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Ein fröhlicher Bursch

Bjørnstjerne Bjørnson: Ein fröhlicher Bursch - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleEin fröhlicher Bursch
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
projectid312314bb
created20061018
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Siebentes Kapitel.

Der Schulmeister hatte Recht gehabt, als er den Pfarrer gebeten hatte, erst zu prüfen, ob Oeyvind auch wirklich den ersten Platz verdiente. In dem Zeitraume von drei Wochen, der noch bis zur Confirmation verstrich, war er täglich bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindrucke nachgeben, aber ein andres ist es, ob sie ihn auch mit aller Glaubenskraft festhält. Viele finstere Stunden kamen über den Knaben, ehe er lernte, sich bei seinen Plänen für die Zukunft von etwas Besserem als von Eitelkeit und Trotz leiten zu lassen. Wenn er gerade in voller Arbeit saß, verlor er oft plötzlich die Lust und ging von der Arbeit fort: zu welchem Zwecke, sagte er bei sich, arbeite ich, was gewinne ich? Aber eine Weile später gedachte er des Schulmeisters, seiner Worte und seiner Güte; aber dieses menschlichen Mittels bedurfte er, um wieder emporzusteigen, so oft er von der richtigen Auffassung seiner höheren Pflicht hinabstürzte.

In den Tagen, wo man sich in seinem elterlichen Hause auf seine Einsegnung vorbereitete, bereitete man sich gleichzeitig auch auf seine Reise nach der Ackerbauschule vor, denn schon den Tag darauf sollte er sie antreten. Schneider und Schuster saßen in der Stube, die Mutter backte in der Küche, und der Vater arbeitete an einem Koffer. Viel wurde in dieser Zeit von den Kosten, die sein zweijähriger Aufenthalt auf der Schule verursachen würde, so wie davon gesprochen, daß er wohl schwerlich die ersten Weihnachten, vielleicht nicht einmal die zweiten nach Hause kommen könnte, und wie schwer es ihnen fallen würde, so lange getrennt zu sein. Auch von der Liebe, die er seinen Eltern schuldig wäre, welche für ihr Kind so große Opfer brächten, wurde geredet. Oeyvind saß daneben wie jemand, der sich auf eigene Hand in die Welt hinausgewagt, aber Schiffbruch gelitten hätte und jetzt von liebevollen Menschen aufgenommen wäre.

Ein solches Gefühl giebt Demuth, und mit ihr kommt noch vieles andere. Als der große Tag nahte, durfte er sich vorbereitet nennen und ihm mit zuversichtlicher Hingebung entgegensehen. So oft ihm Marits Bild vor die Seele trat, schob er es vorsichtig auf die Seite, fühlte sich jedoch dabei schmerzlich berührt. Er versuchte, seiner dabei immer mehr Meister zu werden, allein es wollte ihm nicht gelingen; der Schmerz, den er dabei fühlte, wurde im Gegentheil immer heftiger. Deshalb fühlte er sich am letzten Abend ermattet, als er nach längerer Selbstprüfung Gott anflehte, er möchte ihn in diesem Punkte nicht zu sehr prüfen.

Bei Anbruch des Abends erschien der Schulmeister. Sie setzten sich alle in die Stube, nachdem sie die gewöhnlichen Vorbereitungen, wie an dem Abende vor der Abendmahlsfeier beendet hatten. Die Mutter war bewegt, und der Vater schwieg; der Abschied lag hinter dem morgenden Feste, und es war ungewiß, wann sie wieder so beisammen sitzen würden. Der Schulmeister langte die Gesangbücher hervor, sie hielten Andacht und sangen, und darauf hielt er ein freies Gebet.

Bis tief in die Nacht saßen nun diese vier Menschen bei einander, ehe sie Müdigkeit fühlten; endlich schieden sie mit den besten Wünschen für den kommenden Tag und was er bringen würde. Als Oeyvind sich niederlegte, mußte er einräumen, daß er sein Lager noch nie in so glücklicher Stimmung aufgesucht hatte. Heute Abend gab er dieser Empfindung eine besondere Deutung; er verstand nämlich darunter: nie habe ich mich so ergeben in Gottes Willen und so fröhlich in ihm niedergelegt. – Marits Gesicht trat ihm sofort wieder vor die Seele, und das letzte, dessen er sich noch bewußt war, glich einer Art Selbstversuchung: nicht ganz glücklich, nicht ganz, – flüsterte ihm eine innere Stimme zu, worauf er erwiderte: ja, ganz. Aber immer wieder vernahm er: nicht ganz, – ja, ganz; – nein, nicht ganz –.

