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Ein fröhlicher Bursch

Bjørnstjerne Bjørnson: Ein fröhlicher Bursch - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleEin fröhlicher Bursch
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
projectid312314bb
created20061018
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Drittes Kapitel.

Oeyvind wuchs heran und ward ein munterer, wackerer Bursch. In der Schule gehörte er zu den Tüchtigsten und daheim war er zu jeder Arbeit geschickt. Das kam daher, weil er daheim die Mutter und in der Schule den Schulmeister lieb hatte; den Vater sah er selten, denn dieser befand sich entweder auf de Fischfang oder war in ihrer Mühle beschäftigt, in der das halbe Kirchspiel mahlen ließ.

Was im Laufe dieser Jahre am meisten auf sein Gemüth eingewirkt hatte, war die Geschichte des Schulmeisters, die ihm seine Mutter eines Abends, als sie am Kamine saßen, erzählt hatte. Sie durchwehte gleichsam seine Bücher, verrieth sich in jedem Worte, welches der Schulmeister redete, und wandelte schattenhaft durch die Schule, wenn es still war. Sie flößte ihm Gehorsam und Ehrfurcht ein und ein leichteres Verständnis für alles, was gelehrt wurde. Die Geschichte lautete folgendermaßen:

Baard hieß der Schulmeister; er hatte noch einen Bruder Namens Anders. Sie liebten einander aufrichtig, ließen sich beide anwerben, lebten in der Stadt bei einander, machten den Krieg mit, in dem sie beide zu Corporalen befördert wurden, und dienten bei derselben Compagnie. Als sie nach dem Kriege wieder heimkamen, galten sie in aller Augen für zwei stattliche Männer. Da stirbt ihr Vater; er hatte viel Hab und Gut, welches sich schwer theilen ließ, und deshalb besprachen sie sich, daß sie auch diesmal nicht uneinig werden wollten. Alles sollte öffentlich verkauft werden, so daß jeder kaufen könnte, was er wünschte, und den Erlös wollten sie brüderlich theilen. Wie gesagt, so gethan! Allein der Vater hatte eine große goldene Uhr besessen, die weit und breit in großem Rufe stand, weil sie die einzige goldene Uhr war, welche die Leute in dieser Gegend je gesehen hatten; und als sie nun ausgerufen wurde, wollten viele reiche Männer sie erwerben, bis endlich auch die beiden Brüder darauf zu bieten begannen; darauf standen die andern von jedem Gebote ab. Nun erwartete Baard von Anders, er würde ihn in den Besitz der Uhr gelangen lassen, und Anders erwartete von Baard dasselbe; sie gaben jeder ein Gebot ab, um einander auf die Probe zu stellen, und blickten während des Gebotes einander an. Als sich der Preis bis auf zwanzig Thaler gesteigert hatte, meinte Baard, daß der Bruder nicht recht gethan hätte, trieb aber selbst den Preis bis auf dreißig Thaler; da Anders noch immer nicht zu bieten aufhörte, dachte Baard, Anders schiene sich nicht zu erinnern, wie gut er oft gegen ihn gewesen wäre, und er sei noch dazu der älteste, und so überbot er ihn. Anders machte wieder ein höheres Gebot. Da bot Baard auf einmal vierzig Thaler und sah den Bruder nicht mehr an; in dem Auctionszimmer war es ganz still, nur der Ausrufer wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte, hätte Baard die Mittel vierzig Thaler zu geben, so hätte er sie auch, und gönnte ihm die Uhr nicht, so müßte er sie sich zu erschwingen suchen; er überbot ihn also. Dies kam Baard als die höchste Schande vor, die ihm je zugefügt wäre; er bot, und zwar ganz leise, fünfzig Thaler. Viele Leute standen rings umher, und Anders dachte, so dürfte er sich nicht vor aller Leute Ohren von dem Bruder verhöhnen lassen, und überbot ihn. Da lachte Baard: »hundert Thaler und meine Brüderschaft dazu,« sagte er, wandte sich um und verließ das Haus. Eine Weile darauf kam jemand zu ihm heraus, während er damit beschäftigt war, das Pferd zu satteln, welches er kurz vorher gekauft hatte. »Die Uhr ist dein,« sagte der Mann, »Anders hat nachgegeben.« Als Baard dies vernahm, durchzuckte es ihn wie Reue; er dachte an den Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er stand, die Hand auf den Rücken des Pferdes gelegt, noch ungewiß da, ob er abreiten sollte. Da strömten viele Leute heraus, in ihrer Mitte auch Anders, und als er den Bruder neben dem gesattelten Pferde stehen sah, konnte er freilich nicht wissen, welche Gedanken ihn in diesem Augenblicke bewegten. Noch immer aufgeregt rief er deshalb zu ihm hinüber: »Dank für die Uhr, Baard! Du sollst sie an dem Tage nicht gehen sehen, an dem sich unsere Wege wieder kreuzen!« – »Auch nicht an dem Tage, an dem ich wieder nach deinem Hause reite!« erwiderte Baard mit bleichem Gesichte und schwang sich auf das Pferd. Keiner von ihnen betrat mehr das Haus, in dem sie mit dem Vater zusammen gewohnt hatten.

