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Ein fröhlicher Bursch

Bjørnstjerne Bjørnson: Ein fröhlicher Bursch - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleEin fröhlicher Bursch
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
projectid312314bb
created20061018
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Zweites Kapitel.

Jetzt wurde der Bock am Hause angebunden, aber Oeyvinds Augen hafteten immer nur am Berge. Die Mutter kam zu ihm hinaus und setzte sich neben ihn. Er wollte von ihr Märchen über Dinge aus weiter Ferne hören, denn der Bock genügte ihm jetzt nicht mehr. Da hörte er denn, daß einst alles hätte reden können; der Berg redete mit dem Bache und der Bach mit dem Flusse und der Fluß mit dem Meere und das Meer mit dem Himmel; aber nun fragte der Knabe, ob denn der Himmel nicht auch mit jemandem redete. Ei ja, der Himmel redete mit den Wolken, die Wolken mit den Bäumen, die Bäume mit dem Grase, das Gras mit den Fliegen, die Fliegen mit den Thieren, die Thiere mit den Kindern, die Kinder mit den Erwachsenen; und so ging es immer weiter, den ganzen Kreislauf der Dinge hindurch, bis sie nicht wußten, wo ein Ende zu finden war. Oeyvind sah den Berg, die Bäume, die See und den Himmel an, und so wie heute hatte er sie früher wirklich nie gesehen. In diesem Augenblicke kam die Katze aus dem Hause und legte sich in die Sonne. »Was sagt denn die Katze?« fragte Oeyvind und zeigte auf sie hin. Die Mutter sang:

Herrlich ist bei Sonnenschein,
Faul liegt Kätzchen auf dem Stein.
»Mäuschen nahm ich am Schopf,
Sahne leckt' ich vom Topf,
Und vier kleine Fisch'
Stahl ich vom Ladentisch;
Bin nun rund und satt,
Lieg' da träg und matt,«
Sagt da's Kätzchen.

Nun kam aber auch der Hahn mit allen Hühnern. »Was sagt der Hahn?« fragte Oeyvind und schlug die Hände zusammen. Die Mutter sang:

Während Bruthuhn stets die Flügel senket,
Steht Herr Hahn auf einem Bein und denket.
    »Aufgeblas'ne Gans,
    Watschelt wie im Tanz;
    Doch an Verstand sie gleicht
    Nimmer dem Hahn so leicht!
Fort, zum Stall, ihr Hennen, munter.
Mir ist's recht, geht die Sonn' bald unter,«

sagte der Hahn.

Aber jetzt saßen wieder zwei kleine Vögel oben auf der Dachfirste und sangen. »Was sagen die Vögel?« fragte Oeyvind und lachte.

»Lieber Gott, das Leben ist so gut.
Weiß man nicht, wie schwer die Arbeit thut,«

sangen die Vögel. Und nach und nach erfuhr er, was alle sagten bis zur Ameise hinab, welche durch den Sumpf kroch, und bis zum Wurme, der in der Rinde pickte.

Denselben Sommer begann die Mutter ihn lesen zu lehren. Die Bücher hatte er längst besessen und viel darüber nachgedacht, wie es wohl zugehen würde, wenn auch sie zu sprechen anfingen. Nun wurden die Buchstaben zu Thieren, Vögeln und zu allem, was da kreucht und fleucht. Aber bald begannen sie zusammen zu gehen, immer zwei und zwei; a blieb stehen und ruhte sich unter einem Baume aus, der b hieß, und dann kam e und machte es ebenso. Als sie aber zu Dreien und Vieren kamen, da war es, als würden sie böse auf einander; es wollte nicht recht gehen. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie waren; am längsten erinnerte er sich des a, welches er am liebsten hatte; es war ein schwarzes Lämmchen und hatte alle zu Freunden; aber bald vergaß er auch das a; das Buch hatte keine Märchen, sondern nur Aufgaben.