Als er erwachte, war er sofort der Bedeutung dieses Tages eingedenk, betete und fühlte sich gestärkt. Seit dem Sommer hatte er für sich allein auf dem Boden geschlafen; jetzt stand er auf und zog vorsichtig seine neuen Kleider an; so schöne hatte er nie zuvor gehabt. Namentlich hatte er eine rundzugeschnittene Tuchjacke bekommen, die er erst vielmal befühlen mußte, ehe er sich an sie gewöhnte. Er zog einen kleinen Spiegel hervor, als er den Kragen umgebunden und die Jacke eben zum vierten Male angezogen hatte. Als er jetzt sein eigenes vergnügtes Gesicht, von dem ungewöhnlich hellblonden Haare eingerahmt, sich daraus entgegenlächeln sah, fiel es ihm ein, daß dies bestimmt wieder Eitelkeit wäre. Ja, aber gut und reinlich gekleidet müssen die Leute doch sein, antwortete er sich selbst, indem er sich vom Spiegel abwandte, als ob es Sünde wäre, hineinzuschauen. – Ei freilich, aber man darf sich über dergleichen doch nicht so sehr freuen. – Nein, aber recht bedacht, muß Gott doch selbst sein Wohlgefallen daran haben, daß jemand sich darüber freut, hübsch auszusehen. – Das ist schon möglich, aber besser würde ihm doch wohl gefallen, du wärest hübsch, ohne darauf Acht zu geben. – Das ist wahr, aber sieh, das kommt nur davon, daß alles noch so neu ist. – Ei ja, dann mußt du es aber auch nach und nach wieder ablegen. – Er ertappte sich dabei, daß er sich bald über diesen Gegenstand, bald über einen andern in selbstprüfenden Gesprächen erging, damit keine Sünde diesen Tag beflecken möchte; allein er wußte auch, daß dazu mehr gehörte.

Als er zu den Eltern hinabkam, saßen sie bereits völlig angekleidet da und warteten auf ihn mit dem Frühstück. Er ging auf sie zu, ergriff sie bei der Hand und bedankte sich für die neuen Kleider. »Zerreiße sie mit Gesundheit,« lautete ihr herzlicher Wunsch. Sie setzten sich zu Tische, beteten still und aßen. Die Mutter deckte darauf den Tisch wieder ab und brachte den für den Kirchgang bestimmten Eßranzen herein. Der Vater zog sein Wamms an, die Mutter steckte ihre Tücher fest, alle nahmen ihre Gesangbücher, verschlossen das Haus und stiegen das Gebirg hinauf. Sobald sie den Weg oben auf der Höhe erreicht hatten, begegneten sie den Kirchgängern, zu Wagen wie zu Fuß, dazwischen. Confirmanden und in einer andern Schaar wieder Großeltern mit weißen Haaren, die diesmal von dem Kirchenbesuche nicht zurückbleiben wollten.

Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie das Wetter zu sein pflegt, wenn es umzuschlagen droht. Gewölk stieg auf und zertheilte sich wieder, bisweilen zog eine große Zahl einzelner Wolken über den ganzen Himmel hinfort, als überbrächten sie Befehle zum Beginn des Unwetters; aber unten auf der Erde war es noch still, todt hing das Laub da und zitterte nicht einmal, die Luft war etwas schwül; die Leute hatten ihre Reisemäntel bei sich, benutzten sie aber nicht. Eine ungewöhnlich große Menschenmenge hatte sich um die frei daliegende Kirche gesammelt; aber die Confirmanden gingen augenblicklich in die Kirche, um noch vor Beginn des Gottesdienstes aufgestellt zu werden. Plötzlich kam der Schulmeister in blauem Anzuge, Frack und Kniehosen, hohen Stiefeln und steifer Halsbinde, während ihm die Pfeifenspitzmaus der hinteren Rocktasche hervorguckte, den Gang entlang, nickte und lachte, klopfte einem auf die Schulter, forderte einen andern mit wenigen Worten auf, recht laut und deutlich zu antworten und gelangte unter all diesem geschäftigen Treiben bis in die Nähe der Armenbüchse, neben der Oeyvind stand und alle Fragen seines Freundes Hans über seine Reiseerlebnisse beantwortete. »Guten Tag, Oeyvind, hast dich heute fein gemacht,« sagte er und faßte ihn beim Kragen seiner Jacke, als ob er mit ihm reden wollte. »Höre du, ich traue dir alles Gute zu. Ich habe so eben mit dem Pfarrer geredet, du darfst deinen bisherigen Platz in der Schule behalten; stelle dich auf den ersten Platz und antworte deutlich.«

Oeyvind blickte ihn überrascht an, der Schulmeister nickte, der Bursch ging einige Schritte, blieb stehen, ging wieder einige Schritte und blieb abermals stehen; ei, es wird wohl so sein, er hat gewiß beim Pfarrer ein gutes Wort für mich eingelegt, und raschen Schrittes ging der Bursch nach dem ersten Platze hin. »Du sollst doch Nummer eins bekommen,« flüsterte ihm ein Knabe zu. »Ja,« erwiderte Oeyvind leise, obgleich er sich noch immer nicht von einem Gefühle der Bangigkeit, ob es denn auch wirklich wahr wäre, frei machen konnte.

