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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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In Englands Walhalla.

Sie hatten über die Zimmer in ihrem künftigen Heim gesprochen, über die Toiletten der Brautjungfern und Maudes Kochversuche, über Hochzeitsgeschenke und die Vorzüge des Seebades Brighton, über das Wesen der Liebe und das »Abfangen« beim Tennis (Maude war die beste Spielerin eines Damenklubs), über Rundreisebillette und die Bestimmung des Weltalls – abgesehen davon, daß sie eine halbe Flasche Perrier Jouet getrunken hatten. Es war ja sträflich leichtsinnig, aber heute war ihr letzter Ausflug als Unverheiratete, und so tranken sie auf die schönen Tage der Vergangenheit und auf die schöneren der Zukunft. Gute Kameraden eben so sehr als Liebende, plauderten sie fröhlich und unbefangen. Frank verfiel nie in den herkömmlichen Fehler des »Totredens«, und Maude rechtfertigte sein Vertrauen, indem sie wacker Schritt hielt. Beide zogen Stillschweigen einem leeren Alltagsgespräch vor.

»Wir werden gerade zurecht kommen«, sagte Frank, nachdem er gezahlt hatte. »Du hast die Australier wohl noch nicht gesehen?«

»O doch, Schatz, vor vier Jahren in Clifton.«

»Sie kommen aber jetzt mit einer neuen Mannschaft. Neun davon haben noch nicht in England gespielt.«

»Sie sind sehr stark, nicht wahr?«

»Sicherlich. Und der trockene Sommer begünstigt sie sehr, denn der feuchte englische Boden behagt ihnen sonst gar nicht. Drüben haben sie ein sehr schnelles Tempo. Giffen ist ihr bester »Mann für alles«, aber Darling, Iredale und Hille sind so gut wie irgend einer. Nun denn – ach Gott, wie schade!«

Er hatte sich beim Aufstehen dem Fenster zugewendet und sah eine jener kleinen Überraschungen, womit die Natur die Eintönigkeit des Lebens auf diesen Inseln zu unterbrechen liebt. Die Sonne war verschwunden, eine zackige, dunkelgraue Wolke kam über den Fluß herüber, und der Regen fiel mit einer sanften Beharrlichkeit, die schlimmer ist als der heftigste Guß. Für heute wars mit dem Cricket vorbei.

»Zwei Kaffee und zwei Benediktiner!« rief Frank, während sie sich wieder setzten. Aber eine halbe Stunde verging, und die Wolke war noch dunkler, der Regen dichter geworden. Die bleifarbenen Wasser der Themse flossen träge und trübselig unter ziehenden Wolken dahin. Jenseits des nässeglänzenden Pflasters ragte die dunkle Masse der Abtei in den Regenhimmel hinaus.

»Hast du je die Abtei besucht, Maude?«

»Nein, Frank. Ich möchte gern.«

»Ich war nur einmal darin, wie ich zu meiner Schande sagen muß. Ist es nicht eine Sünde, daß wir jungen Männer jedes Vergnügungslokal Londons genau kennen und so wenig von diesem Zentrum der angelsächsischen Rasse wissen, dem glorreichsten und von den erhabensten Schauern umwitterten Bauwerk, das je eine Nation besaß? Vor sechshundert Jahren schon sahen die Engländer zu ihm auf als zu ihrem ehrwürdigsten Nationalheiligtum, und seither sind unsere Könige und unsere Helden, unsere Denker und unsere Künstler alle hier begraben worden, so daß der gewaltige Bau kaum mehr Platz für ein Grabmal hat. Gehen wir auf eine Stunde hinein!«

Sie gingen auf die Salomonspforte zu, da diese die nächste war und sie nur einen Regenschirm hatten. Unter ihrem Torbogen trachteten sie die Nässe von ihren Kleidern zu wischen, ehe sie eintraten.

