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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die beiden Soli.

Sie sollten sich um ein Uhr am Bücherstand im Charing-Croß-Bahnhofe treffen, daher war Frank Crosse um ein Viertel nach zwölf zur Stelle, schritt ungeduldig auf und ab und blieb, so oft eine weibliche Gestalt die Eingangstür passierte, plötzlich stehen, wie ein Vorstehhund vor einem Rebhuhn. Der Gedanke war ihm gekommen, daß Maude vielleicht aus irgend einem Grunde früher eintreffen könnte – und wenn sie ihn nun nicht träfe! Jede Sekunde in ihrer Gesellschaft war ihm so teuer, daß er, wenn er sie sehen sollte, manchmal mitten in der Fahrt ein anderes Cab genommen hatte, weil dieses ein schnelleres Pferd zu haben schien. Aber nun, da er an Ort und Stelle war, wurde es ihm zweifellos, daß sie einfach pünktlich sein werde, weder zu früh noch zu spät. Nach der unlogischen Art der Liebesleute vergaß er jedoch bald, daß er zu früh da war, und geriet in eine sich rapid steigernde, fieberhafte Ungeduld, bis er um ein Viertel vor eins mit düsteren Zügen und voll trüber Ahnungen auf und ab ging, sich in tausend trostlosen Vermutungen über den Grund ihres unerklärlichen Ausbleibens ergehend. Viele Vorübergehende sahen ihn an, und wir wollen desgleichen tun.

Frank Crosse war von Gestalt weder groß noch klein, fünf Fuß, achteinhalb Zoll hoch, wenn wir ganz genau sein wollen, und er hatte den kraftvollen Wuchs und schwingenden Schritt eines jungen Mannes, der von Kindheit auf seinen Körper in jeder Art von Übung gestählt hat. Er war schlank, aber sehnig, und trug den Kopf hoch aufrecht in einer halb herausfordernden Weise, die Mut und Rasse verriet. Sein Gesicht war tiefbraun, trotz seiner Bureauarbeit, aber das Haar und der kleine Schnurrbart waren flachsblond, und die Augen, seine größte Schönheit, hellblau und in ihrem Ausdruck veränderlich von größter Sanftmut zu ungewöhnlicher Härte. Er war Waise und hatte von seinen Eltern nichts geerbt als eine künstlerische Ader von seiner Mutter. Sie war nicht stark genug, um ihn zum Berufskünstler zu machen, aber sie äußerte sich in großer Empfänglichkeit und Urteilsfähigkeit in literarischen Dingen und brachte Lichter und Schatten in sein Charakterbild, die ihn zu einem ziemlich komplizierten und darum interessanten Menschen machten. Seine besten Freunde konnten die Schatten nicht leugnen, aber diese waren doch nichts anderes als die notwendige Begleiterscheinung des Lichtes. Kraft, Männlichkeit, die Fähigkeit tief und stark zu fühlen – das sind Eigenschaften, die bezahlt werden müssen. Manchmal war ein Anflug von Wildheit, oder eigentlich war die Andeutung der Möglichkeit eines Anfluges von Wildheit in Frank Crosse. Seine leidenschaftliche Liebe zu körperlichen Übungen und zum Aufenthalt in freier Luft war ein Anzeichen davon. Er machte auf Frauen den, nicht ganz unwillkommenen, Eindruck, daß es unerforschte Winkel in seiner Natur gäbe, wohin auch die ihm nahestehendsten nicht vorgedrungen waren. In diesen dunklen Winkeln mochte sich ein Sünder oder ein Heiliger bergen, und es verursachte angenehme Erregung, zu versuchen hineinzublicken und zu erkennen, welches von beiden es war. Kein Weib fand ihn je uninteressant. Vielleicht wäre es besser für ihn gewesen, wenn das der Fall gewesen wäre, denn seine impulsive Natur hatte sich nie lange mit bloßer kühler Freundschaft begnügen können. Er war also, wie wir sehen, ein Mann mit einer Vergangenheit, aber diese war wirkliche Vergangenheit, seit Maude Selby wie ein lichter Engel auf seinem beschatteten Lebenswege erschienen war. – Sein Alter war siebenundzwanzig Jahre.

