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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zwei Soli und ein Duett

Am Vorabend des Hochzeitstages nahm Frank Crosse das Abendessen im Raleighklub in Gesellschaft von Rupton Hale, seinem Beistand, und Maudes Bruder, Jack Selby, einem Husarenleutnant. Jack war ein sehr pferdekundiger, viel Fachausdrücke gebrauchender junger Sportsmann, der keinerlei Interesse an Franks Lebensstellung oder seinen Vermögensverhältnissen nahm, aber seine volle Zustimmung zu der Heirat gab, sowie er erfahren hatte, daß sein künftiger Schwager der zweiten Surreymannschaft angehörte. »Was willst du mehr?« sagte er zu seiner Schwester. »Du wirst nicht gerade eine Frau W. G.W. Grace, der beste Cricketspieler Englands, ist, obgleich noch am Leben und im kräftigsten Mannesalter, eine fast legendäre Gestalt geworden und hat den höchsten Grad der Popularität erlangt, der in England möglich ist: er wird mit den Anfangsbuchstaben seines Namens bezeichnet. – Anmerkung des Übersetzers. sein, aber du wirst dich in nächster Nachbarschaft von erstklassigem Cricket befinden.« Und Maude, die sich über seine Zustimmung freute, ohne ihre Gründe ganz zu verstehen, küßte ihn und nannte ihn den besten aller Brüder.

Die Trauung sollte um 11 Uhr in der St. Monikakirche stattfinden, und die Familie Selby hatte im Hotel Langham Quartier genommen. Frank wohnte im Metropole, und Rupton Hale ebenfalls. Sie standen zeitig morgens auf, Kopf und Nerven noch ziemlich stark unter der Nachwirkung von Jack Selbys gestriger Gastfreundschaft stehend. Frank konnte nichts zum Frühstück essen, und da er sich in seinem Hochzeitsanzug nicht zeigen wollte, blieben sie in ihrem gemeinschaftlichen Besuchszimmer oben. Da stand Frank nun am Fenster, trommelte an die Scheiben und blickte hinab auf die Northumberland-Avenue. Er hatte sich den Tag oft im Geiste ausgemalt und ihn mit Sonnenschein und Blumen und allen Sinnbildern des Glücks ausgestattet. Aber die Natur hatte sich nicht zu der Höhe des Ereignisses aufgeschwungen. Ein dicker Dunst, halb Nebel, halb Rauch, erfüllte die Straße, und ein schwacher, ausdauernder Regen rieselte langsam herab; er klopfte leise an die Fenster, tropfte auf die Fenstervorsprünge und gurgelte in den Dachröhren. Tief drunten auf der schmutzigbraunen Straße standen in Reihen die nassen Cabs und sahen aus wie große schwarze Käfer mit glänzenden Flügeldecken. Runde schwarze Regenschirme eilten über das nasse Pflaster hin. Ein gestürztes Pferd lag vor dem Tor des Klubhauses gegenüber, und ein Polizist im Gummimantel half dem Kutscher bei seinen Bemühungen es aufzurichten. Frank sah zu, bis es wieder angeschirrt worden und im Trafalgar Square verschwunden war. Dann wandte er sich ins Zimmer zurück und trat vor den Spiegel. Der gutsitzende Gehrock und die perlgrauen Beinkleider hoben seine elastische, sehnige Gestalt vorteilhaft ab. Der glänzende Zylinderhut, die lavendelfarbenen Handschuhe, die dunkelblaue Kravatte waren ebenfalls tadellos. Dennoch war er durchaus nicht zufrieden mit sich. Maude hatte Anspruch auf einen besser aussehenden Bräutigam. Wie dumm war er gewesen, gestern Abend so viel Wein zu trinken! An diesem einzigen, unvergleichlichen Tage ihres Lebens hatte sie sicherlich ein Recht darauf, ihn in seiner vorteilhaftesten Gestalt erscheinen zu sehen. Er war unstet, und seine Nerven vibrierten. Er hätte alles um eine Zigarette gegeben, aber er wollte nicht nach Tabak riechen. Beim Rasieren hatte er sich geschnitten, und seine Nase schälte sich infolge eines heißen Crickettages. Wie albern von ihm, seine Nase vor seinem Hochzeitstage der Sonne auszusetzen! Wenn Maude das sah, würde sie vielleicht – nun, sie konnte wohl kaum noch zurücktreten, aber sie würde sich vielleicht seiner schämen. Er arbeitete sich in eine fieberhafte Aufregung hinein über die unglückselige Nase.

