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Ein fröhlicher Bursch

Bjørnstjerne Bjørnson: Ein fröhlicher Bursch - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleEin fröhlicher Bursch
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
projectid312314bb
created20061018
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Viertes Kapitel.

Aus Oeyvinds weiterer Kinderzeit ist bis zu dem Jahre vor seiner Confirmation nicht viel zu erzählen. Er lernte des Morgens, arbeitete am Tage und spielte des Abends.

Da er ungewöhnlich heiter und fröhlich war, so dauerte es nicht lange, bis sich die in der Nähe wohnende Jugend während der Freistunden am liebsten da einfand, wo er sich aufzuhalten pflegte. Von seinem Hause aus zog sich ein großer Hügel bis zu der Bucht hinab, welcher, wie bereits erwähnt, auf der einen Seite von der Bergwand und auf der andern vom Walde eingefaßt war, und dieser wurde jeden schönen Sonntagsabend von der Jugend als Schlittenbahn benutzt. Oeyvind übte hier auf dem Hügel das Hausherrenrecht, er besaß zwei Schlitten, den ›Scharftraber‹ und den ›Hinterschlitten‹. Letzteren verlieh er an größere Gesellschaften, ersteren lenkte er selbst und hatte Marit dabei auf dem Schooße.

Das Erste, was Oeyvind zu jener Zeit, sobald er erwachte, that, war nachzusehen, ob es Thauwetter wäre, und nahm er wahr, daß das Gebüsch jenseits der Bucht in Nebel gehüllt war, oder hörte er, daß es vom Dache tropfte, so ging es so langsam beim Anziehen her, als ob mit diesem Tage gar nichts anzufangen wäre. Erwachte er jedoch, und namentlich am Sonntage, bei schneidender Kälte und klarem Wetter, durfte er sich in die besten Kleider werfen, drohte keine Arbeit, stand nur des Vormittags der Besuch des Gottesdienstes oder eine Katechisation in Aussicht, und winkte ein freier Nachmittag und Abend – heisa, da war das Bürschlein mit einem Satze aus dem Bette, zog sich an, als ob das Haus brenne und konnte kaum etwas essen. Sobald der Nachmittag erschienen, und der erste Bursch auf seinen Schneeschuhen angelangt war, den Stab über seinem Haupte schwang und ein Jauchzen ausstieß, daß es von den Berghalden den ganzen Fjord entlang wieder und immer wieder hallte, und dann einer nach dem andern auf den zur Schlittenfahrt erwählten Hügel anlangte, dann eilte Oeyvind mit dem Scharftraber von dannen, lief den ganzen Hügel hinauf und blieb unter den zuletzt Angekommenen mit einem langen, gellenden Jubelruf stehen, der die Bucht entlang von einem Berge zum andern hinüberschallte und erst in weiter Ferne langsam verhallte.

Er schaute sich dann nach Marit um; sobald sie jedoch erst gekommen war, bekümmerte er sich nicht mehr um sie.

Aber nun brach das Weihnachtsfest an, wo beide ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alt waren und den nächsten Frühling confirmirt werden sollten. Am vierten Tage nach Weihnachten fand ein großes Fest auf dem obersten der Haidehöfe bei Marits Großeltern statt, bei denen sie erzogen war und die ihr ein solches Fest schon seit drei Jahren zugesagt hatten und ihr Versprechen jetzt endlich erfüllen mußten. Hierzu wurde Oeyvind eingeladen.

