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Ein Evangelium der Freiheit

Johann Gottlieb Fichte: Ein Evangelium der Freiheit - Kapitel 16
Quellenangabe
typeaphorism
authorJohann Gottlieb Fichte
titleEin Evangelium der Freiheit
publisherEugen Diederichs
printrun4. und 5. Tausend
editorMax Riess
year1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectidc7de440d
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Was ist Deutsch?

Deutsche und ausländische Geschichtsphilosophie

So wie das Tiergeschlecht der Biber oder Bienen noch jetzt also baut, wie es vor Jahrtausenden gebaut hat, und in diesem langen Zeiträume in der Kunst keine Fortschritte gemacht hat, ebenso wird es nach diesen d. h. nach den undeutschen Philosophen. sich mit dem Tiergeschlechte, Mensch genannt, in allen Zweigen seiner Ausbildung verhalten. Diese Zweige, Triebe und Fähigkeiten werden sich erschöpfend übersehen, ja vielleicht an ein paar Gliedmaßen sogar dem Auge darlegen lassen, und die höchste Entwicklung eines jeden wird angegeben werden können. Vielleicht wird das Menschengeschlecht darin noch weit übler daran sein, als das Biber- oder Bienengeschlecht, daß das letztere, wie es zwar nichts zulernt, dennoch auch in seiner Kunst nicht zurückkommt, der Mensch aber, wenn er auch einmal den Gipfel erreichte, wiederum zurückgeschleudert wird und nun Jahrhunderte oder -tausende sich anstrengen mag, um wiederum in den Punkt hineinzugeraten, in welchem man ihn lieber gleich hätte lassen sollen. Dergleichen Scheitelpunkte seiner Bildung und goldene Zeitalter wird, diesen zufolge, das Menschengeschlecht ohne Zweifel auch schon erreicht haben; diese in der Geschichte aufzusuchen und nach ihnen alle Bestrebungen der Menschheit zu beurteilen und auf sie sie zurückzuführen, wird ihr eifrigstes Bestreben sein. Nach ihnen ist die Geschichte längst fertig und ist schon mehrmals fertig gewesen; nach ihnen geschieht nichts Neues unter der Sonne, denn sie haben unter und über der Sonne den Quell des ewigen Fortlebens ausgetilgt und lassen nur den immer wiederkehrenden Tod sich wiederholen und mehrere Male setzen.

Es ist bekannt, daß diese Philosophie der Geschichte vom Auslande aus an uns gekommen ist, wiewohl sie dermalen auch in diesem verhallet und fast ausschließend deutsches Eigentum geworden ist. Aus dieser tieferen Verwandtschaft erfolgt es denn auch, daß diese unsere Geschichtsphilosophie die Bestrebungen des Auslandes, – welches, wenn es auch diese Ansicht der Geschichte nicht mehr häufig ausspricht, noch mehr tut, indem es in derselben handelt und abermals ein goldenes Zeitalter verfertigt, – so durch und durch zu verstehen und ihnen sogar weissagend den ferneren Weg vorzuzeichnen und sie so aufrichtig zu bewundern vermag, wie es der deutsch Denkende nicht eben also von sich rühmen kann. Wie könnte er auch? Goldene Zeitalter in jeder Rücksicht sind ihm eine Beschränktheit der Erstorbenheit. Das Gold möge zwar das edelste sein im Schoße der erstorbenen Erde, meint er, aber des lebendigen Geistes Stoff sei jenseit der Sonne und jenseit aller Sonnen und sei ihre Quelle. Ihm wickelt sich die Geschichte und mit ihr das Menschengeschlecht nicht ab nach dem verborgenen und wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein erschaffend das durchaus Neue. Er erwartet darum niemals bloße Wiederholung und, wenn sie doch erfolgen sollte Wort für Wort, wie es im alten Buche steht, so bewundert er wenigstens nicht. – –

Was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unseres Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun. Was an Stillstand, Rückgang und Zirkeltanz glaubt oder gar eine tote Natur an das Ruder der Weltregierung setzt, dieses, wo es auch geboren sei, und welche Sprache es rede, ist undeutsch und fremd für uns, und es ist zu wünschen, daß es je eher je lieber sich gänzlich von uns abtrenne.