Kurze Zeit darauf verheirathete sich Anders mit einer Käthnerstochter, lud aber Baard nicht zur Hochzeit ein; Baard war auch nicht in der Kirche. Im ersten Jahre nach seiner Verheirathung wurde die einzige Kuh, welche er besaß, dicht hinter seinem Hause, wo sie geweidet hatte, todt gefunden, und niemand konnte entdecken, woran sie gestorben war. Mehrere Unglücksfälle traten hinzu, und es ging mit ihm rückwärts; am schlimmsten aber wurde es, als mitten im Winter seine Scheune mit allem, was darin war, abbrannte; niemand wußte, wie das Feuer ausgebrochen war. »Das hat jemand gethan, der mir übel will,« sagte Anders und weinte des Nachts bitterlich. Er wurde ein armer Mann und verlor die Lust zur Arbeit.

Da stand Baard den nächsten Abend in seiner Hütte. Anders lag im Bette, sprang aber, als jener eintrat, auf. »Was willst du hier?« fragte er, und blieb darauf schweigend stehen, während er den Bruder unverwandt anblickte, Baard zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete: »Ich will dir Hilfe anbieten, Anders, es geht dir nicht gut.« – »Ich habe es, wie du es mir gewünscht hast. Baard! Geh, oder ich weiß nicht, ob ich mich länger bezähmen kann.« – »Du irrst dich, Anders; mich reut – –« – »Geh, Baard, oder Gott gnade dir und mir!« Baard trat auch einige Schritte zurück; mit zitternder Stimme fragte er: »Willst du die Uhr haben, so sollst du sie bekommen!« – »Geh, Baard!« schrie der Andere, und Baard hatte nicht den Muth, länger zu säumen, sondern ging.