Es war ein halbklarer, nicht kalter Winterabend, kein Stern war sichtbar, den Tag darauf mußte es regnen. Ein matter Wind fuhr über den Schnee, durch den schon hier und da die weißen Haideflächen hindurchschimmerten, während auf anderen Stellen hohe Schneewehen zusammengetrieben waren. Der ganze Weg war, wo nicht gerade Schnee lag, mit Glatteis überzogen, und dieses schimmerte bläulichschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Boden streckenweis hervor, so weit man sehen konnte. Die Felsenwände entlang zogen sich hohe Schneehaufen hin; hinter ihnen war es dunkel und leer, aber ihre beiden Ränder leuchteten hell unter ihrer Schneedecke mit Ausnahme der Stellen, wo sich die Birkenwälder eng zusammendrängten und die Gegend in Dunkel hüllten. Keine Wasserfläche war zu sehen, aber halbnackte, sandige Haiden und Sümpfe erstreckten sich, vielfach unterbrochen, bis an den Fuß der Felsenwände. Die Höfe lagen wie plump zusammengewürfelte Haufen auf der Schneefläche; in der Dunkelheit des Winterabends nahmen sie sich wie schwarze Klumpen aus, aus denen, bald aus dem einen Fenster und bald aus dem andern, heller Lichtschimmer weithin über die Felder hervorbrach; die sich hin und her bewegenden Lichter ließen errathen, daß es drinnen geschäftig herging. Die Jugend, die erwachsene wie die halberwachsene, strömte von verschiedenen Seiten zusammen. Die wenigsten gingen den Weg entlang oder verließen ihn doch unter allen Umständen, sobald sie sich dem Gehöft näherten, und schlichen dann weiter, einer hinter dem Stall entlang, einige durch das Vorrathshaus hindurch, etliche machten einen längeren Umweg um die Scheune herum und schrieen wie Füchse, andere antworteten in weiter Ferne wie Katzen, einer stand hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, der nicht mehr recht bei Stimme ist, bis eine allgemeine Jagd auf ihn angestellt wurde. Die Dirnen kamen in großen Schaaren angezogen; sie hatten einige Burschen, am liebsten unerwachsene, bei sich, die sich, um sich als Männer zu zeigen, unterwegs um sie her rauften. Wenn ein solcher Mädchenschwarm auf dem Gehöft anlangte, und einer oder der andere der erwachsenen Burschen seiner ansichtig wurde, stäubten die Dirnen auseinander, flüchteten sich in den Hausflur oder in den Garten und mußten einzeln hervor und in das Zimmer hineingezogen werden. Manche waren so schüchtern, daß man erst Marit herbeiholen mußte, um sie zum Hereintreten zu nöthigen. Dann und wann erschien auch eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war und auch keineswegs die Absicht hatte, sich in die Gesellschaft einzudrängen, sondern nur zusehen wollte. Allein es fügte sich dann so, daß sie sich wenigstens zu einem einzigen Tanze zureden ließ. Die, welche Marit gut leiden konnte, bat sie zu ihren alten Großeltern in eine kleine Kammer hinein, in welcher der Greis saß und rauchte, während Großmutter geschäftig hin und her ging; sie wurden dann bewirthet und freundlich zum Zugreifen aufgefordert. Oeyvind gehörte nicht zu ihnen, und dies befremdete ihn doch.

Der beste Spielmann des Kirchspiels konnte erst später kommen, so daß sie sich bis dahin mit dem alten, einem armen Käthner, der den Spitznamen Grauknut hatte, behelfen mußten. Er konnte vier Tänze, nämlich zwei Springtänze, einen Halling und einen alten Walzer, den sogenannten Napoleonswalzer spielen; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling durch Veränderung des Taktes zu einem Schottisch umwandeln müssen, und der eine der Springtänze mußte sich in gleicher Weise zur Polka Mazurka umschaffen lassen. Er spielte nun auf, und der Tanz begann. Oeyvind wagte sich nicht gleich unter die Tänzer, denn hier waren doch gar zu viel Erwachsene; aber die Halberwachsenen schaarten sich bald zusammen, stießen einander vor, tranken zur Ermuthigung etwas starkes Bier, und nun mischte sich Oeyvind ebenfalls unter die Tanzenden. Heiß wurde es in der Stube, der Jubel und das Bier stiegen der jungen Gesellschaft zu Kopfe. Marit tanzte diesen Abend am meisten, wahrscheinlich weil ihre Großeltern das Fest veranstaltet hatten, und aus gleichem Grunde sah sich auch Oeyvind oft nach ihr um; aber stets tanzte sie mit andern. Er wollte gern selbst mit ihr tanzen; deshalb saß er einen Tanz über, um gleich nach Beendigung desselben zu ihr eilen zu können; und das that er, aber ein großer Mann von dunkler Gesichtsfarbe und starkem Haar kam ihm zuvor. »Aus dem Wege, Junge!« rief er und versetzte Oeyvind einen Stoß, daß er fast rücklings über Marit gefallen wäre. Nie war ihm früher dergleichen widerfahren, nie waren die Leute anders als freundlich gegen ihn gewesen, nie war er »Junge« genannt worden, wenn er an einem Tanze hatte Theil nehmen wollen. Er wurde feuerroth, sagte indessen nichts, sondern zog sich nach der Stelle zurück, wo der eben angekommene neue Spielmann saß und seine Geige stimmte. Unter den Gästen war es still geworden; man brannte vor Begierde, die ersten kräftigen Töne von »ihm selbst« zu hören. Er stimmte und stimmte immer wieder; es dauerte lange, aber endlich begann er mit einem Springtanz, jubelnd sprangen die Burschen auf und schwenkten sich Paar hinter Paar in den Kreis hinein. Oeyvind blickt sich nach Marit um; dort tanzt sie schon mit dem starkhaarigen Manne dahin; sie lächelt über seine Schulter hinweg, so daß sich ihre weißen Zähne zeigen, und zum ersten Male in seinem Leben fühlt Oeyvind einen eigentümlich stechenden Schmerz in seiner Brust. Wieder und immer wieder blickte er sie an, und während er sie so betrachtete, kam es ihm vor, als wäre Marit schon vollkommen erwachsen; das kann doch nicht sein, dachte er, denn sie macht ja noch immer unsere Schlittenfahrten mit! Erwachsen war sie aber doch, und der starkhaarige Mann zog sie nach beendetem Tanze auf seinen Schoos; sie riß sich los, blieb aber doch neben ihm sitzen.

