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Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin

Charles Paul de Kock: Ein Ehestands-Candidat oder Herr Fractin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPaul de Kock
titleEin Ehestands-Candidat oder Herr Fractin
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1862
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081016
projectidc6652102
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Erstes Kapitel

Ein sehr verliebter Mann

Versetzen Sie sich zuerst in den Speisesaal eines Gastwirths, aber nicht zu Very oder Vefour, auch nicht in das Café de Paris oder nach dem Rocher de Cancale, sondern zu einem kleinen bürgerlichen Gastwirth ohne Anmaßung und Bedeutung, bei welchem man ziemlich gut zu Mittag speist, vorausgesetzt, daß man kein Lucullus oder Brillat-Saverin ist. Der Speisesaal ist zwar mit Spiegeln, Kron- und Armleuchtern nicht verschwenderisch ausgestattet, doch sind die Tische immer besetzt; nach dem Mahle bringt man Ihnen keinen blauen Bolus mit lauem Wasser und einem Citronenrädchen, um den Mund auszuspülen und die Hände zu waschen (eine Reinlichkeit, welche ich, beiläufig gesagt, sehr schmutzig finde); allein man hindert Sie nicht, die Fingerspitzen in Ihr Glas einzutauchen und mit Ihrer Serviette abzutrocknen; endlich sehen Sie hier keine Herrschaften mit Equipagen, noch athmen Sie Moschus- und Ambragerüche ein; allein Sie begegnen Künstlern und Schriftstellern, und hören sehr laut lachen und sprechen. Nun wählen Sie zwischen der Porte Saint-Denis und der Tempelstraße.

Gegen fünf Uhr tritt Herr Girardière in den Speisesaal ein.

Herr Girardière ist volle neunundvierzig Jahre alt, möchte aber nie älter als dreißig sein und bietet Allem auf, dies zu scheinen. Er ist kein schöner Mann, von mittlerer Größe, und um den Ansatz seines Dickbauchs zu verbergen, schnürt er sich immer fürchterlich; zu einem hübschen Jüngling fehlt ihm übrigens viel, denn seine grünlich-grauen runden Augen mit rothem Rande nebst der Brille, die er nie ablegt, geben ihm ein höchst sonderbares Aussehen; seine Nase ist zu platt, sein Kinn zu spitzig, sein Mund zu groß; doch weiß Herr Girardière bei all' dem seine Physiognomie auf eine angenehme Weise herzurichten, die er auch beibehält, wenn ihm nicht außerordentliche Zufälle begegnen. Endlich ist er immer sehr sauber und sorgfältig gekleidet, und namentlich zu stolz, als daß er eine Perrücke oder falsche Locken trüge; freilich sind seine hellblonden Haare auf dem Scheitel sehr dünn, allein jene oberhalb der Ohren trägt er absichtlich sehr lang und streicht sie mit Geschicklichkeit nach vorn, um seine hohe Stirne zu beschatten.

Sie sehen aus all' dem, daß Herr Girardière zu gefallen sucht; er hat ein sehr verliebtes Herz, verehrt das schöne Geschlecht, und die Liebe macht die Hauptbeschäftigung seines Lebens aus.

Es gibt wenig Personen, welche dieses Gefühl nicht gekannt und ihm nicht süße Stunden geweiht hätten. Selbst Solche, die von andern Leidenschaften beherrscht werden, finden in ihrem Herzen noch ein Plätzchen für die Liebe, denn »man muß lieben«, sagt Voltaire, »das erhält uns, und ohne zu lieben, ist es traurig ein Mensch zu sein.«

Doch Herr Girardière hatte diese Lehre vielleicht übertrieben. Von Kindheit an hatte er Beweise von seinem Hang zur Zärtlichkeit gegeben: er verehrte die Vögel, liebkoste die Katzen, weinte acht Tage lang über die Abwesenheit seines Hundes. Als Knabe verliebte er sich in die Köchin seiner Eltern, ein dickes Landmädchen. Der kleine Girardière steckte immer in der Küche, lernte dort die Anfangsgründe des Lateinischen, und um mit der dicken Tourloure (so hieß die Magd) oft in Berührung zu kommen, setzte er sich in den Kopf, sie Latein zu lehren.

