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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160329
modified20180502
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Man muß sich zu verstellen wissen.

Im geräumigen Speisesaal des Hotels Metropole in Brighton. Maude und Frank saßen an dem kleinen Tischchen nahe am Fenster, wo sie stets ihr Mittagessen nahmen. Ihr unmittelbares Gesichtsfeld war beherrscht von einem schneeweißen Tischtuch, mit einer Schüssel zierlicher Koteletts darauf, jedes mit einer Papiermanschette geschmückt und von einem Wall von Kartoffelpüree umgeben. Darüber hinaus erstreckte sich, scheinbar direkt vom unteren Rande des Fensters weg, die ungeheure, tief-blaue Fläche des Meeres, deren wohltuende Einförmigkeit nur weit draußen von einigen geneigten weißen Segeln unterbrochen war. Längs der Horizontlinie lagen weiße Wolken in regellosen Cumuli, gleich Haufen von unten heraufgeworfenen Schnees. Friedlich und entzückend war der Blick in die weite Ferne, aber im Augenblick interessierte sie die nächste Nähe mehr. Obgleich sie fortan die Sympathie jedes empfindungsvollen Lesers verloren haben werden, müssen wir der Wahrheit gemäß erzählen, daß ihnen das Essen ausgezeichnet schmeckte.

Mit der wunderbaren Anpassungsfähigkeit der Frauen – einer ererbten Eigenschaft, die daher stammt, daß seit der Zeiten Beginn die Angehörigen des Geschlechts stets damit zu tun hatten, sich bestmöglich in Situationen zu finden, die nicht ihre Wahl waren – trug Maude ihre neue Frauenwürde, anmutig und selbstverständlich. In ihrem hübschen blauen Sergekleid und Matrosenhut, mit der Goldfarbe der gestrigen Sonne auf den Wangen, war sie das Bild glücklicher und gesunder Weiblichkeit. Auch Frank trug einen blauen Segleranzug, denn sie verbrachten den größten Teil ihrer Zeit auf dem Wasser, wie schon ein Blick auf seine Hände zeigte. Ihr Gespräch bewegte sich leider auf einem viel tieferen Niveau, als da wir sie zuletzt belauschten.

»Ich habe einen kolossalen Hunger!«

»Ich auch, Frank.«

»Vortrefflich. Willst du noch ein Kotelett?«

»Ja, danke.«

»Kartoffeln?«

»Danke.«

»Ich dachte früher immer, daß Hochzeitsreisende nur von der Liebe leben.«

»Ja, ist es nicht schrecklich, Frank? Wir müssen schauderhaft materielle Wesen sein!«

»Gute alte Mutter Natur! Wer sich an ihre Röcke hält, kann den Weg nicht verlieren. Es bedarf einer gesunden physischen Basis für eine gesunde psychische Erregung. Darf ich dich um die Pickles bitten?«

»Bist du glücklich, Frank?«

»Durchaus und vollständig.«

»Ganz, ganz gewiß?«

»Ich war nie einer Sache so gewiß.«

»Ich bin so glücklich, wenn du das sagst!«

»Und du?«

»Ach, ich schwimme wie in einem goldenen Traum! Aber deine armen Hände! Wie die dich schmerzen müssen!«

»Ganz und gar nicht.«

»Die Ruder waren so schwer.«

»Ich bin außer Übung im Rudern. In Woking ist keine Gelegenheit dazu, wenn man nicht etwa auf dem Kanal rudern will. Aber es war ein paar Blasen wert. War es nicht herrlich, wie wir im Mondlicht heimfuhren, mit der welligen, zitternden Lichtstraße vor uns auf dem Wasser? Wir waren so völlig allein. Wir hätten mögen im interstellaren Raume schweben, auf der Fahrt vom Sirius zum Arcturus, durch jene tiefen Klüfte der Unendlichkeit, von denen Hardy spricht. Es war unbeschreiblich schön.«

»Ich werde es nie vergessen.«

»Heute abend fahren wir wieder hinaus.«

»Aber die Blasen!«

»Was scheren mich die Blasen! Und wir wollen eine Angel mitnehmen, und sehen, ob wir etwas fangen können.«