Da geschah es eines Tages, daß die Mutter zu ihm ins Zimmer trat und sagte: »Morgen fängt wieder die Schule an, dann sollst du mit mir nach dem Schulhause hinaufgehen.« Oeyvind hatte gehört, daß die Schule ein Ort wäre, wo viele Knaben spielten, und gegen Spielen hatte er durchaus nichts. Er war äußerst zufrieden; im Schulhause war er schon oft gewesen, freilich nicht zur Schulzeit, und deshalb ging er die Berge, die zu ihm hinaufführten, voller Sehnsucht, sein Ziel zu erreichen, schneller als die Mutter hinauf. Endlich langten sie an dem Hinterhause an. Ein entsetzliches Gesumme, ähnlich wie aus der Mühle daheim, schallte ihnen entgegen, und er fragte die Mutter, was das wäre. »Das rührt von den vielen Kindern her, die gerade lesen,« erwiderte sie, und er ward sehr froh, denn auf diese Weise hatte auch er gelesen, ehe er die Buchstaben kannte. Als er in das Schulzimmer kam, saßen darin um einen Tisch so viele Kinder, daß es selbst in der Kirche nicht mehr Leute geben konnte; andere saßen auf ihren Eßränzeln die Wände entlang; wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Tabelle. Der Schulmeister, ein alter Mann mit grauen Haaren, saß auf einem Schemel am Herde und stopfte sich die Pfeife. Als Oeyvind in Begleitung seiner Mutter eintrat, sahen alle auf, und das Mühlradgesumme hörte mit einem Male auf, gerade wie bei einer Mühle, wenn das Wasser gestauet wird. Alle blickten die Eintretenden an; die Mutter grüßte den Schulmeister, der den Gruß erwiderte.

»Hier bringe ich ein Büblein, das Lust hat, lesen zu lernen,« sagte die Mutter. – »Wie heißt das kleine Wesen?« fragte der Schulmeister und griff tief in seinen Lederbeutel, um Tabak herauszulangen.

»Oeyvind,« entgegnete die Mutter; »er kennt die Buchstaben bereits und versteht sie zusammenzusetzen.« – »Ei sieh! Das ist schön!« sagte der Schulmeister. »Komm einmal her, Flachsköpfchen!« Der Knabe ging zu ihm hin; der Schulmeister setzte ihn auf seinen Schoos und nahm ihm die Mütze ab. »Ein ganz allerliebster kleiner Bengel!« sagte er und strich ihm durch das Haar. Oeyvind schaute ihm in die Augen und lachte. »Lachst du etwa über mich?« fragte der Lehrer, die Stirne runzelnd. – »Ueber keinen andern,« entgegnete Oeyvind und brach in lautes Gelächter aus. Da lachte auch der Schulmeister, die Mutter lachte, die Kinder begriffen, daß sie jetzt ebenfalls lachen durften, und nun lachten sie allesammt.

So war Oeyvinds Aufnahme in die Schule.

Als er sich setzen sollte, wollten ihm alle Platz an ihrer Seite machen; er sah auch lange überlegend umher; sie flüsterten und winkten; er wandte sich, die Mütze in der Hand und das Buch unter dem Arme nach allen Richtungen um. »Nun, wird es bald werden?« fragte der Schulmeister, der sich wieder mit seiner Pfeife zu thun machte. Während er sich nach dem Schulmeister umdrehen will, gewahrt er dicht neben ihm am Herde Marit mit den vielen Namen auf einem rothgemalten Eßkörbchen sitzen; sie hatte ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt und saß, verstohlen nach ihm hinblickend, da. »Hier will ich sitzen!« rief Oeyvind schnell, ergriff einen Eßkorb und setzte sich an ihre Seite. Nun erhob sie ein wenig den einen Arm und sah ihn unter dem Ellbogen durch an. Sofort versteckte auch er sein Gesicht hinter beiden Händen und schaute sie ebenfalls unter dem Ellbogen an. So saßen sie beide da und schnitten einander Gesichter, bis sie lachte, dann lachte auch er, und die Kinder, welche es gesehen hatten, lachten ebenfalls. Da aber fuhr eine fürchterlich donnernde Stimme dazwischen, die jedoch nach jedem Worte milder klang: »Still, ihr Kobolde, ihr Gewürm, ihr Taugenichtse, still! – still, und seid hübsch artig, ihr Zuckerferkelchen!« – Es war der Schulmeister, dessen Weise es war aufzubrausen, aber wieder gut zu werden, ehe seine Rede zu Ende war. Augenblicklich wurde es in der Schule ruhig, bis sich die Pfeffermühlen von neuem in Bewegung setzten; sie lernten laut, jeder aus seinem Buche; die feinsten Diskantstimmen spielten auf, die gröberen trommelten lauter und immer lauter, um das Uebergewicht zu behalten, und bisweilen krähte eine oder die andere Mittelstimme dazwischen; so vergnügt hatte sich Oeyvind sein Lebtage noch nicht gefühlt.