Deutsche und ausländische Lebenserfassung

Alle, die entweder selbst, schöpferisch und hervorbringend das Neue, leben oder die, falls ihnen dies nicht zuteil geworden wäre, das Nichtige wenigstens entschieden fallen lassen und aufmerkend dastehen, ob irgendwo der Fluß ursprünglichen Lebens sie ergreifen werde, oder die, falls sie auch nicht so weit wären, die Freiheit wenigstens ahnen und sie nicht hassen oder vor ihr erschrecken, sondern sie lieben, – alle diese sind ursprüngliche Menschen, sie sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein Urvolk, das Volk schlechtweg, Deutsche. Alle, die sich darein ergeben, ein Zweites zu sein und Abgestammtes, und die deutlich sich also kennen und begreifen, sind es in der Tat und werden es immer mehr durch diesen ihren Glauben: sie sind ein Anhang zum Leben, das vor ihnen oder neben ihnen aus eigenem Triebe sich regte, ein vom Felsen zurücktönender Nachhall einer schon verstummten Stimme, sie sind, als Volk betrachtet, außerhalb des Urvolks und für dasselbe Fremde und Ausländer.

Deutsche und ausländische Staatskunst

Anders die echt deutsche Staatskunst. Auch sie will Festigkeit, Sicherheit und Unabhängigkeit von der blinden und schwankenden Natur und ist hierin mit dem Auslande ganz einverstanden. Nur will sie nicht, wie diese, ein festes und gewisses Ding, als das erste, durch welches der Geist, als das zweite Glied, erst gewiß gemacht werde, sondern sie will gleich von vornherein und als das allererste und einige Glied einen festen und gewissen Geist. Dieser ist für sie die aus sich selbst lebende und ewig bewegliche Triebfeder, die das Leben der Gesellschaft ordnen und fortbewegen wird. Sie begreift, daß sie diesen Geist nicht durch Strafreden an die schon verwahrloste Erwachsenheit, sondern nur durch Erziehung des noch unverdorbenen Jugendalters hervorbringen könne; und zwar will sie mit dieser Erziehung sich nicht, wie das Ausland, an die schroffe Spitze, den Fürsten, sondern sie will sich mit derselben an die breite Fläche, an die Nation wenden, indem ja ohne Zweifel auch der Fürst zu dieser gehören wird. So wie der Staat an den Personen seiner erwachsenen Bürger die fortgesetzte Erziehung des Menschengeschlechts ist, so müsse, meint diese Staatskunst, der künftige Bürger selbst erst zur Empfänglichkeit jener höheren Erziehung herauferzogen werden.

Die Antike bei Germanen und Romanen

Um alles bisher Gesagte in einen Hauptgesichtspunkt zusammenzufassen: In Beziehung auf die Bildungsgeschichte überhaupt eines Menschengeschlechts, das historisch in ein Altertum und in eine neue Welt zerfallen ist, werden zur ursprünglichen Fortbildung dieser neuen Welt im großen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstämme sich also verhalten: Der ausländisch gewordene Teil der frischen Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Altertums eine weit größere Verwandtschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Teile anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer ersten und unveränderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer Bildung einzudringen und in dieselben ohngefähr so viel frisches Leben zu bringen, daß sie sich an das entstandene neue Leben anfügen können. Kurz, es wird von ihnen das Studium des klassischen Altertums über das neuere Europa ausgegangen sein. Von den ungelöst gebliebenen Aufgaben desselben begeistert, wird es dieselben fortbearbeiten, aber freilich nur also, wie man eine keineswegs durch ein Bedürfnis des Lebens, sondern durch bloße Wißbegier gegebene Aufgabe bearbeitet, leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemüte, sondern nur mit der Einbildungskraft sie erfassend und lediglich in dieser zu einem luftigen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichtume des Stoffs, den das Altertum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser Weise sich arbeiten läßt, werden sie eine Fülle solcher Bilder in den Gesichtskreis der neuen Welt einführen. Diese schon in die neue Form gestalteten Bilder der alten Welt, angekommen bei demjenigen Teile des Urstammes, der durch beibehaltene Sprache im Flusse ursprünglicher Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit und Selbsttätigkeit reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben wären, unbeachtet und unvernommen vor ihm vorübergegangen wären. Aber er wird, so gewiß er sie nur wirklich erfaßt und nicht etwa nur sie weiter gibt von Hand in Hand, dieselben erfassen gemäß seiner Natur, nicht im bloßen Wissen eines fremden, sondern als Bestandteil seines Lebens, und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten, sondern sie auch in dasselbe wiederum einführen, verkörpernd die vorher bloß luftigen Gestalten zu gediegenen und im wirklichen Lebenselemente haltbaren Leibern.