»Ach ja, das wird lustig sein!«

»Und am Nachmittag wollen wir nach Rottingdean fahren, wenn du Lust hast. Nimm noch dieses letzte Kotelett, Kind.«

»Nein, danke.«

»Es ist schade, es übrig zu lassen. Da nehm' ich's lieber. Übrigens, Maude, muß ich ein ernstes Wort mit dir reden. Wenn du mich so ansiehst, kann ich nicht. Aber wirklich, Spaß beiseite, du mußt vor den Kellnern etwas vorsichtiger sein.«

»Wieso, Schatz?«

»Bis jetzt haben wir es ausgezeichnet durchgeführt. Niemand ahnt, daß wir Hochzeitsreisende sind, und niemand wird es ahnen, wenn wir uns weiter in acht nehmen. Der dicke Kellner ist überzeugt, daß wir alte Eheleute sind. Aber beim gestrigen Abendessen hast du uns beinahe verraten.«

»Wirklich, Frank?«

»Sieh nicht so entzückend reumütig drein, du Süßes! Du bist nämlich eine schrecklich schlechte Verschwörerin. Ich habe dafür ein natürliches Talent, wie für jede Art von Verderbtheit, und so bin ich meiner ziemlich sicher. Du bist aber von Natur so gerade wie ein Baum und kannst nicht krumm sein, wenn du willst.«

»Was habe ich denn gesagt? Ach, es tut mir so leid! Ich habe mich doch so in acht genommen!«

»Beim Ragout, weißt du. Es war ein arger Mißgriff, mich zu fragen, ob ich Würze nehme. Und dann . . .«

»Noch etwas?«

»Die Schuhe. Ob ich sie in London oder in Woking gekauft habe.«

»Mein Gott, mein Gott!«

»Und dann . . .«

»Doch nicht noch etwas! Ach, Frank!«

»Der Gebrauch des Wortes ›mein‹. Dessen mußt du dich entwöhnen. Es muß heißen ›unser‹.«

»Ich weiß, ich weiß. Das war, als ich sagte, daß das Salzwasser die Federn meines – nein, unseres – das heißt, des Hutes verdorben hat.«

»Das war ja richtig. Aber es muß heißen, unser Gepäck, unser Zimmer, und so weiter.«

»Natürlich, natürlich. Wie dumm ich bin! Also weiß es der Kellner! Ach, Frank, was sollen wir tun?«

»Nein, der nicht. Er weiß gar nichts, dessen bin ich sicher. Er ist ziemlich einfältig. Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet. Übrigens habe ich gelegentlich einige Bemerkungen hingeworfen, um ihn in die richtige Bahn zu lenken.«

»Das war, als du von unseren Reisen in Tirol sprachst?«

»Ja.«

»Ach, Frank, wie konntest du nur! Und du erzähltest, wie einsam es war, als wir die einzigen Gäste in dem Schweizer Hotel waren.«

»Das war eine Inspiration. Das gab ihm den Rest.«

»Und von der Enge der Doppelkajüten auf den atlantischen Dampfern. Ich wurde rot beim Zuhören.«

»Aber er horchte begierig. Ich sah es deutlich.«

»Ob er es aber wirklich geglaubt hat? Ich habe bemerkt, daß die Stubenmädchen und die Kellner uns mit einem gewissen Interesse ansehen.«

»Mein Liebling, du wirst allmählich darauf kommen, daß jeder Mann dich mit einem gewissen Interesse ansieht.«

Maude lächelte, war aber nicht überzeugt.