»Wem gehört die Abtei, Frank?«

»Dir und mir.«

»Das ist ein Scherz!«

»Nicht im geringsten. Sie gehört in letzter Linie niemand anderem als dem englischen Steuerzahler. Du kennst vielleicht die Anekdote von dem Schotten, der eines unserer Kriegsschiffe besichtigen wollte und den Kommandanten zu sehen begehrte. »Wen soll ich melden?« fragte der wachhabende Matrose. »Einen der Eigentümer«, sagte der Schotte. Das ist auch unsere Stellung gegenüber der Abtei. Sehen wir uns also unser Eigentum an.«

Sie traten lächelnd ein, aber das Lächeln schwand von ihren Lippen, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte. In diesem Heiligtum der Heiligtümer, diesem innersten Sanktuarium der Nation, herrschte eine geruhige und erhabene Feierlichkeit, die ihre Wirkung auch auf den Gedankenlosesten geübt hätte. Frank und Maude standen in stummer Ehrfurcht. Zu beiden Seiten schossen in langen Reihen die steinernen Pfeiler empor wie schlanke, gerade Bäume, bogen sich hoch oben graziös zu einander und vereinigten sich zu dem leichtesten, kunstvollsten steinernen Netzwerk. Gerade vor ihnen strahlte durch das heilige Düster ein Rosenfenster in leuchtenden Farben. Da und dort bewegten sich Beschauer durch das Halbdunkel der Gewölbe, aber rings herum an den Wänden, zwei und drei Reihen tief, lagen die berühmten Toten, der vergängliche Leib drinnen, der dauernde Marmor draußen, und der noch dauerndere Name auf dem Marmor. Es war sehr still im Heim der großen Toten – nur der schwache Schall einzelner Fußtritte und ein leises Murmeln hie und da war zu hören. Maude kniete nieder und barg ihr Gesicht in den Händen. Auch Frank betete, jenes Gebet, das mehr ein Fühlen als ein Sprechen ist.

Dann durchschritten sie langsam den kurzen Transept, in dem sie sich befanden. Es war der Teil der Abtei, der für die großen Staatsmänner bestimmt ist. Frank trachtete sich der Stelle in Macaulay zu erinnern, wo er von den Männern spricht, die, ermattet von den Kämpfen und Stürmen in dem benachbarten Parlamentsgebäude, hierher kommen, um Frieden und Ruhe zu finden. Hier lagen die Männer, die stark genug gewesen waren, den Griff des Steuers zu fassen, und die, manchmal weise, manchmal töricht, aber immer ehrlich, sich bemüht hatten, das alte Schiff vor dem Wind zu halten. Canning und Peel ruhten hier neben Pitt, Fox, Grattan und Beaconsfield. Regierungen und Oppositionen vermodern innerhalb dieser Mauern. Unter den Statuen zeigt allein die Beaconsfields die scharf ausgeprägten Züge des selbstgemachten Mannes. Die Gesichter der anderen sehen so glatt und rundlich aus, daß nichts von ihrer Stärke daraus zu erkennen ist; aber sie entstammten eben jenen herrschenden Kasten, in denen die Kraft ein selbstverständliches Erbteil ist. Frank sagte Maude das Wenige, was er von einzelnen wußte – von Grattan, dem vornehmsten Irländer unter ihnen, von Castlereagh, dessen Sarg bis zum Tor der Abtei von einer wütenden Menge verfolgt wurde, die seine Leiche herausreißen wollte, von Fox, dem liederlichen Philosophen, von Palmerston, dem ausgezeichneten Sportsmann, der noch ritt, nachdem er seit langem nicht mehr gehen konnte. Sie staunten miteinander über den Realismus des Bildhauers, der des Admirals Warren Gesicht mit Pockennarben besät hatte, und über die Geschmacklosigkeit des andern, der Robert Peel in eine römische Toga kleidete.

Am Ende des Transepts der Staatsmänner wandten sie sich nach rechts und schritten das mächtige Mittelschiff hinauf, überwältigt von der Erhabenheit der Architektur und der Erinnerungen, die sie umschloß. Jedes einzelne von Hunderten dieser Gräber war einer Pilgerfahrt wert, aber wie wäre es möglich gewesen ihre vereinigte Größe zu erfassen! Hier war Darwin, der die Naturforschung revolutionierte, hier Isaak Newton, der der Astronomie neue Bahnen wies. Hier der alte Ben Jonson, hier Stephenson, der Vater der Eisenbahnen, und Livingstone, der Afrikaforscher, und Wordsworth, und Kingsley und Arnold. Hier lagen die Helden des großen indischen Aufstandes, Clyde, Outram und Lawrence, hier lagen Maler, Schriftsteller, Ärzte – alle die guten Söhne, die auf ihren verschiedenen Posten der alten Mutter treu gedient hatten. Und wenn ihre Dienstzeit um war, hatte die alte Mutter ihren langen Arm ausgestreckt und sie heimgeholt, und für jeden heimgekehrten guten Sohn hatte sie einen andern hinausgesandt, und ihre Lenden waren unerschöpflich fruchtbar, und ihre Söhne liebevoll und treu. Geht in die Abtei und sinnet, und wenn die Vergangenheit der Nation vor euch aufersteht, werdet ihr um ihre Zukunft nicht bange sein.