Eins oder das andere wäre noch von ihm zu erzählen, was er selbst nicht von sich erzählt haben würde. Er war ein einziges Kind und Waise, aber er hatte seine Großeltern adoptiert, die nach seines Vaters Tode mittellos zurückgeblieben waren, und durch alle Lebensnöte hindurch hatte er es zuwege gebracht, ihnen ein behagliches und sorgenloses Dasein in einem kleinen Häuschen in Worcestershire zu ermöglichen. Er hatte ihnen auch nie gesagt, daß er sich in Nöten befunden hatte, damit sie sich nicht bedrückt fühlen mögen; wenn daher ihr Vierteljahrscheck eintraf, empfingen sie ihn als eine gute, aber nicht besonders bemerkenswerte Tat ihres reichen Enkels in der Stadt und dachten nicht entfernt daran, daß das, was er ihnen gab, ihm fehlen könnte. Auch er selbst betrachtete sein Handeln nicht als besonders tugendhaftes, sondern nur als etwas, was selbstverständlich geschehen mußte. Mittlerweile hatte er gewissenhaft seine Arbeit geleistet, war in dem Bureau, in das er als Subalternbeamter eingetreten war, rasch avanciert, hatte sich bei seinen Vorgesetzten durch sein freies, natürliches Wesen beliebt gemacht, und war aufgefordert worden in der zweiten Surrey-Mannschaft Cricket zu spielen. Wenn wir also auch nicht so weit gehen wollen zu behaupten, daß er eines Mädchens wie Maude Selby würdig war, so können wir doch sagen – soweit das möglich ist, ohne der tiefwurzelnden Bescheidenheit, die eine seiner liebenswürdigsten Eigenschaften war, zu nahe zu treten – daß er ein so würdiger Bewerber um sie war wie irgend ein anderer.

Sein unglückseliges künstlerisches Gemüt, das aus den Tropen der Erwartung bis in die arktische Region der Enttäuschung geeilt war, hatte sich eben endgiltig der schwärzesten Verzweiflung überlassen, in der Erkenntnis, daß Maude ihn offenbar und zweifellos aufgegeben habe, als die Bahnhofuhr Eins schlug und sie fast in derselben Sekunde hereineilte. Wie hatte er nur angestrengt anderen Frauen nachblicken können, als ob es einen zweiten Blickes bedurft hätte, wenn er sie wirklich sah! Die tadellos graziöse Gestalt, die reinen und eleganten Linien, die anmutig weibliche Kopfhaltung, der rasche, elastische Schritt – er hätte sie ohne Zögern unter Tausenden erkannt. Sein Herz sprang auf bei ihrem Anblick, aber er war von dem englischen Widerstreben beherrscht sich preiszugeben, und so schritt er mit unbeweglichem Gesichte rasch auf sie zu, aber mit einem Blick in den Augen, der alles war, was sie wollte.

»Guten Morgen!«

»Guten Morgen!«

Er stand einen Augenblick und sah sie wortlos an. Sie trug das Kleid, das ihm so sehr gefiel, einen silbergrauen Merinorock mit offener Jacke, die vorn die weiße Seidenbluse sehen ließ. Hellfarbiger Aufputz zierte den Rock. Dazu trug sie eine graue Toque mit einer weißen Kokarde an der Seite und einen weißen Schleier, der die Farben ihres frischen Mädchengesichtes und ihres dunkelbraunen Haares sänftigte, ohne sie zu verhüllen. Ihre Hände waren von hellgrauen »Schweden« umschlossen, und vom Saume des Rockes sahen die zierlichen Spitzen brauner Schuhe hervor, die den einzigen dunkleren Ton in ihre Toilette brachten. Crosse hatte einen angeborenen Künstlerblick, und er konnte nur stehen und schauen und genießen. Er war erfüllt von Bewunderung, von Ehrfurcht und von Staunen, daß ein so vollkommenes Geschöpf sich wirklich ganz sein eigen nannte. Was hatte er getan, oder konnte er tun, um das zu verdienen?

Sie sah ihn schelmisch von der Seite an, mit dem entzückenden Spitzbubenlächeln, das einer ihrer Reize war.

