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Ein Fallissement

Bjørnstjerne Bjørnson: Ein Fallissement - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAbsalons Haar ? Der König ? Ein Fallissement
titleEin Fallissement
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson Ausgewählte Werke
volumeZweiter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid124bb4d1
created20070422
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Erster Akt.

Ein großes, schön eingerichtetes Zimmer In Tjäldes Hause. In bei Mitte ein Tisch, um den Lehn- und Schaukelstühle stehen. Von, rechts ein Sofa. Rechts zwei Türen. Links zwei bis zum Fußboden reichende Fenster. Im Hintergrunde schließt sich an das Zimmer eine offene blumengeschmückte Veranda. Man sieht über die Veranda auf die See. Eine Anzahl Felseninseln ist sichtbar. Ganz hinten gleiten Segelschiffe vorüber. Ein stattliches Segelboot mit ausgespannten Segeln liegt rechts neben der Veranda.

Erste Szene

Hamar, Signe, später Dora, dann Walborg

Hamar (auf dem Sofa liegend) Was fangen wir nur heut an?

Signe (sich schaukelnd) Hm –

(Kleine Pause.)

Hamar Heut nacht die Segelpartie war prachtvoll. (Gähnt) Aber heut bin ich müde. – – – – Wollen wir spazieren reiten?

Signe Hm –

(Kleine Pause)

Hamar Mir wird etwas warm auf dem Sofa. – – – – Ich glaube, ich setze mich besser wo anders hin. (Er tut es.)

Signe (fängt an, vor sich hin zu trällern und schaukelt sich weiter)

Hamar Willst du nicht etwas spielen?

Signe (halb singend) Das Klavier ist verstimmt –

Hamar Dann lies mir was vor –

Signe (zum Fenster hinaussehend) Da baden sie die Pferde – da baden sie die Pferde – – da baden sie die Pferde – –

Hamar Ich habe auch die Absicht, zu baden, – werde aber damit bis gegen Mittag warten.

Signe Das macht besseren Appetit – besseren Appetit – Appetit – –

(Dora tritt langsam von rechts ein.)

Hamar Wie gedankenvoll du aussiehst!

Dora Ach, ich weiß nicht, was ich heut machen soll –

Signe Zu Mittag, meinst du?

Dora Ja.

Hamar Wird denn jemand erwartet?

Dora Papa schreibt, Herr Konsul Finne käme.

Signe Ausgerechnet der langweiligste Besuch! –

Dora Was meinst du zu Lachs und jungen Hühnern?

Signe Die haben wir ja erst vorgestern gehabt.

Dora (seufzend). Wir haben alles erst vor ein paar Tagen gehabt. – Es kommt jetzt hier so wenig auf den Markt. –

Signe Also müssen wir es uns aus der Hauptstadt kommen lassen.

Dora Ach, das Essen! Das Essen!

Hamar (gähnend) ist aber doch der schönste Lebensgenuß.

Signe Das Verzehren, ja, – aber nicht das Zubereiten. – Ich werde mich nie damit abgeben.

Dora (sich an den Tisch setzend). Das Kochen ist nicht das schlimmste, – aber sich immer etwas Neues ausdenken müssen – –

Hamar Ich habe noch nirgends so viel von Essen und Kochen reden hören als hier.

Dora Du bist wohl auch früher nie in einem großen Handelshause gewesen. Fast alle unsere Freunde sind Kaufleute, – und die meisten von ihnen kennen nichts Schöneres als: gut essen und trinken.

Signe Das weiß Gott!

Dora Hast du heut das Kleid an?

Signe. Ja.

Dora Du hast doch mehr als ein Alltagskleid.

Signe Das blaue kann Hamar nicht leiden, das graue kann er nicht leiden. – – Was soll ich denn anziehen?

Hamar Ich kann nicht gerade sagen, daß mir das Kleid, das du heut anhast, besser gefällt.

Signe So? – – – – Ja, dann mußt du mir eins aussuchen.

Hamar Komm' mit nach der Hauptstadt.

Signe Ja, Mama, Hamar und ich haben es uns überlegt, – wir müssen wieder hin –

Dora Ihr seid ja erst vor vierzehn Tagen zurückgekommen.

Hamar Also sind wir gerade vierzehn Tage zu lange nicht dagewesen.

Dora (nachdenklich). Wenn ich nur wüßte, was ich heute mittag auf den Tisch setzen soll – –

(Walborg kommt links die Veranda herauf.)

Signe (die sich gerade umgedreht hat). Da kommt Ihre Hoheit!

Hamar (sich umwendend). Mit einem Bukett? – – Aha! Das habe ich schon gesehen.

Signe So? – Hast du es ihr vielleicht geschenkt?

Hamar Nein. – Ich war vorhin im Park – und da lag das Bukett auf dem Tisch in Walborgs Laube. – (Zu Walborg.) Ist heut dein Geburtstag?

Walborg Nein.

Hamar Das meine ich doch auch. – Ist denn heute sonst irgend ein Fest hier?

Walborg Nein. (Signe lacht plötzlich unbändig.)

Hamar Worüber lachst du denn?

Signe Jetzt verstehe ich – – (Sie lacht wieder.)

Hamar Was verstehst du?

Signe Was für Hände den Altar geschmückt haben – (Lacht wie vorher.)

Hamar Du denkst wohl, – ich?

Signe Nein, nein. Viel rötere Hände als die deinen – (Lacht.) (Walborg wirft das Bukett zu Boden.)

Signe Eigentlich soll man nicht so viel lachen, wenn es so heiß ist. – Aber die Geschichte ist zu köstlich. – Ist ihm jetzt auch diese Huldigung eingefallen?! – (Bricht wieder in lautes Gelächter aus.)

Hamar (heiter). War's etwa – ?

Signe Ja, natürlich! – Du mußt nämlich wissen, Hamar. daß Walborg – –

Walborg Signe!!

Signe – – die so viele Körbe ausgeteilt hat, sich jetzt endlich einen von zwei roten Händen füllen läßt. – – (Lacht.)

Hamar Sannäs?

Signe Ja – ja! – (Zeigt aus dem Fenster.) Da steht der Sünder. – Du, Walborg, der wartet darauf, daß du mit dem Bukett in der Hand vorüberschreitest, – träumerisch, – gerade so, wie du vorhin hier eintratest.

Dora (aufstehend). Sannäs wartet auf den Papa. Er mag ihn wohl schon haben kommen sehen. (Über die Veranda nach links ab.)

Signe Ja, wirklich, da kommt der Papa. – Er reitet den Fuchs.

Hamar (aufstehend). Den Fuchs?! – Komm! Wir wollen den Fuchs begrüßen.

Signe – Nein – –

Hamar Warum denn nicht? – Im Herzen der Frau eines Kavalleristen muß das Pferd die erste Stelle einnehmen – – nach ihrem Mann natürlich.

Signe Und in seinem Herzen hat die Frau die erste Stelle – nach dem Pferde – –

Hamar Bist du vielleicht eifersüchtig auf den Fuchs?

Signe O, ich weiß wohl, daß du für den Fuchs immer mehr Interesse gehabt hast als für mich.

Hamar Aber so komm' doch jetzt! (Er hebt sie vom Stuhl auf.)

Signe Mir ist der Fuchs höchst gleichgültig.

Hamar Schön. Dann gehe ich allein.

Signe Nein, nein, – ich geh' ja mit.

Hamar (zu Walborg). Willst du nicht auch den Fuchs begrüßen?

Walborg Nein. – Höchstens' würde ich doch Papa begrüßen.

Signe (sich im Weggehen am Arm Hamars umwendend). Ja, ihn natürlich auch. (Ab mit Hamar.)

Zweite Szene.

Walborg, Sannäs.

(Walborg geht an Fenster und sieht hinaus. Ihr Kleid hat dieselbe Farbe wie die lange Gardine. Sie wird von den am Fenster stehenden Blumen und einer Statue fast verdeckt. Sannäs kommt von links. Er legt eine kleine Reisetasche und ein Plaid auf einen Stuhl neben der Tür. Als er sich umwendet, bemerkt er das Bukett.)

