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Ein gerissener Kerl

Edgar Wallace: Ein gerissener Kerl - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleEin gerissener Kerl
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1960
translatorAlfred Schirokauer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Elks sachliche Stimme brachte Tony Braid wieder zu sich.

»Dort ist ein Fernsprecher. Rufen Sie doch mal die Polizeiwache an. Sagen Sie, daß es sich um einen Todesfall handelt. Wir brauchen den Polizeiarzt.«

»Tot?« flüsterte Tony. »Großer Gott!«

Elk blickte nachdenklich auf die starre Gestalt. Dann sah er ein Blatt Papier. Es lag nicht auf der Unterlage, sondern ein wenig zur Seite.

Der Detektiv nahm es und las stirnrunzelnd die Zeilen.

»Kennen Sie die Handschrift?«

Tony nickte. Es war ohne Zweifel die Frenshams. Hastig las er die verhängnisvolle Botschaft:

»Seit Jahren habe ich mich in törichte Spekulationen eingelassen. Ich bekenne, daß ich Gelder unterschlagen habe. Näheres ergibt die nachfolgende Aufstellung. Ich habe mein Leben verwirkt ...«

Hier brach das Schreiben plötzlich ab.

»Ist das Frenshams Handschrift?« forschte Elk wieder.

»Zweifellos«, flüsterte Braid und starrte gebannt auf die stille Gestalt.

Er hatte den Tod in mancherlei Gestalt gesehen. Doch etwas Erschütterndes, Furchtbares lag über diesem hingestreckten Körper.

Während Braid telefonierte, ging Elk zum Fenster, öffnete es, lehnte sich hinaus und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinab. Dann schloß er das Fenster.

Neben dem Schreibtisch stand ein Papierkorb, dessen Boden mit zerrissenem Papier bedeckt war. Er schüttete den Inhalt auf den kleinen Tisch, auf dem der Fernsprecher stand, und prüfte ihn sorgfältig.

»Ihren Brief und Scheck scheint er erhalten zu haben«, sagte Elk nach einer Weile und zeigte auf einen kleinen Haufen Papier, den er ausgesondert hatte.

»Hier ist der Scheck, zerrissen – wenigstens halte ich ihn dafür.«

Ehe Braid die einzelnen Fetzen des rosa Streifens zusammensetzen konnte, wußte er, daß es der Scheck war, den er geschickt hatte.

»Das wollen wir aufheben.« Elk nahm vom Tisch ein Kuvert und legte die Papierschnitzel vorsichtig hinein. »Den Brief und das Kuvert auch. Es sieht aus, als wäre er ungeöffnet zerrissen worden.«

Eine Viertelstunde später erschien der Polizeiarzt und unterzog die Leiche einer kurzen Untersuchung. Der Tod war sofort eingetreten.

»Jetzt haben Sie eine schwere Aufgabe vor sich«, sagte Elk.

Tony nickte und schritt langsam die Treppen hinab, Ursula die Trauerbotschaft zu überbringen.

Sie stand noch wartend vor der offenen Tür des Hauses. Ein Blick auf ihr Gesicht verriet ihm, daß sie schon alles wußte und daß der tragischste Teil seiner Aufgabe bereits erfüllt war.

»Kommen Sie herein, Tony.«

Sie war sehr blaß, doch ihre Stimme klang merklich fest.

»Mr. Elk hat mich schon angerufen – er hat mir zwar nicht alles gesagt, aber ich ahne es. Ist Vater tot?«

Tony nickte.

»Entsetzlich!« Sie schlug die Hände vors Gesicht, und ein Schauern überrieselte ihre Gestalt. »Weiß es Julian?« ächzte sie mit erstickter Stimme.

»Ist er nicht hier?« fragte Braid erstaunt.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, er ging gerade, bevor Mr. Elk anrief. Ich erzählte ihm, wie gut Sie gegen Vater gewesen sind ... Ich meine – das Geld, das Sie ihm heute abend schickten.«

Braid starrte sie an.

»Woher wissen Sie, daß ich ihm Geld geschickt habe?«

Sie antwortete erst, als sie in dem holzgetäfelten Speisezimmer die Tür hinter sich geschlossen hatte.

»Vater erzählte mir, daß er in Not sei und sich an Sie gewandt habe. Er sagte es mir telefonisch.«

»Aber Sie wußten doch nicht ...«

»Ich kenne Sie, Tony«, sagte sie voller Vertrauen. »Wenn er Sie um Geld bat, dann haben Sie es ihm geschickt. Er war dessen nicht so sicher, mein armes Väterchen. Er bat mich, ihn um halb neun Uhr hier zu treffen.«

Sie war sehr ruhig, sehr tapfer.