In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben niemals vermocht hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück, und vermittelst dieses Durchganges allein wird eine Fortbildung des Menschengeschlechts auf der Bahn des Altertums, eine Vereinigung der beiden Haupthälften und ein regelmäßiger Fortfluß der menschlichen Entwicklung möglich. In dieser neuen Ordnung der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern im kleinsten, wie im größten, wird es immer bekennen müssen, daß es durch irgend einen Wink des Auslandes angeregt worden, welches Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das Mutterland wird ernsthaft nehmen und ins Leben einführen, was dort nur obenhin und flüchtig entworfen wurde.

Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise eins, und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein Pfropfreis auf dem Stamme der altertümlichen Bildung, welche letztere außerdem durch die neue Zeit abgebrochen sein, und die Menschheit ihren Weg von vorn wieder angefangen haben würde. In diesen ihren beim Ausgangspunkte verschiedenen, am Ziele zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Teile, jeder sich selbst und den anderen erkennen und denselben gemäß einander benutzen; besonders aber jeder, den anderen zu erhalten und in seiner Eigentümlichkeit unverfälscht zu lassen, sich bequemen, wenn es mit allseitiger und vollständiger Bildung des Ganzen einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt, so dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst der Sinn für die Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen.

Germanen und Romanen in der Weltgeschichte

Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen des Altertums mit Blumen bestreuen und der Lebensweisheit, die leicht ihm für Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand weben, dagegen wird der deutsche Geist neue Schachten eröffnen und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe und Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter sich Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird sein ein lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge über den seinem Boden von selbst entkeimten Blumen hinschwebt und sich niederläßt auf dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquickenden Tau in sich zieht, oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschäftiger Kunst den Honig sammelt und ihn in regelmäßig gebauten Zellen zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt und mit starkem und vielgeübtem Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt.

Deutscher und fremder Patriotismus

Es ist zu glauben, daß in derjenigen Nation, welche die Kraft hatte, die Wissenschaft Gemeint ist die Kant-Fichtesche Lehre von der Freiheit. zu erzeugen, auch die größte Fähigkeit liegen werde, die erzeugte zu fassen. Nur der Deutsche kann dies wollen; denn nur er kann vermittelst des Besitzes der Wissenschaft und des ihm dadurch möglich gewordenen Verstehens der Zeit überhaupt einsehen, daß dieses der allernächste Zweck der Menschheit sei. Jener Zweck ist der einzig mögliche patriotische Zweck; nur der Deutsche demnach kann Patriot sein; nur er kann im Zwecke für seine Nation die gesamte Menschheit umfassen; dagegen von nun an, seit der Erlöschung des Vernunftinstinktes und dem Eintritte allein des Egoismus in Klarheit, jeder anderen Nation Patriotismus selbstisch, engherzig und feindselig gegen das übrige Menschengeschlecht ausfallen muß.

Ausländerei der Deutschen

Es ist eine Bemerkung, die uns Deutschen eben nicht zu sonderlicher Ehre gereicht, daß unser Publikum, immer begierig nach Neuem, seine ersten Schriftsteller kaum mehr kennt, und daß unter den jetzigen Lesern vielleicht viele sind, die von den ersten Meisterstücken in unserer Sprache nur die Namen wissen.