Als die Aufstellung beendet, und der Pfarrer erschienen, wurde zusammengeläutet, und die Kirchgänger strömten in das Gotteshaus hinein. Da erblickte Oeyvind Marit Haidehöfen gerade vor sich, sie sah ihn ebenfalls an, aber beide waren von der Heiligkeit der Stätte so ergriffen, daß sie sich nicht zu grüßen wagten. Er gewahrte nur, daß sie blendend schön war und das Haar ohne allen Schmuck trug, mehr sah er nicht. Oeyvind, der seit länger als einem halben Jahre so stolze Pläne darauf gebaut hatte, ihr so gegenüber stehen zu können, vergaß in dem Augenblicke der Erfüllung seinen Platz wie sie, vergaß, daß er ja an beides gedacht hatte.

Nach Beendigung des Gottesdienstes und der heiligen Handlung kamen Verwandte und Freunde ihre Glückwünsche darzubringen; darauf traten seine Kameraden an ihn heran, um ihm Lebewohl zu sagen, da sie gehört hatten, daß er schon am folgenden Tage abreisen würde; dann nahten sich auch viele jüngere Schulgenossen, mit denen er auf dem Berge Schlitten gefahren und bei denen der Abschied nicht ohne Thränen abging. Zuletzt erschien der Schulmeister, der ihm und den Eltern schweigend die Hand reichte und sie durch einen Wink zum Gehen aufforderte; er würde sie begleiten. So waren denn die Vier wieder zusammen, und diesmal sollte es der letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele von ihm Abschied und wünschten ihm Glück, aber sonst sprachen sie nicht miteinander, ehe sie zu Hause zusammensaßen.

Der Schulmeister bot alles auf, sie bei gutem Muthe zu erhalten. Grauen befiel die Familie jetzt fast bei dem Gedanken an eine zweijährige Trennung, da sie bis jetzt noch nicht einen einzigen Tag von einander fern gewesen waren; allein niemand wollte es sich merken lassen. Je mehr sich der Tag neigte, desto beklommener fühlte sich Oeyvind; er wollte versuchen, sich im Freien ein wenig zu beruhigen.

Es war bereits halb dunkel, und ein eigenthümliches Sausen ließ sich in der Luft vernehmen. Er blieb auf der Flurtreppe stehen und blickte zum Himmel empor. Da hörte er von dem Rande der Bergwand her seinen Namen nennen, ganz leise, es war keine Täuschung, denn zweimal wurde er wiederholt. Er schaute auf und sah undeutlich, daß oben zwischen den Bäumen eine weibliche Gestalt auf den Knien lag und hinabblickte. – »Wer ist da?« fragte er. – »Ich höre, du willst abreisen,« versetzte sie leise; »deshalb trieb es mich zu dir, um dir Lebewohl zu sagen, da du nicht zu mir kommen wolltest.« – »Bist du es, liebe Marit! Ich werde zu dir hinaufkommen.« – »Nein, thu' es nicht; ich habe schon gar lange auf dich gewartet; niemand weiß, wo ich bin, und ich muß eilen, nach Hause zu kommen.« – »Es war schön von dir, daß du mich aufsuchtest,« sagte er. – »Ich konnte es nicht aushalten, daß du so abreisen solltest, Oeyvind; wir haben einander gekannt seit den ersten Jahren unserer Kindheit.« – »Das haben wir.« – »Und nun haben wir schon seit einem halben Jahre nicht mit einander gesprochen.« – »Das thaten wir leider auch nicht.« – »Wir gingen damals auch so eigenthümlich von einander.« – »Ach ja; – höre, ich glaube, ich muß doch zu dir hinaufkommen.« – »Ach nein, thue es nicht! Aber sage mir: du bist doch nicht mehr böse auf mich?« – »Liebe Marit, wie kannst du das glauben?« – »So lebe denn wohl, Oeyvind, und habe Dank für alle die angenehmen Stunden, die du mir bereitet hast.« – »Gehe noch nicht, Marit!« – »Ja, jetzt muß ich scheiden, man wird mich schon vermissen.« – »O Marit, Marit!« – »Nein, ich darf nicht länger ausbleiben, Oeyvind; lebe wohl!« – »Lebe wohl!«

Wie im Traume ging er darauf einher und gab, wenn man ihn anredete, ganz verkehrte Antworten; man schrieb es der Abreise zu, was sich ja recht gut annehmen ließ, und diese nahm auch seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, als der Schulmeister sich am Abende von ihm verabschiedete und ihm dabei etwas in die Hand steckte, was sich nachher als einen Fünfthalerschein herausstellte. Als er sich aber später niederlegte, dachte er nicht an die Abreise, sondern an die Worte, die er von der Bergwand herab vernommen und zu ihr hinauf gerufen hatte. Als Kind durfte sie nicht nach der Bergwand hinaufkommen, weil der Großvater fürchtete, sie könnte hinabfallen. Vielleicht kommt sie doch noch hinab!

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