»Du hast keine gute Farbe, Crosse«, sagte sein Beistand.

»Ich dachte gerade daran, daß das bei meiner Nase der Fall ist. Es ist sehr freundlich von dir, daß du mir heute zur Seite stehst.«

»Schon gut. Wir wollen sehen, wie wir durchkommen.«

Hale war ein schwerblütiger Mann, obgleich der zuverlässigste Freund, und er sprach in schwerblütiger Weise. Seine melancholische Art, der Londoner Regen und seine eigene, der Gelegenheit angemessene Nervosität wirkten zusammen, um Frank in einen immer jämmerlicheren Gemütszustand versinken zu lassen. Glücklicherweise brach Jack Selby wie ein Sonnenstrahl ins Zimmer herein. Der Anblick seines frischen, lächelnden Gesichtes – oder vielleicht eine Ähnlichkeit mit Maude, die er darin fand – wirkte erquickend auf den Bräutigam.

»Guten Morgen, Crosse! Morgen, Hale! Entschuldigt meine Landmanieren. Der alte Cerberus unten wollte euch holen lassen, aber ich wußte eure Nummer und kam herauf. Du siehst ziemlich grün um die Kiemen aus, mein Junge!«

»Ich habe einen kleinen Katzenjammer heute.«

»Das kommt von dem verdammten billigen Champagner. Nehmen wir einen Whisky und Soda, willst du? Nein? Hale, Sie müssen ihn ein wenig aufmuntern, denn Sie werden von allen verantwortlich gemacht werden, wenn Sie Ihren Mann nicht in tadellosester Kondition herausbringen. Gestern Abend haben wir freilich das Mögliche geleistet. Konntest es heute nicht mit dem Frühstück aufnehmen, wie? Ich auch nicht. Eine Erdbeere und einen Kübel voll Sodawasser.«

»Wie gehts im Langham?« fragte Frank begierig.

»Brillant! Das heißt, Maude habe ich nicht gesehen. Sie wurde eben in die Paradeuniform gesteckt. Aber Mama ist voller Feuer. Wir mußten ihr den Zügel um ein Loch kürzer schnallen, sonst hätten wir sie nicht halten können.«

Franks Augen wanderten immer wieder zu dem langsam vorrückenden Minutenzeiger hin. Es war noch nicht zehn Uhr.

»Könnte ich nicht hinüber und sie sprechen?«

»Du lieber Gott, nein! Direkt gegen alle Spielregeln! Fallen Sie ihm in die Zügel, Hale! Ho, Junge, ho! Stillgestanden!«

»Es geht nicht, Crosse, es geht wirklich nicht!« sagte Hale in tiefem Tone.

»Was das für Unsinn ist! Da sitze ich hier untätig, während ich ihr dort irgendwie nützlich oder tröstlich sein könnte. Nehmen wir ein Cab!«

»Ho, Junge! Hoo! Sst! Hale, halten Sie ihn! Ziehen Sie die Zügel an!«

»Es läßt sich nicht ändern, lieber Freund. Die Sitte will es so.«

Frank warf sich in einen Armsessel und murmelte etwas von widersinnigen Gebräuchen.

