kobold, der sich hinter transparente Inschriften am Schlosse verborgen hatte, und mir die Thräne unauslöschlichen Gelächters auf die Wangen trieb.

Die Inschriften waren alle höchst einfach durch lateinische Initial-Buchstaben ausgedrückt (und ich möchte wohl fragen, ob es eine edlere, sinnigere Einfachheit giebt, als diese starren, gradlinigen, dicken und dünnen Pfähle und Pallisaden); in der Farbe war ihnen jedoch wieder die größte Mannigfaltigkeit beigebracht; sie brannten grün und blau, roth und gelb, wie die Flicken einer Hanswurstjacke.

Das erste Transparent lautete:

Grab' B . . . . diesen Tag in Erz und Marmor ein,
Auf daß er Kindes Kind soll unvergeßlich sein.

Das zweite war specieller auf die Verhältnisse der Transparentausstellerin zu der Königin des Festes berechnet, hatte aber bei aller Klarheit der dahinter gestellten Talglichter doch manche dunkle Stelle. Es hieß:

Heil Dir oh Herrin aller Kräfte
Zu weihen im Berufsgeschäfte
Mit treuem Fleiß und treuem Sinn
Nimm gnädigst dies Gelöbniß hin
Des Schlosses treu ergeben
                                        unterthänigste Dienerin.

Da hier jede Interpunktion fehlte, so wage ich nicht die fehlenden Zeichen hineinzusetzen und überlasse dies einer Akademie der Inschriften.

Weiter waren wir zu dem hellerleuchteten Speisesaal gelangt und machten, da es dem Volke erlaubt war, sich von ferne an den Speisen und Getränken der Tafel zu erquicken, von dieser Erlaubniß sehr ungenirt Gebrauch; ich, für mein Theil, mit großem Nutzen, zwar nicht für meinen Magen, denn der schrie Zeter über die Praerogative der vornehmeren Mägen und deklamirte:

Ohne Zahl verteilt die Gaben,
Ohne Billigkeit das Glück!

sondern dadurch, daß sich mir eine Betrachtung über öffentliche Tafeln aufdrängte, die ich dem Leser nicht vorenthalten will.

In den ältesten Zeiten, in den Zeiten der babylonischen, assyrischen, chaldäischen, ägyptischen u. s. w. Könige, der Prototypen des Absolutismus, gab es keine öffentlichen Tafeln, und außer von Nebukadnezar habe ich von keinem Regenten jener Zeit gelesen, der öffentlich gespeiset hätte; Nebukadnezar aber fraß Gras, wie ein Ochse, auf einer gut bestandenen Kleeweide vermutlich, also wohl öffentlich. Die griechischen Kaiser, jedenfalls die würdigsten Vertreter des Absolutismus in einer späteren Zeit, hüteten sich wohl, ihrer Gottähnlichkeit durch öffentliche Befriedigung ihrer Bedürfnisse Abbruch zu thun. Die Beherrscher der Orientalen haben heut zu Tage gewiß durch Ohrenabschneiden und Bastonaden den richtigsten Takt in dem Absolutismus erlangt, und sind in dieser Art wirklich bewunderungswürdig, vielleicht auch für einige Liebhaber beneidenswürdig; aber, frage ich, würde wohl Abdul-Medschid öffentlich seinen saffrangewürzten Pillau mit höchsteigenen Fingern in seinen höchsteigenen Mund stopfen? oder würde der Dalai Lama, dieser Repräsentant des geistlichen und weltlichen Despotismus, wohl eine seiner berühmten wohlriechenden Büchsen verkaufen können, wenn Jedermann sähe, welche Ingredienzien er zur Bereitung ihres Inhaltes verbrauchte, und wenn etwa ein Thibetanischer Chemiker auf dem Wege der Analyse zeigte, daß ein Jeder diesen Inhalt der Büchse selbst machen könne? – – So weit war ich in meinen Betrachtungen gekommen, da rauschte plötzlich aus der einen Ecke des Saales hinter Laub und Blumengewinden ein Etwas hervor, welches alsbald einstimmig von den Zuschauern für einen Engel erklärt wurde, da es mit Flügeln versehen sei, und nebenbei für einen wirklichen Engel, da es lebte; aber wie unglücklich sah dies kleine himmlische Wesen aus, wie unglücklich-ängstlich schwebte es an der Zimmerdecke hin an den Stricken eines Flaschenzuges, wie tiefes Mitleiden mit diesem Himmelsbürger fühlte unsere Menschenbrust! Wenn alle Engel so aussehen und sich so vor dem Falle fürchten, dacht' ich, so muß das Engelthum nur ein schlechtes Metier sein. Der Engel ließ sich vor der Gebieterin (es ist dies der jetzige Modeausdruck in der Begüterung) nieder und überreichte ihr ein Marzipan-Herz, groß und breit, ein gleichsam vierschrötiges Herz, und draußen bei uns vor dem Fenster hob ein vierstimmiger Sang an, dessen Worte ich so glücklich bin meinen Lesern mittheilen zu können:

Dich grüßt ein Englein schon, grüßt
Cuno's Herz, ja Herz, ein Herz bringe
Cuno's Herz, ach wenn Dein Cuno naht,
Fühlt Dein Herz so wohl, so fühlt ja Dein
Herz, Dein Herz so wohl! &c. &c.
                                              (Ukermärkisches Produkt.)

»Na,« sagte die breite Stimme eines breiten vollwichtigen Mannes, »dies geht mich doch über Kreid' und Rothstein; derentwegen sich einen eig'nen Meschantikus aus Berlin kommen zu lassen! dieses is noch doller, als die Pferde in 'n Kutschwagen zu fahren, davon bitt' ich mir auch 'n jungen Ableger aus, aber von 't Herz, nich von den Engel, denn so 'ne Ableger hab' ich selber genug zu Hause.«

»»Oh,«« sagte ein anderer Jemand, »»der Spaß ist noch nicht zu Ende, nun kommt noch ein Fackelzug.««

Den wollten wir aber nicht mehr abwarten, wir trollten uns davon und waren bald auf dem Wagen und auf dem Weg nach Hause. Ich saß vorne beim Fuhrmann, Fischer und Meier auf der hinteren Bank, und beide wetteiferten bald in melodischen Nasentönen, welche der kleine Fischer im Falset, der vollblütige (im plebejischen Sinne des Wortes genommen) Meier im Grund-Baß schnarchte. Vor uns stand der Mond, klar und voll, und schaute so vornehm-indifferent auf uns herab, als ob ihn nichts bei uns interessire; ich war aber ein alter Intimus von ihm und hatte ihn zur Zeit meines ersten Verliebtseins vielfach cultivirt, ja sogar mit sentimentalen Gedichten incommodirt, ward aber später durch Verhältnisse von ihm getrennt und suchte nun heute wieder eine Liaison mit ihm anzuknüpfen. Zuerst als ich ihn mit dem alltäglichen Gruß »Guter Mond, du gehst so stille« begrüßte, schien er mich noch nicht kennen zu wollen, als ich aber zu ihm sprach

»Füllest wieder Busch und Thal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz,«