Sannäs Da liegt's! – Ob sie es weggeworfen oder verloren hat? – Es ist ja gleich, – – sie hat's getragen. (Er hebt es auf und küßt es.)

Walborg (vortretend). Lassen Sie es nur liegen.

Sannäs (das Bukett fallen lassend). Sie hier? – Ich sah nicht – –

Walborg Aber ich! Wie können Sie es sich erlauben, mich mit Ihren Blumen und – – Ihren roten Händen zu verfolgen! (Sannäs verbirgt beide Hände auf dem Rücken.) Wie dürfen Sie es wagen, mich durch Ihr Benehmen im ganzen Hause, – in der ganzen Stadt lächerlich zu machen!

Sannäs Ich – ich – – ich – – –

Walborg Ja, ja, Sie! – Und ich? – Auf mich brauchen Sie wohl keine Rücksicht zu nehmen! – Ich werde dafür sorgen, daß Sie aus dem Hause gejagt werden, wenn Sie sich nicht verständiger betragen! – – – Gehen Sie nur, gehen Sie rasch, – ehe die anderen wiederkommen.

(Sannäs geht, die Hände vor sich haltend, hinaus.)

Dritte Szene

Tjälde, Dora, Hamar, Signe, Walborg.

(Man hört Tjäldes und Hamars Stimmen, noch ehe sie sichtbar werden.)

Tjälde Ja, ja, es ist ein schönes Tier.

Hamar Schön? – Ich behaupte, ein solches Pferd gibt's im ganzen Lande nicht.

Tjälde Schon möglich! – Hast du gesehen, es ist nicht einmal naß geworden?

Hamar Der Fuchs hat einen Atem wie ein Walfisch. – Na, und der Bau, der Kopf, der Hals, die Beine – – so etwas gibt's nicht leicht zum zweiten Male!

Tjälde Ja, es ist ein schönes Tier. – Hast du eine Segelpartie gemacht? (Er bleibt stehen und betrachtet das Boot.)

Dora (geht durch die vordere Tür rechts ab.)

Hamar Ich bin heut nacht dort um die Inseln gefahren – und erst gegen Morgen mit den Fischern heimgekehrt. – Es war eine wundervolle Fahrt.

Tjälde Ja, ja. Wenn man nur auch Zeit dazu hätte!

Hamar Ich glaube, du bildest dir nur ein, keine Zeit zu haben.

Tjälde Hm – aber wenn ich auch Zeit hätte, – mir fehlt die rechte Laune.

Signe Was hast du denn erreicht mit deiner Reise?

Tjälde Nichts.

Walborg Guten Tag, Papa.

Tjälde Guten Tag, mein Kind.

Hamar War nichts mehr zu retten.

Tjälde Vorläufig nicht, – und darauf kam mir's gerade an.

Hamar Also bleibt der Fuchs das einzige, was du aus dem Bankerott bekommst.

Tjälde Ja, – ich kann wohl sagen, das Pferd kostet mich 60 – 80 000 Kronen.

Hamar Das ist aber auch sein einziger Fehler. – Und da dir deine Mittel so etwas erlauben, kannst du dich ja trösten. Der Fuchs ist über jeden Preis erhaben!

(Tjälde legt den Hut ab und zieht die Handschuhe aus.)

Signe Deine Begeisterung, wenn du von Pferden sprichst, ist wirklich rührend, Hamar. – – Leider ist es wohl die einzige Begeisterung, deren du fähig bist.

Hamar Wenn ich nicht Kavallerist wäre, möchte ich ein Pferd sein.

Signe Ich danke schön!

Tjälde (seiner Frau, die von rechts kommt, entgegengehend.) Nun, Dora, wie geht's dir?

Dora Ach, das Gehen wird mir mit jedem Tage schwerer.

Tjälde Dir fehlt aber auch immer was! – Kann ich mein Frühstück haben?

Dora Es steht schon lange bereit, – ich lasse es eben hereinbringen. Hier –

(Ein Dienstmädchen mit einem Tablett tritt ein und setzt es aus den Tisch.)

Tjälde Schon fertig! Das ist ja prächtig!

Dora Wünscht du eine Tasse Tee?

Tjälde Nein, danke.

Dora (setzt sich zu ihm und gießt ihm ein Glas Wein ein.) Wie stehen denn die Sachen bei Möllers?

Tjälde Schlecht! Ich hab's ja schon gesagt.

Dora Ich war vorhin nicht hier.

Walborg Ich habe heute einen Brief von Nanna bekommen. Darin schildert sie mir alles. Es muß ein fürchterlicher Auftritt gewesen sein, als das Gericht alles versiegelte, – es hatte ja keiner von der Familie etwas geahnt.

Tjälde Ja, es soll haarsträubend gewesen sein –

Dora Hat dir Möller selbst davon erzählt?

Tjälde (weiter essend.) Ich habe ihn gar nicht gesprochen.

Dora Ihr seid doch aber alte Freunde!

Tjälde Pah! – Freunde! – Er ist ja halb verrückt! – Von der Familie habe ich auch so genug gehört. – Übrigens war ich ja auch nicht hingereist, um mir Geschichten erzählen zu lassen.

Signe Was du gehört hast, war wohl recht traurig?

Tjälde (essend). Gräßlich!

Dora Wovon leben sie denn nun?

Tjälde Na, von der Konkursmasse natürlich.

Signe Und alles, was sie besaßen?

Tjälde Verkauft!

Signe Alle die schönen Sachen – die Möbel – die Wagen – die Pferde –

Tjälde Verkauft! Verkauft!

Hamar (näher tretend.) Und Möllers Taschenuhr? – Ich habe nämlich noch nie ein solches Prachtstück gesehen, – außer bei dir natürlich –

Tjälde Verkauft, verkauft! – Alles verkauft! – Gib mir noch ein Glas Wein, bitte, – ich habe fürchterlichen Durst –

Signe Die Ärmsten!

Dora Wo wohnen sie denn jetzt?

Tjälde Im Hause eines seiner früheren Schiffskapitäne. Zwei kleine Stuben und Küche.

Signe Zwei Stuben und Küche? (Kleine Pause.)

Dora Aber was wollen sie denn nun anfangen?

Tjälde Es soll eine Sammlung veranstaltet werden, damit die Frau im Klub die Wirtschaft pachten kann.

Dora Da soll sie also bis an ihr Lebensende aus dem Kochen nicht herauskommen.

Signe Haben sie uns nicht grüßen lassen?

Tjälde Ja natürlich. – Habe ich's nicht bestellt? – Ich habe das wohl nicht mehr für wichtig gehalten.

Hamar (der inzwischen hin und wieder auf die Veranda gegangen ist.) Aber was sagt denn Möller selbst, was tut er denn nun?

Tjälde Weiß ich nicht, – habe ich schon mal gesagt.

Walborg (ist während des Gespräches auf und ab gegangen und manchmal stehen geblieben.) Getan – hat Möller am Ende genug.

Tjälde (der bisher fortwährend gegessen und getrunken hat, ist von Walborgs Worten betroffen.) Was willst du damit sagen?

Walborg Was Möller getan hat, könnte ich ihm nie verzeihen, wenn ich seine Tochter wäre.

Dora Sage doch nicht so was, liebste Walborg.

Walborg Warum denn nicht? – Ein Mensch, der solches Elend und solche Schande über seine Familie bringt, kann keine Schonung verlangen.

Dora Schonung brauchen wir alle.

Walborg Jawohl, – aber in anderem Sinne. – Ich meine, für einen solchen Vater könnte ich nie wieder Achtung und Liebe haben, – nach einer solchen Kränkung, einer solchen Demütigung.

Tjälde (aufstehend.) Kränkung und Demütigung?

Dora Bist du fertig mit essen?

Tjälde Ja,

Dora Noch ein Glas Wein?

Tjälde Ich sage ja, ich bin fertig. – Kränkung und Demütigung? – Wie meinst du das, Walborg?