Frank war entzückt von einzelnen Monumenten und entsetzt über andere, und er sprach seine Freude und seinen Zorn gegen Maude aus. Sie trafen sich in der Beobachtung, daß die Neueren und die ElisabethinerZeitgenossen der Königin Elisabeth (1533-1603). viel Gemeinsames haben in den Gesichtstypen, in der Haartracht und im künstlerischen Geschmack für Monumente, während dazwischen eine unerträgliche Affektation liegt, die um das Ende des 18. Jahrhunderts ihren Gipfelpunkt erreichte.

»Alles hat einen falschen Ton, Statue, Inschrift, Beiwerk, alles«, sagte Frank. »Diese geschmackverlassenen allegorischen Gruppen, die sich auf dem Grabmal eines toten Helden spreizen, gehören in dieselbe Klasse wie die bombastische, verworrene Prosa des Dr. Johnson. Die Einfachheit bringt die größten Wirkungen hervor, so war es immer und wird es immer sein. – Aber dieses Stückchen Latein ist eindrucksvoll, das muß ich sagen!«

Es war eine nur noch schwer leserliche Inschrift unter einem Steinbild aus der elisabethinischen Zeit, dem die Füße fehlten und dessen Gesichtszüge zur Unkenntlichkeit verwischt waren. Zwei Worte der Inschrift waren Frank aufgefallen.

»Moestissima uxor! Von seinem ›tieftraurigen Weibe‹ ward dieses Grabmal errichtet! Sieh, wie es jetzt aussieht, das arme verfallene Denkmal von eines Weibes Liebe! – Nun komm, Maude, wir wollen die berühmte »Poetenecke« besichtigen.«

Was für eine Versammlung gäbe das, wenn an einem letzten Tage jeder hier Begrabene aus seiner Gruft hervorträte! Tennyson, der letzte und fast der größte in der glorreichen Reihe, lag unter dieser weißen, in den Fußboden eingelassenen Marmorplatte. Maude und Frank standen ehrfurchtsvoll davor.

»Dämm'rung und Abendstern,
Ein Ruf schallt mir zur Küste –«Aus »Crossing the Bar« von Tennyson, einem der letzten Gedichte des großen Poeten. Die Dämmerung ist die Abenddämmerung des Lebens, der Ruf die Stimme des Jenseits. – Anmerkung des Übersetzers.

zitierte Frank. »Welch wundervolle Verse eines alten Mannes! Ich würde ihn nur gegen Shakespeare zurückstellen, wenn ich den Rang zu bestimmen hätte.«

»Ich habe so wenig gelesen«, sagte Maude.

»Wir werden das alles miteinander lesen, nach dem 30. Aber man liest viel tiefer und lebendiger, wenn man am Grabe des Dichters gestanden hat. Diese mächtige Grabstätte hier ist die Chaucers. Er ist der Vater der englischen Dichtkunst. Hier liegt Browning, neben Tennyson, vereint in Leben und Tod. Er war der tiefere Denker, aber Schönheit und Musik der Sprache waren vor allem dem andern eigen.«

»Welch ein entzückender Kopf ist dies!« rief Maude.

»Das ist eine Büste des Amerikaners Longfellow.« Sie lasen die Inschrift. »Diese Büste wurde von englischen Bewunderern des amerikanischen Dichters unter den Denkmälern der englischen Poeten aufgestellt.«

»Ich freue mich sehr, daß ich sie gesehen habe. Ich kenne seine Gedichte sehr gut«, sagte Maude.

»Ich glaube, er wird in England mehr gelesen als irgend ein anderer Dichter.«

»Wer ist diese stehende Figur?«

»Das ist Dryden. Was für ein kluges Gesicht und von wie modernem Typus! Hier, nahe der Tür, liegt Walter Scott. Wie liebenswürdig und wie schalkhaft er dreinsieht! Und sieh, wie hoch sein Kopf vom Ohr bis zum Scheitel war. In diesem Raume lag ein großes Gehirn. Hier ist Burns, der zweite große Schotte. Findest du nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Gesichtern? Und hier ist Dickens, und Thackeray, und Macaulay. Ob wohl Macaulay, als er seine Essays schrieb, eine Ahnung hatte, daß er einst in Westminster begraben sein werde? Er kommt immer wieder auf die Abtei und ihre Gräber zurück. Ich glaube immer, daß wir ein Vorgefühl dessen haben, was uns im Leben begegnen wird.«