»Nun, mein hoher Herr, gefalle ich Ihnen?«

»Entzückend! Wundervoll!«

»Sehr erfreut! Ich hoffte auf deinen Beifall, da du grau so sehr liebst. Außerdem ist es kühler bei dieser Temperatur. Ich habe dich hoffentlich nicht warten lassen?«

»O nein, das hat nichts zu sagen.«

»Du sahst so schrecklich ernst aus, als ich dich zuerst erblickte!«

»Wirklich?«

»Und dann gab es dir einen förmlichen Ruck.«

»Wirklich? Das tut mir leid.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Ich möchte, daß unsere Gefühle ganz allein uns gehören, und niemals jemand anderem zum Bewußtsein kommen. Das ist vielleicht kindisch, aber ich empfinde es so.«

»Mach dir nichts daraus, Schatz. Es war kein so sehr starker Ruck. Wohin gehen wir nun?«

»Komm vorerst hier in den Wartesaal.«

Sie folgte ihm in den dunkeln, rauchigen, schmutzigen Raum. Gelbliche Holzbänke umgaben ein leeres Rechteck von braunem Linoleum. Ein Arbeiter, sein Weib und sein Kind saßen in einer Ecke und warteten mit der stumpfen Geduld der Armen. Sie wollten offenbar irgend einen Samstagnachmittagsausflug unternehmen und hatten die Abfahrtszeit des Zuges nicht gekannt. Maude Selby und Frank Crosse setzten sich in die andere Ecke. Er zog ein Etui aus der Tasche und öffnete den Deckel. Etwas glänzte in der Watte.

»O Frank! Ist er das wirklich?«

»Gefällt er dir?«

»Wie breit er ist! Mamas ist ganz dünn.«

»Sie werden mit der Zeit dünner.«

»Er ist wunderschön! Soll ich ihn probieren?«

»Nein, das nicht! Das bringt kein Glück.«

»Aber wenn er nicht paßte?«

»Das ist ausgeschlossen. Ich habe das Maß nach deinem Saphirring genommen.«

»Ich habe dich wegen des Saphirrings noch nicht halb genug ausgescholten. Wie konntest du nur hingehen und zweiundzwanzig Guineen für einen Ring ausgeben? Jawohl, mein Herr, das war der Preis, denn ich habe gestern das Duplikat davon in der Goldschmiedegenossenschaft gesehen. Du lieber, leichtsinniger Mensch, du!«

»Ich hatte das Geld erspart.«

»Aber nicht für diesen Zweck.«

»Für nichts halb oder viertel so Wichtiges. Aber ich habe diesen nach demselben Maß machen lassen, er wird also gewiß passen.«

Maude hatte den Schleier hinaufgeschoben und saß in Betrachtung des kleinen Goldreifs versunken, während der matte, wässerige Londoner Sonnenschein durch die Fensterscheiben hereinfiel und ihre wirren Löckchen mit kupfrigem Glanze umsäumte. Ihr Gesicht war schön an sich und noch verschönt durch den Ausdruck sensitiver, verfeinerter Weiblichkeit, unschuldigen Stolzes und mädchenhafter Schelmerei, der darüber lag; aber die träumerische Tiefe der Augen und ein weicher Zug um den Mund verrieten ein reiches Gemüt, mit allen Kräften der Hingebung und der Leidensfähigkeit ausgestattet. Der plumpe Bewunderer bloß körperlicher Vorzüge mochte achtlos an ihr vorübergehen. Ebenso derjenige, der nur durch die sichtbaren und auffallenden Anzeichen eines ausgeprägten Charakters angezogen wird. Aber für den, der sehen konnte, für den Mann, dessen Gemütsreichtum dem ihrigen entgegenkam, dessen Auge eine Schönheit zu schätzen verstand, die aus seelischen Eigenschaften ebenso wie aus körperlichen hervorging, für den gab es in dem ganzen großen London an diesem Hochsommertage kein entzückenderes Mädchen als Maude Selby, wie sie da in ihrer grauen Merinotoilette saß, während die Londoner Sonne ihre braunen Löckchen mit kupfrigem Glanze umspielte.

Sie gab ihm nun den Ring zurück, während ein ernsterer Ausdruck über ihre beweglichen Züge fiel.

