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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160329
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Fortsetzung der Ouverture

II. In Moll

Woking, 7. Juni.

Meine innigstgeliebte Maude! Ich wollte, ich hätte Dich hier, denn den ganzen Tag heute bin ich in einem Zustande tiefster, unbeschreiblicher Niedergeschlagenheit. Ich habe eine krankhafte Sehnsucht, Deine Stimme zu hören, den Druck Deiner Hand zu fühlen. Wie kann man niedergeschlagen sein, wenn man in drei Wochen der Gatte des süßesten Mädchens von England werden soll? Das frage ich mich, und die Antwort ist, daß gerade dies die Ursache ist, daß mein Gewissen mich quält. Ich erkenne, daß ich nicht recht gegen Dich gehandelt habe; ich schulde Dir Sühne, und ich weiß nicht, was ich tun soll.

In Deinem letzten lieben Briefe sprichst Du von Leichtfertigkeit. Du warst nie leichtfertig; aber ich, ich bin es gewesen, denn seit ich Dich lieben gelernt habe, war ich so von meiner Liebe umnebelt, habe von meinem Glück alles um mich her so vergolden lassen, daß ich kein Auge für die prosaischen Wirklichkeiten des Lebens hatte und Dich niemals darauf aufmerksam machte, welche Folgen unsere Heirat nach sich ziehen muß. Und nun, in der elften Stunde, kommt es mir erst zu Bewußtsein, daß ich Dich in Unwissenheit gelassen habe über einen Schritt, der vielleicht viel von dem Sonnenschein aus Deinem Leben hinwegnehmen wird. Was habe ich Dir zu bieten als Ersatz für das Opfer, welches Du mir bringst? Mich selbst, meine Liebe, alles, was ich habe – aber wie wenig ist das! Du bist ein Mädchen unter tausend, unter zehntausend, schön, heiter, liebenswürdig, das süßeste Menschenkind im ganzen Land. Und ich bin nur ein Durchschnittsmann, und das vielleicht kaum, mit wenig in meiner Vergangenheit, dessen ich mich rühmen könnte, und einer Zukunft voll ungewissen Ehrgeizes. Es ist ein schlechter Tausch für Dich, ein elend schlechter Tausch. Du hast noch Zeit. Überschlage die Kosten, und wenn sie zu hoch sind, dann ziehe Dein Versprechen zurück, ohne daß Du ein Wort oder auch nur einen Gedanken des Vorwurfs von mir zu fürchten hättest. Es handelt sich um Dein ganzes Leben. Wie könnte ich Dich zwingen wollen, an einem Entschluß festzuhalten, den Du gefaßt hast, ohne seine ganze Tragweite zu erkennen? Ich will Dir nun die Dinge darlegen, wie sie sind, und dann wird mein Gewissen beruhigt sein, komme, was da mag. Ich werde dann wenigstens das Bewußtsein haben, daß Du mit sehenden Augen handelst.

Du mußt Dein Leben, wie es jetzt ist, mit dem vergleichen, wie es dann sein wird. Dein Vater ist reich oder zum mindesten wohlhabend, und Du bist stets gewohnt gewesen alles zu haben, was Du begehrtest. So wie ich Deine Mutter und ihre Güte kenne, glaube ich, daß Dir kein Wunsch je unerfüllt geblieben ist. Du hattest stets angenehme Lebensverhältnisse, schöne Kleider, ein vornehmes Heim, einen wundervollen Garten, Deinen Hund, Deinen Kanarienvogel, Deine eigene Zofe. Und vor allem hattest Du nie gemeine Sorgen, hattest Dich nie um das Morgen zu kümmern. Ich sehe ja Dein ganzes bisheriges Leben deutlich vor mir. Vormittags Deine Musik- und Gesanglektionen, Gartenarbeit, Lektüre. Nachmittags gesellschaftliche Pflichten, Besuche zu machen oder zu empfangen. Des Abends Tennis, einen Spaziergang, wieder Musik, Deines Vaters Heimkehr aus der City, der fröhliche Familienkreis, zu zeiten ein Diner, Tanz, Theater. Und so in glatter Bahn weiter, Monat auf Monat, Jahr auf Jahr, während Deine sanfte, liebreiche, fröhliche Natur, Dein sonniges Antlitz alles um Dich herum beglückte und so wieder auf Dein eigenes Glück zurückwirkte. Warum solltest Du um Geld sorgen? Das war Deines Vaters Aufgabe. Warum Dich um die Haushaltung kümmern? Das war Deiner Mutter Sache. Du lebtest wie die Blumen und die Vögel und brauchtest nicht für die Zukunft vorzukehren. Alles, was das Leben bieten konnte, war von selber Dein.