»Wir erraten wohl, was wahrscheinlich ist.«

»Mehr als das. Ich hatte vom ersten Tage, an dem ich dich sah, ein Vorgefühl, daß du die Meine werden wirst, obgleich es durchaus unwahrscheinlich war. Aber tief drinnen in meiner Seele wußte ich, daß du die Meine werden wirst.«

»Ich wußte, daß ich die Deine werde, Frank, oder die keines andern.«

»Siehst du, wir hatten beide das Vorgefühl! Das ist wirklich wunderbar!«

Da standen sie inmitten der Denkmäler all der großen Toten und staunten über die Geheimnisse ihres kleinen Daseins. Eine Stimme dicht bei ihnen brachte sie zur Gegenwart zurück.

»Hierher, bitte, zu den Königsgrüften«, sagte die Stimme. »Sie wollen nun die Königsgrüfte besichtigen.«

»Sie« war eine seltsam gemischte Gruppe von Leuten, die an dem Gitter, das die Königsgrüfte abschloß, auf den Führer warteten. Ein großer, rotbärtiger Mann mit ausgesprochen schottischem Akzent und einer zarten, kleinen Frau, dann ein amerikanischer Vater mit zwei lebhaften und enthusiastischen Töchtern, ein kleiner Marineoffizier in Uniform, zwei junge Leute, deren Aufmerksamkeit durch die Amerikanerinnen in betrüblicher Weise von den Grabmälern abgelenkt wurde, und noch ein Dutzend Reisende verschiedenen Alters und Geschlechtes. Als Maude und Frank sich ihnen anschlossen, kam auch schon der Führer herbei, ein junger Mann mit gesund gefärbtem Gesichte, und sie betraten durch das geöffnete Gitter den Raum der Königsgrüfte.

»Hieher, bitte, meine Damen und Herren«, rief der voranschreitende Führer, und alle trabten ihm nach über den hallenden Steinboden. Er blieb an einem Grabmal stehen, auf welchem eine Frau mit verhärmtem Gesichte lag.

»Maria Stuart, Königin von Schottland«, sagte er. »Die größte Schönheit ihrer Zeit. Dieses Grabmal wurde von ihrem Sohne, Jakob dem Ersten, errichtet.«

»Ist sie nicht entzückend?« rief eine der Amerikanerinnen.

»Hm, könnte ich nicht sagen. Ich habe mehr erwartet,« sagte die andere.

»Ich denke,« bemerkte der Vater, »wenn irgend eine Frau so viel mitgemacht hätte wie diese, so würde sie davon auch nicht schöner geworden sein. Wie alt mag denn die Dame gewesen sein, Herr?«

»Sie war vierundvierzig Jahre, als sie hingerichtet wurde«, erwiderte der Führer.

»Für ihr Alter sieht sie jung genug aus«, meinte der Schotte, und die Gesellschaft ging weiter. Frank und Maude blieben ein wenig zurück, um noch einen Blick auf die unglückliche Fürstin zu werfen, den prächtigen französischen Schmetterling, der aus dem Sonnenschein und der Wärme des Südens in dieses düstere Land, ein Land des Blutes und der Psalmen, war verweht worden.

»Bei all ihrer zarten Anmut war sie eine stählerne Natur«, sagte Frank. »Nach der Schlacht von Langside ritt sie achtzig Meilen weit, fast ohne anzuhalten.«

»Sie sieht ermüdet aus, die Ärmste!« sagte Maude. »Ich glaube, sie war froh, zur Ruhe zu kommen.«

Der Führer nannte bereits in einiger Entfernung neue Namen. »Hier liegt Königin Anna, und neben ihr Maria, die Frau Wilhelms des Dritten. Und hier ist Wilhelm selbst. Der König war sehr klein, und die Königin sehr groß, daher wird der König auf einem Schemel stehend dargestellt, damit ihre Köpfe in dieselbe Höhe kommen. In den Grüften da drüben liegen achtunddreißig Stuarts.«

Achtunddreißig Stuarts! Prinzen, Bischöfe, Generale, einst das Salz der Erde, die Mächtigsten der Mächtigen, und nun leichthin zusammengeworfen als achtunddreißig Stuarts! So reißt der Tod, der Republikaner, die Großen dieser Erde von ihren Thronen.