da konnte er sich nicht länger halten, denn dies war immer das Stichwort gewesen, wodurch ich seine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hatte, und er lächelte nun so freundlich mir zu mit seinem breiten, wohlwollenden Gesicht, daß mir Anfangs war, als sei ich 15 Jahre jünger geworden. Doch plauderten wir keinen Liebeswahnsinn, sondern ganz vernünftig zuerst über Tagespolitik, dann speciell über die des soeben abgewichenen Tages, wobei er frech genug behauptete, er sei eigentlich die causa movens der ganzen Fest-Geschichte gewesen; durch sein Licht übe er nämlich, wie männiglich bekannt, eine gewaltige Macht aus auf das Gehirn einzelner Menschen, und diese wolle er denn fürder auch nach besten Kräften anwenden, um nur nicht ganz aus der Mode zu kommen, dieweil er wohl gemerkt habe, daß sein früherer süßer Cultus bei der jetzigen Generation wegen Eisenbahnen und Repräsentativ-Verfassung im Abnehmen begriffen sei, wie er selber zuweilen. Endlich sprach er über seinen Einfluß auf die organische Materie im Allgemeinen, gab mir eine kurze Kritik von Liebig's organischer Chemie, die ihm nicht ganz gefiel; aber aus dem lächerlichen Grunde, weil sein Einfluß darin nicht genügend hervorgehoben sei. Dann sprach er viel über den Segen, den er der Landwirtschaft brächte; er sei es, behauptete er unter Anderm, der es verhindere, daß die Erdflöhe die jungen Erbsen auffräßen, und doch hielten die dummen Menschen, seine Persönlichkeit leugnend, ihn dermalen nur für eine bloße Himmelslaterne. Kurz, aus dem sanften mitfühlenden Freund und Vertrauten meiner Jugendjahre und Jugendträume war ein alter, von Hypochondrie geplagter, gelehrter Faselhans geworden; eben wollte er durch Aufstellung einiger himmelskörperlicher Paradoxen der Sache die Krone aufsetzen, als er urplötzlich anfing, Gesichter zu schneiden, als wenn unser Einem Tabacksrauch in die Augen geblasen wird. »Was fehlt Dir Luna,« frage ich, »wird Dir unwohl?« – »»Ach!«« entgegnete er, »»sieh Dich nur einmal um.«« – Als ich dies that, sah ich einen dicken gerötheten Qualm aufsteigen und ›schwarz röthete sich der Himmel‹, wie der Verfasser von ›Kuno, der schöne Jägerbursche‹ sagt. »Das ist der Fackelzug,« sprach ich. – »»Ja,«« sagte der Mond, »»das ist der Fackelzug, durch den die Menschen mein sanftes, reines Licht verhöhnen, und die alte Sonne, die Du alleweil nicht siehst, sitzt jetzt da unten bei Deinen Antipoden und lacht mich aus und spottet meiner, aber warte! dir wird es morgen nicht besser ergehen. O, über diese Menschen! und für solche Menschen muß ich scheinen!«« – So rief schluchzend der Mond, griff nach einer Wolke, wischte sich die Augen damit, wie mit einem Taschentuch, und verzog sich kummervoll hinter die Coulissen des Himmelsgewölbes. Ich aber dachte darüber nach, was er wohl mit seiner Macht über das Gehirn der Menschen gemeint haben mochte, und ob er wohl sich selbst an Hochgeborene Gehirne wagen dürfe. Da dies zwei Fragen waren, die Vieles pro et contra hatten, und solche Fragen mich regelmäßig in eine unauflösliche Verwirrung und demnächst in einen Halbschlummer stürzen, so geschah dies auch heute. Das Schnarchen meiner Gefährten, das jeweilige Einnicken des Fuhrmanns, der träge Schritt der müden Ackergäule, das Mahlen der Räder im Sande, das ewig in gleicher Melodie und bei jeder Umdrehung um seine Axe sich wiederholende Gekreisch des einen saueren Rades, dem meine Phantasie die Worte ›Gefühl, rege Dich‹ als Text gab, alles dies vereinigte sich, um mich vollständig in den Schlaf zu bringen. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich auf einem Wagen in Schlaf kam; aber, lieber Leser, denke Dir auch nur die Worte ›Gefühl, rege Dich‹ einige tausendmal von einem saueren Rade vorgesungen und Du wirst mir zugeben, daß man davon zuerst in ein heftiges Kopfweh und dann in einen betäubenden Schlummer verfallen muß.