»Munter, Crosse, munter! Das Ding wird gehen wie geölt, wenn wir erst einmal anfangen. Zwei von unseren Jungen kommen her, schneidige Kerle und voller Feuer. Wir werden das ganze Langham rosafarben anstreichen, wenn die Kirchenparade vorüber ist.«

Frank saß düster da, sah auf den langsam kriechenden Minutenzeiger und hörte dem munteren Geplauder des jungen Leutnants und den bedächtigeren Antworten seines Beistandes zu. Endlich sprang er auf und ergriff Hut und Handschuhe.

»Halb elf«, sagte er. »Kommt, gehen wir! Ich kann nicht länger warten. Ich muß irgend etwas tun. Es ist Zeit, daß wir in die Kirche fahren.«

»Einverstanden mit der Kirche!« rief Jack. »Halt, einen Augenblick! Ich kenne den Rummel, denn ich war selber erst im vorigen Monat Beistand. Inspizieren Sie seine Uniform, Hale, überzeugen Sie sich, daß sie vorschriftsmäßig ist. Ring? Gut. Geld für den Pfarrer? Gut. Kleine Münze? Alles in Ordnung. Rechts um! Schnellschritt!«

Franks Stimmung hob sich sogleich, nun, da er etwas zu tun hatte. Selbst die Fahrt durch die triefenden Straßen, während der Regen auf dem Dach des Wagens trommelte, konnte ihn nicht mehr niederdrücken. Er fiel in den Ton Jack Selbys ein, und sie plauderten fröhlich miteinander.

»Bringen wir ihn nicht in großartiger Form heraus?« rief Jack begeistert. »Beweis, daß die Mühe die wir uns in den letzten vierundzwanzig Stunden mit ihm gegeben haben, nicht vergebens war. Das ist die Sorte, wie ich sie liebe – feurig wie ein Vollblut! Die kann man nicht kaufen, man muß sie züchten. Und da sind wir auch schon auf dem Platze.«

Sie hielten vor einer alten, grauen Kirche mit einem gotischen Tore und zwei Nischen beiderseits, die von vorlutherischen Zeiten Kunde gaben. Die modernen billigen Läden, von denen die Fassade eingefaßt war, hoben noch ihre altertümlich steife Würde. Sie betraten durch eine offene Seitentür das matt erleuchtete Innere mit seinen hohen, geschnitzten Kirchenstühlen und prächtigen alten Glasmalereien. Schwere, schwarze Eichenbalken zogen sich oben hin, und halbverwischte Inschriften in mittelalterlichem Latein schnörkelten sich an den Wänden. Mit einem einzigen Schritt schienen sie aus dem neunzehnten in das fünfzehnte Jahrhundert getreten zu sein.

»Famose alte Kirche!« flüsterte Jack. »Die kann man nicht kaufen. Aber festlich wie ein Eiskeller. Da kommt ein friedlich aussehender Eingeborener auf uns zu. An den müssen Sie sich wenden, Hale, wenn Sie wissen wollen, was los ist.«

Der Kirchendiener war nicht in bester Laune.

»Um dreiviertel vier«, sagte er, ohne Hales Frage abzuwarten.

»Nicht doch, elf Uhr ist die Stunde!«

»Dreiviertel vier, sage ich Ihnen. Der Herr Pastor hats gesagt.«

»Das ist ja nicht möglich!«

»Sie finden hier zu allen möglichen Stunden statt.«

»Was?«

»Begräbnisse.«

»Aber das ist eine Hochzeit!«

»Bitte sehr um Verzeihung, Herr. Ich dachte, als ich Sie sah, es handle sich um das Kindesbegräbnis.«

»Du lieber Gott, nein!«

»Es war etwas in Ihrem Gesichtsausdruck, Herr, aber jetzt, da ich die Farbe Ihrer Kleider ausnehme, sehe ich natürlich, daß ich mich geirrt habe. Wir haben drei Hochzeiten, Welche ist es?«

»Crosse und Selby sind die Namen.«

Der Kirchendiener blätterte in einem alten, abgegriffenen Notizbuch.