Während Tourloure ein Täubchen rupfte und Spinat kochte, betrachtete das Männchen sie ganz genau und sagte zu ihr: » Amo, Tourloure, amo tibi! ah, willst Du mit mir das Zeitwort amare durchconjugiren?« – Wie, was soll Ihr Amo heißen? heißt Der seitwärts von unserem Haus so, mit dem ich Sonntags zum Tanz gehe? – »Davon ist keine Rede, ich spreche mit Dir lateinisch, ich will Dich lehren, wie man in einer todten Sprache sagt: ich liebe Dich!« – Ach! lassen Sie die Todten ruhen und mich lieber meine Saucen machen! – »Das hindert Dich nicht, o Tourloure! mulier! mulieris!« – Ei, warum heißen Sie mich Tourloure mulier; das ist nicht mein Name, ich heiße Tourloure Desmignart. – »Gleichviel! Du bist ein Frauenzimmer ... Gott! die Frauenzimmer ... ich möchte nur muliebre bellum gerere.« – Ach! mein Gott, fluchen Sie nicht so entsetzlich ... – »Tourloure, erlaube mir, Dich lateinisch zu lehren.« – Lassen Sie mich doch gehen, Sie sind Schuld, wenn mir die Saucen mißrathen. – »Sprich doch mit mir: amo ... amas ... amat ... ich küsse Dich für Deine Mühe.« – Da schau' einmal einer her! darf ein kleiner Knabe in Ihrem Alter schon an das Küssen der Mädchen denken? – »Du weißt nicht, Tourloure, daß formosum pastor Coridon ardebat Alexin.« – Nein, ich kenne all diese Leute nicht; aber so viel weiß ich, daß, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, mein Braten anbrennen und Ihre Eltern mich zanken werden. – »Um sie zu besänftigen, sage ihnen nur, wenn Du Deine Tauben hineinträgst: Juc hoc est coena; mein Vater wird große Augen dazu machen und sich sehr ergötzen.« – Jus hoc ... ach mein Gott, ich kann unmöglich diese Worte behalten!«

Während die dicke Magd das Gemüse zubereitete, murmelte sie unaufhörlich: » Jus ... hoc ... jus ... coq ... so ist's recht.«

Die Zeit zum Mittagessen kam. Alle saßen am Tische, da riß die dicke Köchin, während sie ihren Braten auftrug, den Mund furchtbar auf und fing zu schreien an: »hier sind Tauben mit jus ... jus! ...« Weiter konnte sie nicht sagen; die Mutter des kleinen Girardière unterbrach sie mit den Worten: »Es ist gut, Tourloure, aber ich sehe keinen jus an ihnen.«

Die Tauben waren angebrannt, der Spinat zu viel gesalzen, die Sauce eingetrocknet. Man zankte die Köchin tüchtig aus, welche zu ihrer Entschuldigung antwortete: »Ihr Herr Sohn ist Schuld daran; er steckt beständig in meiner Küche hinter meinem Rücken und will mich lateinisch lehren; indem ich nun die Worte, die er mir vorsagte, im Gedächtniß behalten wollte, mißriethen mir die Ragouts.«

Da den Eltern durchaus nichts daran lag, daß ihre Magd lateinisch sprach, sondern ihnen ein gutes Mittagessen die Hauptsache war, so jagten sie Tourloure fort, und der kleine Girardière mußte seine Vorlesungen in der Küche aufgeben.

Solche Auftritte kündeten eine den Freuden der Liebe sehr ergebene Jugend an; indeß war dem nicht so, denn es genügt nicht, sehr verliebt zu sein und für alle Frauenzimmer, die nicht durchaus abschreckend sind, leidenschaftlich zu entbrennen; man muß auch zu gefallen und zu verführen wissen, die Gabe, den Geist und das Talent haben, Eroberungen zu machen, und gerade das besaß Herr Theophilus Girardière trotz aller Mühe, die er sich gab, nicht.