»Mir ist so zu Mute, wie du in deinem Briefe sagtest, Frank. Es ist wirklich etwas Tragisches darin. Der Ring wird mich nie verlassen. Die ganze Zukunft wird sich um diesen Reif kristallisieren.«

»Ist dir bange?«

»Bange?« Ihr grauer Handschuh lag einen Augenblick auf seiner Hand. »Ich kann unmöglich vor irgend etwas Angst haben, wenn du bei mir bist. Es ist wirklich merkwürdig, denn von Natur bin ich so leicht geängstigt. Aber wenn ich mit dir bei einem Eisenbahnunglücke wäre oder etwas Ähnlichem, würde ich mich nicht fürchten. Weißt du, ich werde da gleichsam ein Teil von dir, und du hast Mut genug für zwei.«

»Ich möchte nicht behaupten, daß ich so mutig bin«, sagte Frank. »Ich glaube, ich habe gerade so viel Nerven wie meine Mitmenschen.«

Maudes graue Toque nickte. »Das weiß ich«, sagte sie.

»Du hast eine so falsche Vorstellung von mir. Es macht mich im Augenblick glücklich und nachher wieder elend, denn ich fühle mich förmlich als Betrüger. Du hältst mich für einen Helden, ein Genie und alles Mögliche, während ich weiß, daß ich gerade so ein gewöhnlicher Mensch bin wie irgend ein anderer junger Londoner und deiner nicht mehr wert als – als der erste beste.«

Sie lachte mit glänzenden Augen.

»Ich höre dich gern so reden«, sagte sie. »Das ist gerade so schön an dir.«

Es ist vergeblich, jemand beweisen zu wollen, man sei kein Held, wenn dieser Versuch selbst als Beweis des Heldentums aufgefaßt wird. Frank zuckte die Achseln.

»Ich hoffe nur, du wirst mich allmählich und nicht plötzlich in meiner wahren Gestalt erkennen«, sagte er. »Nun, Maude, wir haben den ganzen Nachmittag und ganz London vor uns. Was fangen wir an? Du sollst mir wählen.«

»Ich bin mit allem einverstanden. Ich will ganz gern auch bis zum Abend hier mit dir sitzen bleiben.«

Diese Vorstellung von einem angenehmen Nachmittag machte sie beide lachen.

»Komm«, sagte er, »wir wollen das im Gehen beraten.«

Die Arbeiterfamilie wartete noch immer, und Maude gab dem Kinde im Vorbeigehen einen Schilling. Sie war selbst so glücklich, daß sie gerne alle Menschen glücklich gemacht hätte. Die Leute sahen ihr nach, wie sie vorüberging. Mit der leichten Röte auf den Wangen und dem Glanz in den Augen war sie die Verkörperung von Jugend, von Leben und Liebe. Ein hochgewachsener alter Herr zuckte leicht zusammen und sah ihr nach, so lange er konnte. Einst war eine Wange errötet, war ein Auge erglänzt bei seinen Worten, und selige vergangene Tage lebten für einen Augenblick wieder auf.

»Wollen wir einen Wagen nehmen?«

»Frank, wir müssen uns daran gewöhnen sparsam zu sein! Gehen wir lieber.«

»Ich kann und will heute nicht sparsam sein.«

»Siehst du, welch schlechten Einfluß ich auf dich ausübe!«

»Höchst demoralisierend! Aber wir haben noch immer nicht entschieden, wohin wir wollen.«

»Was liegt daran, wenn wir nur miteinander sind?«

»Auf dem OvalCricketspielplatz im Süden Londons. findet heute ein interessanter Kampf zwischen den Australiern und Surrey statt. Möchtest du dahin gehen?«

»Ja, Schatz, wenn du willst.«

»Dann gibt es Matineen in allen Theatern.«

»Ich weiß, du bleibst lieber im Freien.«

»Ich will vor allem, daß du dich unterhältst.«

»Fürchte nichts. Das werde ich.«

»Gut, so beantrage ich, daß wir vorerst etwas essen.«

Sie überschritten den Vorplatz des Bahnhofes und kamen an dem schönen alten Steinkreuz vorbei. Inmitten der Cabs und Vierräder, der eiligen Reisenden und lungernden Kutscher erhob sich das prächtige mittelalterliche Kunstwerk, das fromme Denkmal, das ein großer Plantagenet seinem geliebten Weibe errichtet hat.

