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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Ein Fastnachtsspiel

Johann Wolfgang von Goethe: Ein Fastnachtsspiel - Kapitel 1
Quellenangabe
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typepoem
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleEin Fastnachtsspiel
publisherbtb Verlag
seriesJohann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke. Münchner Ausgabe
volume1.1
editorKarl Richter u. A.
year1998 - 2009
firstpub1773
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Johann Wolfgang von Goethe

Ein Fastnachtsspiel

auch wohl zu tragieren nach Ostern,
vom Pater Brey dem falschen Propheten

Zu Lehr Nutz und Kurzweil
gemeiner Christenheit insonders Frauen
und Jungfrauen zum goldnen Spiegel.

Würzkrämer (in seinem Laden)
Junge! hol mir die Schachtel dort droben
Der Teufels Pfaff hat mir alles verschoben.
Mir war mein Laden wohl eingericht
Fehlt' auch darin an Ordnung nicht
Mir war eines jeden Platz bekannt
Die nötigst War stund bei der Hand
Tobak und Kaffee, ohn' den der Tag
Kein Höckerweib mehr leben mag
Da kam ein Teufels Pfäfflein ins Land
Der hat uns Kopf und Sinn verwandt
Sagt wir wären unordentleich
An Sinn und Rumor den Studenten gleich
Könnt unsre Haushaltung nicht bestehen
Müßten alle ärschlings zum Teufel gehen
Wenn wir nicht täten seiner Führung
Uns übergeben und geistlicher Regierung.
Wir waren Burgersleut guter Art
Glaubten dem Kerl auf seinen Bart
Darin er freilich hat nicht viel Haar
Wir waren betört eben ganz und gar
Da kam er denn in den Laden herein,
Sagt: verflucht! das sind mir Schwein
Wie alles durcheinander steht?
Müßt's einrichten nach dem Alphabet.
Da kriegt er mir meinen Kasten Kaffee
Und setzt mir ihn oben auf ins C
Und stellt mir die Tobaksbüchsen weg
Dort hinten ins T. zum Teufelsdreck
Kehrt eben alles drüber und drunter
Ging weg und sprach: so besteh's jetzunder.
Da macht' er sich an meine Frauen
Die auch ein bißchen umzuschauen
Ich bat mir aber die Ehr auf einandermal aus
Und so schafft' ich mir'n aus dem Haus.
Er hat mir's aber auch gedacht
Und mir einen verfluchten Streich gemacht
Sonst hielten wir's mit der Nachbarin
Ein altes Weib von treuem Sinn
Mit der hat er uns auch entzweit
Man sieht sie fast nicht die ganze Zeit
Doch da kommt sie so eben her

Nachbarin kommt

Würzkrämer
Frau Nachbarin, was ist ihr Begehr?

Sibilla (die Nachbarin)
Hätte gern für zwei Pfenning Schwefel und Zunder

Würzkrämer
Ei sieh, 's ja ein großes Wunder
Daß man nur einmal hat die Ehr

Sibilla
Ei der Herr Nachbar braucht einen nicht sehr

Würzkrämer
Red sie das nicht. Es war ein Zeit
Da wir waren gute Nachbarsleut
Und borgten einander Schüsseln und Besen
Wär' auch alles gut gewesen
Aber vom Pfaffen kommt der Neid
Mißtraun, Verdruß und Zwistigkeit

Sibilla
Redt er mir nichts übern Herrn Pater
Er ist im Haus' als wie der Vater
Hat über meine Tochter viel Gewalt
Zeigt ihr wie sie soll werden klug und alt
Und ist ein Mensch von viel Verstand
Hat auch gesehn schon manches Land

Würzkrämer
Aber bedenkt sie nicht dabei
Wie sehr gefährlich der Pfaff ihr sei?
Was tut er an ihrer Tochter lecken
An fremden verbot'nen Speisen schlecken?
Was würd' Herr Balandrino sagen
Wenn er zurückkäm' in diesen Tagen
Der in Italia zu dieser Frist
Unter'n Dragonern Hauptmann ist
Und ist ihrer Tochter Bräutigam
Nicht blöckt und trottelt wie ein Lamm?

Sibilla
Herr Nachbar er hat ein böses Maul
Er gönnt dem Herrn Pater keinen blinden Gaul.
Mein Tochter, die ist in Büchern belesen
Das ist dem Herrn Pater just sein Wesen
Auch redt sie verständig allermeist
Von ihrem Herzen wie sies heißt.