Sie folgten dem Führer in eine andere kleine Kapelle, an deren Tür der Name Heinrichs VII. stand. Wahrhaftig, es hatte große Bildhauer und Zeichner gegeben in jenen Tagen! Wäre der Stein weich wie Wachs, er hätte nicht können zu wundervolleren Spiralen und Windungen geformt werden, wie sie hier leicht, graziös, unvergleichlich schön sich an den Wänden hin und von der Decke herabschlangen. Nie haben menschliche Hände kunstreicher verschlungene Zier gebildet, noch menschlicher Geist Harmonischeres und Anmutigeres erdacht. In der Mitte lagen, umgeben von aller Pracht mittelalterlicher Heraldik, die bronzenen Gestalten Heinrichs und seiner Gemahlin nebeneinander auf ihrem Grabmal. Der Führer las die merkwürdige Verfügung aus des Königs Testament, wonach sie »mit der ihrem königlichen Range gebührenden Würde, aber ohne verdammenswerten Pomp und widerwärtigen Firlefanz« begraben werden sollten. Es lag, wie Frank bemerkte, ein prächtiger Reflex des heißen Tudorblutes über den starken Ausdrücken. Man fühlte, woher Heinrich der Achte seine herrische Natur hatte. Dennoch war es ein asketisches und priesterartiges Gesicht, das vom Grabmal gegen die Decke sah.

Sie kamen an den geplünderten Gräbern Cromwells, Blakes und Iretons vorüber – Denkmäler der verächtlichen Rache derer, die es nicht gewagt hatten, ihnen auf dem Schlachtfelde zu begegnen – und an dem Grab Jakobs des Ersten, der für sich kein Grabmal errichtet, und so auch im Tode den Namen eines Philosophen gerechtfertigt hatte, als der er im Leben gelten wollte. Dann betrachteten sie das Grabmal von Villiers, Herzog von Buckingham, das ebenso reich und interessant ist wie sein Leben, warfen einen Blick auf die Ruhestätte des tapferen kleinen Georg des Zweiten, der der letzte englische König war, der selbst sein Heer in die Schlacht führte, und dann weiter bis zum »Unschuldigenwinkel«, wo die zarten Gebeine der armen im Tower ermordeten Kinder ruhen.

Nun aber sammelte der Führer seine kleine Herde wieder um sich, mit der Miene von jemand, der etwas zu zeigen hat, was nicht versäumt werden darf. »Ich bitte auf diese Stufe zu steigen, um das Profil zu sehen,« sagte er, auf eine weibliche Gestalt auf einem Grabmal deutend. »Dies ist die große Königin Elisabeth.«

Es war ein Profil und ein Gesicht, des Betrachtens wert – das Antlitz einer Königin, die ihrer Shakespeares zu Lande und ihrer Drakes zur See würdig war. Hätte der König von Spanien sie gesehen, so hätte er wohl begriffen, daß es nicht ungefährlich war, sie anzugreifen – diese düstere alte Frau mit der Adlernase und dem ehernen Munde. Man verstand das Hüten ihrer Geldschatulle, man verstand die harte Behandlung ihrer Geliebten, man verstand das Vertrauen des Volkes zu ihr, man las das alles auf diesem unvergleichlichen Antlitz.

»Eine prächtige Frau!« sagte Frank.

»Eine schreckliche Frau!« sagte Maude.

»Verstehe ich recht, Herr,« fragte der Amerikaner, »daß dies die Dame ist, welche jener anderen Dame, Maria von Schottland, die wir drüben gesehen haben, den Kopf abschlagen ließ?«

»Jawohl, das ist sie.«

»Nun, mich dünkt, wenn irgend ein Kopf abzuschlagen war, daß diese Dame ganz danach angetan war, darauf zu achten, daß es mit Promptheit und Gründlichkeit geschah. Sie war nicht verheiratet, so viel ich weiß?«

»Nein.«

»Das war wohl ein Glück für jemand. Der Gatte dieser Dame würde nach meiner Meinung recht schlechte Zeiten gehabt haben.«

»Pst, Papa!« riefen die Töchter, und die Gesellschaft ging weiter. Sie betraten nun die innerste Kapelle, die älteste und heiligste von allen, wo inmitten der ersten Plantagenets der alte angelsächsische Monarch, der fromme Bekenner, Eduard der Heilige ruht, um dessen verehrten Leichnam dieses ganze große Pantheon allmählich entstanden ist. In der Mitte der Kapelle erhob sich ein eigenartiger Aufbau, der einst mit Mosaik bedeckt gewesen, aber jetzt kahl und nackt war.