»Willst du Käse, Kind?«

»Ein wenig Butter, bitte.«

»Kellner, bringen Sie Butter und Stiltonkäse. Und, weißt du auch, wir begehen vor allem den Fehler, vor den Leuten viel zu liebenswürdig gegeneinander zu sein. Langverheiratete Leute tun das nicht. Sie betrachten alle kleinen Höflichkeiten als gegenseitig erlassen – was ganz unrichtig ist, was aber eben zeigt, daß sie lang verheiratet sind. Damit verraten wir uns.«

»Daran habe ich nie gedacht.«

»Wenn du den Kellner da ein für allemal überzeugen und den letzten, verborgenen Zweifel aus seinem Gemüte tilgen willst, so gibt es nur ein Mittel: du mußt grob gegen mich sein.«

»Oder du gegen mich, Frank.«

»Du wirst es mir nicht übelnehmen?«

»Nicht im geringsten.«

»O – hol's der Henker – ich kann nicht, selbst um eines so guten Zweckes willen nicht.«

»Siehst du, und ich auch nicht.«

»Aber das ist ja Unsinn, es ist ja bloß Verstellung.«

»Freilich. Bloß zum Scherz.«

»Warum sollst du also nicht?«

»Warum sollst du nicht?«

»Er wird zurück sein, ehe wir einig sind. Hier habe ich einen Schilling unter meiner Hand. Kopf oder Schrift, der Verlierer muß grob sein. Bist du einverstanden?«

»Gut.«

»Also, rate!«

»Kopf.«

»Schrift ist's!«

»O, mein Gott!«

»Du hast grob zu sein. Also vergiß nicht! Hier kommt er.«

Der Kellner kam heran, auf einer Schüssel vor sich den Stolz des Hotels, den großen, grünen Stiltonkäse tragend. Er stellte ihn mit feierlicher Miene auf den Tisch.

»Ein schöner Stilton«, sagte Frank.

Maude machte einen verzweifelten Versuch grob zu sein.

»Weißt du, Schatz, ich finde ihn nicht so sehr schön«, war alles, was sie zuwege brachte.

Es war nicht viel, aber es brachte eine überraschende Wirkung auf den Kellner hervor. Er wandte sich und eilte davon.

»Na also, du hast ihn beleidigt!« rief Frank.

»Wohin ist er denn gegangen, Frank?«

»Sich bei der Hoteldirektion über dein Benehmen beschweren.«

»Nein, wirklich, Frank! Bitte, sag mir's! Mein Gott, ich wollte, ich wäre nicht so grob gewesen! Da ist er wieder.«

»Nur ruhig Blut!« sagte Frank.

Eine Art Prozession bewegte sich durch den Saal. An der Spitze der dicke Kellner mit einer großen, bedeckten Käseschüssel. Hinter ihm kam ein zweiter mit zwei kleineren, und ein dritter mit einem Teller voll eines gelblichen Pulvers machte den Beschluß.

»Hier ist Gorgonzola, Madame«, sagte der Kellner mit sehr ernster Miene. »Und hier Camembert und Gruyère und auch geriebener Parmesan. Es tut mir leid, daß der Stilton nicht Ihren Beifall findet.«

Maude nahm von dem Gorgonzola und sah sehr schuldbewußt und unbehaglich aus. Frank lachte auf.

»Ich wollte, daß du gegen mich grob seist und nicht gegen den Käse«, sagte er, als die Prozession wieder abgezogen war.

»Ich habe mich ja bemüht, Frank. Ich habe dir widersprochen.«

»Ja, es war ein schrecklicher Ausbruch von Bosheit!«

»Und ich habe den armen Kellner verletzt!«

»Freilich; du wirst seinen Stilton um Entschuldigung bitten müssen, ehe er dir verzeiht.«

»Und ich glaube nicht, daß er auch nur um das geringste überzeugter ist, wir seien langverheiratete Eheleute, als er es früher war.«

»Nun gut, Schatz, überlasse ihn mir. Die Reminiszenzen, die ich zum besten gab, müssen ihn endgültig überzeugt haben. Wenn nicht, so gebe ich ihn auf.«

* * *

Es war gut für seinen Seelenfrieden, daß Frank das Gespräch nicht hören konnte, das der dicke Kellner mit ihrem Stubenmädchen führte, für das er eine asthmatische Neigung hegte. Sie hatten am Nachmittag eine freie halbe Stunde und tauschten ihre Eindrücke aus.