Walborg Kann mir ein Mensch eine größere Schmach antun, als meine Stellung in der Welt, mein Leben und meinen Umgangskreis auf einer Unwahrheit zu gründen, – mein ganzes Ich bis zu dem Kleid, das ich trage, zur Lüge zu machen ? – Nimm doch an, ich nützte die Stellung als Tochter eines reichen Kaufherrn aus bis aufs äußerste – und erführe eines Tages, daß alles gestohlen ist, was mir mein Vater gegeben hat, – daß jede meiner Lebensäußerungen eine Lüge war, – müßte ich mich nicht vor der ganzen Welt und vor mir selbst schämen? –

Dora Kind, du kennst das Leben noch nicht, – weißt nicht, wie plötzlich das Unglück über einen Geschäftsmann hereinbrechen kann!

Hamar Na, Möller hat's ja verdient. – Schade, daß er Walborgs Predigt nicht selbst gehört hat.

Walborg Er hat sie gehört. – Nanna hat ihm das alles deutlich genug gesagt.

Dora Die eigene Tochter!? – Kinder, über solche Dinge schreibt ihr euch! – Walborg! Walborg!

Tjälde (sich Walborg nähernd.) Du scheinst keine Ahnung zu haben, welchen Gefahren der Handel oft ausgesetzt ist, – heute Glück, – morgen Unglück.

Walborg O, das weiß ich wohl. Aber ich kann mich nicht davon überzeugen, daß der Handel ein Lotteriespiel ist.

Tjälde Der solide Handel allerdings nicht.

Walborg Ich verurteile ja auch nur den unsoliden.

Tjälde Aber selbst das solideste Geschäft hat oft schwere Krisen durchzumachen.

Walborg Krisen aber, die bis dicht vor den Zusammenbruch führen, verschweigt kein ehrlicher Mann seiner Familie und seinen Teilhabern. – Mein Gott, wie hat Möller die Seinen belogen!

Signe Walborg muß immer vom Handel und von Geschäften sprechen.

Walborg Wenn man von Kind auf von nichts anderem als von Geschäften sprechen hört, ist es kein Wunder, wenn man sich schließlich dafür interessiert. – Ich will gar nicht leugnen, ich interessiere mich für kaufmännische Dinge.

Signe Und du bildest dir gewiß ein, du verstehst etwas davon.

Walborg O nein, – das nicht. – Aber Dinge, für die man sich interessiert, sucht man verstehen zu lernen.

Hamar Na, Möllers Geschäftsführung kann man wohl auch ohne kaufmännische Kenntnisse beurteilen, – so gut wie sein Privatleben. – Himmel! haben die verschwendet! – Wenn ich noch an Nannas Schleppe denke – –

Walborg Nanna ist meine beste Freundin. – Ich verbitte mir Glossen über sie!

Hamar Wenn mir Ew. Hoheit die Bemerkung erlauben: Man kann sogar die Tochter eines noch reicheren Mannes sein – und doch etwas weniger hochnäsig und eitel als – als diejenige, die ich nicht nennen darf.

Walborg Nanna ist weder hochmütig noch eitel. Sie ist ein durch und durch ehrlicher Charakter. Sie war, was sie glaubte, sein zu dürfen, – die Tochter eines reichen Mannes.

Hamar Darf ich mir die Frage erlauben, ob sie jetzt auch das Talent hat, die Tochter eines Fallenten zu sein?

Walborg Auch das. – Sie hat alles, – Schmucksachen, Kleider – alles, was sie besaß, versteigern lassen. Was sie jetzt trägt, hat sie selbst verdient – oder daraufhin geborgt, daß sie es bezahlen wird, wenn sie etwas verdient.

Hamar Dürfte ich fragen, ob sie nicht einmal ihre Strümpfe behalten hat?

Walborg Sie hat alles verkauft – ohne Ausnahme.

Hamar Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich zweifellos auch zur Auktion gekommen.

Walborg Es waren genug Dinge da, an denen auch – Müßiggänger und Tagediebe ihre Freude hätten haben können.

Dora Kinder! Kinder!

Hamar Den Müßiggang hat wohl Fräulein Nanna nicht versteigern lassen? – Soviel ich weiß, besaß sie ja von diesem Artikel einen ganz ungewöhnlich großen Vorrat.

Walborg Bei dem vermeintlichen Reichtum ihres Vaters glaubte sie mit Recht das Arbeiten nicht nötig zu haben.

Tjälde (wieder nähertretend.) Um auf unser Thema zurückzukommen. Du scheinst zu übersehen, Walborg, daß ein Kaufmann auch noch in der schwersten Krisis von Tag zu Tag neue Hoffnungen nähren kann, – sich immer neue Hoffnungen bilden. – Deshalb ist er noch kein Betrüger. – Er ist Optimist, – wenn du willst, ein Dichter, der in seiner Traumwelt lebt. – Ja, vielleicht ist er ein Genie, das noch Möglichkeiten zu sehen glaubt, wenn die Augen anderer versagen.

Walborg Die Sache glaube ich zu verstehen, – vielleicht mißverstehe ich dich jetzt, Papa. – – Was du Hoffnungen, Dichtungen, Träume nennst, – das sind doch Spekulationen mit dem Eigentum anderer von dem Augenblick an, wo der Kaufmann weiß, daß er mehr schuldet als besitzt.

Tjälde Gerade dieser Augenblick ist aber sehr schwer zu erkennen.

Walborg So? – Ich meine doch, ein Kaufmann führe Bücher.

Tjälde Freilich – über Aktiva und Passiva. – Aber die Werte sind Schwankungen unterworfen. Spekulationen können vor dem Ausgang nicht gebucht werden, – und können trotz aller Klugheit und Vorsicht Resultate bringen, die die ganze Geschäftslage eines Kaufmanns mit einem Schlage ändern.

Walborg Wenn es feststeht, daß er mehr schuldig ist als er besitzt, spekuliert er mit fremdem Gelde.

Tjälde Na ja, – wenn du das so nennen willst. – Jedenfalls aber nicht mit gestohlenem Gelde, – sondern mit anvertrautem.

Walborg Dieses Geld wurde ihm aber unter der Voraussetzung anvertraut, daß er genug Vermögen hätte, um für eventuelle Verluste selbst aufkommen zu können.

Tjälde Wenn er aber mit solchem Gelde alles für alle retten kann?

Walborg Das ändert nichts, er verschafft es sich auf Grund einer Lüge.

Tjälde Du gebrauchst sehr starke Ausdrücke, Walborg.

(Dora gibt Walborg wiederholt Wink zu schweigen, ohne daß diese darauf eingeht.)

Walborg Meiner Meinung nach heißt in einem solchen Falle »verschweigen« – »lügen«.

Tjälde Was soll er denn deiner Ansicht nach tun? – Die Karten aufdecken – und sich und die anderen ruinieren?

Walborg Ja. Er muß alle, denen er verpflichtet ist, mit seiner Lage bekannt machen.

Tjälde Pah! – – Dann fallierten jährlich tausend Handelshäuser mehr als jetzt, – und die allgemeinen Verluste würden enorm. – – Nein, nein, Walborg, – deine Gesinnung in Ehren, – aber von solchen Dingen verstehst du nichts. – – Wo sind die Zeitungen?

Signe (die mehrmals ein und ausgegangen ist und sich schließlich mit Hamar auf der Veranda unterhalten hat, tritt ein.) Ich habe sie ins Kontor gebracht, Papa. –

Tjälde Verschone mich heute nur mit dem Kontor. – Bitte, hol' sie mir.

(Signe geht, Hamar folgt Ihr.)

Dora (zu Walborg, die hinausgehen will.) Kannst du denn nie auf deine Mutter hören, Walborg?

(Walborg geht auf die Veranda, stützt am Geländer den Kopf in die Hände und sieht aufs Meer.)

Tjälde Ich muß mich wohl noch umziehen? – Na, ich werde bis zum Essen damit warten.

Dora Mein Gott, das Essen! – Und ich sitze hier –

Tjälde Haben wir Gäste?