Mit zwanzig Jahren hegte der junge Girardière immer fünf bis sechs Liebschaften in seinem Herzen. Kaum betrat er eine Straße, so fand er vollauf zu thun. Ging ein etwas hübsches Frauenzimmer mit einem großen Shawl vorbei, das ihn zufällig ansah, so bildete er sich schon ein, sie beobachte ihn aufmerksam, und dies reichte hin, daß er sich in sie verliebte. Dann folgte er der Dame mit dem großen Shawl auf dem Fuße nach, wagte an sie einige Worte und Redensarten, welche er für sehr geistreich hielt, die aber, wie alle in dergleichen Fällen, höchstens thöricht waren. Man gab ihm sehr trocken zur Antwort, er möchte seines Wegs gehen, allein er blieb stehen, folgte der Dame, wartete in der Straße, wo sie in einen Laden trat, und verließ sie nicht eher, als bis er sie in einem Haus verschwinden sah; auch jetzt noch blieb er vor der Thüre stehen, um sich zu versichern, ob die Dame nicht wieder herauskäme; in der Meinung, jetzt ihre Wohnung zu kennen, bemerkte er in seiner Schreibtafel sorgfältig die Hausnummer, und entfernte sich mit dem Gedanken: »Ich werde öfters hier herumspazieren, und wenn ich sie herauskommen sehe, ihr nachgehen.« Dies nannte Theophilus Girardière eine Eroberung. Auf diese Art kann ein zum Gefallen am wenigsten geeigneter Mann, so oft er eine Straße betritt, drei bis vier Eroberungen machen. Hiezu muß man bloß übrige Zeit und gute Füße haben.

Als aber Herr Girardière seine schönsten Jahre mit dem Verfolgen der langen oder viereckigen Shawls, der Damenmäntel und selbst der Häubchen zugebracht hatte, ohne daß ihm ein Liebeshandel gelingen und er bei den Damen sein Glück machen konnte, entschloß er sich, höchst betrübt über den geringen Erfolg seiner Versuche, andere Mittel zu ergreifen, und die große Welt zu besuchen, in der Hoffnung, dort glücklicher zu sein, als auf den Spaziergängen und öffentlichen Plätzen.

Girardière besaß ein ziemlich großes Vermögen; es war ihm daher nicht schwer, in vielen Häusern zugelassen, zu Bällen, musikalischen Abendunterhaltungen, Spielen und selbst zu Routs eingeladen zu werden.

Außerdem hatte Girardière eine sehr gute Erziehung genossen; überhaupt waren seine Manieren fein und höflich, auch war er gerade nicht albern, und wäre vielleicht ohne jene unselige, tolle Sucht, allen Frauenzimmern Liebe einflößen zu wollen, liebenswürdig gewesen, eine Sucht, welche mit der Zeit, anstatt abzunehmen, zunahm, und sich über jeden Korb hinwegsetzte.

Girardière wendete nun seine Blicke, seine Ansprüche und Seufzer der großen Welt zu; die Leichtigkeit, mit den Damen, die ihm gefielen, zu plaudern, überzeugte ihn, daß er zu einem schnellern Erfolg gelangen, und es ihm dort viel leichter werden würde, Liebesverhältnisse anzuknüpfen; er wollte seine verlorene Zeit wieder hereinbringen, und kaum hatte er sich drei Mal in einem Hause eingefunden, so hatte er schon vier Liebeserklärungen gemacht.

Es gibt ein Mittel, schnell eine Liebschaft herbeizuführen und bei einer Schönen nicht fehl zu gehen; allein es besteht nicht darin, daß man allen Frauenzimmern nachläuft, ihnen mit aller Gewalt zusetzt, und sie Viertelstunden lang unausgesetzt anschaut, als ob man Glasaugen hätte. Man machte sich über die Seufzer, Liebesblicke und Liebeserklärungen dieses Herrn lustig. Seine Verliebtheit, seine schnelle Liebesflamme wurde zum Sprüchwort. In vielen Häusern sagte man bei Tisch anstatt: »das ist ein zärtliches Liebesbriefchen!« lachend zu einander: »das ist wohl ein Liebesbriefchen von Girardière!« In Frankreich, namentlich in Paris, wo man Einem das Lächerliche nicht verzeiht, hätte dies Wort hingereicht, um Theophilus den Triumph über irgend ein Frauenzimmer streitig zu machen.

