Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160329
modified20180502
projectidc82912eb
Schließen

Navigation:

Schluß der Ouverture.

St. Albans, 14. Juni.

Mein geliebter Frank! Es ist schrecklich, seinen Namen so vor allen Leuten laut hinausrufen zu hören! Und was der Mann für eine Stimme hatte! Er donnerte förmlich: »Maude Selby, aus hiesigem Pfarrsprengel«, als wollte er, daß der ganze Pfarrsprengel ihn höre. Und dann warf er Dich so leicht hin. Er dachte offenbar, daß Frank Crosse aus Woking keinerlei lokales Interesse besitze. Aber als er wartend umherblickte, nach der Frage, ob irgend eine Ursache oder ein Hindernis bekannt sei, warum wir nicht vereinigt werden sollten, da überlief es mich förmlich. Mir war's, als müßte jetzt jemand aufschnellen wie ein Springteufel und in der Kirche eine Szene machen. Wie erleichtert war ich, als er zu einem anderen Gegenstande überging! Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen, aber ich fühlte, daß ich bis zum Halse hinunter errötet war. Dann sah ich durch die Finger auf Dich, und da saßest Du ganz gemütsruhig und heiter und schienst an der ganzen Sache Gefallen zu finden. Nächste Woche gehen wir zum Abendgottesdienst, wenn es Dir recht ist. Papa geht nicht mehr hin, seit der neue Organist da ist. Er sagt, er kann die Musik nicht ertragen.

Was für einen herrlichen Tag haben wir zusammen verlebt, Frank! Ich werde ihn nie, nie vergessen! Du bist so gut zu mir. Und ich hoffe, Du wirst niemals bereuen, was Du jetzt tust. Jetzt geht ja alles gut, so lang ich jung bin und Du mich für hübsch hältst. Ich bin ja so glücklich, daß Du mich dafür hältst, aber ich muß Dir dennoch sagen, daß ich es in Wirklichkeit nicht bin. Ich kann mir gar nicht denken, wie Du zu dem Urteil gekommen bist. Vermutlich dadurch, daß Du mich so oft nur mit Papa gesehen hast. Sähest Du mich neben Nelly Sheridan oder einem andern wirklich hübschen Mädchen, würdest Du sofort den Unterschied erkennen. Zufälligerweise gefallen Dir graue Augen und braunes Haar, und alles Übrige, aber das beweist noch nicht, daß ich wirklich hübsch bin. Es täte mir leid, wenn es darin ein Mißverständnis gäbe und Du erst dann auf die Wahrheit kämst, wenn es zu spät ist. Du solltest diesen Brief zum Nachschlagen aufbewahren, wie Papa immer sagt, er wird Dir einmal ganz interessant sein.

Ich wollte, Du könntest mich jetzt sehen – oder eigentlich, ich möchte um alles in der Welt nicht, daß Du mich jetzt sähest. Ich sehe erhitzt und unordentlich aus, denn ich habe gekocht. Ist es, wenn man darüber nachdenkt, nicht widersinnig, daß wir Mädchen die unregelmäßigen französischen Zeitwörter und die Geographie von China lernen, aber nicht das einfachste Gericht kochen? Es ist wahrhaft lächerlich. Aber es ist nie zu spät sich zu bessern, und so ging ich denn heute Vormittag in die Küche und machte eine Torte. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was für eine Menge von Dingen man selbst zu einer so einfachen Sache braucht. Ich dachte, die Köchin scherze, als sie sie alle vor mich hinstellte. Es war wie bei der Vorstellung eines Zauberers. Zuerst eine leere Schüssel, dann eine Schüssel mit kleingeschnittenen Äpfeln, und ein großes Brett, und eine Teigrolle, und Eier, und Butter, und Zucker, und Gewürznelken, und natürlich Mehl. Wir schlugen die Eier auf und taten sie in eine Schüssel – Du kannst Dir gar nicht denken, was für einen großen Quatsch ein Ei macht, wenn man die Schüssel verfehlt. Dann rührten wir sie mit Mehl und Butter und verschiedenen anderen Sachen. Ich rührte, bis ich ganz erschöpft war. Es ist kein Wunder, daß die Köchinnen meistens so dicke Arme haben. Als dann ein Teig daraus geworden war, rollten wir ihn aus und taten Äpfel hinein und bedeckten diese wieder mit einer Teigschichte und bogen die Enden um und brachten überall kleine Teigblättchen an und eine allerliebste kleine Krone in der Mitte. Dann schoben wir die Torte in die Ofenröhre und ließen sie dort, bis sie ganz braun war. Sie sah sehr hübsch aus, und Mama sagte, ich hätte sie sehr gut und fest gemacht. Sie war allerdings ziemlich schwer für ihre Größe. Mama wollte nichts davon essen, da sie, wie sie sagte, glaubte, Dr. Tristram wäre damit nicht einverstanden, aber ich aß ein Stück, und es war wirklich nicht so schlecht. Mama meinte, die Dienstleute könnten sie zum Abendbrot essen, aber die Dienstleute sagten, der arme Fensterputzer hätte eine große Familie, und so schenkten wir sie ihm. Es ist so angenehm, etwas Nützliches geleistet zu haben.