Dora Freilich, – hast du denn vergessen –

Tjälde Richtig! – Ja, ja.

Dora (hinausgehend.) Was soll ich nur auf den Tisch setzen –

(Tjälde setzt sich, als er sich allein sieht, ermüdet auf einen Stuhl und bedeckt das Gesicht mit beiden Händen. Signe und Hamar kehren zurück. Hamar will auf die Veranda, Signe hält ihn aber zurück.)

Signe (dem Vater die Zeitungen reichend.) Hier, Papa, sind –

Tjälde (auffahrend.) Wer? Was? –

Signe (verwundert.) Nun, die Zeitungen.

Tjälde Ach so. Danke. Gib her. (Schlägt eine nach der anderen auf und sieht hastig nach den Börsennachrichten.)

Signe (die indes mit Hamar gesprochen hat.) Du, Papa –

Tjälde (noch in den Zeitungen vertieft.) Nun? – (Murmelnd.) Sie fallen – fallen fortwährend –

Signe Hamar und ich möchten wieder gern zu seiner Tante Ulla reisen –

Tjälde Ihr seid ja erst vor vierzehn Tagen dagewesen. – Gestern habe ich die Rechnungen bekommen. – Hast du sie gesehen?

Signe Es genügt doch, wenn du sie siehst. – Weshalb seufzt du?

Tjälde Weil ich sehe, daß die Börsenpreise anhaltend flau sind.

Signe Darum brauchst du dich doch nicht zu kümmern. – Jetzt seufzt du schon wieder. Da siehst du selbst, wie unangenehm es ist, wenn einem die liebsten Wünsche nicht erfüllt werden. – Aber so hart bist du nicht gegen uns, – nicht wahr, Papa?

Tjälde Es geht nicht, Kinder, – beim besten Willen nicht.

Signe Aber warum denn nicht?

Tjälde Weil – weil – nun, weil während des Sommers viel Besuch kommt, der unterhalten sein will.

Signe Das ist ja gerade das Langweiligste, – für Hamar so gut wie für mich.

Tjälde Ja, glaubt ihr denn, mir sind die Pflichten, die ich erfüllen muß, interessant?

Signe Aber liebes Väterchen, du bist heute ganz ernst, ordentlich feierlich. – Das steht dir so komisch.

Tjälde Im Ernst, Kind, – es ist für ein Handelshaus mit so umfassenden Verbindungen wichtig, daß die Leute von allen Seiten hier zusammenkommen und sich wohlfühlen. – Das müßt ihr schon für mich tun.

Signe Auf diese Art können Hamar und ich nie allein sein.

Tjälde Soviel ich weiß, zankt ihr euch meistens, wenn ihr allein seid.

Signe Zanken? – Was gebrauchst du für häßliche Worte, Papa!

Tjälde Ich sollte doch meinen, in der Hauptstadt seid ihr nie allein.

Signe Na, da – – da ist es ganz etwas anderes!

Tjälde Hm – so, wie ihr das Geld verschwendet, freilich.

Signe (lachend). Geld verschwenden!? – – Was sollen wir denn sonst tun!? – Dazu fahren wir doch in die Hauptstadt. – – – Papa – – bitte, bitte, – lieber süßer Papa.

Tjälde Nein, Kind. – Nein.

Signe So garstig bist du noch nie gewesen.

Hamar (gibt ihr einen Wink, aufzuhören. Flüsternd). Kannst du denn gar nicht aufhören. Du siehst doch, – er ist schlechter Laune.

Signe (ebenfalls flüsternd). Wenn du mich unterstützt hättest, hätte er schon nachgegeben.

Hamar (wie vorher). I nein, – da bin ich doch klüger –

Signe (wie vorher). Ich weiß nicht, du bist so sonderbar seit einiger Zeit, – – was hast du eigentlich?

Hamar (wie vorher). Mir ist alles gleich. – Ich reise allein.

Signe (wie vorher). Was tust du?

Hamar (hinausgehend). Ich reise allein. – Ich habe keine Lust, hier länger so herumzulungern.

Signe (ihm folgend). Du kannst es doch noch einmal bei Papa versuchen.

(Sie gehen nacheinander über die Veranda nach rechts ab.)

(Tjälde läßt sämtliche Zeitungen mit einem Seufzer fallen.)

Walborg (von der Veranda). Papa! (Tjälde schrickt zusammen.) Dort geht der Obergerichtsadvokat Berent aus Christiania.

Tjälde (aufstehend). Berent? – Hier? – – Auf der Werft? – – –

Walborg Ja. – (Sie kommt ins Zimmer. Tjälde sieht aus dem Fenster). Gestern habe ich ihn auf dem Holzplatz gesehen und heute morgen in der Nähe der Brauerei und der Fabrik.

Tjälde (murmelnd.) Was mag denn das zu bedeuten haben? (Laut.) Er besucht im Sommer oft die Städte an unserer Küste, – da will er sich wohl auch mal das größte Etablissement hier am Ort ansehen. – – Aber ist er's denn überhaupt? – Ich glaube – –

Walborg (zum offenen Fenster hinaussehend.) Ja, ja, – – sieh doch, wenn er geht – –

Tjälde Du hast recht. Der Gang ist ja unverkennbar, – wie er langsam die Beine kreuzt – – ja, ja, er ist's. – Es sieht so aus, als käme er her, meinst du nicht auch?

Walborg Beinahe – – – Nein, doch nicht, jetzt biegt er vom Wege ab.

Tjälde Na, – lassen wir ihn laufen. – (Murmelnd.) Ob wirklich – ? –

Vierte Szene.

Sannäs. Die Vorigen.

Sannäs (von rechts auf der Veranda.) Komme ich recht? –

Tjälde Sie, Sannäs? –

(Sannäs bemerkt Walborg, die eben aus dem geöffneten Fenster vortritt, erschrickt und legt die Hände auf den Rücken.)

Tjälde Nun?

(Walborg sieht Sannäs an und geht über die Veranda nach rechts ab.)

Tjälde Aber Mensch, was ist Ihnen denn? Wie stehen Sie denn da?

Sannäs (läßt die Hände sinken und sieht Walborg einen Augenblick nach.) Ich – ich wollte in Gegenwart Ihrer Fräulein Tochter nicht fragen, ob Sie heute nicht ins Kontor kommen.

Tjälde Sind Sie verdreht? – Warum wollen Sie mich danach denn nicht in Gegenwart meiner Tochter fragen?

Sannäs Ich meine nur, – – wenn es Ihnen recht ist, muß ich sonst hier mit Ihnen sprechen.

Tjälde Hören Sie, Sannäs, Sie müssen wirklich versuchen, Ihr linkisches Wesen abzulegen. Das ist nichts für einen tüchtigen Kaufmann. Ein Geschäftsmann muß gewandt, geschmeidig sein – und nicht gleich aus der Fassung kommen, wenn er eine Dame sieht. Ich habe das an Ihnen schon oft bemerkt. – Aber nun, was gibt's? – Schnell, schnell!

Sannäs Sie kommen also heute vormittag nicht ins Kontor?

Tjälde Herrgott, nein! – Die Post geht doch erst abends ab.

Sannäs Das wohl. – Aber es sind Wechsel da.

Tjälde. Was!! – Wechsel? – Das ist ja nicht möglich!

Sannäs. Der vierte protestierte Möllersche und der große englische.

Tjälde. Haben Sie denn das noch nicht geordnet? – Was soll denn das heißen?

Sannäs. Die Direktoren der Bank wollen Sie erst sprechen, Herr Tjälde.

Tjälde. Die sind wohl verrückt!! – (Gefaßt.) Da muß ein Mißverständnis vorliegen, Sannäs.

Sannäs. Hm. – Das dachte ich auch und habe deshalb nicht nur mit dem Bankdirektor gesprochen, sondern auch mit Konsul Holst selbst – –

Tjälde. Und der?

Sannäs. Hat mir dasselbe gesagt.

Tjälde (auf und nieder gehend.) Ich werde zu ihm gehen, – – oder nein, ich werde nicht hingehen; – denn so etwas ist doch – – – – Wir haben ja auch noch ein paar Tage Zeit mit den Wechseln.