Jeden Abend sagte der arme Jüngling bei seiner Rückkehr nach Hause zu sich selbst: »Es ist außerordentlich sonderbar, daß ich es zu keinem Bonvivant bringen kann; ich thue doch Alles, daß ich so weit komme! Allein die Frauenzimmer fürchten mich, sie weichen mir aus, aus Angst, sie könnten mich zu sehr lieben.«

Es blieb Girardière ein Trost, der uns nie fehlt, und bei dem wir immer Linderung für unsern Verdruß suchen. Er hatte nämlich eine gute Mutter, die ihn zärtlich liebte, an ihm alle guten Eigenschaften und Vollkommenheiten fand, und glaubte, Jedermann müsse so wie sie denken. Girardière wohnte bei seiner Mutter, welche nicht mehr jung war und sehr wenig ausging. Aber wenn er sich Abends anschickte, in die Gesellschaft zu gehen, sagte die gute Mutter, ihn mit Bewunderung ansehend, zu ihm: »Du gehst wohl in einen Cirkel ... zu einer Abendunterhaltung?« – Ja, Mütterchen. – »Ah! Ausgelassener, wie ergötzest Du Dich! wie gibst Du Dich dem Vergnügen hin! ich wollte wetten, Du hast auf allen Flanken Liebschaften.« – Ah! Mütterchen ... was denkst Du!«

Bei diesen Worten lächelte Girardière, betrachtete sich im Spiegel, fuhr mit den Fingern durch die Haare und legte den Kragen seines Fracks zurecht, während die alte Mutter fortfuhr: »O! Du wirst es nie gestehen; aber bei all' dem hast Du Recht! mache Dich nur lustig, mein Kind, benütze Deine Jugend ... Du bist hübsch genug, um Eroberungen zu machen.«

»Glauben Sie?« antwortete Theophilus mit einer Miene, als ob er sagen wollte: ich bin ganz Ihrer Ansicht.

»Ob ich es glaube? ... hm ... Schelm! Du wirst wohl wissen, daß ich Recht habe; um Eines nur bitte ich Dich, mein Söhnchen, stürze Dich nicht in zu gefährliche Abenteuer! Denn, siehst Du, die Ehemänner sind nicht gar sehr erfreut über ... nun, Du verstehst mich ... und ferner, komme nicht zu spät nach Hause, ich bitte Dich, mein Söhnchen; die Straßen in Paris sind nicht immer sicher.«

Girardière beruhigte seine Mutter, und entfernte sich ganz vergnügt über ihre Aeußerungen; es klang gar süß in seinen Ohren, noch »mein Söhnchen« genannt zu werden, ungeachtet er sehr groß und stark war; gerne hörte er seine Mutter sagen, er solle seine Jugend benützen, obwohl er bereits sechsunddreißig Jahre auf dem Rücken hatte, und wie wenn ihn dies wirklich verjüngt hätte, ging er singend wie ein Knabe die Stiege hinunter, machte manchmal einen dreisten Sprung über drei Stufen zugleich, und zwar deßhalb, weil ihn seine Mutter, »mein Söhnchen« genannt hatte.

Allein trotz der vorteilhaften Meinung, welche Frau Girardière von ihrem Sohne hatte, war dieser bei den Damen nicht glücklicher; seine Triumphe beschränkten sich auf einige Fächerstreiche: mehrere blaue Male waren der Lohn für seine Unbesonnenheiten. Wenn er von einer hübschen Dame stark gekneipt wurde, beeilte sich Theophilus, bei seiner Rückkunft nach Haus seinen Frack auszuziehen und seinen Arm zu betrachten.

Dann sagte er zu sich selbst: »Das heiße ich einmal ein Mal! o! sie hat mich stark gekneipt ... sie will offenbar haben, daß ich ein Merkmal von ihr trage ... O die Bösartige! ...«

Das waren die einzigen Gunstbezeugungen, deren sich Girardière rühmen konnte.