Mit Baard hatte es sich aber so zugetragen. Sobald er vernahm, daß der Bruder Noth litt, ging ihm das Herz auf, wenn auch sein Stolz noch nicht gebrochen war. Er fühlte das Bedürfnis, die Kirche zu besuchen, und dort faßte er gute Vorsätze, allein er vermochte sie nicht auszuführen. Oft kam er so weit, daß er des Bruders Haus sehen konnte, aber bald kam jemand zur Thüre hinaus, bald war ein Fremder darin, ein anderes Mal wieder stand Anders vor der Thür und hackte Holz, so daß immer etwas dazwischen trat. Aber eines Sonntags gegen Winter war er wieder in der Kirche, und auch Anders wohnte dem Gottesdienste bei. Baard gewahrte ihn; er war bleich und mager geworden, er trug noch immer dieselben Kleider wie früher, als sie zusammen waren, aber jetzt waren sie alt und geflickt. Während der Predigt sah er zum Pfarrer auf der Kanzel empor, und Baard kam es vor, als sähe er gut und sanft aus, er gedachte ihrer Kinderjahre, und wie gut der Bruder damals gewesen. Baard selbst ging an diesem Tage zum Abendmahle und gelobte Gott feierlich, sich mit seinem Bruder zu versöhnen, möchte kommen, was da wollte. Dieser Vorsatz erfüllte seine Seele, während er aus dem Kelche trank, und als er sich von den Knien erhob, wollte er gleich auf ihn zugehen und sich neben ihn setzen; aber leider saß ihm jemand im Wege, und der Bruder blickte nicht auf. Nach der Predigt stand ihm wieder etwas im Wege; die Menschenmenge, war zu groß, auch ging seine Frau neben ihm, und mit ihr war er nicht bekannt. Er hielt es für das Beste, zu ihm selbst in sein Haus zu gehen und ernstlich mit ihm zu reden. Als der Abend kam, that er es. Er ging gerade auf die Stubenthür zu und lauschte; da hörte er seinen Namen nennen; die Frau sprach von ihm. »Er ging heute zum Tische des Herrn,« sagte sie, »er dachte deiner gewiß.« – »Nein, er dachte nicht an mich,« versetzte Anders; »ich kenne ihn; er denkt nur an sich selbst.«

Darauf herrschte langes Schweigen; Baard wurde es heiß, wo er stand, obgleich es ein kalter Abend war. Die Frau machte sich drinnen mit einem Topfe zu schaffen, auf dem Herde knisterte und prasselte es, bisweilen ließ sich das Weinen eines kleinen Kindes vernehmen, und dann wiegte es Anders. Plötzlich sagte die Frau: »Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, ohne daß ihr es eingestehen wollt!« – »Laß uns von etwas anderem reden!« erwiderte Anders. Nach einer Weile erhob er sich und ging auf die Thüre zu. Baard mußte sich schnell in dem Holzverschlage verbergen; gerade dorthin schritt auch Anders, um einen Armvoll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn deutlich; der Bruder hatte seine abgetragenen Sonntagskleider abgelegt und trug die Uniform, die er aus dem Kriege mitgebracht hatte. Auch Baard besaß eine gleiche Uniform, aber beide hatten einander versprochen, sie nie zu tragen, sondern sich gegenseitig zu vererben. Anders' Uniform war jetzt geflickt und zerrissen; sein kräftiger, wohlgewachsener Körper steckte wie in einem Bündel Lappen.

Während Baard dies bemerkte, hörte er gleichzeitig die goldene Uhr in seiner eigenen Tasche picken. Anders ging dorthin, wo die Reisbündel lagen; anstatt sich jedoch sogleich hinabzubücken und eine Tracht aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich mit dem Rücken gegen eine Holzschicht und schaute zum Himmel empor, an dem die Sterne hell flimmerten. Darauf seufzte er tief auf und sagte: »Ja – ja – ja; – mein Gott, mein Gott!«

So lange Baard lebte, hörte er unaufhörlich diesen Seufzer. Er wollte jetzt schnell auf ihn zutreten, aber in demselben Augenblicke hustete der Bruder, und dies schien ihm schwer anzukommen; das reichte aus, um seinen Fuß zu hemmen. Anders nahm nun sein Reisbündel und streifte so dicht an Baard vorüber, daß ihm die Reiser schmerzhaft ins Gesicht schlugen.

Wohl zehn Minuten blieb er noch regungslos auf demselben Flecke stehen, und wer weiß, wann er wieder gegangen wäre, wenn ihn nicht infolge der heftigen Erregungen ein solcher Frost befallen hätte, daß er am ganzen Körper bebte. Nun erst verließ er den Holzstall; er gestand es sich offen ein, daß er zu feige war hineinzugehen, und hatte deshalb einen anderen Plan ersonnen. In der Ecke, die er eben verlassen hatte, stand ein Kasten mit Asche; aus diesem nahm er einige noch glühende Kohlen, suchte ein Stückchen trocknes Holz, ging auf die Tenne, schloß hinter sich zu und machte Feuer an. Als das Holz brannte, hob er es empor, um den Nagel zu finden, an welchen Anders seine Laterne zu hängen pflegte, wenn er des Morgens ganz früh in die Scheune ging, um zu dreschen. An diesen Nagel hing er seine goldene Uhr, löschte das Stückchen Holz aus und fühlte sich, als er ging, so erleichtert, daß er wie ein junger Bursch über den Schnee lief.