Und nun mußt Du Dir einmal vorstellen, wie fortan Dein Leben sein soll, wenn Du noch immer gewillt bist, Dein Leben mit mir zu teilen. Gesellschaftliche Stellung habe ich Dir keine zu bieten. Was ist die gesellschaftliche Stellung der Frau eines zweiten Buchhalters in einer gegenseitigen Versicherungsgesellschaft? Sie ist undefinierbar. Was sind meine Aussichten? Ich kann erster Buchhalter werden. Wenn Dinton stürbe – und ich hoffe, er lebt noch lange, denn er ist ein vortrefflicher Mensch – würde ich wahrscheinlich seine Stelle bekommen. Höher kann ich dann nicht mehr steigen. Ich habe ein wenig an der Literatur genippt – einige Kritiken in Revuen – aber ich glaube nicht, daß daraus je etwas Ernstes wird.

Mein Einkommen ist 400 Pfund jährlich, nebst einer Provision auf von mir zugeführte Geschäfte. Diese macht aber fast nichts aus, und mit den 50 Pfund, die Du hast, bleiben wir sicherlich unter 500 Pfund jährlich. Hast Du bedacht, was es für Dich heißen wird, euere reizende Villa in St. Albans mit ihrem Frühstückzimmer, ihrem Billardzimmer, ihren weiten Rasenplätzen zu verlassen und in einem für 50 Pfund jährlich gemieteten kleinen Haus in Woking mit zwei Wohnzimmern und einem handgroßen Gärtchen zu wohnen? Habe ich das Recht, das von Dir zu verlangen? Und dann das Haushalten, das Einteilen, das Abwägen, das sich Einschränken, das Aufrechterhalten einer »anständigen« Außenseite bei einem begrenzten Einkommen! Das macht mich so elend, daß ich plötzlich sehe, daß Du mich heiraten willst, ohne eine Ahnung zu haben von der mühseligen Existenz, der Du entgegengehst. O Maude, meine süße Maude, ich fühle, daß Du ein zu schweres Opfer für mich bringst! Wäre ich ein Mann, würde ich Dir sagen: »Vergiß mich, vergiß alles! Laß unsere Beziehungen ein abgeschlossenes Kapitel in Deinem Leben sein!« Du kannst eine bessere Heirat machen. Ich und meine Sorgen werden wie eine große, schwarze Wolke kommen, um den Sonnenschein Deines Lebens zu verfinstern. Du bist so fein und zart, wie soll ich es ertragen, Dich mit den kleinlichen Nöten, mit den unaufhörlichen Zwängereien eines solchen Haushalts sich abquälen zu sehen! Ich denke an Deinen Liebreiz, an Deine holden kleinen Eigenheiten, an die verfeinerten Behaglichkeiten Deines Lebens und wie anmutig Du Dich ihrer bedienst. Du bist geboren und erzogen für die Sphäre, in der Du atmest. Und ich sollte das Glück, das mich Deine Liebe gewinnen ließ, mißbrauchen, um Dich herabzuziehen, um Dein Leben der Schönheit und des Schmucks zu berauben, um es mit kleinen, niedrigen, nie endenden, seelenverstumpfenden Sorgen zu beladen! Wie kann ich ein solch brutaler Egoist sein und Dich in das rohe Drängen und Balgen des Lebens hinabstoßen, die ich so hoch darüber stehend fand? – Dies sind die Gedanken, die sich mir den ganzen Tag über immer und immer wieder aufdrängen und mich in tiefste Verzweiflung stürzen. Ich habe Dir gestanden, daß ich manchmal Anfälle von Niedergeschlagenheit habe, aber noch nie war mir so schrecklich zu Mute wie jetzt. Ich wünsche meinem ärgsten Feinde nicht, so unglücklich zu sein, wie ich es heute bin.