Wir wollen indeß nicht behaupten, daß dieser verliebte Mann den Freuden der Liebe ganz fremd gewesen sei. Er hatte einige Liebschaften gehabt, allein solche, die man nicht in Gesellschaften einführen kann, und deren Eroberung anzuführen unmöglich ist. Mit Geld und Geschenken gelang es ihm, eine Dame in das Schauspiel oder zu einem Speisewirth zu führen; an solchen Tagen hütete er sich wohl, ein Gefährt zu nehmen, denn er wollte mit einer Dame am Arme angetroffen werden.

Bei Verbindungen, wo der glühende Girardière Gegenliebe vermuthete, hatte er beständig Unglück gehabt. Wenn er nach vierzehntägiger Bekanntschaft zu sich selbst sagte: »Ich glaube, ich werde wegen meiner Persönlichkeit geliebt; sie wäre mir treu, selbst wenn ich arm wäre!« so erhielt er bald darauf ein Billetchen des Inhalts: »Es thut mir leid, unser Verhältniß nicht länger fortsetzen zu können; allein ich muß an meine Zukunft denken! Ein sehr rechtschaffener Herr hat mir ein prächtiges Ameublement von Mahagoniholz angeboten, dessen Annahme ich für meine Pflicht halte; ich bitte Sie nun, sich nicht mehr in meinem Hause zu zeigen, auch nicht mit mir zu sprechen, wenn Sie mir etwa begegnen sollten, weil mir das anderwärts eine Blöße geben könnte.«

Es ist sehr unangenehm, dergleichen Briefe zu erhalten, besonders wenn man sich über das Gefühl, das man einflößte, getäuscht hat. Girardière ballte den Brief zornig in seinen Händen zusammen und warf ihn zu Boden, indem er murmelte: »Beim Henker, sie hat eben so wohl daran gethan, dies mir zu schreiben; ich konnte sie nicht mehr ausstehen, ich habe sie sogar nie geliebt ... morgen hätte ich vielleicht mit ihr gebrochen, sie erspart mir diese Mühe ... Filziges Frauenzimmer! ... eigennütziges Herz! ... sie gibt mich auf, weil man ihr ein Hausgeräthe von Mahagoniholz verehrt, und ich ihr bloß eines von Nußbaumholz geben wollte. Würde ich ihr Palissander anbieten, so käme sie wieder zu mir zurück. Ach! pfui, pfui! ... das ist keine Liebe, die sich nach den Holzpreisen richtet; das ist nicht das Gefühl, welches ich einzuflößen wünsche, und von dem ich träume, seitdem ich ein Herz und das Alter der Vernunft habe; und keine Blöße will sie sich geben, ist doch ihr ganzes Leben nur eine Blöße! ... Ich will nichts mehr von diesen feilen Frauenzimmern! nein, ich will nichts mehr von ihnen! ... Wie meine Mutter sagt, bin ich geschaffen, um Leidenschaften einzuflößen, um Köpfe zu verdrehen ... O, wenn ein Frauenzimmer wüßte, in welchem Maße mein Herz von Liebe erfüllt ist, es würde zu mir sagen: »›Du bist das Ideal des Mannes! das Vorbild der Liebe!‹« und würde mir seine Arme öffnen. Unglücklicher Weise steht dieses nicht auf unserer Stirne geschrieben!«

Theophilus begann hierauf von Neuem in den Speisesälen zu seufzen oder den Damen auf den Spaziergängen nachzugehen. Aber die Zeit verstrich, jene unbarmherzig altmachende Zeit, welche weder den Reichen noch den Armen, weder die Fürsten noch die Bettler, weder die Vornehmen noch die Thoren schont, welche gegen die Bitten der Schönheit, gegen die Thränen der Greise, gegen die Anmuth der Kindheit taub ist! Bei all dem ist es ein großes Glück, daß sie für Jedermann ohne Unterschied unerbittlich ist; denn wenn sie einige Personen begünstigen würde, so wäre der Neid gleich mit der Behauptung da, sie hätten diesen Vorzug nicht verdient. Man würde gegen sie Ränke schmieden, wie das gegen Alles, was auf irgend eine Weise bevorzugt ist, stets geschieht.