Er hatte sie jetzt nicht mit einem Gespräch über Geldangelegenheiten belästigen wollen und wunderte sich ein wenig, daß sie dieses Thema berührte.

»Glauben Sie, daß mein Geld verloren ist?« fragte sie unbeteiligt. »Ich habe mit Vater nie darüber gesprochen. Er war darin ziemlich schwierig und kribblig. Meine Dividenden kamen regelmäßig alle Halbjahre ein. Ich hatte eine recht bedeutende Summe auf der Bank.«

»Wie lange hat er Ihr Vermögen verwaltet?« fragte Braid.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Es war mir ganz neu und etwas überraschend, daß Julian meine Aktien überhaupt an Vater ausgehändigt hat.« Sie machte eine kleine Pause, ehe sie fortfuhr. »Wahrscheinlich halten Sie mich für herzlos, daß ich jetzt darüber spreche. Begreifen Sie, Tony, welche Verantwortung Sie tragen?«

Er blickte sie verwundert an. »Ich?« fragte er.

»Sie sind Vaters Testamentsvollstrecker. Er hat seinen letzten Willen, den er vor Jahren aufgesetzt hat, nicht geändert. Er sprach noch heute morgen darüber, als er so erzürnt auf Sie war, und erklärte, er würde es ändern. Ich glaube, er wollte Julian an Ihre Stelle setzen. Sie hassen Julian, nicht wahr?«

»Ich liebe ihn nicht sehr, aber ich will in diesem traurigen Augenblick die Dinge nicht schwerer machen, als sie schon sind, und meine Gefühle vollkommen zurückstellen«, antwortete er.

»Ich hatte ihn eigentlich immer ganz gern«, gestand sie. »Er kann sich meisterhaft beherrschen. Das imponiert mir. Aber sein Partner oder was er sonst ist, flößt mir Grauen ein.«

»Guelder?« fragte Tony schnell.

Sie nickte.

»Ich hatte keine Ahnung, daß Sie ihn kennen«, sagte er erstaunt.

Sie schwieg. Er drang nicht weiter in sie. Doch es war für ihn eine neue und seltsame Entdeckung. Er fühlte, daß hinter der zufälligen Erwähnung dieses Vertrauten Julian Reefs ein Geheimnis stand, eine Andeutung von Furcht, die freilich nur seine Feinfühligkeit empfand.

Es war halb drei Uhr, und der Morgen graute, als Elk Braids Haus betrat. Er fand den Hausherrn in einem seidenen Schlafrock.

»Schade, daß Sie ausgezogen sind«, sagte er. »Ich wollte Sie um die persönliche Liebenswürdigkeit bitten, mich nach St. James' Street zu einer kleinen Visitation zu begleiten. Wie geht's der jungen Dame?«

»Ich habe sie überredet, bei einer Freundin in Hampstead zu übernachten«, sagte Tony. Elk nickte nachdenklich. »Den Gang nach St. James' Street begrüße ich als willkommene Ablenkung. Ich würde heute nacht doch kein Auge schließen.«

Er war unter dem Schlafrock bis auf Jackett und Schuhe vollständig bekleidet. Während der Diener sie holte, berichtete Elk die letzten Neuigkeiten.

»Ich habe den Dienstmann verhört, der Ihren Scheck überbracht hat. Klingt ein bißchen sonderbar. Um dreiviertel acht kam er ins Büro; die Tür war verschlossen. Frensham öffnete nicht, sondern fragte, wer da sei, und befahl ihm, den Brief unter der Tür durchzuschieben. Ich habe die Empfangsbescheinigung, die er dem Dienstmann ebenfalls durchgeschoben hat, in der Tasche – nur ein ›F‹, das nicht viel besagt.«

»Welchen Grund gab Frensham für sein Verhalten an?« »Er sagte, er ziehe sich um«, berichtete Elk. »Tat er wirklich manchmal. Ich fand einen kleinen Schrank mit Kleidern in seinem Büro. Merkwürdig, daß er das Kuvert ungeöffnet zerrissen haben sollte«, grübelte er. »Kannte er Ihre Handschrift?«

»Die Adresse war mit der Maschine geschrieben«, antwortete Tony. »Ich hatte noch eine Anzahl adressierter Kuverts da, weil ich mit Frensham früher in reger Korrespondenz stand.«

»Hm!« machte Elk nachdenklich. »Vielleicht glaubte er, es wäre wieder eine Rechnung. Die liegen zu Dutzenden in seinem Schreibtisch. Er war nicht sehr korrekt in Geldsachen.«

Tony zog Schuhe und Jackett an und erklärte, daß er startbereit sei. Doch Elk blieb sitzen.