»Jawohl, habe ich hier. Herr oder Fräulein Crosse mit Herrn oder Fräulein Selby. Elf Uhr, Herr, auf die Minute! Der Herr Pastor ist furchtbar pünktlich, und ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Plätze einzunehmen.«

»Etwas nicht in Ordnung?« fragte Frank nervös, als Hale zurückkehrte.

»Nein, nein.«

»Was hatte er denn so viel zu reden?«

»O nichts. Eine kleine Begriffsverwirrung.«

»Gehen wir nach vorn?«

»Ja, ich denke, es wird am besten sein.«

Ihre Schritte hallten durch die leere Kirche, als sie den Mittelgang hinaufgingen. Vor dem Altargitter blieben sie unschlüssig stehen. Frank griff nervös in seine Taschen und überzeugte sich, daß er den Ring im Westentäschchen hatte. Er nahm eine Fünfpfundnote heraus und verwahrte sie so, daß er sie rasch bei der Hand habe. Dann fuhr er mit plötzlichem Erröten herum, denn eine Seitentür war mit großem Geräusch geöffnet worden. Eine dicke Scheuerfrau kam herein, mit einem Kübel und einem Besen.

»Den falschen Vogel aufgejagt!« flüsterte Jack und kicherte über die Veränderung in Franks Gesichtsausdruck.

Aber fast in demselben Augenblicke traten die Selbys von der anderen Seite ein. Papa Selby mit rotem Gesicht und langem Backenbart führte Maude am Arm. Sie sah sehr blaß und sehr hold aus, mit niedergeschlagenen Augen und ernstgeschlossenem Munde. Hinter ihr kamen ihre Schwester Mary und ihre hübsche Freundin Nelly Sheridan in rosafarbenen Kleidern und breiten, rosafarbenen, mit weißen, wallenden Federn geschmückten Hüten. Die Braut selbst trug das silbergraue Reisekleid, das Frank schon aus ihrer brieflichen Beschreibung kannte. Seine zarte Farbe harmonierte trefflich mit ihrem blassen, ernsten Gesichtchen. Dann kam die Mutter, noch jung und elegant, mit etwas von Maudes Anmut in Gestalt und Haltung. Als der kleine Zug herankam, war Frank nicht mehr zu halten. »Fallen Sie ihm in die Zügel!« rief Jack dem Beistande in aufgeregtem Flüstern zu; aber schon war ihr Mann zu Maude hingeeilt, um ihr die Hand zu drücken, und blieb an ihrer Rechten, als sie weitergingen. Am Altar angelangt bildeten die Anwesenden zwei kleine Gruppen, das glückliche Paar in der Mitte. Zu gleicher Zeit ertönte die Turmuhr über ihren Häuptern, und der Pastor kam eilig aus der Sakristei heraus, mit einer Schulterbewegung sein weißes Überkleid zurechtrückend. Für ihn war das die gewöhnlichste, alltäglichste, unwichtigste Sache von der Welt, und sowohl Frank als Maude waren betroffen von dem Gleichmut, mit dem er ein Gebetbuch hervorzog und geläufig die Worte der Zeremonie abzulesen begann. Ihnen war das alles so neu und feierlich und von so ungeheurer Bedeutung, daß sie etwas Mystisches, Überwältigendes erwartet hatten; aber da stand der bewegliche kleine Mann, der offenbar einen Schnupfen hatte, und verband sie in so glatter, geschäftsmäßiger Weise, wie ein Krämer zwei Pakete zusammenbindet. Freilich, er hatte dieselbe Zeremonie wohl an die tausend Mal im Jahr vorzunehmen, und da konnte er nicht gut verschwenderisch mit seinen Gefühlen sein.

Die uralten gottesdienstlichen Formeln wurden ihnen vorgelesen, die Ermahnungen und die Erklärungen, zum Teil schön und ehrfurchtgebietend, zum Teil abgeschmackt. Dann wandte sich der kleine Pastor zu Frank:

»Willst du diese Jungfrau zu deiner ehelichen Gattin haben, um nach Gottes heiliger Ordnung in christlicher Ehe mit ihr zu leben? Willst du sie lieben, sie beschützen, sie ehren, in Krankheit und Gesundheit, und, aller andern nicht achtend, nur ihr allein angehören, so lange ihr beide lebet?«

»Ja!« rief Frank mit Nachdruck.