Sannäs. Gewiß, – ja.

Tjälde. Und vom Konsul Lind immer noch kein Telegramm?

Sannäs. Nein.

Tjälde (murmelnd.) Das verstehe ich nicht. (Laut.) Wir werden die Sache von der Hauptstadt aus ordnen, – jawohl, das werden wir, nicht wahr, Sannäs? – Und uns um die kleine unbedeutende Bank in Zukunft nicht mehr kümmern. – – Dieser Kerl, – dieser verdammte Müller! – Alle Welt ist jetzt mißtrauisch geworden! – – – Ach, Sie sind noch hier, Sannäs? – Wollen Sie noch was?

Sannäs. Es ist heute Zahltag und – – und ich habe kein Geld in der Kasse, Herr Tjälde.

Tjälde. Wie?! Was?! – Kein Geld in der Kasse? – Was soll denn das heißen? – Ein solches Geschäft und kein Geld in der Kasse! – Zum Henker, Sannäs, wie oft soll ich Ihnen denn noch das kaufmännische Abc vorbeten? – Kann man sich denn nicht einen halben Tag aus dem Hause rühren, ohne daß das ganze Geschäft außer Rand und Band kommt? – – Ich habe keinen Menschen, – aber auch nicht einen einzigen, auf den ich mich verlassen kann. – – Mensch, wie haben Sie denn gewirtschaftet?

Sannäs. Es kam heute noch ein dritter verfallener Wechsel: Holm & Lange: 2000 Kronen – Ich glaubte mich auf die Bank verlassen zu können – – und leerte die Kasse – hier und in der Brauerei. –

Tjälde. (auf und niedergehend). Hm – hm – hm – – Wer nur Holst das in den Kopf gesetzt haben mag? – – Natürlich, Möllers Schuld – alles Möllers Schuld. – Es ist zum Verrücktwerden! –

Sannäs. (geht, kommt aber sofort wieder und flüstert): Obergerichtsadvokat Berent aus Christiania.

Tjälde Was!? Kommt er hierher? –

Sannäs. Er kommt eben die Treppe herauf. (Geht durch die hintere Tür rechts ab.)

Tjälde. (nachrufend). Wein und was zu essen!! – – – – Also doch, wie ich fürchtete. – (Sieht sich in dem Spiegel) Himmel, wie ich aussehe vor Aufregung!

(Berent kommt langsam von links die Treppe herauf.)

Fünfte Szene.

Tjälde. Berent.

Tjälde. (höflich aber zurückhaltend). Eine große Ehre für mich, einen so berühmten Mann in meinem Hause begrüßen zu dürfen.

Berent. Herr Konsul Tjälde?

Tjälde. (leise). Zu dienen. – Meine älteste Tochter erzählte mir vorhin, sie habe Sie auf meinen Besitzungen spazieren gehen sehen.

Berent. Schöne große Besitzungen mit großartigen Betrieben.

Tjälde. Zu großartig! – Zu vielseitig! – Ein Betrieb hat eben den anderen ins Leben gerufen. – Wollen Sie bitte Platz nehmen.

Berent. (setzt sich). Wir haben heute einen warmen Tag. (Es werden Erfrischungen und Speisen auf den Tisch gesetzt.)

Tjälde. Befehlen Sie ein Glas Wein?

Berent. Nein, – ich muß danken.

Tjälde. Eine kleine Stärkung?

Berent. Danke.

Tjälde. (seine Zigarrenentasche hervorziehend). Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten? – wirklich etwas Gutes! –

Berent. Ich bin sonst einer guten Zigarre nicht abgeneigt, – aber momentan muß ich danken. (Pause.)

Tjälde. (sich in größter Ruhe setzend). Sind Sie schon länger hier?

Berent. Ein paar Tage. – – Sie waren wohl verreist?

Tjälde. Ja, – wegen der unglücklichen Möllerschen Geschichte. Wir Gläubiger hatten nach der Auktion eine Versammlung.

Berent. Es sind jetzt schwere Zeiten.

Tjälde. Außerordentlich schwer.

Berent. Meinen Sie, daß das Möllersche Fallissement noch andere zur Folge haben wird – außer denen, die wir schon zu beklagen haben?

Tjälde. Doch wohl nicht.

Berent. Ich höre, die Banken sind doch etwas erschreckt.

Tjälde. Das kann ich mir denken.

Berent. Sie werden die Lage hier natürlich besser kennen als alle anderen Geschäftsleute.

Tjälde (lächelnd). Ihre gute Meinung ist mir sehr schmeichelhaft.

Berent Wenn nun die wichtigsten Export-Artikel aus dieser Gegend noch weiter im Preise fallen? –

Tjälde Das läßt sich so ohne weiteres natürlich nicht vorhersagen. Vor allen Dingen muß man meiner Ansicht nach versuchen, alles nach Möglichkeit im alten Gleise zu erhalten.

Berent So? – Das ist Ihre Ansicht?

Tjälde Unbedingt.

Berent Kritische Zeiten pflegen im allgemeinen alles Ungesunde an den Tag zu bringen.

Tjälde (lächelnd). Und deshalb meinen Sie, man müsse der Krisis ihren Lauf lassen?

Berent Ganz recht. So meine ich's.

Tjälde Hm. – Es ist aber dann die Gefahr, daß die soliden Geschäfte von den unsoliden nicht streng geschieden werden können.

Berent Meinen Sie, daß hier am Ort von einer solchen Gefahr die Rede sein kann?

Tjälde Jetzt überschätzen Sie doch meine Kenntnis der hiesigen Verhältnisse. – Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, kann ich nicht leugnen, daß ich hier an eine solche Gefahr glaube.

Berent Die Banken haben mich beauftragt, ihnen über die ganze Sachlage eine Übersicht zu verschaffen. – Vorläufig vertraue ich das nur Ihnen an.

Tjälde Sehr liebenswürdig.

Berent Die kleinen Banken hier in den Küstenstädten haben sich diesem Auftrage angeschlossen; man handelt also in vollständigem Einverständnis.

Tjälde Ach so! – (Pause.) Sie haben gewiß auch mit Konsul Holst gesprochen?

Berent. Selbstverständlich. – (Pause.) Für den Fall nun, daß man zu dem Entschluß käme, die unsoliden Geschäfte fallen zu lassen, aber den soliden zu helfen, würde es sich gewiß empfehlen, daß alle Geschäftsleute den Bauten ihre Bilanzen einreichen. (Pause.)

Tjälde. Ist Konsul Holst auch dieser Ansicht?

Berent. Ja. (Pause.) Ich habe vorläufig – das heißt, bis wir die Bilanzen in Händen haben, – geraten, neuen Anforderungen nicht zu entsprechen, – ohne jede Ausnahme.

Tjälde. Aha! Jetzt verstehe ich!

Berent. Nur eine vorläufige Maßregel. –

Tjälde. Natürlich!

Berent. Die aber alle ohne Ausnahme treffen muß.

Tjälde. Selbstverständlich! – Ausgezeichnet! –

Berent. Wenn man nicht alle gleichmäßig behandelte, würde man leicht einen einzelnen übereilt in Verdacht bringen.

Tjälde. Ganz meine Ansicht!

Berent. So? Das ist ja sehr erfreulich. – Dann werden Sie mich also nicht mißverstehen, wenn ich auch Sie um einen Auszug aus Ihren Büchern ersuche.

Tjälde. Mit dem größten Vergnügen, wenn ich dadurch der Gesamtheit dienen kann.

Berent. Dessen können Sie sicher sein.

Tjälde. Bis wann wünschen Sie meinen Rechnungsauszug? – Natürlich kann er nur einen oberflächlichen Einblick in meine Geschäftslage gewähren.

Berent. Selbstverständlich. – Ich werde mir erlauben, ihn abzuholen.

Tjälde. Das kann ich nicht zugeben. – Übrigens, wenn Sie wünschen, können Sie ihn gleich mitnehmen. Ich habe die Gewohnheit, sehr oft einen solchen Überschlag zu machen, – je nach dem Stand der Börse.