Was, glaubst Du, geschah heute vormittag? Zwei Hochzeitsgeschenke trafen ein. Das eine besteht aus einem sehr hübschen Fischbesteck in einem Etui. Es kommt von der guten alten Frau Jones Beyrick, an die wir wirklich gar keine Ansprüche haben. Es ist so lieb von ihr, und das Fischbesteck ist so nett. Das andere ist eine schöne Reisetasche von Onkel Arthur. Darauf steht ein Gold-Monogramm »M. C.« und ich rief: »O, wie schade, sie haben sich in den Buchstaben geirrt!« Mama lachte sehr. Ich denke, man gewöhnt sich bald daran. Stelle Dir aber vor, wie es Dir erschiene, wenn es umgekehrt wäre und Du Deinen Namen in den meinigen umändern solltest. Man könnte Dich Selby nennen, so viel man will, Du würdest fortfahren Dich Crosse zu fühlen. Ich habe da einen unbeabsichtigten Witz gemacht»To be cross« übellaunig sein., aber so sind die meisten Frauenwitze. Dieser Tage kam der Pfarrer in seinem Eselwagen zu uns, und Mama rief: »Ach, was für ein reizendes Tandem!« Sie hatte vermutlich sagen wollen GespannIm Englischen beginnen beide Worte mit demselben Buchstaben. – Anmerkung des Übersetzers., aber Papa sagte, das sei der beste Witz, den er seit langem gehört habe, worüber nun Mama sehr erfreut ist, obgleich ich glaube, daß sie noch immer nicht weiß, was daran eigentlich so komisch sein soll.

Was für einfältige Briefe ich schreibe! Erschrickst Du nicht, wenn Du sie liest und Dir denkst: das ist das Mädchen, mit dem ich mein Leben verbringen soll! Du scheinst aber gar keine Angst zu haben. Das finde ich so kouragiert von Dir! Dabei fällt mir ein, daß ich das, was ich am Anfang meines Briefes eigentlich sagen wollte, noch nicht gesagt habe. Selbst angenommen, daß ich hübsch sei, (und mein Teint ist manchmal geradezu abscheulich) darfst Du nicht vergessen, wie schnell die Jahre vorübergehen und wie bald eine Frau altert. Wir werden kaum verheiratet sein, und Du wirst eines Tages entdecken, daß ich zahllose Falten im Gesicht und keinen Zahn im Munde habe. Armer Junge, wie schrecklich wird das für Dich sein! Die Männer verändern sich so wenig und so langsam, und überdies macht es gar nichts aus, denn niemand heiratet einen Mann um seiner Schönheit willen. Aber Du mußt mich nehmen, Frank, nicht deswegen, wie ich aussehe, sondern deswegen, wie ich bin, um meines innersten, eigensten Wesens willen, so daß, wenn ich gar keinen Körper hätte, Du mich darum nicht minder lieben würdest. So liebe ich Dich, aber mit dem Körper bist Du mir dennoch lieber. Ich weiß nicht, wie ich Dich liebe, Frank. Ich weiß nur, daß ich wie in einem Traume bin, wenn Du bei mir bist, in einem wunderschönen Traume. Ich lebe nur für diese Augenblicke. –

Für immer Deine kleine

Maude.

P. S. Papa hat uns eben so erschreckt! Er kam herein und erzählte, der Fensterputzer und seine ganze Familie seien schwer erkrankt. Es war nur ein Spaß, denn er hatte durch den Kutscher von meiner Torte gehört. War das nicht abscheulich von ihm?