»Und willst du diesen Mann zu deinem ehelichen Gatten haben, um nach Gottes heiliger Ordnung in christlicher Ehe mit ihm zu leben? Willst du ihm gehorchen und ihm dienen, ihn lieben und ehren, in Krankheit und Gesundheit, und, aller andern nicht achtend, nur ihm allein angehören, so lange ihr beide lebet?«

»Ja!« sagte Maude vom Herzen.

»Wer gibt diese Jungfrau diesem Manne zur Ehe?«

»Ich, Robert Selby, ihr Vater.«

Dann wiederholten sie nacheinander die schicksalsvollen Worte:

»Ich nehme dich, um dir anzugehören, von diesem Tage an, ob reicher, ob ärmer, ob besser, ob schlimmer, in Krankheit und Gesundheit, um dich zu lieben, dich zu behüten und dir zu gehorchen, bis der Tod uns trennet, nach Gottes heiliger Ordnung, und dieses gelobe ich dir hiemit.«

»Ring! Ring!« sagte Hale leise.

»Ring, du Konfusionsrat!« flüsterte Jack Selby.

Frank suchte fieberhaft in allen Taschen. Der Ring war in der letzten, an die er kam. Aber die Banknote war nicht zu finden. Er erinnerte sich, daß er sie an einer sicheren Stelle verwahrt hatte. Aber wo? Hatte er sie in den Schuh gesteckt, oder ins Hutfutter? Nein, er konnte doch unmöglich etwas so Unsinniges getan haben! Wieder durchlief er seine Taschen, immer zu zweien und zweien, und eine peinliche Pause trat ein.

»Sakristei – nachher!« flüsterte der Pastor.

»Hier!« keuchte Frank. Bei dem letzten verzweifelten Versuche hatte er sie endlich in seinem Uhrtäschchen gefunden, wohin er sonst niemals etwas steckte. Natürlich hatte er die Note eben deshalb, damit sie allein und leicht erreichbar sei, in dieses Täschchen getan. Ring und Note wurden dem Pastor übergeben, der diese geschickt verbarg und jenen zurückgab. Dann streckte Maude ihre kleine weiße Hand aus, und Frank schob den goldenen Reif über den Ringfinger.

»Mit diesem Ring vermähle ich mich dir«, sagte Frank »und mit meinem Leibe gehöre ich dir an, (er hielt einen Augenblick inne, um in Gedanken hinzuzufügen: »und mit meiner Seele auch«) und mit allen meinen weltlichen Gütern beschenke ich dich.«

Es folgte ein Gebet, und dann legte der Pastor die beiden Hände ineinander, die kräftige braune und die schmale weiße, an der der neue Ring glänzte.

»Was Gott zusammengefüget hat, das soll der Mensch nicht scheiden,« sagte der Pastor. »Weil denn Francis Crosse und Maude Selby ihren Willen erklärt haben, in christlicher Ehe miteinander verbunden zu werden, und dieses vor Gott und diesen Zeugen bestätigt und einander ihr Gelübde gegeben haben, und dieses bekräftigt haben durch Geben und Empfangen eines Ringes und durch Ineinanderlegen ihrer Hände: so erkläre ich sie hiemit für Mann und Weib, in unauflöslicher Ehe verbunden.«

