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Gutenberg > Franz Grillparzer >

Ein Erlebnis

Franz Grillparzer: Ein Erlebnis - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorFranz Grillparzer
booktitleEin Erlebnis. - Tagebücher. - Erinnerungen aus dem Jahre 1848 - Erinnerungen an Beethoven
titleEin Erlebnis
publisherB. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesGrillparzer's sämtliche Werke
volumeZwanzigster Band
editorAugust Sauer
editionFünfte Ausgabe in zwanzig Bänden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectiddbbf02fb
created20070117
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Franz Grillparzer

Ein Erlebnis

Aus dem Tagebuche 1822.

(Aus dem Tagebuche.)

1822. 5. Mai. Gestern begegnete mir einer der sonderbarsten Vorfälle in meinem Leben. Frau v. P., deren Tochter, die ich gekannt, vor einiger Zeit gestorben ist, läßt mich bitten, sie zu besuchen. Beinahe ein volles Jahr vor dem Tode ihrer Tochter war ich aus ihrem Hause weggeblieben, teils weil ich in dem dort herrschenden Tone etwas Gesuchtes zu bemerken glaubte, teils weil ich fürchtete, es könne durch Zeit, Gewohnheit und Gerede der Leute ein näheres Verhältnis zwischen mir und der Tochter vom Hause, einem übrigens höchst geistreichen, gebildeten, guten Mädchen, entstehen, das, wenn auch nicht gerade schön, doch besonders durch ihren über allen Ausdruck schönen Wuchs auch äußerliche Vorzüge genug besaß, um eine solche Furcht nicht ungegründet zu machen. Zu all dem gesellte sich noch meine alte Menschen- oder vielmehr Gesellschaftsscheu, und kurz, ich blieb weg. Nach einigen nur schwachen und bald ganz aufgegebenen Versuchen, mich wieder in ihren Kreis zu ziehen, stellte sich auch die P.sche Familie darüber zufrieden, und ich hatte alle Ursache zu glauben, daß sie, mutatis mutandis, ebensowenig mehr an mich dächten, als ich an sie. Verflossenen Winter höre ich plötzlich, Marie P. sei schwer krank. Sie war mit ihrem Bruder bei meinem Onkel S. auf dem Balle gewesen, hatte stark getanzt, während ihr Bruder, der sich unwohl befand, unmäßig Thee trank, um sich von dem starken Grimmen, das ihn plagte, zu befreien, dadurch aber nur das Uebel stärker machte und vor Schluß des Balles mit seiner Schwester nach Hause fahren mußte. Zu Hause angekommen, nimmt der Schmerz zu; das Mädchen in ihrer Gutmütigkeit will niemand wecken, läuft selbst, noch vom Tanzen erhitzt, in die Küche, macht Thee, wärmt Tücher, besorgt den Bruder. Des andern Morgens findet man sie in heftigem Fieber, sie hat sich erkältet und ist nun selbst sehr krank. Die Krankheit nimmt zu, greift besonders auf die Nerven, weicht aber doch endlich der vereinten Bemühung geschickter Aerzte, und das Mädchen naht der Genesung.

Beinahe erst in diesem letzten Zeitraume erfahre ich etwas von der ganzen Sache. In Zweifel, ob ich hingehen soll oder nicht, entscheidet sich meine Trägheit, wie gewöhnlich, für das letztere, und ich ging nicht. Kurz darauf höre ich, das Mädchen sei von neuem in die Krankheit zurückgefallen, die nun ganz einen nervösen Charakter angenommen habe, und als ich eben bei meiner Tante S. bin, fragt mich diese, wie um etwas ganz Bekanntes: Du weißt ja doch, daß Marie P. gestorben ist? Ich war heftig erschüttert; obgleich mehr über das Unerwartete, als über die Sache selbst, obschon ich das Mädchen wahrhaft geschätzt hatte und ihren Umgang gewiß gesucht haben würde, wenn ich überhaupt Umgang suchte und der etwas gezierte Ton ihrer Verwandten nicht ein unangenehmes Licht auf sie selbst geworfen hätte. In ein paar Tagen darauf war das Leichenbegängnis. Ich ging an der Stephanskirche vorüber, als man eben die Anstalten dazu machte, und ward innerlich ergrimmt über mich, daß mich der traurige Fall so gleichgültig lasse. Ich nahm es als einen neuen Beweis einer seit einiger Zeit nur zu deutlich empfundenen allmählichen Verhärtung des Herzens, das mich zuletzt noch zu einem Ideenegoisten machen wird, wie es Egoisten des Vorteils gibt. Wie gesagt, ich ärgerte mich über meine Gefühllosigkeit und ging in die Kirche, um mich auf die Probe zu stellen, wie weit das ginge. Der Leichenzug kam, die Bahre mit dem Jungfrauenkranz geziert, hinterher der alte, grämliche Bediente, der mir oft, wenn ich neben dem Mädchen saß, die Teller gewechselt, sonst barsch, fast grob, jetzt in Thränen zerfließend, fast wankend bei all seiner derben Beleibtheit. Alle Anwesenden weinten »über das brave, schöne Fräulein, das so wohl ausgesehen und so früh sterben müssen«. Da kam mir denn doch auch eine Art Rührung an, aber mehr eine allgemeine, auf die Hinfälligkeit des ganzen Menschengeschlechtes gehende; nur wenn ich mir in der Phantasie das Mädchen, im Sarge liegend mit geschlossenen Augen, mit gefalteten Händen, ausmalte, mischte sich ein persönliches Bedauern mit ein, das aber bald wieder verschwand.