Plötzlich, durch einen Ruck und ein nachfolgendes Gekrach und Geprassel erwachte ich; erschrocken blickte ich nach hinten und sah zu meinem größten Erstaunen da, wo früher meine beiden Gefährten der Ruhe gepflegt hatten, zwei paar Beine in die Luft starren, die alsbald auf die abenteuerlichste Weise zu manövriren anfingen. »Halt, Kutscher, Halt!« quiekte Fischer. »»Halt, Kutscher, Halt!«« brüllte Meier. Die hinteren Riemen ihrer Bank waren gerissen, beide waren dem Gesetze der Schwere gefolgt und lagen nun da, wie ein paar mediatisirte Fürsten auf dem Wiener Congreß, Jeder sich auf Kosten des Andern auf die Beine zu bringen suchend. Fischer suchte und fand einen Stützpunkt an Meier's Glatzkopfe, den er in dieser Zeit der Noth nicht mehr respectirte, als eine alte Kegelkugel; Meier legte aber seine breite. butterweiche Hand quer über das scharfe, schneidende Profil von Fischer, als wolle er einen Abklatsch davon machen. Beide wollten sich nun auf Kosten ihres gegenseitigen Stützpunktes heben, eine nach allen Regeln der Statik und Dynamik unmögliche Aufgabe; dabei spielten die Beine ihre Rolle als Balancirstangen unermüdlich fort und gaben einen richtigen Thermometer der Kraftanstrengung und Barometer des gegenseitigen Drucks ab. Unten fochten die Arme und Hände ihre Sache aus, oben, ganz unabhängig davon, scharmüzelten die Beine; bald siegten die leichten Truppen von Fischer's weißen Pantalons, bald wurden sie aus dem Felde geschlagen von den Meier'schen Stolpenstiefeln, als schwerer Cavallerie. Schlachtrufe, Seufzer und Gestöhn ließen sich hören. Seine Behendigkeit half dem kleinen Fischer hier nichts: bleiern, wie ein Alp, lagerten auf ihm Meier's Fleischmassen. Nichts half dem Meier seine Wucht: er konnte sie nicht in die Lage bringen, in welcher sie die Bank wieder nach vorn hätte überkippen müssen, – ob er auch gleich schnaubte wie ein Nordkaper. Der Fuhrmann und ich waren ein paar ganz unparteiische Zuschauer. »Herr,« sagte jener, und wollte sich eine frische Pfeife stopfen, »warum uns drein mengeliren, lassen Sie die Beiden allein ihre Sache ausmachen!« – Doch ging dies nicht länger; das Meier'sche Vollblut drohte mit einem Schlagflusse und das Fischer'sche Profil ging seiner allmählichen Auflösung entgegen. Der Fuhrmann mußte denn nun die Stolpenstiefeln arretieren und ich fing die weißen Pantalons ein, worauf denn die Beine zuvörderst für sich einen Separatfrieden abschlossen, dem bald die Arme und Hände nachfolgten. Wir hoben und schoben so lange, bis das Gleichgewicht hergestellt war; es war ein schwer Stück Arbeit und hat mir einen ungefähren Begriff davon gegeben, wie schwer es sein mag, ein gestörtes politisches Gleichgewicht wieder herzustellen.

Dies letzte Malheur hatte den armen Meier so attaquirt, daß er auf meine Frage, ob er am folgenden Tage nicht nach F. wolle, um auch die dort arrangirten Festlichkeiten mit anzusehen, sich hoch und theuer verschwor, lieber einen ganzen Tag nichts zu essen, sondern auf Erbsen zu knieen, als noch einmal solchen Tollheiten beizuwohnen, wie er sich auszudrücken beliebte. Der kleine Fischer aber sagte: »Allemal Derjenige, welcher!« Wir trennten uns nach dieser Verabredung, und ich schlief bald darauf ein mit derjenigen Frage an die Zukunft, die der Landmann unverdrossen jeden Abend ihr vorlegt: »Was es wohl morgen für Wetter sein wird?«

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