Berent. So? – (Lächelnd). Man behauptet sonst von Schwindlern, sie machten täglich drei Bilanzen, – alle verschieden, aber zu meinem Erstaunen höre ich – –

Tjälde. (Lächelnd). Daß auch ehrliche Leute diese schlechte Angewohnheit haben, – – wenn es auch nicht drei verschiedene an jedem Tage sind.

Berent. Das war natürlich nur ein Scherz. (Beide stehen auf.)

Tjälde. Natürlich. – In einer Stunde, – früher wird es nicht gut gehen – wird meine Bilanz im Hotel sein. – Ich setze voraus, daß Sie in unserem einzigen sogenannten Hotel abgestiegen sind. – Vielleicht dürfte ich Ihnen für Ihren hiesigen Aufenthalt zwei meiner Fremdenzimmer anbieten?

Berent Ich danke. – Ich kann die Zeitdauer meines Aufenthalts nicht bestimmen, – und die Lebensweise, zu der mein leidender Zustand mich zwingt, macht mich zu einem lästigen Gast, – macht mir einen Aufenthalt in fremdem Hause selbst peinlich.

Tjälde Aber zum Essen darf ich Sie doch heute erwarten. – Ich sehe noch ein paar Herren bei mir. – Nach Tisch dann eine Segelpartie, – die wirklich sehr lohnend ist hier im Fjord zwischen den Inseln.

Berent Wirklich, – besten Dank, Herr Tjälde. – Ich bin momentan nicht gesund genug, um leichtsinnig sein zu dürfen.

Tjälde (lacht). – Wenn ich Ihnen aber sonst in irgend einer Weise dienen kann. –

Berent Ja, ich würde Sie gern vor meiner Abreise noch einmal sprechen, – am liebsten möglichst bald.

Tjälde (überrascht). Sie meinen, – wenn Sie alle Bilanzen der hiesigen Geschäfte in Händen haben?

Berent Durch Herrn Konsul Holst habe ich die meisten schon unter der Hand bekommen.

Tjälde (verblüfft). Also – – hm – wünschen Sie, noch heute – – –

Berent Um fünf Uhr, wenn es Ihnen recht ist.

Tjälde Ich stehe zu Ihrer Verfügung. – Ich werde mir erlauben, Sie um fünf Uhr aufzusuchen.

Berent Ich werde um fünf Uhr hier sein. (Er wendet sich grüßend zum Gehen).

Tjälde (ihm folgend). Aber in Ihrem leidenden Zustand? – Sie sind der ältere, – Sie, der berühmte Mann – –

Berent Aber Sie sind hier zu Hause. Adieu.

Tjälde Wie Sie wünschen., Selbstverständlich ist mir Ihr Besuch eine große Ehre. – Darf ich Sie geleiten? – –

Berent Ich finde schon den Weg.

Tjälde Daran zweifle ich gewiß nicht, – aber es ist mir eine Ehre.

Berent Wie Sie wollen. (Vor der Veranda-Treppe treffen sie auf Signe und Hamar.)

Tjälde Darf ich vorstellen, – nötig ist es freilich wohl nicht. Herr Obergerichtsadvokat Berent aus Christiania. – Meine jüngste Tochter und ihr Bräutigam Hamar, Leutnant der Kavallerie.

Berent Hält die Kavallerie jetzt nicht ihre großen Übungen ab?

Hamar. Ich habe Urlaub. –

Berent. In wichtigen Angelegenheiten natürlich. – Adieu!

(Tjälde lacht. Signe und Hamar grüßen. Tjälde und Berent gehen die Treppe hinunter.)

Sechste Szene.

Hamar. Signe.

Hamar. Unverschämtheit! – Aber so benimmt er sich gegen jeden.

Signe. Gegen Papa nicht, soviel ich gesehen habe.

Hamar. Dein Vater ist auch unverschämt.

Signe. Ich verbitte mir, daß du von Papa so sprichst.

Hamar. Wie nennst du denn das, wenn er über die Frechheiten dieses hinkenden Advokaten lacht?

Signe. Gute Laune. (Setzt sich in einen Schaukelstuhl und schaukelt.)

Hamar. Du bist heute sehr wenig freundlich.

Signe (sich schaukelnd). Sehr richtig, – ich bin deiner wieder einmal recht überdrüssig.

Hamar. Und trotzdem willst du mich nicht reisen lassen.

Signe. Weil es dann hier noch viel langweiliger wird.

Hamar. Hör' mal, Signe, – ich sage dir ein für allemal: ich lasse mir eine solche Behandlung nicht länger gefallen.

Signe. So? – (Sie zieht ihren Verlobungsring ab und spielt damit zwischen Daumen und Zeigefinger, während sie sich schaukelt und vor sich hin singt.)

Hamar. Von deinem Benehmen will ich gar nicht einmal reden. – Aber Walborg und dein Vater! – – Nicht ein einziges Mal hat er mir den Fuchs zum Reiten angeboten.

Signe. Er wird wohl an wichtigere Dinge zu denken haben. (Singt.)

Hamar. Sei doch verständig, Signe. – Du wirst mir doch zugeben, daß das eigentlich selbstverständlich gewesen wäre. Ja, offen gestanden, hatte ich erwartet, – dir kann ich das ruhig sagen, – daß er mir, seinem Schwiegersohn, der noch dazu Kavallerist ist, – einen eigenen Sohn hat dein Vater ja nicht, – – ich hatte mit Recht erwartet, daß er mir den Fuchs – schenken würde.

(Signe bricht in schallendes Gelächter aus.)

Hamar. Ist denn das so unerhört?

(Signe lacht weiter.)

Hamar. Was ist denn daran so lächerlich? – Wenn meine Kameraden den Fuchs bewunderten, und ich sagen könnte: den hat mir mein Schwiegervater geschenkt, – das würde doch für das Haus »Tjälde« einen glänzenden Eindruck machen. – Denn, wie gesagt, das Pferd hat im ganzen Lande nicht seinesgleichen.

Signe. (hält den Schaukelstuhl an). Ach, deshalb willst du den Fuchs haben! – (Lacht wieder.)

Hamar. Signe, ich habe dein ewiges Lachen aber jetzt satt!

Signe. Der unvergleichliche Kavallerieleutnant auf dem unvergleichlichen Fuchs – – (Lacht von neuem.)

Hamar. Hörst du nun endlich auf, Signe?!

Signe. Du bist heut so amüsant!

Hamar. (näher tretend). Hör' mal, Signe, – niemand kann von deinem Vater soviel erreichen wie du. – – Aber, so sei doch vernünftig! – Kannst du denn überhaupt nicht ernsthaft mit mir reden.

Signe. O, sehr ernsthaft. (Sie singt vor sich hin.)

Hamar. Ich habe mir das so gedacht: Wenn dein Vater mir den Fuchs schenkte, würde ich den Sommer über hier bleiben und das Pferd ordentlich zureiten. (Er lehnt sich über Signes Stuhl.) Im Herbst reiste ich dann wieder nach der Hauptstadt zurück, – und du würdest mir mit dem Fuchs gleichzeitig folgen. – Meinst du nicht auch, daß es so am besten ist?

Signe. (sieht ihn einen Augenblick an). Wie schön du dir das alles ausdenkst!

Hamar. Nicht wahr? – Aber natürlich hängt alles davon ab, ob du von deinem Vater den Fuchs bekommst.

Signe. Hm, – dann würdest du den ganzen Sommer über bei mir bleiben?

Hamar. Den ganzen Sommer!

Signe. Und den Fuchs zureiten.

Hamar. Ja, nur immer den Fuchs zureiten.

Signe. Und im Herbst sollte ich dann euch beide nach der Hauptstadt begleiten, – so meintest du's doch, nicht wahr?

Hamar. Ja, – wäre das nicht prachtvoll?

Signe. Hm. – Sage mal, soll der Fuchs auch bei Tante Ulla wohnen?