Oeyvind betrachtet nun den Mann; er trug feine blaue Tuchkleider, ein blaugestreiftes Hemd und ein seidenes Halstuch; ein kleines Gesicht hatte er nur, aber blaue, feurige Augen und einen lächelnden trotzigen Mund, kurz er war hübsch. Oeyvind sah mehr und mehr, sah endlich auch sich selbst an. Er hatte zu Weihnachten neue Beinkleider bekommen, die ihm sehr gefielen, aber jetzt nahm er wahr, daß sie nur aus grauem Fries waren. Sein Wamms war von gleichem Stoffe, aber alt und abgetragen, seine Weste von gewürfelter Halbwolle, ebenfalls alt und mit zwei blanken und einem schwarzen Knopf. Er schaute umher und es schien ihm, daß sehr wenige so ärmlich gekleidet wären wie er. Marit hatte ein schwarzes Leibchen und einen Rock aus feinem Zeuge, eine Brosche im Halstuche und ein zusammengelegtes seidenes Taschentuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte sie eine kleine schwarzseidene Haube, die mit breiten, schöngestreiften seidenen Bändern unter dem Kinn befestigt war. Sie war roth und weiß, lachte, der Mann plauderte mit ihr und lachte. Die Geige erklang von neuem, und abermals wollten sie miteinander tanzen. Ein Kamerad kam und setzte sich an Oeyvinds Seite. »Weshalb tanzest du nicht, Oeyvind?« fragte er freundlich. – »Dazu fehlt mir der Muth,« entgegnete Oeyvind, »ich sehe nicht danach aus.« – »Siehst nicht danach aus?« fragte der Kamerad; aber ehe dieser noch etwas hinzufügen konnte, bemerkte Oeyvind: »Wer ist jener Mann in den blauen Tuchkleidern, der mit Marit tanzt?« »Das ist Jon Hatlen, derselbe, der, wie du weißt, lange auf der Ackerbauschule gewesen ist und nun den Hof übernehmen soll.« – In diesem Augenblicke setzten sich Marit und Jon. »Wer ist der Junge mit dem hellen Haar dort, der neben dem Spielmann sitzt und mich anglotzt?« fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: »Es ist ein Käthnerbursch aus der Umgegend.«