Schreibe mir, meine heißgeliebte Maude, und sag mir alles, was Du hierüber denkst, die innersten Gedanken Deiner Seele. Ist es so, wie ich glaube? Verlange ich zu viel von Dir? Schreckt Dich die Veränderung Deines Lebens? Du erhältst diesen Brief morgen früh, und morgen abends sollte ich Deine Antwort haben können. Ich werde dem Briefträger entgegen gehen. Ich werde alle meine Kraft zusammennehmen, um ihm den Brief nicht aus der Hand zu reißen, oder mich sonst preiszugeben. Wilson war heute bei mir und redete mir mit gleichgiltigen Dingen die Ohren voll, während meine Gedanken von Dir und unserem Schicksal erfüllt waren. Er brachte mich schließlich zu wahren Mordgelüsten, aber ich denke, ich habe ihn doch lächelnd angehört und war nicht unhöflich gegen ihn. Was ist wohl das Richtige, höflich und heuchlerisch oder ehrlich und ungastlich zu sein?

Lebewohl, mein einziges, süßes Lieb, mir nur umso teurer, da ich fühle, daß ich Dich verlieren könnte. Ewig der Deinige

Frank.

 

St. Albans, 8. Juni.

Frank, um Himmelswillen, sag mir nur, was Dein Brief bedeutet! Du gebrauchst Worte der Liebe, und dennoch redest Du von Trennung. Du sprichst, als ob unsere Liebe etwas wäre, das man ablegen oder unterdrücken könnte. O Frank, Du kannst meine Liebe nicht von mir hinwegnehmen. Du weißt nicht, was Du mir bist – mein Leben, meine Seele, mein Alles. Ich würde willig, freudig mein Leben für Dich hingeben, jeder Schlag meines Herzens drängt nur zu Dir hin. Du weißt nicht, was Du mir geworden bist. Alle meine Gedanken gelten Dir, haben nur Dir gegolten seit jenem Abend bei den Arlingtons. Meine Liebe ist so tief und stark, sie beherrscht mein ganzes Dasein, jede meiner Handlungen vom Morgen bis zum Abend. Sie ist der Atem und der Puls meines Lebens, unveränderlich. Ich könnte ebensowenig meine Liebe verändern, als ich mein Herz verhindern könnte zu schlagen. Wie konntest Du, konntest Du nur an so etwas denken! Ich weiß, daß Du mich in Wahrheit ebenso liebst wie ich Dich, sonst könnte ich mein Herz nicht so vor Dir bloßlegen. Ich wäre zu stolz, mich Dir so auszuliefern. Aber ich fühle, daß Stolz nicht am Platze ist, wenn jeder Irrtum, jedes Mißverständnis lebenslanges Unglück für uns beide bedeuten könnte. Ich würde Dir nichts sagen als Lebewohl, wenn ich denken müßte, daß Deine Liebe sich im Geringsten verändert oder vermindert hat. Aber ich weiß, das hat sie nicht. O mein Lieb, wenn Du wüßtest, welch unerträgliche Qual schon der bloße Gedanke an eine Trennung verursacht, Du hättest einen solchen Gedanken niemals, aus was immer für einem Grunde, auch nur für einen Augenblick in Deine Seele treten lassen. Schon die ferne Möglichkeit allein ist zu furchtbar, um daran zu denken. Als ich Deinen Brief eben jetzt auf meinem Zimmer gelesen hatte, wurde ich beinahe ohnmächtig. Ich kann nicht mehr schreiben. O Frank, nimm meine Liebe nicht von mir. Ich könnte es nicht ertragen. Nein, nein, denn sie ist mein Alles. Wärst Du nur jetzt bei mir, ich weiß, Du würdest diese herzverbrennenden Tränen wegküssen. Ich fühle mich so matt und einsam. Ich kann dem, was Du schreibst, nicht ganz folgen. Ich weiß nur, daß Du von Trennung sprichst, und daß mir weh und todestraurig zumute ist.