»Der Leichnam Eduards des Bekenners ruht ganz oben in einem Schrein«, erklärte der Führer. »Die Höhlung hier unten war mit kostbaren Reliquien gefüllt, und die Pilger, die hieher kamen, knieten in diese Nischen, die gerade groß genug für einen Mann sind. Die Mosaiksteinchen sind von den Pilgern abgebröckelt worden.«

»Aus welchem Jahre stammt das Grabmal?« fragte Frank.

»Ungefähr 1250. Die alten Könige wurden alle so nahe daran als möglich begraben, denn sie fürchteten damals, daß der Teufel ihre Leiche rauben könnte, und je näher zu dem Schrein, desto sicherer fühlten sie sich. Heinrich der Fünfte, der die Schlacht bei Agincourt gewann, liegt hier. An dem Querbalken dort hängen der Helm, der Schild und der Sattel, deren er sich in jener Schlacht bediente. Dieser König mit dem ernsten Gesicht und dem Bart ist Eduard der Dritte, der Vater des schwarzen Prinzen. Der schwarze Prinz erlebte seine Thronbesteigung nicht, aber er war der Vater des unglücklichen Richard des Zweiten, der hier liegt – das glattrasierte Gesicht mit den scharfen Zügen. Nun bitte ich Sie, mir hieher zu folgen, meine Damen und Herren, und ich werde Ihnen eines der merkwürdigsten Objekte der Abtei zeigen.«

Das Objekt, das er zeigte, war nichts Merkwürdigeres als ein quadratischer Steinblock unter einem alten Stuhl. Aber der Führer erklärte, in vollem Bewußtsein, daß er seine Worte rechtfertigen konnte:

»Dies ist der heilige Stein von Scone, auf welchem seit unvordenklichen Zeiten die Könige von Schottland gekrönt wurden. Als Eduard der Erste vor sechshundert Jahren Schottland niederwarf, brachte er ihn hierher, und seither hat auch jeder König von England bei seiner Krönung darauf gesessen.«

»Auch Königin Viktoria?« fragte jemand.

»Ja, auch sie. Die Legende ging, daß es der Stein sei, auf den Jakob sein Haupt gebettet hatte, als er träumte, aber die Geologen haben nachgewiesen, daß es roter schottischer Sandstein ist.«

»Demnach dürfte wohl dieser zweite Thron der schottische Thron sein?« fragte der Amerikaner.

»Nein, Herr, der schottische Thron und der englische Thron sind ein und derselbe. Zur Zeit des Wilhelm und der Maria mußten jedoch beide gleichzeitig gekrönt werden, und so wurde ein zweiter Thron angeschafft. Dieser ist natürlich neueren Ursprungs.«

»Ja, nur ein paar hundert Jahre alt. Ich wundere mich, daß man ihn hier duldet. Aber man hätte wohl besser auf ihn acht geben sollen. Jemand hat seinen Namen hineingeschnitten.«

»Ein Schüler der Westminsterschule wettete mit seinen Kameraden, daß er inmitten der Gräber schlafen werde, und zum Beweis, daß er das getan habe, schnitt er seinen Namen in den Thronsessel ein.«

»Wahrhaftig?« rief der Amerikaner. »Nun, der Junge muß es im Leben weit gebracht haben!«

»Bis auf den Galgen vielleicht«, sagte Frank, und alles kicherte, aber der Führer schritt mit ernstem Gesichte weiter, denn die Würde der Abtei war in seiner Hut.

»Dies ist das Grab der Königin Eleonore«, sagte er.

Frank zupfte Maude am Ärmel. »Eleonore vom Charing Cross«, sagte er. »Sieh, wie ein Stückchen Geschichte sich ans andere schließt.«

»Und hier das Grab ihres Gemahls, Eduards des Ersten. Er war es, der den Stein von Scone brachte. Zur Zeit seines Todes war die Eroberung Schottlands nahezu vollendet, und er ordnete an, daß seine Bestattung nur provisorisch erfolge, bis Schottland ganz unterworfen sei. Er liegt, wie Sie sehen, noch immer in seinem provisorischen Grabe.«

Der große Schotte lachte laut und höhnisch. Die anderen sahen ihn ernsthaft an, mit jenem mitleidsvollen Blicke, den der Engländer auf Angehörige temperamentvollerer Rassen richtet, wenn sie ihre Empfindungen nicht beherrschen können. Ein Strahl aus einer Gartenspritze hätte ihn nicht mehr abdämpfen können.