So hatte denn Herr Girardière sein vierzigstes Jahr erreicht, sogar überschritten; er war schon beinahe fünfzig, allein seine gute alte Mutter, deren Kopf zitterte und die selbst mit der Brille wenig mehr sah, sagte fortwährend zu ihm: »Benütze Deine Jugend, mein Söhnchen, ergötze Dich nur! ... Ausgelassener! ... allein komm' nicht zu spät nach Hause!« Girardière hingegen merkte wohl, daß es sich mit seiner Jugend wie mit seinen Haaren verhalte, die ihm ausgingen und nicht mehr wuchsen, wodurch er bald einen Kahlkopf bekam, unerachtet er beim Kämmen die hinteren Locken sorgfältig nach vorn und jene auf beiden Seiten nach der Stirne hinaufstrich. Dies täuschte, namentlich, wenn er nicht im Freien war; aber wenn Herr Girardière zufällig mit unbedecktem Haupte gegen den Wind ging, so sah man die großen Locken, welche er mit so vielem Fleiß zusammenrangirt hatte, sich aufrichten und nach allen Flanken dahinflattern, und aller Reiz war zerstört.

Jetzt dachte dieser verliebte Mann, welcher es zu keinem Bonvivant bringen konnte, der aber nichts desto weniger im Grunde seines Herzens die Liebe für das schöne Geschlecht, das Bedürfniß zu lieben, bewahrte, jetzt, sage ich, dachte er an das Heirathen.

Lange Zeit hatte Girardière über das eheliche Band gescherzt und über die Ehegatten gespottet. Ueberzeugt, daß sein Leben als Junggeselle eine Reihe von Liebeshändeln und pikanten Abenteuern bleibe, war er Willens, es zeitlebens fortzusetzen. Allein die Umstände hatten seiner Erwartung nicht entsprochen, und da er sah, daß er keine Geliebte bekommen konnte, entschloß er sich, eine Frau zu nehmen.

An einem schönen Morgen nun spazierte Girardière, nachdem er seiner alten Mutter – die eben aufgestanden war und sich in einen langen Sessel, wo sie einen Theil des Tages zubrachte, niedersetzte – guten Tag gewünscht hatte, im Zimmer auf und ab, hustete mehrere Male und näherte sich endlich, indem er zwei Locken Haare, die beharrlich auf den Kragen seines Frackes zurückfielen, vorstrich, dem Lehnsessel seiner Mutter mit den Worten: »Meine liebe Mama, ich muß Ihnen etwas sagen.«

»Nun, mein Söhnchen, sprich, ich will hören ... Du willst mir vielleicht irgend ein pikantes Abenteuer, dessen Held Du bist, erzählen ... Ah, ah, Schelm! ...«

Girardière lächelte und streichelte sein Kinn; er hörte es immer sehr gerne, wenn man ihn »Schelm« nannte, obwohl er es leider noch zu keinem Schelmenstreich hatte bringen können. Indeß antwortete er ihr: »Nein, liebe Mama, nein, es handelt sich nicht davon! Es ist etwas viel Ernsthafteres, sogar etwas Wichtiges; mit einem Wort, ich will es Ihnen sagen, mich wandelt die Lust zum Heirathen an.«

»Du heirathen, Du!« sagte die gute Alte, einen Schrei der Ueberraschung ausstoßend. »Ach mein Gott! was ist das für ein Gedanke ... heirathen! Du, der Du sagtest, Du wolltest immerfort Deine Freiheit behalten ... Du, der Du so glücklich bist ... Du, der Du so viel Vergnügen genießest ... so viele Eroberungen machst! ...«

»Ja, ich weiß das Alles sehr gut, allein man wird am Ende des Junggesellenlebens überdrüssig ... All' diese vorübergehenden Liebschaften ... 's ist wohl eine schöne Sache darum, gewiß; allein im Herzen bleibt doch eine Leere zurück, während, wenn man eine Frau, wenn man Kinder hat, die Einen liebkosen, sich neue und solide Genüsse bieten ... das Wort Familienvater ist gewiß sehr ehrwürdig, und, meiner Treu, ich habe ernstliche Lust, Andern nachzumachen.«