Hamar. (lachend). Ich versteh' nicht, Signe –

Signe. Nun, – wenn du nur des Pferdes wegen Urlaub genommen hast, – und im Sommer nur hier bleiben willst, um den Fuchs zuzureiten, – und dann den Fuchs und mich zu Tante Ulla kommen lassen willst – – –

Hamar. Aber Signe, jetzt fängst du wieder an – –

Signe. (stößt plötzlich den Stuhl heftig zurück. Verächtlich:) Ach, mach', daß du wegkommst!

Hamar. Bist du wieder eifersüchtig auf ein Pferd?! (Lacht.)

Signe. In den Stall mit dir!

Hamar. Soll das vielleicht eine Strafe sein. – Wahrhaftig, im Stall ist es amüsanter als hier.

Signe. (wirft ihm den Ring vor die Füße.) Da!! – Gib ihn dem Fuchs!

Hamar. Du wirfst den Ring noch so lange weg, bis – –

Signe. Und so weiter. – Das hast du mir schon so oft gesagt, daß es nachgerade langweilig wird. – (Sie dreht ihren Stuhl ganz um, so daß sie Hamar und den Zuschauern den Rücken zukehrt.)

Hamar. Du bist ein sehr verwöhntes Kind. Es wäre unrecht, dir alles übel zu nehmen.

Signe. Auch das noch! – Auch zum tausendstenmal! – – So geh' doch! Geh'!

Hamar. Du mußt doch einsehen, Signe, daß du dich lächerlich machst, wenn du auf ein Pferd eifersüchtig bist. – Hast du so etwas schon je gehört?

Signe. (aufspringend). Ach – – ich könnte schreien – und weinen! – Ich – – ich – – schäme mich! – (Sie stampft mit dem Fuß.) Ich verachte dich!

Hamar. (lachend). Des Fuchses wegen?

Signe. Nein, deinet – deinetwegen! – Ich fühle mich manchmal so unglücklich, daß ich mich auf die Erde werfen möchte und schreien – oder auf und davonlaufen und nie, – nie wiederkommen! – – Kannst du mich denn nicht in Ruhe lassen! – – Warum gehst du nicht endlich? –

Hamar. Ich gehe, – aber den Ring hebe ich auch diesmal nicht auf.

Signe. Ist auch gar nicht nötig. – Nur geh'! Geh'! Geh'! (Setzt sich, in Tränen ausbrechend.)

Hamar. Schön. – Ich gehe. – Da kommt eben das Dampfschiff. Ich werde sofort abreisen.

Signe. Du weißt ja so gut wie ich, daß dies Schiff nicht nach Süden, sondern nach Westen fährt. – O Gott. – (Weint wieder.)

(Man sieht im Hintergrunde Masten und Schornsteine eines Dampfers. Gleichzeitig hört man Tjälde rufen: »Schnell, schnell! – Nehmt das Boot des Leutnants, – das ist fertig!«)

(Signe springt auf.)

Hamar. Anscheinend soll jemand vom Dampfer abgeholt werden.

Tjälde (näher). Rasch! Rasch, das Boot los!

Hamar Papa kommt her! – (Er nimmt rasch den Ring auf.)

Signe – –

Signe Nein, ich will nicht.

Hamar Aber Signe, was soll denn das heißen? Was habe ich dir denn getan?

Signe Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich mich grenzenlos unglücklich fühle – (Weint wieder.)

Hamar Schließlich tue ich ja doch immer alles, was du willst. – Mehr kannst du doch nicht verlangen.

Signe Ich kann nicht dafür – – ich – – ich wünschte, ich wäre tot! – Ich wünsche das so oft jetzt. – (Weint heftiger!)

Hamar. Aber liebste Signe. – – Hast du mir nicht unzählige Male gesagt, daß du mich liebst?

Signe Das tue ich auch. – Aber manchmal kommt mir unsere Verlobung wie etwas Fürchterliches vor! – – Nein, nein, komm' mir nicht nahe!

Hamar Signe.

Tjälde (auf der Treppe). Ja natürlich, – versteht sich! – Alle Ruderer in vollem Staat.

Hamar. Wisch' die Tränen weg, Signe, damit Papa nichts merkt – –

(Er will ihr den Ring geben. Sie wendet sich ab und trocknet die Tränen.)

Siebente Szene.

Tjälde. Die Vorigen.

Tjälde (auf der Veranda, oben an der Treppe.) Da seid ihr ja! – Ich habe eben ein Telegramm bekommen. Konsul Lind kommt mit dem Dampfer an. (Wendet sich um und ruft.) Wo bleibt ihr denn mit den Flaggen!? – Das Boot los und die Masten herunter! (Versucht das Boot loszumachen.) Donnerwetter! Das ist fest! (Hamar tritt hinzu.) Ja, mach' du es los. (Hamar macht das Boot los, das nach rechts hinausgezogen wird. Tjälde tritt ein.) Signe, du – – (er sieht sie an). Was ist denn los? Habt ihr euch schon wieder gezankt?

Signe Papa. – –

Tjälde Jetzt ist keine Zeit für solche Kindereien! – Ihr müßt heute alle dem Hause Ehre machen. – Sage Walborg –

Signe Sage es ihr lieber selbst, – sie macht doch nur, was sie will.

Tjälde Komm' mir jetzt nicht mit solchen Dummheiten! – Es ist jetzt ein sehr wichtiger Moment für mich, – für uns alle. – Jeder hat zu tun, was ich anordne. – Sage Walborg, sie solle Toilette machen und gleich hierherkommen. Du tust dasselbe. (Signe geht.) Signe!

Signe. (zurückkehrend.) Du wünschst?

Tjälde. Wir haben heute noch sechs bis acht Gäste mehr zu Tisch. Es soll einer von den Leuten zu Konsul Finne gehen und bestellen, daß wir schon um drei anstatt um vier essen. Lind reist mit dem nächsten Dampfer weiter. – Verstanden?

Signe. Ob denn Mama für so viele Gäste – – –

Tjälde. Ob das Essen für alle langt, ist mir gleichgültig. Wenn nur alles erster Klasse ist! – Ich muß von meiner Frau verlangen, daß sie während des ganzen Sommers auf alles vorbereitet ist, – wie oft soll ich das sagen!!

Signe. (mit unterdrücktem Weinen.) Aber Mama fühlt sich doch heut so krank. – –

Tjälde. Ach was! Dieses ewige Kranksein! – – Wir haben heute keine Zeit dazu. – Schnell, schnell! Mach' nur! (Signe heimlich weinend durch die hintere Tür ab.)

Tjälde. (zu Hamar, der wieder von der Veranda hereinkommt.) Hol' Tinte, Feder, Papier! Wir wollen eine kleine Gesellschaft zusammenstellen. – Aber schnell, Hamar, schnell!

Hamar. (suchend.) Hier finde ich nichts. –

Tjälde. (ungeduldig.) Na, dann lauf', und hol's wo anders her! (Hamar schnell durch die vordere Tür ab.)

Tjälde. (allein. Er seufzt tief. Liest das Telegramm, einzelne Stellen wiederholend. Das Papier zittert in seiner Hand.) »Erhielt Ihren Brief im Augenblick der Abreise. Ehe darauf eingehe, Rücksprache nötig. Komme mit erstem Dampfschiff, fahre um fünf weiter. Bitte genaue Übersicht vorbereiten. Lind.« – Kaum lesen kann ich vor Aufregung. – Himmel! wenn mir das gelingt, ist alles wieder gut. – – (Hamar tritt wieder ein.) Da bist du ja. Einladungen zu schreiben, dauert zu lange. Nur schnell ein Namensverzeichnis! Damit kann einer von den Schreibern herumlaufen. – Also schreibe: – Der Pastor – – Apropos! Wie ist der Sekt?

Hamar. Der neue?

Tjälde. Ja.

Hamar. Der Pastor hat ihn sehr gelobt.

Tjälde. Schön. – Also – –

Hamar. (schreibend.) Der Pastor.

Tjälde. Konsul Ring.

Hamar. Konsul Ring.