So, nun war's geschehen! Sie waren vereinigt, um sich nie wieder zu trennen, bis der Sargdeckel sich über einem von ihnen schloß. Sie knieten nun nebeneinander, und der Pastor murmelte hurtig einige Psalmen und Gebete. Aber Franks Gedanken weilten nicht mehr bei der Zeremonie. Er sah verstohlen auf die anmutige, mädchenhafte Gestalt an seiner Seite. Ihr Haar schmiegte sich lieblich an den weißen Nacken, und die fromme Neigung ihres Kopfes entzückte seinen Blick. So hold, so demütig, so gut, so schön, und ganz sein, seine angetraute Gefährtin für Lebenszeit! Ein Strom von Zärtlichkeit für sie durchflutete sein Herz. Seine Liebe war stets leidenschaftlich gewesen, aber in diesem Augenblicke war sie heroisch, fast erhaben in ihrer Selbstlosigkeit. Möge er ihr Glück schaffen, das höchste, das ein Weib sich wünschen kann! Gott gebe, daß ihm das gelinge! Aber wenn er sie unglücklich machen sollte, oder etwas von ihrer Schönheit und ihrer Güte hinwegnehmen, so, betete er, möge er jetzt sterben, in diesem erhabenen Augenblicke, während er an ihrer Seite vor dem Altargitter kniete. So leidenschaftlich innig war sein Gebet, daß er erwartungsvoll zum Altar hinaufblickte, als stehe eine Katastrophe unmittelbar bevor. Aber alles hatte sich erhoben, und die Feierlichkeit war zu Ende. Der Pastor schritt voran, und die Hochzeitsgesellschaft folgte ihm in die Sakristei. Von allen Seiten wurden sie nun beglückwünscht.

»Meine herzlichste Gratulation, Crosse!« sagte Hale.

»Bravo, Maude, Du hast famos ausgesehen!« rief Jack, indem er seine Schwester küßte. »Es ging alles wie geölt, sowie das »Los!« gefallen war!«

»Bitte hier und hier zu unterzeichnen«, sagte der Pastor. »Die Zeugen hier und hier. Ich danke bestens. Ich wünsche Ihnen recht viel Glück. Es sind keine weiteren Formalitäten nötig.«

Mit einem seltsamen, traumartigen Gefühl durchschritten Frank und Maude die Kirche, er sehr stolz und aufrecht, sie sehr anmutig und schüchtern, während von der Orgel herab die Töne des Hochzeitsmarsches erbrausten. Am Kirchentor warteten die Wagen. Frank half seiner Frau beim Einsteigen, folgte ihr in den Wagen, und sie fuhren davon, begleitet von dem sympathischen Gemurmel einer kleinen Gruppe von Zusehern, die sich unter dem Torbogen angesammelt hatten, teils aus Neugierde, teils um vor dem Regen Schutz zu suchen.

Maude war schon oft mit Frank im Wagen gefahren, aber jetzt fühlte sie sich auf einmal scheu und verlegen. Die Trauungszeremonie mit ihren halbverstandenen Anspielungen und Ermahnungen hatte sie eingeschüchtert und geängstigt. Sie wagte es kaum ihren Mann anzusehen. Er verscheuchte jedoch alsbald ihre gepreßte Stimmung.

»Namen, bitte?« sagte er.

»Ach, Frank!«

»Namen, wenn ich bitten darf!«

»Du weißt ihn ja!«

»Du sollst ihn aber sagen.«

»Maude.«

»Und weiter?«

»Maude Crosse. – Ach, Frank!«

»Du Süßes! Wie wundervoll das klingt! Maudie, was für eine Musik in dem Namen ist! Regnet es nicht wunderschön? Und ist das glänzende Pflaster nicht herrlich? Und ist nicht alles wundervoll, und bin ich nicht der glücklichste, der unglaublichst glücklichste aller Menschen? Gib mir deine Hand, Liebling. Ich fühle den Ring durch den Handschuh. Nun, Herzchen, dir ist doch nicht bange?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Aber vorhin?«

»Ja, ein wenig. Ach, Frank, du wirst meiner nie überdrüssig werden, nicht wahr? Es würde mir das Herz brechen!«

»Deiner überdrüssig werden! O du mein Gott! Höre, du wirst nicht erraten, was ich tat, während der Pastor uns davon erzählte, was Paulus zu den Kolossern sagte, und so weiter?«