Würzkrämer
Frau Nachbarin, das ist alles gut
Eure Tochter ist ein junges Blut
Und kennt den Teufel der Männer Ränken
Warum sie sich an die Maidels henken
Die ganze Stadt is voll davon.

Sibilla
Lieber Herr Nachbar, weiß alles schon
Meint er denn aber Herr, beim Blut,
Daß mein Maidel was böses tut?

Würzkrämer
Was böses? davon ist nicht die Red
Es ist nur aber die Frag, wies steht.
Sieht sie, ich muß ihr deutlich sagen
Ich stund ungefähr dieser Tagen
Hinten am Holunderzaun
Da kam mein Pfäfflein und Maidelein traun
Gingen auf und ab spazieren
Täten einander umschlungen führen
Täten mit Äugleins sich begäffeln
Einander in die Ohren räffeln
Als wollten sie eben allsogleich
Miteinander ins Bett oder ins Himmelreich.

Sibilla
Davor habt ihr eben keine Sinnen
Ganz geistilich ist sein Beginnen
Er ist von Fleischbegierden rein
Wie die lieben Herzengelein.
Ich wollt, ihr tätet ihn nur recht kennen
Würdet ihn gern einen Heiligen nennen.

Frau Sibilla die Nachbarin ab

Balandrino (der Dragoner-Hauptmann tritt auf und spricht)
Da bin ich nun durch viele Gefahr
Zurückgekehrt im dritten Jahr
Hab in Italia die Pfaffen gelaust
Und manche Republik gezaust.
Bin nur jetzt von Sorgen getrieben
Wie es drinne steht mit meiner Lieben.
Und ob wie in der Stadt man sagt
Sie sich mit einem Teufels-Pfaffen behagt.
Will doch gleich den Nachbar fragen
War ein redlich Kerl in alten Tagen

Würzkrämer
Herr Hauptmann, seid ihr's? Gott sei Dank
Haben euch halt erwart solang

Hauptmann
Ich bin freilich lang geblieben
Wie habt ihrs denn die Zeit getrieben?

Würzkrämer
So bürgerlich. Eben leidlich dumm.

Hauptmann
Wie stehts in der Nachbarschaft herum ?
Ists wahr –

Würzkrämer
                Seid ihr etwa schon vergift?
Da hat einer ein bös Eh gestift.

Hauptmann
Sagt, ists wahr mit dem Pfaffen?

Würzkrämer
Herr ich hab nichts mit dem Mist zu schaffen
Aber soviel kann ich euch sagen
Ihr müßt nit mit Feuer und Schwert drein schlagen.
Müßt erst mit eignen Augen sehn
Wies drinnen tut im Haus' hergehn.
Kommt nur in meine Stube nein
So eben fällt ein Schwank mir ein.
Laßt euchs unangefochten sein
Eure Braut ist ein gutes Ding
Und der Pfaff nur ein Däumerling. (sie gehen ab)

Wird vorgestellt der Frau Sibilla Garten. Treten auf: das Pfäfflein und Leonora, sich an Händen führend.

Pfaff
Wie ist doch heut der Tag so schön!
Gar lieblich ists spazieren zu gehn.

Leonora
Wie schön wird nicht erst sein der Tag
Da mein Balandrino kommen mag?

Pfaff
Wollt euch wohl gönnen die Herzensfreude!
Doch wir sind indes beisammen heute
Und ergötzen unsere Brust
Mit Freundschaft und Gesprächeslust

Leonora
Wie wird euch Balandrino schätzen
An eurem Umgang sich ergötzen
Erkennen euer edel Geblüt
Frei und liebevolles Gemüt.
Und wie ihr wollet allen gut
Niemals zuviel noch zu wenig tut.

Pfaff
O Jungfrau, ich mit Seel und Sinn
Auf immerdar dein eigen bin
Und den du Bräutigam tust nennen
Mög er so deinen Wert erkennen!
O himmlisch glücklich ist der Mann
Der dich die Seine nennen kann, (sie gehn vorüber)

Tritt auf Balandrino der Hauptmann verkleidet in einen alten Edelmann, mit weißem Bart und Ziegenperücke und der Würzkrämer 

Würzkrämer
Hab euch nun gesagt des Pfaffen Geschicht
Wie er alles nach seinem Gehirn einricht
Wie er will Berg und Tal vergleichen
Alles Rauhe mit Gips und Kalk verstreichen
Und endlich malen auf das Weiß
Sein Gesicht oder seinen Steiß.