Den Tag darauf hörte er, daß die Scheune in derselben Nacht abgebrannt wäre. Vermuthlich waren Funken von dem Span, mit dem er leuchtete, als er die Uhr anhängte, in Stroh gefallen.

Dies erschütterte ihn dergestalt, daß er den Tag über krank im Bette liegen blieb, sein Gesangbuch nahm und sang, sodaß die Leute im Hause glaubten, er müßte den Verstand verloren haben. Aber am Abend ging er aus; es war heller Mondschein. Er ging nach dem Gehöft seines Bruders, grub auf der Brandstätte im Schutte – und fand richtig einen kleinen zusammengeschmolzenen Goldklumpen; das war die Uhr.

Mit ihr in der Hand ging er an jenem Abend zum Bruder, bat um Frieden und wollte sich erklären. Aber es ging, wie bereits erzählt ist.

Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstätte graben sehen; einige Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn den vorhergehenden Sonntagsabend nach dem Käthnergehöft hingehen sehen, seine eigenen Leute erzählten wieder, wie sonderbar er am Montage gewesen wäre, und da nun alle wußten, daß bittere Feindschaft zwischen den Brüdern bestand, so leitete das Gericht die Untersuchung gegen Baard ein.

Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht ruhte auf ihm; jetzt konnte er sich seinem Bruder noch weniger als je nähern.

Anders hatte, als die Scheune brannte, sofort an Baard gedacht, aber zu niemandem etwas geäußert. Als er ihn den Abend darauf blaß und mit so sonderbarem Benehmen in sein Zimmer treten sah, dachte er sogleich: jetzt hat ihn Reue befallen, aber eine so entsetzliche, gegen den eigenen Bruder verübte That darf ihm nicht vergeben werden. Später vernahm er, daß ihn Leute an demselben Abend, als das Feuer ausbrach, nach dem Gehöft hatten hinabgehen sehen, und obgleich bei dem Verhöre Baard nichts nachgewiesen werden konnte, war sein Bruder doch fest überzeugt, daß er der Thäter wäre. Sie trafen einander bei dem Verhöre, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten. Baard sah den Bruder, als er eintrat, mit flehenden Augen an, so daß es Anders tief zu Herzen ging. Er will nicht, daß ich etwas sagen soll, dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinem Bruder die That zutraute, sagte er deshalb laut und bestimmt: »Nein!«

Allein seit diesem Tage ergab sich Anders dem Trunke, und es ging ihm sehr bald schlecht. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obgleich er nicht trank; er war nicht wieder zu erkennen.

Da kam eines Abends spät eine arme Frau zu Baard und bat ihn, mit ihr zu gehen. Er erkannte sie, es war die Frau seines Bruders. Baard ahnte sofort, was sie zu ihm geführt hatte, wurde todtenblaß, kleidete sich an und folgte ihr, ohne ein Wort zu sprechen. Aus Anders Fenster leuchtete ein schwacher Lichtschein hervor, der hin und wieder verdeckt wurde; sie gingen diesem Lichtscheine nach, denn über den Schnee führte kein Weg nach der Hütte. Als Baard wieder in dem Flure derselben stand, drang ihm ein eigenthümlicher Geruch entgegen, so daß er sich ganz beklommen fühlte. Sie traten ein. Ein kleines Kind stand am Herde und aß Kohlen; das ganze Gesicht desselben war schwarz, aber es blickte auf und lachte mit weißen Zähnen. Und dort im Bette lag mit allerlei Kleidungsstücken zugedeckt, Anders, abgezehrt, mit klarer, hoher Stirn und schaute den Bruder mit hohlen Augen an. Baard schwankten die Knie, er setzte sich zu Füßen des Bettes und brach in lautes Weinen aus. Der Kranke blickte ihn lange schweigend an. Endlich bat er die Frau hinauszugehen, aber Baard winkte, sie möchte dableiben, – und nun begannen die beiden Brüder, sich einander auszusprechen. Sie erklärten sich ihr gegenseitiges Benehmen von dem Tage an, wo sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu ihrem heutigen Zusammentreffen. Baard zog zum Schluß den Goldklumpen, den er beständig bei sich trug, hervor, und nun lag es den Brüdern offen vor Augen, daß sie sich alle diese Jahre lang keinen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.