»Ich kannte jene Wohnung, ehe Büroräume daraus wurden«, erzählte er. »Dort verkehrten mehr Einbrecher als in irgendeiner anderen Etagenwohnung Londons.«

Tony hielt diese Betrachtungen für anekdotenhafte Ausflüge Elks. Er hätte den Mann aber so weit kennen müssen, um zu wissen, daß seine Worte immer irgendeine konkrete Bedeutung hatten.

Plötzlich erhob sich Elk und ging wortlos zur Tür. Draußen an der Ecke fanden sie eine Taxe, die sie zur St. James' Street brachte.

Vor der Tür des Bürogebäudes stand ein Schutzmann Wache.

»Geniale Idee!« schnaubte Elk bitter, während sie zum zweiten Stock hinaufstieg. »Er könnte ebensogut im Innern einer Litfaßsäule Wache stehen!«

Er schloß die Tür mit der zerbrochenen Scheibe auf und ließ Braid in das Totenzimmer eintreten. Von der Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, war kaum noch etwas zu sehen. Frenshams Leiche war entfernt worden, auch die blutbefleckte Schreibunterlage hatte man fortgenommen. Nur auf dem Tisch waren noch einige verräterische Flecke.

»Ich wollte ...«, begann Elk.

Plötzlich hielt er inne. Braid sah ihn auf das Fenster starren. Auch dort war eine Scheibe zertrümmert, glitzernde Splitter lagen auf dem Teppich unterhalb des Fensters. Elk sprach nicht sehr viel, sah aber eine Sekunde lang höchst unglücklich drein.

»Scheibe zerschlagen, Riegel geöffnet – und ich habe diesem verdammten – diesem Herrn befohlen, einen Mann vor die Tür zu postieren – vor diese Tür natürlich!«

Er zeigte auf die Bürotür.

»Was ist geschehen?« fragte Tony.

»Jemand ist hier gewesen – weiter nichts, kam von draußen. Natürlich war's kein Reporter – sowas tun Reporter nur in Romanen.«

Er zog das Fenster hoch, lehnte sich hinaus, schwang sich dann zu Braids Entsetzen über das Fensterbrett und entschwand. Anthony Braid glaubte für einen Augenblick, Elk sei verrückt geworden. Aber eine klare Stimme beruhigte ihn, als er voll Furcht in die Dunkelheit der Nacht hinausblickte.

»Alles in Ordnung«, rief Elk. »Auf diesem Wege pflegen die Herren Einbrecher ihre Visiten abzustatten. War für sie genauso leicht wie Marmelade schlecken.«

Er stand auf einem schmalen Eisenbalkon, der dicht unter dem Fenster hinlief und an einer Wendeltreppe endete.

»Eine Fensterleiter«, erläuterte Mr. Elk. »Man kann es auch ›Einbrechers Freudensteg‹ nennen. Helfen Sie mal!«

Tony faßte des Beamten Hand und zog ihn kraftvoll durchs Fenster herein.

»Glauben Sie, daß hier jemand eingebrochen hat, nachdem die Leiche entfernt wurde? Wozu?«

Elk wiegte den Kopf. »Um etwas zu klauen – die bewußten geheimen Dokumente, von denen man immer im Film spricht – man kann nie wissen. Oder die Familienkleinodien. Oder den Brief, in dem der rechtmäßige Erbe genannt wird.«

»Lassen Sie die Scherze. Was glauben Sie nun wirklich?«

Elk konnte keine Auskunft geben. »Wenn ich Ihnen das sagen könnte, dann wüßte ich eine Menge Dinge, die noch kein Mensch ahnt – vorläufig!«

Er begann nun, das Büro systematisch abzusuchen. Es war früher eine Dreizimmerwohnung gewesen, von der jetzt zwei Zimmer von dem recht zahlreichen Büropersonal benutzt wurden.

»Was mich an Ihnen wundert«, sagte Elk, als sie nach beendigter Untersuchung das Gebäude verließen, »ist Ihr Mangel an Neugier. Sie haben mich noch gar nicht gefragt, wie Frensham sich eigentlich erschossen hat.«

»Ich stelle niemals überflüssige Fragen«, erwiderte Braid.

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