Hauptmann
Wir wollen den Kerl gewaltig kurieren
Und über die Ohren in Dreck nein führen
Geht jetzt ein bißchen nur bei Seit

Würzkrämer
Wenn ihr mich braucht, ich bin nicht weit (geht ab)

Hauptmann
Ho! Holla! ho!

Sibilla
                      Welch ein Geschrei?

Hauptmann
Treff ich nicht hier den Pater Brey?

Sibilla
Er wird wohl in dem Garten sein
Ich schick ihn Ihnen gleich herein (ab)

Der Pfaff (tritt auf und spricht)
Womit kann ich dem Herren dienen?

Hauptmann
Ich bin so frei, mich zu erkühnen
Den Herrn Pater hier aufzutreiben
Sie müssens Ihrem Ruf zuschreiben.
Ich habe soviel guts vernommen
Von vielen die da und dorther kommen
Wie Sie überall haben genug
Der Menschen Gunst und guten Geruch.
Wollt Sie doch eiligst kennen lernen
Aus Furcht, Sie möchten sich bald entfernen.

Pfaff
Mein lieber Herr, wer sind Sie dann?

Hauptmann
Ich bin ein reicher Edelmann
Habe gar viel Gut und Geld
Die schönsten Dörfer auf der Welt
Aber mir fehlts am rechten Mann
Der all das gubernieren kann.
Es geht, geht alles durcheinander
Wie Mäusedreck und Koriander
Die Nachbarn leben in Zank und Streit
Unter Brüdern ist keine Einigkeit
Die Mägde schlafen bei den Buben
Die Kinder hofieren in die Stuben
Ich fürcht, es kommt der jüngste Tag

Pfaff
Ach da wird alles gut darnach

Hauptmann
Ich hätt's eben noch gern gut vorher
Drum verlanget mich zu wissen sehr
Wie Sie denken, ich sollt's anfangen

Pfaff
Können nicht zu Ihrem Zweck gelangen
Sie müssen denn einen Plan disponieren
Und den mit Festigkeit vollführen.
Da muß alles kalkuliert sein
Da darf kein einzig Geschöpf hinein
Mäus' und Ratten, Flöh und Wanzen
Müssen alle beitragen zum Ganzen.

Hauptmann
Das tun sie jetzt auch, ohne Kunst.

Pfaff
Doch ist das nicht das recht', mit Gunst,
Es geht ein jedes seinen Gang
Doch so ein Reich, das dauert nicht lang.
Muß alles ineinander greifen
Nichts hinüber herüber schweifen
Das gibt alsdenn ein Reich, das hält
Im schönsten Flor bis ans End' der Welt.

Hauptmann
Mein Herr, ich hab hier in der Näh
Ein Völklein das ich gerne säh
Wenn eure Kunst und Wissenschaft
Wollt da beweisen ihre Kraft.
Sie führen ein Sodomitisch Leben
Ich will sie eurer Aufsicht übergeben
Sie reden alle durch die Nasen
Haben Wänste sehr aufgeblasen
Und schnauzen jeden Christen an
Und laufen davon vor jedermann.

Pfaff
Da ist der Fehler, da sitzt es eben
Sobald die Kerls wie Wilde leben
Und nicht betulich und freundlich sind
Doch das verbessert sich geschwind.
Hab ich doch mit Geistesworten
Auf meinen Reisen aller Orten
Aus rohen ungewaschnen Leuten
Die lebten wie Juden Türken und Heiden
Zusammengebracht eine Gemein
Die lieben wie Maienlämmelein
Sich und die Geistesbrüderlein.

Hauptmann
Wolltet ihr nicht gleich hinaus reiten?
Der Herr Nachbar soll euch begleiten.

Pfaff
Der ist sonst nicht mein guter Freund

Hauptmann
Herr Pater! mehr als ihr es meint.

(sie gehen ab)

Hauptmann (kommt zurück und spricht:)
Nun muß ich noch ein bißchen sehn
Wie's tut mit Leonoren stehn.
Ich tu sie wohl unschuldig schätzen
Der Pfaff kann nichts als prahlen und schwätzen
Da kommt sie eben recht herein
Jungfrau! sie scheint betrübt zu sein

Leonore
Mir ists im Herzen weh und bange
Mein Bräutigam der bleibt solange.

Hauptmann
Liebt ihr ihn denn allein so sehr?

Leonore
Ohn ihn möcht ich nicht leben mehr

Hauptmann
Der Pater euch ja hofieren tut

Leonore
Ach ja das ist wohl alles gut
Aber gegen meinen Bräutigam
Ist der Herr Pater nur ein Schwamm.

Hauptmann
Ich fürcht, es wird ein Hurry geben
Wenn der Hauptmann hört euer Leben.