Anders sagte nicht viel, denn dazu war er schon zu schwach; aber Baard blieb am Bette sitzen, so lange Anders krank war. »Jetzt bin ich vollkommen gesund,« sagte Anders eines Morgens beim Erwachen; »jetzt, lieber Bruder, wollen wir lange zusammen leben und, wie in den alten Tagen, uns nie trennen.« Aber noch an demselben Tage starb er.

Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und von der Zeit an hatten sie es gut. Aber was die Brüder am Bette mit einander gesprochen, das drang durch die Wände und das Dunkel der Nacht hindurch, verbreitete sich unter die Leute des Kirchspiels, und Baard wurde bald der geachtetste Mann. Alle grüßten ihn wie einen, dem nach großer Trauer wieder große Freude aufgegangen, oder wie einen, der nach langer Abwesenheit wieder zur Heimat zurückgekehrt war. Diese allgemeine Freundlichkeit, die ihm zu Theil ward, gewährte ihm reichen Trost, er wurde gottergeben, und da er sich nach Thätigkeit sehnte, gab sich der alte Corporal zum Schulmeister her. Was er den Kindern vom ersten bis zum letzten Tage ihrer Schulzeit einprägte, war Liebe, und er übte sie selbst, so daß die Kinder ihn wie einen Spielgenossen und zugleich wie einen Vater liebten.

Und diese Geschichte vom alten Schulmeister ging Oeyvind so zu Herzen, daß sie ihm Religion und Lehre wurde. Der Schulmeister erschien ihm fast wie ein übernatürliches Wesen, obgleich er so barsch und brummig da saß. Auch nur eine einzige Schularbeit nicht zu machen, war für ihn ein Werk der Unmöglichkeit, und lächelte ihn der Schulmeister, wenn er seine Lection hergesagt hatte, an oder strich ihm über das Haar, so war er einen ganzen Tag froherregt. Den größten Eindruck machte es auf die Kinder immer, wenn ihnen der Schulmeister bisweilen vor dem Gesange eine kleine Rede hielt oder wenigstens einmal jede Woche einige Verse vorlas, die von der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten dieser Verse las, bebte seine Stimme, obgleich er ihn jetzt schon seit zwanzig oder dreißig Jahren gelesen hatte. Derselbe lautete:

Liebe, Christ, stets deine Brüder,
Tret' sie in den Staub nicht nieder,
Siehst du auch ihr sündhaft Treiben.
Alles, was da lebt und wacht,
Ist der Liebe Zaubermacht
Unterthan und wird's stets bleiben.

Aber wenn nun das ganze Gedicht hergesagt war, und er eine Weile schweigend dagestanden hatte, dann sah er sie an und blinzelte mit den Augen. »Auf, ihr kleinen Kobolde, und geht ohne Lärm nach Hause, – geht artig, daß ich nur Gutes von euch höre, ihr loses Völkchen!« Und während sie nun beim Zusammensuchen ihrer Bücher und Eßkörbe einen gewaltigen Lärm erhoben, schrie er mitten durch den Wirrwarr hindurch: »Kommt morgen wieder, sobald es hell wird, oder ich will euch holen und geschmeidig machen! – Kommt ja zu rechter Zeit, ihr kleinen Dirnen und Burschen, dann wollen wir fleißig sein!«

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