Ich habe diese Verstocktheit, diese Gefühllosigkeit zur Zeit, wenn mich fremdartige Ideen beschäftigen, oft mit innerlichem Grauen an mir bemerkt. Kurz, das Mädchen ward eingesegnet, ich lehnte während der Grabgesänge, in Dumpfheit versunken, an der Wand und ging ebenso wieder nach Hause. Am vorhergehenden Tage des Morgens hatte ich Vater und Bruder der Verstorbenen bei einem Spaziergange begegnet, ich wollte sie nicht ansprechen und grüßte nur im Vorübergehen. Der Bruder sah zur Erde. Der Vater aber warf mir einen halb trostlosen, halb grimmigen Blick zu.

Die Sache war für mich abgethan, ich dachte auf nichts weiter. Nur eins muß ich erwähnen, so lächerlich es klingen mag. Von Jugend auf war ich nicht frei von Gespensterfurcht, die aber von Zeit zu Zeit bei einzelnen Anlässen bis zum Thörichten sich vermehrte. Zum Beispiel, als ich die Ahnfrau schrieb; nicht bei meines Vaters, wohl aber sehr bei meiner Mutter Tode. Seit einer längern Periode war ich frei davon geblieben. Nach diesem Begräbnis kehrte sie auf einmal sehr heftig wieder. Alle Abende glaubte ich, Marie P. müsse mir erscheinen und – sonderbar genug! – müsse mir Vorwürfe machen, daß ich mit Ursache an ihrem Tode sei; sie habe mich heimlich geliebt. Zu letzterer Vermutung hatte ich um so weniger einen Grund, da mir das Mädchen nie ein Zeichen von tieferer Neigung gegeben hatte und selbst, wenn wir beisammen waren, sie sich immer mehr um meine Arbeiten als um mich zu interessieren schien. Genug, so war's. Auch diese Abendmahnungen gingen vorüber, und ich dachte nicht mehr an die Sache.

Vorgestern, beinahe sechs Wochen nach dem Todesfalle, kommt der junge P. zu mir: in Thränen ausbrechend, bittet er mich im Namen seiner Mutter, sie nächsten Tages zu besuchen. Er ging bald und sagte nichts Näheres. Ich dachte: sie wollen dem Mädchen einen Grabstein setzen und verlangen von mir eine Inschrift. Manchmal kam mir der Gedanke, sie habe mir ein Andenken, einen Ring oder dergleichen hinterlassen, wie man wohl Bekannten zu geben pflegt, immer aber verwarf ich diese Idee wieder als Eingebung der Eitelkeit.