Maude.

 

(Depesche.)

Von Frank Crosse an Miß Maude Selby,

Lorbeervilla, St. Albans.

Fahre mit dem Achtuhrzuge, komme Mitternacht an.

 

10. Juni.

Wie lieb von Dir, mein Einziger, daß Du ohne eine Minute Zauderns zwei Grafschaften im Schnellzuge durchrastest, nur um mich zu trösten und alle Mißverständnisse zu beseitigen. Es war ja freilich recht dumm von mir, mir Deinen Brief so zu Herzen zu nehmen, aber als ich nur etwas von Trennung las, geriet ich in so furchtbare Aufregung, daß ich nicht im stande war, über etwas anderes klar zu denken. Das eine Wort Trennung schien in feurigen Lettern quer über dem Blatt zu stehen und alles andere unlesbar zu machen. So setzte ich mich denn hin und schrieb einen närrischen Brief an meinen Herzensjungen, und mein Herzensjunge galoppierte quer durch den Süden Englands und kam um Mitternacht in einem jammervollen Gemütszustande hier an. Es war sehr süß von Dir, mein Lieb, daß Du kamst, und ich werde es Dir nie vergessen.

Es tut mir ja so leid, daß ich so unvernünftig war, aber Du mußt gestehen, Schatz, daß auch Du ein ganz klein wenig unvernünftig warst. Was für ein Einfall, daß, wenn ich einen Mann liebe, meine Liebe von der Größe seiner Behausung oder der Höhe seines Einkommens beeinflußt werden könnte! Ich muß lächeln, wenn ich daran denke. Glaubst Du, eines Weibes Glück hänge davon ab, ob sie ein Frühstückzimmer hat oder ein Billard oder einen Hund oder sonst eine von den Annehmlichkeiten, die Du aufzählst? Alle diese Dinge sind ja nichts anderes als der Aufputz des Lebens. Sie sind nichts Wesentliches. Das Wesentliche, das bist Du und Deine Liebe. Einer, der mich aus ganzem Herzen lieb hat. Einer, den ich aus ganzem Herzen lieb haben kann. Welche Veränderung macht das im Leben, wie wird alles ganz, ganz anders, verschönt, verherrlicht! Ich habe immer gefühlt, daß ich einer großen Liebe fähig sei, und nun ist sie über mich gekommen.

Zu denken, daß Du darauf verfielst, Du wärst in mein Leben getreten, um es zu verdunkeln! Du selbst bist ja mein Leben. Wenn Du ihm genommen würdest, was bliebe? Du sprichst von meinem glücklichen Dasein, eh ich Dich kannte. Aber wie inhaltslos war es! Ich las und spielte und sang, so wie Du es aufzählst, aber welche Leere in all dem! Ich tat es Mama zu liebe, aber ich sah nie so recht, wozu das alles sollte. Dann kamst Du, und alles war verwandelt. Ich las, weil Du gern liest und ich über Bücher mit Dir sprechen wollte. Ich spielte, weil Du die Musik liebst. Ich sang, weil ich hoffte, daß ich Dir gefallen werde. Was immer ich tat, ich tat es mit Beziehung auf Dich. Ich bemühte mich, ein besserer und edlerer Mensch zu werden, weil ich der Liebe würdig sein wollte, die Du mir entgegenbrachtest. Ich habe mich in den letzten drei Monaten mehr verändert, entwickelt, verbessert, als in meinem ganzen Leben zuvor. Und nun kommst Du und sagst, Du habest mein Leben verdunkelt! Du bist nun eines besseren belehrt. Mein Leben ist unendlich reich geworden, denn es ist erfüllt von der Liebe. Sie ist die Dominante meines Wesens, seine Grundlage, seine bewegende Kraft. Sie macht alle Energien und Talente, die ich besitze, frei und wirkend. Ich könnte Dir das alles nicht sagen, wenn ich nicht wüßte, daß Du eben so tief fühlst wir ich. Ich könnte die eine, große, einzige Liebe meines Lebens nicht für eine bloße Zuneigung in Tausch geben. Aber, nicht wahr, Du wirst nie mehr in den Irrtum verfallen, zu glauben, daß irgend welche materiellen Einflüsse auf unsere Liebe wirken könnten?