 

Woking, 17. Juni.

Meine süße kleine Maude! Ich möchte, daß Du Samstag Mittag nach der Stadt kommst. Ich begleite Dich dann abends nach St. Albans zurück, und wir werden wieder einen herrlichen Wochenschluß miteinander verleben. Ich denke an nichts anderes und zähle die Stunden. Bitte, komm gewiß und laß Dich durch nichts abhalten! Du kannst ja Deinen Willen immer durchsetzen. Jawohl, immer, mein Fräulein! Das weiß ich am besten.

Wir treffen uns um 1 Uhr beim Bücherstand im Charing-Croß-Bahnhof. Wenn etwas nicht stimmen sollte, telegraphiere mir in den Klub. Wir können zusammen einige Einkäufe besorgen und auch etwas Lustiges unternehmen. Sag Deiner Mutter, daß wir rechtzeitig zum Abendessen eintreffen werden. Mach noch eine Torte, und ich werde sie essen. Im Bureau gibt es jetzt gerade nicht viel zu tun, und ich könnte leicht für ein paar Tage entbehrt werden.

Du hast also ein Fischbesteck bekommen. Das ist seltsam, denn an eben demselben Tage habe auch ich mein erstes Geschenk bekommen, und es war ebenfalls ein Fischbesteck. Wenn wir Gäste einladen, werden wir mit Fisch anfangen und mit Fisch aufhören. Wenn wir noch ein Fischbesteck bekommen, werden wir ein Fischessen geben – oder wir werden eines der Bestecke Deiner Freundin Nelly Sheridan schenken, wenn sie heiratet. Sie werden immer zu brauchen sein. Dann habe ich noch zwei Geschenke bekommen. Eines ist eine verschließbare Likörgarnitur, von meinen Bureaukollegen. Das andere ein paar Bronzestatuetten, vom Cricketklub. Sie haben sie bestellt, ohne daß ich etwas davon wußte, und ich war nicht wenig erstaunt, als eine Deputation sie mir gestern Abend überbrachte. »Möge Eure Spielzeit lang sein und Eure Kompagnie unzertrennlich, bis Ihr jeder ›Hundert nicht aus‹ gemacht habt!« So lautet die Inschrift der beigefügten Karte.

Ich muß Dir nun von etwas Ernstem sprechen. Ich habe meine Rechnungen und Briefschaften durchgesehen und finde, daß ich viel mehr Schulden habe, als ich dachte. Ich war immer so sorglos und wußte nie genau, wie ich stand. So lange ich Junggeselle war, lag nicht so viel daran, denn ich wußte, ich brauchte mich nur ein paar Monate lang einzuschränken, um alles wieder glatt zu haben. Nun ist es aber anders. Die Rechnungen belaufen sich auf nahezu hundert Pfund. Die größte davon ist von Snell und Walker, meinen Schneidern, und beträgt zweiundvierzig Pfund. Aber ich habe meinen Hochzeitsanzug bei ihnen bestellt, und da werden sie vorerst nichts sagen. Ich werde genug Geld brauchen, um die andern zum größten Teil zu bezahlen. Aber um keinen Preis dürfen wir auf der Hochzeitsreise knapp sein – nein, das unter keinen Umständen! Vielleicht geraten einige Chèques unter unsere Hochzeitsgeschenke. Hoffen wir das Beste.

Aber es gibt noch etwas Ernsteres, worüber ich mich mit Dir beraten will. Du hast gewünscht, daß ich kein Geheimnis vor Dir habe, sonst würde ich Dich mit solchen Dingen nicht behelligen. Ich hätte es gelassen, bis wir uns Samstag sehen, aber ich möchte, daß Du inzwischen Zeit hast darüber nachzudenken, so daß wir dann zu einem Entschlusse kommen können.