»Du kannst heirathen, wenn es Dir beliebt, ich hindere Dich nicht daran; allein es hat keine Eile, Du hast wohl noch Zeit ...«

Dabei gab die gute Alte ihrem Sohne leichte Backenstreiche; wenn sie Kraft gehabt hätte, so hätte sie ihn noch auf ihrem Schooße gewiegt. Ihr Einziges war ja stets ihr kleiner Theophilus, ihr Benjamin, sie dachte nicht daran, daß dies liebe Kind schon neunundvierzig Jahre alt war; sie sah ihn nicht altern und fand ihn immer jung und schön! Süße Wirkung mütterlicher Zärtlichkeit! Die Mütter sehen ihre Kinder mit dem Herzen an.

Allein Girardière, der sich mit den Augen ansah, konnte es sich nicht verhehlen, daß seine Jugend entflohen war, und sagte deßhalb zu seiner Mutter:

»Ich wiederhole es Ihnen, ich bin des Junggesellenlebens überdrüssig, ich mache mir eine herrliche Idee von dem Glücke, welches ich in meinem Hauswesen bei einer Frau, die mich achten und Sie zuvorkommend pflegen wird, genießen werde. Und wahrhaftig! wenn man zu etwas entschlossen ist, so scheint es mir unnütz, es aufzuschieben.«

»Nun ja, mein Söhnchen, wenn dem so ist, so heirathe ... nehme eine Lebensgefährtin ... die hübscheste, liebevollste ... nur daß sie für meinen kleinen Theophilus Sorge trage ... O! Du wirst mehr Frauen finden, als Dir nur lieb ist; sei jedoch heikelig in Deiner Wahl ... Hast Du schon Absicht auf eine?«

»Nein, liebe Mama, ich habe noch auf Niemand Absicht ... aber ich denke wie Sie; ich werde einzig und allein wegen der Wahl in Verlegenheit sein ... Ich bin ein Kapitalist mit tausend Thaler Renten ... ich war reicher, verlor aber in unglücklichen Speculationen, doch tausend Thaler Renten ist noch anständig genug und wenn man dabei ein hübscher Mann ist ...«

»Mein lieber Sohn, Du solltest eine Frau finden, die Dir wenigstens hunderttausend Franken zubringt.«

»Glauben Sie? ... ja ... hunderttausend Franken ... das macht zwar erst fünftausend Franken Renten ... allein wenn ich das, was mir anständig ist, finden werde, so sehe ich auf einige tausend Franken mehr oder weniger nicht. Ich will nämlich eine hübsche Frau, o! eine ausnehmend hübsche Frau!«

»Du hast ganz Recht. Zudem darf man, wenn man ein so schöner Jüngling ist wie Du, wohl Ansprüche machen. Ah, Schelm! wenn es bekannt wird, daß Du die Absicht hast, zu heirathen, dann werden alle Väter, alle Mütter Dir den Hof machen; aber ich wiederhole es Dir, mein Söhnchen, eile nicht!«

Girardière war überzeugt, daß er sehr viele Partien finden würde, weil in der That, da die Gatten in der Welt seltener sind als die Liebhaber, gerade Solche, die mit dem muthigen Entschlusse, eine Frau zu nehmen, auftreten, gewöhnlich sehr gesucht sind. Er sagte zu sich selbst: »Ich war bei den Damen nicht glücklich, weil der Zufall mich nicht begünstigte; wenn ich aber sagen werde: ich will mich verheirathen, o! das ist ein großer Unterschied; dann werden alle Jungfrauen und alle Wittwen um mich buhlen.«

Theophilus gestand sich selbst nicht: »Ich bin bald fünfzig Jahre alt, habe fast einen Kahlkopf, ein verzerrtes Gesicht, aufgeschwollene Augen und Plattfüße; ich bin nicht geistreich, besitze kein Talent zu gefallen und bin voll Anmaßung.« – Bridoison verlangt, daß man sich gerade solche Dinge sagen solle, ich für meine Person glaube, daß sehr wenige Menschen sich derlei Geständnisse ablegen; und wer weiß, ob sie sich Bridoison in seinen vier Wänden selbst gemacht hat?

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