Oeyvind hatte es ja recht gut gewußt, daß er nur der Sohn eines Käthners war, aber zum Bewußtsein war es ihm früher nie so gekommen wie jetzt. Er fühlte sich mit einem Male so kein, kleiner als alle andern; um sich aufrecht zu erhalten, versuchte er an alles zu denken, was ihn bisher so froh und stolz gemacht hatte, von dem Schlittenfahrtberge an bis zu jedem einzelnen Worte. Als er aber dabei auch seiner Mutter und seines Vaters gedachte, die zu Hause saßen und glaubten, daß er sich jetzt recht glücklich fühlte, fiel es ihm schwer, die Thränen zurückzuhalten. Rings um ihn her lachte und scherzte alles, die Geigentöne klangen so kreischend, daß ihm die Ohren wehe thaten, es gab einen Augenblick, in dem gleichsam etwas Schwarzes in ihm emporstieg, aber da fiel ihm die Schule mit allen Kameraden und der Schulmeister ein, der ihm die Wange streichelte; auch an den Pfarrer dachte er, der ihm bei der letzten Prüfung ein Buch geschenkt und gesagt hatte, er wäre ein tüchtiger Junge, der Vater, der dabei saß, hatte es selbst mit angehört und ihm zugelächelt. »Sei jetzt nur artig, Oeyvind,« glaubte er den Schulmeister sagen zu hören indem er ihn wie in den ersten Jahren seines Schulbesuches auf den Schoos nahm. »Lieber Gott, das hat ja alles so wenig zu bedeuten, und im Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wären sie es nicht. Wir beide werden schon tüchtig werden, Oeyvind, eben so tüchtig wie Jon Hatlen; wir werden schon hübsche Kleider bekommen, mit Marit unter Hunderten von Leuten in einem hellen Zimmer tanzen, lächeln und plaudern; ihr werdet ein Brautpaar; nun steht ihr vor dem Pfarrer, und ich, im Chore, lächle dir zu und Mutter zu Hause betet für dich und du bekommst einen großen Hof, zwanzig Kühe, drei Pferde und Marit, gut und lieblich wie in der Schule – –«

Der Tanz hörte auf. Oeyvind erblickte Marit vor sich auf der Bank und Jon so dicht neben ihr, daß sich ihre Gesichter fast berührten. Wiederum empfand er einen heftigen stechenden Schmerz in der Brust, und es war, als sagte er zu sich selbst: »Es ist ja wahr, mir ist unwohl.«

In demselben Augenblicke erhob sich Marit und schritt gerade auf ihn zu. Sie neigte sich zu ihm hinab: »Du darfst nicht so dasitzen und mich unaufhörlich anstarren,« sagte sie; »Du mußt ja selbst bemerken, daß die Leute darauf Acht geben; nimm dir gleich eine Dirne und tanze mit ihr.«

Er antwortete nicht, sondern blickte sie nur an, und konnte es nicht verhindern, daß sich seine Augen mit Thränen füllten. Sie wollte sich eben von ihm entfernen, als sie es bemerkte und stehen blieb. Sie wurde plötzlich feuerroth, wandte sich um und ging nach ihrem alten Platze, kehrte sich jedoch unterwegs um und setzte sich auf einen andern Platz. Jon folgte ihr sofort.

Oeyvind stand von der Bank auf, ging durch die Menschenmasse auf den Hof hinaus und setzte sich in eine der um das Haus laufenden Galerien, begriff dann nicht, was er eigentlich dort sollte, stand auf, setzte sich aber wieder, denn er konnte dort eben so gut wie auf einer andern Stelle sitzen. Nach Hause zu gehen hatte er keine Lust und eben so wenig wieder hineinzugehen; es war ihm völlig gleich. Er war unfähig, sich etwas von dem Vorgefallenen klar vorzustellen; er wollte gar nicht daran denken; was die Zukunft bringen würde, daran wollte er auch nicht denken, denn es gab nichts, wonach er Sehnsucht fühlte.

»Aber was ist es denn eigentlich, woran ich denke?« fragte er halblaut sich selbst; und da er seine eigene Stimme gehört hatte, dachte er: »Reden kannst du also noch; kannst du denn noch lachen?« Und er machte einen Versuch; ei ja, lachen konnte er noch, und so lachte er denn, laut, noch lauter, und da kam es ihm köstlich vor, ganz allein dazusitzen und zu lachen, und darüber lachte er von neuem. Aber sein Kamerad Hans, der neben ihm gesessen hatte, kam zu ihm hinaus. »Um Himmels willen, worüber lachst du denn?« fragte er und blieb vor der Galerie stehen. Da verstummte Oeyvind.