Unsegen der deutschen Ausländerei

Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen Stammes wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls er nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unseren Ohren tönt gar leicht römischer Laut vornehm; auch unseren Augen erscheint römische Sitte edler, dagegen das Deutsche gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der zweiten und durch den Zwischenhandel der neuen Römer recht wohl gefallen. Solange wir deutsch sind, erscheinen wir uns als Männer, wie andere auch; wenn wir halb oder auch über die Hälfte undeutsch reden und abstechende Sitten und Kleidung an uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir uns vornehm; der Gipfel aber unseres Triumphs ist es, wenn man uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern für Spanier oder Engländer hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten Mode ist. Wir haben recht. Naturgemäßheit von deutscher Seite, Willkürlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind die Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir eben, wie unser ganzes Volk; dieses begreift uns und nimmt uns als seinesgleichen; nur wie wir zur letzten unsere Zuflucht nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält uns für andere Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur abgewichen; wir müssen sie erst aufsuchen und an den Glauben, daß etwas schön, schicklich und bequem sei, das natürlicherweise uns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen. Von diesem allem ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die größere Vornehmigkeit des romanisierten Auslandes, nebst der Sucht, ebenso vornehm zu tun und auch in Deutschland die Kluft zwischen den höheren Ständen und dem Volke, die im Auslande natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sei genug, hier den Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Übel, an denen wir jetzt zugrunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind, welche freilich nur in der Vereinigung mit deutschem Ernste und Einfluß aufs Leben das Verderben nach sich ziehen mußten, werden wir zu einer anderen Zeit zeigen.

Das Deutschtum der Zukunft

A. Nicht wahr, Sie sind ein Deutscher?

B. Nein, kein Deutscher; ich will kein Deutscher sein. Ich bin ein Preuße, und noch dazu ein patriotischer Preuße.

A. Nun, verstehen Sie mich nur recht. Die Absonderung des Preußen von den übrigen Deutschen ist künstlich, gegründet auf willkürliche und durch das Ungefähr zustande gebrachte Einrichtungen; die Absonderung des Deutschen von den übrigen europäischen Nationen ist begründet durch die Natur. Durch gemeinschaftliche Sprache, und durch gemeinsamen Nationalcharakter, welche die Deutschen gegenseitig vereinigen, sind diese von jenen getrennt. Jeder besondere Deutsche und, da Sie von Preußen reden, der Preuße wird nur hindurchgehend durch den Deutschen zum Preußen, sowie nur der rechte wahre Deutsche ein rechter Preuße ist. – –

B. Eine gemeinschaftliche Sprache der Deutschen! Das begreift sich. Aber ein gemeinsamer Nationalcharakter derselben? Haben denn die Deutschen sogar einen Nationalcharakter?

A. Wenigstens haben unsere Voreltern merklichen Ernst, Ausdauer, Suchen des redlichen Gewinnes und Streben mehr nach dem Wesen als nach dem Schein sich als ihren bezeichnenden Charakter zuzueignen gesucht. Ich will nicht wissen, ob die gegenwärtige deutsche Generation mit einigem Glücke sich jene Prädikate zueignen könnte, oder ob sie dieselben auch nur wollen würde, wenn man sie ihr, selbst ohne Äquivalent, darböte. Wie aber wäre es, wenn gerade dies die der Menschheit im Deutschen zu allererst anzumutende Bildung wäre, daß er, und zwar mit Besonnenheit, seinen Nationalcharakter, und zwar den obengenannten, der wohl sein natürlicher sein dürfte, den des redlichen Ernstes in dem, was in dem ewigen Zeitabflusse gerade jetzt an der Tagesordnung ist, falls dieser Charakter verloren sein sollte, wiederherstellte?

Deutsch sein heißt: Charakter haben

Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die einzige alles in sich fassende Antwort diese: wir müssen eben zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unseren Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, und einen festen und gewissen Geist; wir müssen ernst werden in allen Dingen und nicht fortfahren, bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir müssen uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden, die allem unserem übrigen Denken und unserem Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken muß bei uns aus einem Stücke sein und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unserer Sprache keinen besonderen Namen, weil sie eben ohne alles unser Wissen und Besinnung aus unserem Sein unmittelbar hervorgehen soll.

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