Und nun sind wir lange genug ernst gewesen. Mama war nicht wenig überrascht von Deiner stürmischen mitternächtigen Ankunft und Deiner eben so hastigen Abreise am Morgen darauf. Es war so lieb von Dir, mein Herzensschatz! Aber nun wirst Du nie wieder solche bösen Anfälle haben und an so schreckliche Dinge denken, nicht wahr? Wenn Du aber schon Anfälle haben mußt, dann ist jetzt die Zeit dazu, denn nach dem 30. kann ich durchaus keine mehr gestatten. – Auf immer Deine

Maude.

 

Woking, 11. Juni.

Mein einziges Lieb, wie süß Du bist! Ich habe Deinen Brief gelesen und wieder gelesen, und sehe immer mehr, wie hoch Deine Natur über der meinigen steht. Und Deine Auffassung von der Liebe, wie groß und selbstlos ist sie! Wie konnte ich sie so entwürdigen, zu denken, daß irgend ein weltliches Ding auf sie Einfluß haben könnte! Und dennoch war es nur meine unendliche Liebe zu Dir, mein heißes Verlangen, Dich in nichts durch mich verkürzt zu sehen, was mich so schreiben ließ, und darum will ich mich nicht zu sehr tadeln. Ich freue mich nun, daß die Wolke kam, denn um so freudiger strahlt die Sonne nachher. Und mir ist, als kennte ich dich jetzt um so viel besser, sähe viel tiefer in Deine Seele. Ich wußte, daß meine Liebe den ganzen Inhalt meines Daseins ausmacht – ach, wie schwer ist es, übermächtiges Gefühl mit den Worten der menschlichen Sprache auszudrücken! – aber ich wagte nicht zu hoffen, daß auch Du so tief empfindest. Ich wagte kaum, Dir alles zu sagen, was ich fühlte. In unserer Zeit des Lawn-Tennis und der Nachmittagtees scheint eine starke, elementare Leidenschaft, eine Leidenschaft, wie sie in Romanen und Gedichten vorkommt, beinahe unangebracht. Ich fürchtete Dich zu überraschen, fast zu erschrecken, wenn ich Dich ganz in mein Herz sehen ließ. Und nun hast Du mir zwei Briefe geschrieben, die alles das enthalten, was ich Dir hätte sagen können, wenn ich rückhaltslos gesprochen hätte. Alles ist wie aus meinem Herzen herausgeschrieben, nicht ein Wort, das nicht auch meine Empfindung ausdrückt. Meine Maude, ich mag manchmal leichthin reden oder schreiben, aber es hat nie ein Weib gegeben, nie, in der ganzen Geschichte der Menschheit, das heißer geliebt worden wäre, als Du von mir geliebt wirst. Komme, was da mag, so lange die Welt steht und noch ein Atemzug in meiner Brust ist, bist Du die Einzige für mich. Wenn wir vereint sind, gilt es mir gleich, was die Zukunft bringt. Wenn wir nicht vereint sind, kann die ganze Welt die Leere nicht ausfüllen.

Du sagst mir, daß ich Deinem Leben neue Impulse gegeben habe, daß Du mehr liest, mehr studierst, an allem stärkeres Interesse nimmst. Du hättest nichts sagen können, was mir mehr Freude gemacht hätte. Es ist herrlich! Es rechtfertigt mein Unterfangen, um Dich zu werben. Es gibt meinem Gewissen Beruhigung über alles, was ich getan habe: es muß das Rechte gewesen sein, wenn dies die Folge ist. Ich fühle mich so froh und gefestigt, seit ich das gelesen habe. Es ist ja ziemlich widersinnig, daß Du durch mich verbessert werden solltest, aber wenn Du es in Deinem holden Freimut sagst, kann ich mich nur darüber wundern und freuen.