Hans blieb stehen, als wartete er darauf, was nun geschehen würde. Oeyvind stand auf, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: »Jetzt will ich dir sagen, Hans, weshalb ich vorhin so lustig war; die Ursache ist, weil ich bisher niemanden so recht lieb gehabt habe; aber von dem Tage an, da wir jemanden lieb haben, sind wir nicht mehr fröhlich,« und bei diesen Worten brach er in lautes Weinen aus.

»Oeyvind!« wurde draußen auf dem Hofe leise gerufen, »Oeyvind!« Er hielt inne und lauschte. »Oeyvind!« vernahm man noch einmal und diesmal etwas lauter. Das konnte nur sie sein, an die er dachte. »Hier bin ich,« antwortete er ebenfalls leise, trocknete schnell die Thränen ab und trat hervor. Da kam über den Hof eine Frauengestalt auf ihn zugegangen. – »Bist du es?« fragte sie. – »Ja,« erwiderte er und blieb stehen. – »Wer ist bei dir?« – »Mein Kamerad Hans.« – Hans wollte gehen; »nein, nein!« bat Oeyvind. Sie schritt nun, wenn auch langsam, dicht an sie heran; es war Marit. »Du gingst so schnell fort,« sagte sie zu Oeyvind. Er wußte nicht, was er hierauf antworten sollte. Dadurch gerieth auch sie in Verlegenheit; sie schwiegen alle drei. Hans schlich sich indessen leise und unbemerkt fort. Allein standen sich nun die beiden gegenüber, sahen einander nicht an und regten sich auch nicht. Da sagte sie flüsternd: »Ich bin schon den ganzen Abend mit einem kleinen Weihnachtsgeschenke für dich in der Tasche umhergegangen, Oeyvind, aber ich bin nicht eher dazu gekommen, es dir zu geben.« Dabei nahm sie einige Aepfel, ein Stück Kuchen und ein Fläschchen heraus, welches sie ihm alles zusteckte und sagte, er möchte es behalten.

Oeyvind nahm es an. »Dank,« sagte er und reichte ihr die Hand. Die ihrige war warm; sofort ließ er sie los, als hätte er sich verbrannt. – »Du hast heute Abend viel getanzt.« – »Ich allerdings,« versetzte sie, »aber du hast nicht viel getanzt,« fügte sie hinzu. – »Nein, das ist wahr,« entgegnete er. – »Weshalb nicht?« – »Ei nun – –«

»Oeyvind!« – »Was willst du?« – »Weshalb saßest du da und blicktest mich immerfort an?« – »Ach – –«

»Marit!« – »Nun?« – »Weshalb war es dir unangenehm, daß ich dich ansah?« – »Es waren ja so viele Leute da.«

»Du tanztest heute Abend viel mit Jon Hatlen.« – »Ei ja.« – »Er tanzt gut.« – »Findest du das?« – »Ei nun ja.«

»Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber heute Abend ist es mir unerträglich, daß du mit ihm tanzest, Marit;« – er wandte sich ab, es war ihm schwer geworden, dies zu sagen. – »Ich verstehe dich nicht, Oeyvind.« – »Ich verstehe es selber nicht; es ist eine reine Dummheit von mir. Lebe wohl, Marit, nun will ich gehen.« Er ging einen Schritt, ohne sich umzublicken. Da rief sie ihm nach: »Deine Augen haben sich getäuscht, Oeyvind.« – Er blieb stehen. »Daß du ein erwachsenes Mädchen bist, ist keine Augentäuschung.« – Er hatte nicht verstanden, was sie meinte, deshalb schwieg sie; aber mit einem Male sieht sie eine brennende Pfeife gerade vor sich; sie erkannte ihren Großvater, der eben um die Ecke gebogen war und vorüber schritt. Er blieb stehen. »Bist du es, Marit?« – »Ja.« – »Mit wem sprichst du?« – »Mit Oeyvind.« »Mit wem, sagst du?« – »Mit meinem Schulfreund Oeyvind.« – »Ach so, mit dem Käthnerjungen; komm augenblicklich und begleite mich hinein!«

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