»Im vorigen Jahrhundert wurde sein Grab geöffnet,« fuhr der Führer fort, »und im Innern fand sich eine Inschrift, welche lautete: »Hier liegt der Hammer der Schotten.« Er war ein schöner Mann und maß sechs Fuß, zwei Zoll vom Scheitel bis zur Sohle.«

Sie verließen nun die alte Kapelle, in der die großen Plantagenets wie eine Leibgarde um den angelsächsischen Heiligen geschart sind. Sie sahen im Vorübergehen das Grab Abbots' auf der einen Seite und Kreuzfahrer mit gekreuzten Beinen auf der anderen. Und gleich darauf waren sie wieder in verhältnißmäßig neuer Zeit angelangt.

»Dies ist das Grab von Wolfe, der auf den Höhen von Abraham fiel«, sagte der Führer. »Ihm und seinen Soldaten ist es zu danken, daß ganz Amerika der englisch sprechenden Rasse gehört. Es gibt ein Bild, welches ihn an der Spitze seiner Hochländer darstellt, wie sie durch den gewundenen Pfad, der von der Wolfebucht hinaufführt, zur Schlacht ziehen. Er starb im Augenblick des Sieges.«

Es war verwirrend, dieses Fliegen durch die Jahrhunderte. Die Geschichte Englands schien nicht aus einer Folge, sondern aus einer Gleichzeitigkeit von Ereignissen zu bestehen, wenn sie in einer Minute von einem Zeitgenossen Georgs zu einem Elisabeths kamen und beider Grabstätten gleich wohlerhalten fanden. Sie sahen den stattlichen de Vere, dessen Rüstung in Stücken auf einer Marmorplatte liegt, zum Zeichen, daß er in Frieden mit allen Menschen starb; und sie sahen die furchtbare Darstellung des angreifenden Todes, dessen Anblick im Mondlicht einen nächtlichen Räuber seine Beute fallen lassen und entsetzt aus der Abtei fliehen ließ. So schrecklich und doch so faszinierend ist der Anblick, daß die schlürfenden Schritte der anderen verhallt waren, ehe Maude und Frank sich davon losreißen konnten.

Am Fuße des Bildwerkes ist eine offene eiserne Tür, und der Künstler hat es wunderbar verstanden, den Eindruck zu erwecken, daß sie gewaltsam aufgerissen wurde; die beiden Flügel scheinen noch von dem Ruck zu zittern, und man glaubt den harten Klang des Metalls gehört zu haben. Aus der schwarzen Öffnung ist ein furchtbares Etwas hervorgebrochen, eine in ein Leichentuch vermummte Gestalt, deren eine Knochenhand sich um die Kante des Piedestals krallt, während die andere erhoben ist, um einen Pfeil auf die Frauengestalt oberhalb zu schleudern. Sie, eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren, ist ohnmächtig hingesunken, während ihr Mann, Entsetzen im Gesichte, mit ausgestrecktem Arm vorwärts springt, um sich zwischen seine Frau und ihren grauenhaften Angreifer zu werfen.

»Ich werde davon träumen«, sagte Maude. Sie war blaß geworden, wie manche andere vor ihr beim Anblick dieses Bildwerkes.

»Es ist furchtbar!« Frank schritt rückwärts, unfähig die Augen davon loszureißen. »Wie kühn dieser Bildhauer war! Es ist eine Darstellung, die nur lächerlich oder erhaben sein kann, und er hat sie erhaben gemacht.«

»Roubillac ist sein Name«, sagte Maude, nach einem Blick auf das Piedestal.

»Ein Franzose oder französischen Ursprungs also. Ist das nicht charakteristisch? Das einzige Monument in der ganzen großen Abtei, das uns durch seine Genialität im Tiefsten ergriffen hat, ist von einem Fremden. Wir vermögen das nicht. Wir fürchten uns zu sehr, uns gehen zu lassen oder uns preiszugeben. Wir haben schwerfälligen Geist und schwerfällige Hände.«

»Wenn wir die Monumente nicht hervorbringen können, so bringen wir doch die Menschen hervor, die sie verdienen«, erwiderte Maude, und Frank notierte den Aphorismus auf seine Manschette.