Aber Du darfst Dich auch nicht zu sehr anstrengen, Kind. Du sagst, daß Du es tust, um mir Freude zu machen, aber das würde mir gewiß keine Freude machen. Ich will Dir ein abschreckendes Beispiel erzählen. Ich hatte einen Freund, der ein großer Liebhaber orientalischer Literatur war, Sanskrit und dergleichen. Er liebte ein Mädchen, und um ihm zu gefallen, vertiefte sie sich ebenfalls in diese Materie. In einem Monat hatte sie ihre Nerven ruiniert und wird sich vielleicht nie wieder ganz erholen. Es war über ihre Kraft. Sie hatte sich mit einer Sache zu sehr abgequält, zu der sie nicht veranlagt war. Ich will mit dieser Geschichte natürlich nicht sagen, daß es Deinen Geist zu sehr anstrengen würde, mit dem meinigen Schritt zu halten. Aber ich halte dafür, daß der weibliche Geist vom männlichen verschieden ist. Das schlanke Rapier ist ein edleres Gerät als das schwere Beil, aber man kann damit keine Bäume fällen.

Der Architekt Rupton Hale, einer der wenigen Freunde, die ich hier habe, hat die beklagenswertesten Ansichten über die Frauen. Letzten Mittwoch nachmittags haben wir zusammen Golf gespielt, und nachher gerieten wir in ein Gespräch über weibliche Intelligenz. Er behauptet, die Frauen strahlten nie eigenes Licht aus, sondern seien immer nur die Reflektoren eines anderen Lichtes, dessen Quelle man nicht sehe. Er gibt zu, daß sie eine sehr rasche Auffassung für fremde Geistesäußerungen haben; das sei aber auch alles. Ich wiederholte ihm einige sehr kluge Bemerkungen, die eine Dame bei Tisch zu mir gemacht hat. »Das waren die Spuren des Mannes, mit dem sie zuletzt gesprochen hatte«, erwiderte er. Nach seiner bizarren Theorie kann man aus der Unterhaltung mit einer Dame immer den Mann rekonstruieren, der zuletzt Eindruck auf sie gemacht hat. »Sie wird ebenso Sie auf den nächsten reflektieren, mit dem sie spricht«, sagte er. Es war sehr ungalant, aber geistreich.

Mein holdes Lieb, ehe ich schließe, laß mich Dir sagen, daß, wenn ich etwas Glück in Dein Leben gebracht habe, Du das meinige unendlich mehr bereichert hast. Meine Seele wurde erst zum vollen Dasein geboren an dem Tage, da ich Dich liebte. Bis dahin war sie so klein und eng und selbstisch gewesen, und das Leben war so hart, so sinnlos und ohne Ziel. Ein paar Jahre leben, essen, schlafen und dann sterben – wie war das alles schal, hohl und niedrig. Aber nun scheinen die engenden Mauern mit einem Schlag gefallen zu sein, und ein unendlicher Horizont dehnt sich rings um mich. Alles erscheint plötzlich voll neuer Schönheit. Die Londonbrücke, King William Street, Abchurch Lane, die schmale Treppe, das Bureau mit seinen Registerschränken und blanken Pulten, das alles ist verherrlicht, von einem goldenen Glorienschein umgeben. Ich bin kräftiger, ich gehe elastischer und atme tiefer. Und ich bin auch ein besserer Mensch geworden. Gott weiß, daß Raum genug dafür da war. Aber ich bemühe mich ernstlich, mir ein Ideal aufzustellen und ihm nachzuleben. Ich fühle mich wie ein Betrüger, wenn ich denke, daß Du mich auf ein Piedestal erhebst, während ein verborgener Winkel der mir gebührende Platz wäre. Ich gleiche dem Manne, von dem Browning erzählt, der über die Flecken auf seinem »unsauberen Fell« trauerte, sich aber des Schwanenkleides seiner Liebsten freute. Und so, meine süße, kleine, schwanengleiche Liebste, gute Nacht und meines Herzens ganze Liebe jetzt und immerdar.

Frank.

Samstag, Samstag, Samstag! Wie sehne ich den Samstag herbei, wo ich Dich wiedersehen soll! Und am Sonntag gehen wir miteinander zur Kirche, um das Aufgebot zu hören.

 

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