Leonore
Ach nein, denn ich ihm schwören kann
Denke nicht dran, der Pfaff sei Mann
Und ich dem Hauptmann eigen bin
Von ganzem Herzen und ganzem Sinn

Hauptmann (wirft Perücke und Bart weg und entdeckt sich)
So komme denn an meine Brust
O Liebe, meines Herzens Lust

Leonore
Ists möglich? ach ich glaub es kaum.
Die himmlisch Freuden ist ein Traum

Hauptmann
O Leonor', bist treu genug
Wärst du gewesen auch so klug

Leonore
Ich bin ganz ohne Schuld und Sünd

Hauptmann
Das weiß ich wohl mein liebes Kind
Die Kerls sind vom Teufel besessen
Schnopern herum an allen Essen
Lecken den Weiblein die Ellenbogen
Stellen sich gar zu wohlerzogen
Nisten sich ein mit Schmeicheln und Lügen
Wie Filzläus, sind nicht heraus zu kriegen
Aber ich hab ihn prostituiert
Der Nachbar hat ihn hinausgeführt
Wo die Schwein' auf die Weide gehn
Da mag er bekehren und lehren schön.

Nachbar Würzkrämer  kommt lachend außer Atem
Gott grüß euch edles junges Paar!
Der Pfaff ist rasend ganz und gar
Läuft wie wütig hinter mir drein
Ich führt' ihn draußen zu den Schwein'
Sperrt Maul und Augen auf der Matz
Als ich ihm sagt', er wär' am Platz.
Er säh sie redten durch die Nasen
Hätten Bäuche sehr aufgeblasen
Wären unfreundlich grob und lüderlich
Schnauzten und bissen sich unbrüderlich
Lebten ohne Religion und Gott
Und Ordnung wie ein Studentenrott
Möcht sie nun machen all honett
Und die frömmst' nehmen mit zu Bett.

Hauptmann
Tat er darauf wacker rasen?

Würzkrämer
Viel Fluch und Schimpf aus 'em Rachen blasen
Da kommt er ja gelaufen schon.

Pfaff (außer Atem)
Wo hat der Teufel den Cujon?
erschrickt, da er den Hauptmann sieht

Hauptmann
Herr Pfaff! erkennt er nun die Schlingen?
Sollt ihm wohl noch ein Gratias singen.
Doch mag er frei seiner Wege gahn
Nur hör' er noch zwei Wörtgen an.
Er meint, die Welt könnt nicht bestehen
Wenn er nicht tät drauf herumhergehen
Bildt sich ein wunderliche Streich
Von seinem himmlisch geistgen Reich
Meint, er wolle die Welt verbessern
Ihre Glückseligkeit vergrößern
Und lebt ein jedes doch fort an
So übel und so gut es kann.
Er denkt, er trägt die Welt aufm Rücken
Fang' er uns nur einweil die Mücken!
Aber da ist nichts recht und gut
Als was Herr Pater selber tut.
Tät gerne eine Stadt abbrennen
Weil er sie nicht hat bauen können
Findts verflucht, daß ohn' ihn zu fragen
Die Sonne sich auf und ab kann wagen
Doch Herr! damit er uns beweist
Daß ohne ihn die Erde reißt
Zusammen stürzen Berg und Tal
Probier' ers nur und sterb er einmal
Und wenn davon auf der ganzen Welt
Ein Schweinstall nur zusammen fällt
So erklär' ich ihn für einen Propheten
Will ihn mit all meinem Haus' anbeten.

der Pfaff zieht ab

Hauptmann
Und du geliebtes Lorchen mein
Warst gleich einem Wickelkindelein
Das schreit nach Brei und Suppe lang
Des wird der Mutter angst und bang
Ihr Brei ist noch nicht gar und recht
Drum nimmt sie schnell ein Lümpgen schlecht
Und kaut ein Zuckerbrot hinein
Und steckt's dem Kind' ins Mündelein.
Da saugts und zutscht denn um sein Leben
Will ihm aber keine Sättigung geben
Es zieht erst allen Zucker aus
Und speit den Lumpen wieder aus.
So laßt uns denn den Schnacken belachen
Und gleich von Herzen Hochzeit machen.
Ihr Jungfrauen, laßt euch nimmer küssen
Von Pfaffen die sonst nichts wollen noch wissen
Denn wer möcht' einen zu Tische laden
Auf den bloßen Geruch von einem Braten?
Es gehört zu jeglichem Sakrament
Geistlicher Anfang, leiblich Mittel, fleischlich

END.








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