»Wir sind zu ernst und gemessen, sowohl in der Skulptur als in der Architektur«, fuhr er fort. »Mehr Phantasie und freier Wurf in unseren Bildwerken, mehr Gold und Ornament an unseren Bauten, das täte uns not. Aber ich denke, es hilft nichts, darum zu beten. Es wäre zu wünschen, daß sich die Aufgaben der Menschheit unter die Nationen nach ihren Fähigkeiten verteilen ließen. Italien und Frankreich sollten uns die Schönheit bringen. Wir könnten ihnen dafür in anderer Weise nützlich sein – die französischen Kolonien organisieren, zum Beispiel, oder die italienischen Finanzen. Dazu sind wir geschaffen, aber wir werden nie zu etwas anderem taugen.«

Der Führer war bereits mit seinem Rundgang zu Ende und wartete ungeduldig und mit den Schlüsseln klirrend an dem eisernen Gitter des Ausganges. Aber Maudes Lächeln und ihr Dank hellten sein Gesicht sogleich wieder auf. Ein Strahl warmen Sonnenscheins tut dem Manne wohl, der seine Zeit unter Gräbern verbringen muß.

Sie durchschritten den Nordtransept und gingen durch die Salomonspforte wieder hinaus. Die Regenwolken hatten sich verzogen, und die Sommersonne schien auf die nassen Straßen und vergoldete sie. Dies hätte das fabelhafte London sein mögen, von dem der junge WhittingtonSir Richard Whittington, reicher englischer Handelsherr im Anfang des 15. Jahrhunderts, der als armer Knabe nach London kam und dessen Name und Geschichte in England sehr populär sind. – Anmerkung des Übersetzers. träumte. Vor ihnen lagen die Rasenplätze in hellem Grün, und auf den Grashalmen funkelten die Regentropfen in der Sonne. Die Luft war erfüllt von dem Gezwitscher der Sperlinge. Quer über ihr Gesichtsfeld, vom Ende von Whitehall in die Viktoriastraße, rollte und wirbelte das endlose schwarze Band des Menschen- und Wagengewühles, eines der Treibriemen der gewaltigen Stadt. Darüber türmte sich zu ihrer Rechten das Parlamentshaus auf, dessen Anblick Frank seine bitteren Worte über die englische Architektur bereuen ließ. Sie standen unter dem Torbogen der alten Pforte und blickten auf die Szenerie vor ihnen. Es war wunderbar, so mit einem Schritt aus dem großen Lande der Vergangenheit in das größere Land der Gegenwart zu treten. Hier lag das vor ihnen, wofür die Toten da drinnen gelebt hatten und gestorben waren.

»Es ist noch nicht viel über drei«, sagte Frank. »An was für einen düsteren Ort habe ich dich geführt! Du lieber Gott, wir haben einen Nachmittag zusammen, und ich bringe dich auf einen Friedhof! Wollen wir nun in eine Matinee gehen, um den Eindruck zu verwischen?«

Aber Maude legte die Hand auf seinen Arm.

»Ich glaube nicht, Frank, daß ich je im Leben einen tieferen Eindruck empfangen oder in so kurzer Zeit mehr gelernt habe. Es war eine große Stunde, eine Stunde, die ich nie vergessen werde. Und denke nur nicht, daß ich immer nur danach verlange, mich in deiner Gesellschaft zu unterhalten. Ich verlange alles das mit dir zu teilen, was dir schön und groß erscheint. Versprich mir, ehe wir die alte Abtei verlassen, daß du immer bestrebt sein willst, auf dem höchsten dir erreichbaren Niveau zu bleiben und nie zu mir herabzusteigen.«

»Ich kann sehr leicht versprechen, nie zu dir hinabzusteigen«, erwiderte Frank. »Ich mag all mein Leben aufwärtsklimmen, und es wird immer noch Gipfel in deiner Seele geben, die mir unerreichbar sind. Aber du wirst immer und jederzeit mein geliebter Kamerad ebenso wie mein süßes Weib sein. Und nun, Maude, wohin willst du, zu den Australiern, oder ins Theater?«

»Liegt dir viel an dem einen oder dem andern?«

»Nur wenn dir daran liegt.«

»Nun, ich habe das Gefühl, als ob beides eine Entweihung wäre. Wir wollen lieber an den Quai hinuntergehen, uns auf eine der Bänke setzen, die Themse im Sonnenschein vorbeifließen sehen und plaudern und an alles das denken, was wir gesehen haben.«

 

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