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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160329
modified20180502
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Das Trio

(Aus einem Briefe der Frau Frank Crosse an den Verfasser.)

Es ist merkwürdig, daß Sie mit solcher Zuversicht sagen, unser Kind sei wunderschön, und ferner, daß es ganz anders ist als alle andern Kinder. Es ist nämlich wirklich so, aber weder Frank noch ich können uns erklären, wieso Sie das wissen. Wir bewundern ungemein die Klugheit, mit der Sie das herausgefunden haben. Wenn Sie uns wieder schreiben, sagen Sie uns, bitte, wieso Sie darauf gekommen sind.

Ich will Ihnen gern von dem Kinde erzählen, da Sie mich so liebenswürdig darum bitten, aber Frank sagt, es hätte keinen Zweck, wenn ich anfinge, da nur ein Buch Papier im Hause sei. Ich werde jedoch ganz kurz sein, nicht etwa, weil ich nicht eine Menge zu erzählen hätte – Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein Engel er ist – sondern weil er jeden Augenblick aufwachen kann. Nachdem das geschehen ist, kann ich nur mit einer Hand schreiben, während ich mit der andern einen Federfächer bewege, und da ist es sehr schwer, sich richtig auszudrücken. Auf alle Fälle wissen Sie ja, daß ich nicht geübt darin bin, meine Gedanken zu sammeln und niederzuschreiben, Sie werden mich deshalb entschuldigen, wenn mein Brief ziemlich einfältig sein sollte. Frank hätte das viel besser gekonnt. Dennoch versuche ich es, denn er ist ein so süßes und wirklich außerordentliches Kind, daß es mir nicht zu schwer fallen sollte, Ihnen eine Schilderung von ihm zu geben.

Es wird vielleicht am besten sein, wenn ich Ihnen einen Tag seines Lebens beschreibe, und ein Tag gleicht so ziemlich dem andern. Niemand kann ihm vorwerfen, daß er unregelmäßig in seinen Gewohnheiten sei. Am Morgen gehe ich zuerst zu seiner Wiege, um zu sehen, ob er schon wach ist – obgleich ich weiß, daß er es nicht ist, denn das kündigt er uns stets sofort an, der Engel. Dennoch gehe ich hin und finde alles ruhig und nichts von ihm zu sehen als ein winziges Stumpfnäschen. Er hat ganz Franks Nase, nur ist sie nach der andern Seite gebogen. Während ich mich so über ihn beuge, kommt ein kleiner Seufzer, solch ein süßer, behaglicher Ton! Dann macht sich eine Art Erdbeben unter der Decke bemerkbar, und eine festgeballte Faust kommt zum Vorschein und fährt durch die Luft. Er hat eine solche lustige Art, mit den Händen durch die Luft zu fahren. Ein Auge wird halb geöffnet, als ob es sich vorsichtig umblickte, um zu sehen, ob es ratsam ist, das andere zu öffnen, und dann kommt ein langer Wehlaut, da er findet, daß seine Flasche nicht dort ist, wo er sie gestern gelassen hat, als er einschlief. Im Augenblick ist er in meinen Armen, ist gleich wieder ganz heiter und spielt mit den Spitzen am Halse meines Schlafrocks. Wenn er sieht, daß sein gutes warmes Bad bereitet ist, wird er sehr vergnügt und lacht und kichert in sich hinein. Etwas sehr Lustiges muß ihm passiert sein, ehe er in diese Welt kam, denn nichts, was seither vorgefallen ist, erklärt den Ausdruck fröhlichen Ergötzens, der manchmal in seine Augen kommt. Wenn er lacht, sagt Frank, sieht er aus wie ein lustiger alter, glattrasierter, zahnloser Klosterbruder – so pausbackig und behaglich. Er nimmt das größte Interesse an allem, was im Zimmer geschieht, blickt dem Kindermädchen nach, wie es hin- und hergeht, sieht zum Fenster hinaus und untersucht mein Haar und mein Kleid sehr genau. Er liebt ungekämmtes Haar, und eine hellfarbige Krawatte oder eine Brosche lenkt oft seinen Blick auf sich und macht ihn lächeln. Sein Lächeln ist ganz wunderbar und einzig. Wenn er so daliegt und mit seinen großen, ernsten blauen Augen vor sich hinsieht, erhellt sich sein Gesicht plötzlich, ein Mundwinkel zieht sich in unwiderstehlicher Weise hinauf, und seine Wangen werden lauter Grübchen. Er sieht so süß und unschuldig aus, und dabei so lustig und verschmitzt, daß seine närrische Mutter zugleich über ihn lachen und weinen möchte.