»Vor sechshundert Jahren«, sagte Frank, während sie standen und daran hinaufblickten, »ward dieses alte Steinkreuz aufgestellt, inmitten von Herolden und gewappneten Rittern, die es umgaben, um die zu ehren, deren Andenken der König damit ehren wollte. Nun stehen vierschrötige Träger da, wo die Ritter standen, und Lokomotiven pfeifen, wo einst die Herolde trompeteten, aber dasselbe alte Kreuz steht noch immer auf demselben Platze. An solchen kleinen Dingen erkennt man den undurchbrochenen Zusammenhang unserer Geschichte.«

Maude wollte von Königin Eleonore hören, und Frank sagte ihr das Wenige, was er wußte, während sie in das Menschengewühl des Strandes hinausschritten.

»Sie war die Gemahlin Eduards I. und eine ausgezeichnete Frau. Sie war es, die, wie du dich erinnern wirst, seine Wunde aussog, als er mit einem vergifteten Dolche gestochen wurde. Sie starb irgendwo im Norden Englands, und er ließ die Leiche südwärts bringen, um sie in der Westminsterabtei zu begraben. An jedem Punkte, wo der Zug halt machte, um zu übernachten, ließ er ein Kreuz errichten, und so zieht sich eine Reihe von Kreuzen durch die ganze Länge Englands, die die Stationen der traurigen Reise bezeichnen.«

Sie waren in die Whitehallstraße eingebogen und kamen an den riesigen Kürassieren auf schwarzen Pferden am Tor des Generalkommandos vorbei. Frank deutete auf eines der Fenster des alten Festsaales.

»Du hast eben das Denkmal einer Königin gesehen«, sagte er. »Dieses Fenster ist das Denkmal eines Königs.«

»Wieso, Frank?«

»Ich glaube, das war das Fenster, durch das Karl I. aufs Schaffot stieg, als ihm der Kopf abgeschlagen wurde. Es war das erste Mal, daß das Volk sein Souveränitätsrecht über den König reklamierte.«

»Armer Karl!« sagte Maude. »Er war ein so schöner Mann und ein so guter Gatte und Vater!«

»Gerade die guten Könige können die gefährlichsten sein.«

»O, Frank!«

»Wenn ein König nur an sein Vergnügen denkt, mischt er sich nicht in die Staatsangelegenheiten. Wenn er aber gewissenhaft ist, bemüht er sich das zu tun, was er für seine Pflicht hält, und verursacht Unheil. Sieh zum Beispiel diesen Karl. Er war ein sehr guter Mensch, und doch rief er einen Bürgerkrieg hervor. Georg III. war ein musterhafter Charakter, aber durch seine Dummheit verloren wir Amerika und beinahe auch Irland. Beider Nachfolger waren durchaus schlechte Menschen, die aber viel weniger verderblich wirkten.«

Sie hatten das Ende von Whitehall erreicht, und das prächtige Panorama der Westminsterabtei und des Parlamentsgebäudes lag vor ihnen. Das vornehmste alte englische Bauwerk fand sein Gegenstück in dem schönsten neuen. Wie etwas so Reizvolles von dieser geschmacklosen und nüchternen Nation gebaut werden konnte, bleibt wohl jedem Fremden ein Rätsel. Die Sonne schien auf die Vergoldungen des Daches, und die hohen Türme ragten in den leichten Londoner Nebel hinauf wie die Türme eines Feenpalastes. Es war der passende Sitz einer Regierungsgewalt, deren mildem Gebot ein Fünftel der Menschheit folgt – einer Gewalt, die von einer so geringen Waffenmacht unterstützt wird, daß nur die Einwilligung der Regierten sie aufrecht erhalten kann.

Frank und Maude standen und sahen hinauf.

»Wie schön!« rief sie. »Wie die Vergoldung den ganzen Bau schmückt!«

»Und wie dumm, daß sie nicht häufiger an unserer düsteren Londoner Architektur verwendet wird! Stell dir vor, wie großartig sich die vergoldete Kuppel der Paulskirche ausnehmen würde. Sie würde gleich einer strahlenden Sonne über der Stadt hängen. Aber hier ist unser Restaurant, Maude, und Big BenDie große Glocke im Turm des Parlamentsgebäudes. sagt uns, daß es ein Viertel vor zwei ist.«

 

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