»O, ich weiß sehr gut, was du tatest. Und du hättest nicht sollen!«

»Was habe ich getan?«

»Du hast mich angesehen.«

»Hast du es also bemerkt?«

»Ich fühlte es.«

»Nun ja, ich habe dich angesehen. Aber ich habe auch gebetet.«

»Wirklich, Frank?«

»Als ich dich da neben mir knieen sah, so hold, so rein und gut, da kam es mir erst ganz zu Bewußtsein, daß du fortan für's Leben in meine Hut gegeben warst, und ich betete aus tiefstem Herzen, daß, wenn ich dich je in Wort, oder Tat oder Gedanken verletzen sollte, ich jetzt auf der Stelle tot hinfallen möge, ehe ich dazu Zeit fände.«

»O, Frank, was für ein entsetzliches Gebet!«

»Aber ich fühlte es, und wünschte es, und konnte nicht anders. Mein süßes Lieb, da habe ich dich nun neben mir, einen Engel in Menschengestalt, das holdeste, zarteste schönste Geschöpf der Welt, und, so Gott will, werde ich dich so halten, und immer höher und höher, wenn das möglich ist, und wenn ich je etwas sage, oder etwas tue, was dich zu erniedrigen scheint, dann erinnere mich an diese Minute und weise mich zurück, damit ich wieder versuche unserem höchsten Ideal nachzuleben. Und ich will mich für meinen Teil bemühen mich zu bessern, um zu dir emporzukommen und die Kluft, die zwischen uns ist, immer mehr und mehr zu überbrücken, so daß ich unserer Liebe nicht unwürdig sei. Und so wollen wir aufeinander wirken und zurückwirken und immer besser und besser werden und alles, was gut und schön in unseren Seelen ist, von diesem unserem Hochzeitstage datieren. Dies ist meine Trauungszeremonie, und hiemit ist der erste Teil beendet, und die Fenster sind angelaufen, und den Kutscher mag der Kuckuck holen, und es ist zu arg, wenn man seine eigene Frau nicht soll küssen dürfen – du Süßes!«

Ein breitkrempiger Hut mit wallender Feder ist ein sehr unpraktisches Kleidungsstück, wenn man mit einem verliebten jungen Ehemann in einem Wagen mit diskret angelaufenen Fenstern fährt. Frank bewies das seiner jungen Frau, und sie brauchten den ganzen Rest des Weges bis zum Langham, um alle die Hutnadeln wieder durchzustecken. Und dann, nach einem abnormen Mahl, das entweder ein sehr verspätetes Frühstück oder ein verfrühtes Mittagessen war, fuhren sie nach dem Viktoria-Bahnhofe, um ihre Reise nach Brighton anzutreten. Jack Selby und die beiden schneidigen Regimentskameraden, die dem jungen Paare die Unsterblichkeit gesichert hatten, wenn unaufhörliches und ergiebiges Trinken auf ihre Gesundheit das vermochte, hatten sich mit großen Säcken voll Reis, alten Pantoffeln und anderen durch die Sitte geheiligten Glückswurfgeschossen bewaffnet. Jedoch auf eine Andeutung Maudes hin, daß sie eine ruhige Abreise vorziehen würde, hatte Frank die drei mit ganz harmloser Miene in das nach hinten gelegene Frühstückzimmer gelockt, hatte dieses von außen versperrt und den Schlüssel nebst einem halben Sovereign dem Kellner mit dem Auftrage übergeben, die Gefangenen zu befreien, nachdem der Wagen abgefahren war – welcher kleine Zwischenfall allein einem aufmerksamen Beobachter die Überzeugung hätte beibringen mögen, daß Frank Crosse das Zeug in sich hatte, es im Leben ziemlich weit zu bringen. Und so fuhren sie still und unauffällig davon auf ihre erste Reise – die Reise, die der Anfang jener Lebensreise war, deren Ende kein Mensch voraussehen kann.

 

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