Tjälde. Und – und, und – – –

Hamar Konsul Holst?

Tjälde Nein, Holst nicht, (Hamar sieht ihn erstaunt an. Tjälde halb für sich.) Jetzt kann ich ihm ja zeigen, daß ich ihn nicht mehr brauche. – (Plötzlich.) Großhändler Holm. (Murmelnd) Sein Feind. –

Hamar Großhändler Holm.

Tjälde (für sich). Holm ist eigentlich ein Lump, – Aber Holst ärgert sich. (Laut.) Der Polizeimeister –

Hamar. Der Polizeimeister?? –

Tjälde Nein, streich' ihn wieder aus. – (Murmelnd.) Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Hamar Der Polizeimeister ist gestrichen.

Tjälde Haben wir den Pastor?

Hamar Der steht doch als erster –

Tjälde Richtig! Ja, ja.

Hamar Der Amtmann?

Tjälde Der wohnt zu weit weg. – Und dann – – er will immer Hahn im Korbe sein, – – und die ewige Schwatzerei über Beamtengehälter, – nein. – Aber Knutzen – mit z.

Hamar Knutzen mit z.

Tjälde Hm – – ja – Knudsen mit s.

Hamar Knudsen mit s.

Tjälde Wie viele haben wir?

Hamar Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.

Tjälde Finne, du und ich – das sind neun. – Wir müssen aber zwölf sein.

Hamar Die Damen?

Tjälde Nein, nein. – Es soll ein Herrendiner werden. – Die Damen machen nach Tisch die Honneurs. – Erst die Zigarren, dann die Damen. – Aber wen könnte man denn noch? – –

Hamar Den neuen Advokaten? – Ein sehr netter Mensch, – wie heißt er doch gleich? –

Tjälde Nein, den nicht. Der drängt sich überall mit seinen schönen Tischreden in den Vordergrund. – Schreib', Oberzollkontrolleur Pram.

Hamar Aber der betrinkt sich ja immer.

Tjälde Ach was! Das ist eine nach innen gekehrte Betrunkenheit, – die schadet nicht, – im Gegenteil, – – Schreibe nur: Oberzollkontrolleur Pram.

Hamar Oberzollkontrolleur Pram.

Tjälde Es ist zu schwer, in einer kleinen Stadt eine anständige Gesellschaft zusammenzustellen. – – Ja, natürlich (Er knipst mit den Fingern.) – Falbe, – Agent Falbe. – Sehr nett und hat keine eigene Meinung.

Hamar Du meinst, er ist nett angezogen?

Tjälde Ja. – das auch. Aber ich dachte auch an seine ganze Erscheinung. – – Nun der zwölfte – – – Martin Schulz? –

Hamar Aber hör' mal! – Da muß ich denn doch protestieren! – Weißt du, was er auf der ersten großen Gesellschaft, zu der du ihn eingeladen hattest, getan hat? – Er hat sein falsches Gebiß aus dem Munde genommen und es seinen Tischnachbarn gezeigt. – Wenn du den einlädst, kannst du ja auch schließlich – –

Tjälde Kinderstube hat er freilich nicht, – aber er ist der reichste Mann weit und breit.

Hamar Wenn er sich wenigstens eine neue Perücke anschaffte! – Man kann wirklich kaum einem Menschen zumuten, neben ihm zu sitzen.

Tjälde Na ja, – unreinlich ist er, – aber ein gerissener Kerl – und er legt Wert auf eine Einladung. – Siehst du, einem reichen Mann muß man eben manches nachsehen. –

Hamar Ich verstehe gar nicht, was du von ihm haben kannst.

Tjälde Hm – ja. – – Am Ende geht es doch nicht.

Hamar. Nein, bestimmt nicht.

Tjälde Immerhin, wenn Konsul Lind sähe, daß Martin Schulz – –

Hamar Und seine Gespräche! – Die Damen müssen jedes mal rausgehen, wenn er anfängt, seine Geschichten zu erzählen.

Tjälde Ja, ja, du hast ganz recht. – – Im Grunde brauche ich ihn ja auch nicht mehr. – – Aber den Zwölften? – – Überlege doch auch.

Hamar Christoph Hansen!

Tjälde Pfui Teufel! – Der fängt sofort an von Politik zu sprechen. (Nachdenkend,) Hm – – Ich glaube, ich wag's. – Hm – – Gerade den. Ja. (Langsam sprechend.) Braumeister Jakobsen.

Hamar Was, denn? – Du machst wohl Spaß?

Tjälde Hm – – Hm – – Das wird ganz gut sein. – Ich kenne Jakobsen.

Hamar Er ist ein Prachtmensch. Das weiß ich auch. – Aber in feiner Gesellschaft? – –

Tjälde – Hm – – Schreibe: Jakobsen.

Hamar. Jakobsen. – So. (Er steht auf.)

Tjälde Schön. – Skogstadt soll mit der Liste herumgehen. – Erinnere: Punkt drei Uhr. Und beeil' dich, bitte. (Ihm nachrufend.) Und dann komm' wieder her! – Vielleicht ist noch etwas zu besprechen.

(Hamar geht.)

Tjälde (allein). Ach ja, – das hätte ich bald vergessen! (Er zieht einen Brief aus der Tasche.) Ob ich Berent die Bilanz schicke –? – Ich brauche die Banken eigentlich gar nicht mehr. – Aber ja, ja, entschieden ist noch nichts. – Jedenfalls ist die Bilanz geschickt abgefaßt. Konsul Holst bekommt sie zu sehen, – wenn sie mir bei ihm nichts nutzt, ärgert er sich jedenfalls. – Und dann: – schicke ich sie nicht, glauben sie, ich sei wirklich in Verlegenheit gewesen, als ich sie versprach, – und Konsul Lind hätte mich gerettet. – Jedenfalls riskiere ich nichts, wenn ich sie schicke. – (Hamar kommt zurück.) Da, – der Brief soll im Hotel Viktoria für den Advokaten Berent abgegeben werden. – Der Schreiber kann ihn gleich mit den Einladungen mitnehmen.

Hamar Ist das eine Einladung? – Dann sind wir dreizehn zu Tisch.

Tjälde Nein, nein, es ist keine Einladung. – Geh' nur schnell, – daß du Skogstadt noch triffst.

(Hamar geht.)

Tjälde (allein). Himmel, wenn es glückte! – Lind gehört zu den Leuten, mit denen sich gut reden läßt. – Ich muß – – ich muß ihn gewinnen. – (Sieht auf die Uhr.) Ich habe vier volle Stunden Zeit, ihn zu bearbeiten. – – So hoffnungsfreudig war ich lange nicht – nicht seit Jahren – – – (In Gedanken, halblaut.) Eine Krisis ist doch manchmal gut, – ist wie eine große Woge, die über alles hinweghilft. – Die Leute werden aufgerüttelt, – und jeder rettet, was zu retten ist. – (Er seufzt tief.) Mein Gott, wäre ich hinweg über die Sorgen, ohne daß ein Mensch etwas geahnt hätte! – Diese Angst! Diese fieberhafte Spannung bei Tag und Nacht! – – Was wollte ich um eine ruhige Nacht geben, – um ein Erwachen ohne diese Angst, – – um einen Bissen Essen ohne Sorgen! – – Abends nach Hause kommen und fertig sein mit den Geschäften! – Das – muß schön sein! – – Und den Fuß auf unbestrittenes Eigentum setzen, – und mein eigen nennen, was ich habe, – ganz mein, – ganz – ganz mein! – (Er stampft mit dem Fuß.) Ich wage kaum noch, an das Glück zu glauben, – es hat zu oft betrogen – – zu oft! – –

Hamar (eintretend). So – – – alles besorgt!

Tjälde Donnerwetter ja – Pulver! – Er muß mit Böllerschüssen empfangen werden!

Hamar Natürlich. Haben wir Pulver?

Tjälde Schicke sofort jemanden zu Ole. dem Artilleristen auf der Insel – und laß Pulver holen! (Geht hinaus.)

(Ende des ersten Aktes.)

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