Dann kommt sein Bad, und dabei bezeigt er einen betrübenden Mangel an Vertrauen. Er findet Behagen an der Prozedur, aber er ist überzeugt, daß er sich nur durch seine eigenen Bemühungen vor dem Ertrinken bewahrt. Seine Händchen sind krampfhaft geballt, die Beine strampeln unaufhörlich, und er beobachtet alle Bewegungen seiner Mutter und des Kindermädchens mit Mißtrauen. Er freut sich, wenn er angekleidet wird, und lächelt anfangs, dann aber erinnert er sich plötzlich, daß er noch nicht gefrühstückt hat. Da verschwindet das Lächeln, das runde Gesichtchen wird rot und zornig und ganz bedeckt mit kleinen Runzeln, und er stößt einen klagenden Laut aus – mein armes Herzchen! Wenn die Flasche nicht gleich da ist, schlägt er ein lautes Geheul auf und bearbeitet die Luft mit seinen Fäusten, bis er sie bekommt. Er erinnert mich so oft an seinen Vater. Immer sucht er nach seiner Flasche, ergreift meinen Finger oder etwas an meinem Kleid, oder was ihm sonst in die Hände fällt, und führt es nach dem Munde, und wenn er dann findet, daß es nicht das ist, was er sucht, stößt er es ganz zornig weg. Wenn er dann endlich die Flasche kriegt, wird er das zufriedenste Wesen der Welt und saugt in tiefen, langen Zügen und mit so einem süßen kleinen Grunzen dazwischen. Sodann, als wohlgewaschenes, wohlgesättigtes Atom, ist er in der Stimmung sich umzusehen und Beobachtungen zu machen. Ich bin überzeugt, er hat den Kopf seines Vaters und sammelt alle möglichen Eindrücke und Erfahrungen für die Zukunft auf, denn er bemerkt alles. Ich glaubte früher immer, Kinder seien dumm und gleichgültig – und andere Kinder sind es ja vielleicht – aber er ist nie gleichgültig. Manchmal ist er fröhlich und vergnügt, manchmal zornig, manchmal ernsthaft beobachtend, aber immer wachen Geistes und aufmerksam. Wenn ich zu ihm komme, sieht er immer auf meinen Kopf, und wenn ich den Gartenhut mit den Blumen aufhabe, freut er sich so. Musseline hat er viel lieber als Seide.

Fast das erste, was ich dachte, als ich ihn sah, und was ich immer öfter und öfter denken muß, ist, wie jemand nur auf den Gedanken der Erbsünde verfallen konnte. Diejenigen, die daran glauben, haben nie in eines Kindes Augen gesehen. Ich kann nicht müde werden, sie zu betrachten, und manchmal glaube ich einen schwachen Schatten der Erinnerung darin zu sehen, als ob er noch manches aus einem früheren Leben wüßte und mir erzählen könnte, wenn er nur sprechen könnte. Eines Tages saß ich an seiner Wiege, – o Gott, Seine Majestät ruft! Entschuldigen Sie! Adieu! – Ihre aufrichtige

Maude Crosse.

P. S. Ich habe keine Zeit, diesen Brief noch einmal durchzulesen, aber ich will nur sagen, falls ich es vergessen hätte, daß er wirklich ein außerordentliches Kind ist.

 

Ende.

 

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