»Ein nettes Paar, John, nicht wahr?« sagte das Mädchen mit kundiger Miene. »Ich glaube, wir haben seit den Frühjahrshochzeiten kein so hübsches hier gehabt.«

»Hm, möchte ich nicht sagen«, erwiderte der Kellner kritisch. »Er gefällt mir ja ganz gut. Er ist ein stattlicher junger Mann, der das richtige Zeug in sich hat.«

»Nun, und sie?«

»Das ist Geschmacksache«, sagte der Kellner. »Mir gefallen sie besser ein wenig voller. Und was ihre Erziehung betrifft, so hätten Sie sehen sollen, wie hochnäsig sie heute mittag den Stilton behandelt hat.«

»Hochnäsig, wirklich? Aber mir schien sie eine sehr sanfte, liebenswürdige Dame.«

»Das mag ja sein, aber sie sind ein seltsames Paar, sage ich Ihnen. Es war Zeit, daß sie endlich heirateten.«

»Warum?«

»Weil sie es vorher schauderhaft getrieben haben. Ich habe es von ihnen selbst gehört und ich habe mich für sie geschämt. Schrecklich, sage ich Ihnen, schrecklich!«

»Was Sie nicht sagen, John!«

»Ich sage Ihnen, Jane, ich konnte kaum meinen Ohren trauen. Sie haben letzten Dienstag geheiratet, wie wir wissen, und wie auch heute in der »Times« zu lesen, und doch, ob Sie's mir glauben oder nicht, haben sie davon gesprochen, daß sie allein miteinander gereist sind . . .«

»Nein, John!«

»Und allein in einem Schweizer Hotel waren!«

»Du meine Güte!«

»Und auf einem Dampfer auch.«

»Nein, so etwas! Ich traue im Leben keinem Menschen mehr!«

»O, das ist ein liederliches Paar! Aber ich will ihnen zeigen, daß ich es weiß. Heute abend noch werde ich ihnen die »Times« vorlegen, so wahr mein Name John ist!«

»Das geschieht ihnen recht! Wenn Sie mir nicht gesagt hätten, daß Sie es selbst gehört haben, John, hätte ich es nie geglaubt. Durch solche Sachen verliert man allen Glauben an die Menschen!«

Maude und Frank saßen nach dem Abendessen bei ihren Nüssen und einem Glas Portwein, als der Kellner sachte herankam.

»Verzeihung, Herr, haben Sie es in der »Times« gesehen?«

»Was?«

»Dies hier, Herr. Ich dachte, es wird Sie und die Dame interessieren, es zu lesen.«

Er legte das Blatt vor ihn hin und zeigte auf eine Stelle in der oberen linken Ecke, worauf er sich sogleich zurückzog. Frank starrte entsetzt auf das Blatt.

»Maude, deine Leute haben es hineingegeben!«

»Unsere Trauung?«

»Ja! Hör einmal. ›Crosse–Selby. Am 30. Juni in der St. Monikakirche, durch den ehrw. John Tudwell, Pfarrer zu St. Monika, Frank Crosse, Maybury Road, Woking, mit Maude Selby, ältester Tochter des Herrn Robert Selby, St. Albans.‹ Du lieber Gott, Maude, was tun wir nun!«

»Liegt denn etwas daran, Schatz?«

»Ob etwas daran liegt? Es ist geradezu entsetzlich!«

»Warum denn? Mögen sie es doch wissen!«

»Aber meine Reminiszenzen, Maude! Die Reise in Tirol! Das Schweizer Hotel! Die Doppelkajüte! Heiliger Gott, da habe ich was Schönes angestellt!«

Maude brach in fröhliches Lachen aus.

»Herzensschatz, es scheint doch, du bist nicht ein bißchen ein besserer Verschwörer als ich! Du kannst jetzt nur eines tun. Gib dem Kellner eine halbe Krone, erzähle ihm die Wahrheit und verstelle dich nicht mehr.«

So unrühmlich endete der Versuch, den so viele schon gemacht haben und der so vielen schon mißglückt ist. Laß dir's zur Lehre dienen, freundlicher Leser, und auch du, freundliche Leserin, wenn die Reihe an euch kommt.

 

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