Ich habe für jemand für einen unbegrenzten Betrag gutgestanden. Das klingt ziemlich furchtbar, nicht wahr? Aber es ist nicht so schrecklich, als es klingt, denn bis jetzt ist kein Schaden entstanden. Die Frage ist nur, was in Zukunft in dieser Sache geschehen soll, und die Antwort ist nicht eben leicht. Er ist ein sehr netter Mensch, ein Versicherungsagent, und im vorigen Jahre waren seine Rechnungen nicht ganz in Ordnung gewesen. Er wäre entlassen worden, aber da ich seine Frau und seine Kinder kenne, stand ich für ihn gut, daß er sich keine Unregelmäßigkeiten mehr werde zu schulden kommen lassen, und rettete ihm so seine Stelle. Sein Name ist Farintosh. Er ist einer jener liebenswürdigen, guten, schwachen Menschen, die man nicht umhin kann gern zu haben, obgleich man ihnen nie trauen kann. Natürlich könnten wir der Gesellschaft anzeigen, daß wir ferner nicht mehr garantieren, aber das wäre ein Donnerschlag für die arme Familie, und der Mann wäre zweifellos ruiniert. Wir wollen unser Glück doch nicht damit beginnen, daß wir andere unglücklich machen, nicht wahr? Aber wir wollen die Sache besprechen, und ich werde tun, was Du mir rätst. Es ist im Auge zu behalten, daß wir nur dann haften, wenn er etwas unterschlägt, und es ist sicher nicht wahrscheinlich, daß er das tun wird, nachdem er schon einmal eine so harte Lehre bekommen hat.

Unser künftiges Heim wird, glaube ich, wunderhübsch werden. Das Lindenhaus heißt es, und liegt am Maybury Road, nicht weiter als einen halben Kilometer von der Bahnstation entfernt. Wenn Du mit Deiner Mutter am Dienstag oder Mittwoch herkommen willst, so könnte ich mich für einen halben Tag frei machen, und Ihr könnt es Euch ansehen. Ein netter kleiner Rasenplatz liegt davor, und dahinter ein Garten. Wir haben ein Eßzimmer, ein Empfangszimmer, und – ich bitte sehr! – einen Wintergarten. Mehr als vier oder fünf Gäste können wir nicht gleichzeitig empfangen. An unsern »Jours« werden wir Tafeln anbringen müssen wie in den Theatern: »Empfangszimmer ausverkauft.« »Eßzimmer ausverkauft.« »Noch einige Plätze im Wintergarten.« Dann haben wir zwei hübsche Schlafzimmer, ein großes Dienstbotenzimmer, und eine Rumpelkammer. Mit einer Köchin und einem Stubenmädchen können wir sehr gut auslangen. Der Mietzins beträgt, bei dreijährigem Kontrakt, 50 Pfund jährlich, mit den Steuern etwa 62 Pfund. Es ist wie eigens für uns gebaut. Rupton Hale sagt zwar, wir müßten uns in Acht nehmen an die Mauern anzustreifen, und der größeren Sicherheit wegen wäre es besser hinauszugehen, wenn wir niesen wollen, aber das ist nur einer seiner Scherze.

Was für ein langweiliger, lederner Brief! Ich hoffe nur, daß ich Samstag in besserer Form sein werde. Ich bin ein Stimmungsmensch – leider! – und die Stimmungen kommen ganz ohne Rücksicht darauf, wie ich sein möchte, oder selbst, wie ich zu sein Ursache hätte. Ich hoffe sehr, daß ich Dir den Tag werde angenehm machen können – den letzten Tag vor dem großen Tag! Es hat Zeiten gegeben, wo ich Dir ein so schlechter Gesellschafter war, und gerade dann, wenn ich so sehr gewünscht hätte ein guter zu sein. Aber Du bist immer so hold und geduldig und besänftigend. Auf Samstag denn, mein Lieb! – Für immer Dein

Frank.

P S. Ich öffne das Couvert noch einmal, um Dir zu erzählen, daß ein großartiges Fischmesser mit unserem Monogramm darauf von Frau Preston, der alten Freundin meines Vaters, gekommen ist. – Gestern war ich beim Goldschmied in Regent Street und kaufte – was denkst Du? Er nimmt sich so schön aus auf dem schneeweißen Wattepolster. Ich habe sie gern sehr breit und ziemlich flach. Ich hoffe sehr, daß ich auch Deinen Geschmack getroffen habe. Es wird mir wunderseltsam zu Mute, wenn ich ihn ansehe. Komme was da mag, Sturm oder Sonnenschein, Kummer oder Seligkeit, der kleine Goldreif wird immer bei uns sein, und wir werden auf ihn sehen, bis wir nicht mehr sehen können. Samstag!! Samstag!! Samstag!!

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.