Des andern Tages gehe ich hin. Die Mutter, in Trauer gekleidet, empfängt mich feierlich, ohne Thränen. Sie führt mich in ein entferntes Zimmer, schließt die Thüre ab, setzt sich aufs Ruhebett, winkt mir, neben ihr Platz zu nehmen. Es geschieht. Nun zieht sie aus ihrem Arbeitsbeutel ein geschriebenes Heft heraus, es ist das Testament ihrer Tochter. Darin blätternd und den gehörigen Artikel aufsuchend, sagt sie: Es war der Wunsch meiner Tochter, daß Sie als Andenken Ihr (mein) eigenes Porträt annehmen möchten, das sie selbst heimlich gezeichnet und sehr wert gehalten hat. Daß es doch lieber Ihrer Tochter eigenes wäre! rief ich aus. Ja? versetzt die Frau, auch das bestimmte Ihnen meine Tochter, wenn Sie es selber begehren würden. Und nun bricht sie in Thränen aus und kann nicht länger mehr zurückhalten. Sie erzählt alles. Das Mädchen hatte zu mir eine heftige Neigung gefaßt, dieselbe aber mit so ungeheurer Selbstbeherrschung verborgen, daß weder ich, noch ihre Eltern etwas davon bemerkten, erst das Testament gab darüber Aufschluß. Wohl war den Eltern ein gewisses Interesse für mich nicht verborgen geblieben, das sie aber, wie ich und jedermann, auf meine poetischen Arbeiten bezogen. Auch schien in der letzten Zeit ein Kummer an ihr zu nagen, aber man ahndete die Ursache nicht.

Das Testament machte alles klar. Mein Wegbleiben aus dem Hause ihrer Eltern hatte einen tiefen Eindruck gemacht. Sie suchte den Grund davon in meinem bald darauf bekannt gewordenen Verhältnis mit Katty F* und schwieg gegen jedermann. Sogar an den Bemühungen ihrer Eltern, mich wieder für ihr Haus zu gewinnen, nahm sie keinen Anteil. Um so weniger konnten jene die Ursache des Trübsinns erfahren, der sie nunmehr befiel, und die sie in körperlichen Zuständen suchten. Bald darauf hatte das Mädchen einen Traum (welchen? habe ich noch nicht erfahren), der ihr ihren baldigen Tod ankündigte. Sie sagte niemanden etwas davon, setzte sich aber hin und schrieb auf zwei Bogen ihr Testament, in dem sie auch ihre tiefe Neigung mit den bestimmtesten Zügen ausdrückt. So verlebte sie den Sommer still und ruhig. Bei Anfang des Herbstes wiederholte sich ihr der vorige todverkündende Traum, und nun erzählte sie ihn ihren Eltern, indem sie ihre Ueberzeugung aussprach, daß sie gewiß sehr bald werde sterben müssen. Aber noch kein Wort über ihre Leidenschaft. Die Eltern suchen sie von dem Albernen ihrer Besorgnis zu überzeugen, Aerzte verlachen die Furcht der scheinbar von Gesundheit Strotzenden. Im Winter erkrankt sie, wie oben erwähnt ist, wird besser, schlimmer, stirbt. Kurz vor ihrem Tode verließ sie jene früher auf ihr gelastete Melancholie; sie ward heiter, fröhlich, gesprächig und erklärte, daß sie nie glücklicher gewesen sei. Aber auch hier kein Wort von ihrer Neigung. So starb sie. Bis ans Ende ihrer Sinne mächtig, geduldig wie immer. Das erzählte mir nun die alte Mutter; klagte mich bald an, umarmte mich dann wieder, nannte mich Sohn. Die Tochter hatte in ihrem letzten Willen die Eltern gebeten, daß sie für mich sorgen, mich in ihr Haus nehmen, Verwandtenstelle an mir vertreten sollten; das alles ward mir angeboten – und ich? kalt, zerstreut hörte ich das alles an, schlug aus, lehnte ab, spielte ein wenig Komödie, ward aber keiner Thräne Meister und war froh, als ich wieder gehen konnte. Angegriffen hat es mich wohl, aber, weil ich sonst die Frau etwas geziert und outriert in ihren Empfindungen gekannt habe, so konnte ich doch eines unangenehmen Gefühles nicht los werden, obgleich bittre Thränen die Wahrheit ihrer Reden nur zu sehr beurkundeten.


Verständige Männer haben es nicht für schlechthin unmöglich gehalten, daß Abgeschiedene nach ihrem Tode den Rückgebliebenen erscheinen können. Ich habe an dem Gegenteile wohl nie im Ernste gezweifelt, halte es aber jetzt für apodiktisch unmöglich. Denn wäre es möglich, Marie P. würde mir gewiß erschienen sein.Das Testament der Marie Piquot hat sich nebst der Erzählung ihres Traumes in Grillparzers Nachlasse vorgefunden und ist in der »Neuen Freien Presse« vom 7. Juli 1880 abgedruckt worden, jetzt im »Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft. Erster Jahrgang Wien 1891« S. 368 – 371 bequemer zugänglich.








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