»Ist es hier immer so?« flüsterte er Marit zu. – »Ei, freilich!« versetzte sie.

Nach einer Weile mußten sie hin zum Schulmeister und lesen; darauf mußten sie unter Leitung eines kleinen Burschen weiter lesen, und dann durften sie sich wieder ruhig auf ihre Plätze setzen.

»Nun habe ich auch einen Bock bekommen,« sagte sie. – »Wirklich?« – »Ja, aber so schön wie deiner ist er doch nicht.« – »Weshalb bist du denn nicht öfter nach dem Berge gekommen?« – »Großvater fürchtet, ich könnte hinunterfallen.« – »Er ist ja gar nicht so hoch,« – "Großvater erlaubt es doch nicht.«

»Mutter kann so viele Lieder,« erzählte er. – »O, Großvater kann eben so viele, darauf kannst du dich verlassen.« – »Aber er kann die nicht, die Mutter kann.« – »Großvater kann sogar einen Tanz. Willst du ihn hören?« – »Ja, gern!« – »Dann mußt du jedoch näher an mich heranrücken, damit der Schulmeister es nicht hört.« Er rückte näher, und nun sagte sie vier-, fünfmal einige Verse eines Liedes auf, bis er sie auswendig wußte, und das war das Erste, was er in der Schule lernte.

»Tanz!« rief die Fiedel.
Die Saiten erklangen,
Die Burschen sprangen
Wie hurtige Rädchen.

»Halt!« rief der Opa,
Ihm schwindelt im Kopf;
Da liegt schon der Tropf,
Und es lachen die Mädchen.

»Hopp!« sagte Erik
Und stieß dann mit Macht,
Daß laut es kracht,
Gen die Decke gleich.

»Halt!« sagte Elling,
Und wirft ihn, o Graus,
Zur Thüre hinaus:
»Du bist noch zu weich!«

»Hei!« sagte Rasmus,
Faßt' Randi ums Mieder,
»Den Kuß gieb mir wieder,
Den einst ich dir gab.«

»Nein!« sagte Randi,
Ergab sich ihm nicht,
Schlug ihm ins Gesicht,
»Das ist's, was ich hab'.«

»Auf, Kinder!« rief der Schulmeister; »da es heute der erste Schultag ist, will ich euch früh frei geben; aber erst wollen wir beten und singen.« Da gab es Leben in der Schule, sie hüpften über die Bänke, liefen im Zimmer umher, und schwatzten alle durcheinander, »Still, du Teufelsbrut, ihr jungen Elstern und wilde Füllen, – still und hübsch leise auftreten, liebe Kinder!« sagte der Schulmeister, und ruhig stellten sie sich auf, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet hielt. Darauf sangen sie; der Schulmeister begann mit kräftigem Basse, alle Kinder standen mit gefalteten Händen da und sangen mit; Oeyvind stand als der unterste neben Marit an der Thür; sie falteten ebenfalls die Hände, konnten aber nicht mitsingen.

Das war der erste Tag in der Schule.

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