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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Cheyne Row Nr. 5

Frank hatte die Biographie Carlyles nach Hause gebracht, und Maude hatte darin in den halben Stunden gelesen, die ihr ihre mannigfachen Pflichten als junge Hausfrau frei ließen. Zuerst kam ihr das Buch ziemlich langweilig vor, aber als sie erst herausgefunden hatte, daß es, unter anderem, die Geschichte einer Ehe enthielt, wurde sie plötzlich lebhaft davon interessiert und nahm zugleich in leidenschaftlicher und einseitiger Weise Partei. Für die Geschichte Cromwells und Friedrichs des Großen und die andern großen Gegenstände waren ihre Gefühle nachsichtig, aber lauwarm. Aber die großen Frauenfragen: »Wie hat er sie behandelt?« und »Wie war ihr dabei zumute?« erfüllten sie mit dem ewigen und ganz persönlichen Interesse, womit sie noch jede Frau erfüllt haben. Ihre gütige Natur faßte selten einen Widerwillen gegen jemand, aber unter denen, die sie am wenigsten leiden mochte, begann die hagere Gestalt des Weisen von Chelsea weit hervorzuragen. Eines Abends, als Frank lesend vor dem Kamin saß, fand er plötzlich seine Frau vor sich auf dem Teppich, und ein Paar bittender Augen waren auf ihn gerichtet.

»Frank, ich möchte ein Versprechen von dir.

»Was denn, Kind?«

»Wirst du mir es geben?«

»Wie kann ich das sagen, ehe ich weiß, was es ist?«

»Wie abscheulich du bist, Frank! Vor einem Jahr hättest du erst versprochen und dann erst gefragt.«

»Aber ich bin nun ein alter, erfahrener Ehemann. Also, laß hören.«

»Ich will, daß du mir versprichst, daß du nie ein Carlyle werden wirst.«

»O nein, nie!«

»Wirklich?«

»Wirklich und wahrhaftig.«

»Du schwörst es?«

»Ich schwöre.«

»Du kannst dir nicht denken, Frank, wie froh mich das macht. Die liebe, seelensgute, aufopfernde Frau, – ich mußte heute wirklich weinen, als ich daran dachte, wie sie behandelt worden ist.«

»Wie denn?«

»Ich habe in deinem grünen Buch gelesen, und er erschien mir so kalt, sarkastisch und gefühllos. Er hat niemals anerkannt, was sie für ihn getan hat. Er hatte keine Gedanken für sie. Er lebte nur in seinen Büchern und nie in ihr – der rauhe, grausame Mann!«

Frank ging hinauf und kam mit einem Buch in der Hand zurück.

»Wenn du die Biographie gelesen hast, mußt du dies lesen, Schatz.«

»Was ist das?«

»Es sind ihre Briefe. Sie wurden nach ihrem Tode und bei Lebzeiten ihres Mannes zur Herausgabe vorbereitet. Du weißt, daß –«

»Bitte, Schatz, betrachte es stets als ausgemacht, daß ich gar nichts weiß. Es ist so angenehm, jemand vor sich zu haben, vor dem man sich nicht zu verstellen braucht. Also fang ganz vom Anfang an und erzähle.« Sie bettete ihren Kopf wohlig gegen seine Knie.

»Es ist nichts zu erzählen, oder sehr wenig. Wie du gelesen hast, hatten sie mancherlei Widerwärtigkeiten zu ertragen. Die Frau konnte recht gut für sich sorgen, glaube ich. Sie hatte eine messerscharfe Zunge, wenn sie wollte. Er, der arme Mensch, war ganz Leber und Nerven, von Jugend auf durch schlechte Nahrung vergiftet. Keine Kinder, um die Ecken ihrer Naturen zu mildern. Ein halbes Dutzend kleiner Schreihälse hätte ihnen wohl den Frieden gegeben. Um aber auf das zurückzukommen, was ich sagen wollte, er überlebte sie also um etwa fünfzehn Jahre. Während dieser Zeit sammelte er ihre Briefe und versah sie mit Anmerkungen. Du kannst diese Anmerkungen hier lesen, und der Mann, der sie schrieb, liebte seine Frau und verehrte ihr Andenken, wenn je ein Mann auf dieser Welt.«

Der liebliche Kopf an seinen Knien bewegte sich in ungeduldiger Verneinung hin und her.

»Was nützte das der armen toten Frau? Warum zeigte er ihr seine Liebe nicht durch Zärtlichkeit und Rücksicht auf sie, so lange sie lebte?«

»Ich sage dir ja, Maude, daß das von zwei Seiten anzusehen ist. Sei doch nicht so voreingenommen! Und vergiß nicht, daß niemand Carlyle so bittere Vorwürfe gemacht hat, wie er sich selbst. Ich könnte dir einzelnes aus seinen Anmerkungen vorlesen –«

»Also lies.«

»Hier ist zum Beispiel der erste Brief, worin sie von dem Umzug nach Cheyne Row erzählt. Sie hatten die erste Zeit ihrer Ehe in Schottland gelebt, wie du weißt, und er war nahe an vierzig, als sie nach London übersiedelten. Der Erfolg von ›Sartor Resartus‹ ermutigte sie zu diesem Schritt. Ihr Brief beschreibt die Übersiedlung. Hier ist sein Kommentar, nach ihrem Tode geschrieben: ›In einer Woche war alles gereinigt, geordnet und im wohnlichen Zustande; und alles blieb dauernd blank, kultiviert und schönheitsvoll in einem Grade, der einen überraschte. Ich habe alles das an anderer Stelle erwähnt, und wie meine kleine Jeannie das bewerkstelligte; heldenhaft, lieblich, rührend, trauervoll schön wie in dem Licht der Ewigkeit erscheint mir nun diese Zeit. Von Geburt auf hatte sie im Überfluß gelebt und wurde nun arm für mich – so edelmütig arm. Kein zweites solches Haus, in schönheitsvoller Sparsamkeit, in ruhiger, unauffälliger Weise für ein gleichsam unspürbares Minimum von Geld zu menschlicher Behaglichkeit und menschlicher Würde gestaltet, habe ich je gesehen, wohin ich auch kam.‹ Nun, Maude, hat dieser Mann seine Frau zu schätzen gewußt?«

Aber der eigensinnige Kopf verneinte noch immer.

»Worte, Worte«, sagte sie.

»Aber Worte, mit dem Klang der Wahrheit in sich. Kannst du echtes Gefühl von Pose nicht unterscheiden? Ich glaube, Frauen können das nicht, sonst würden sie nicht so oft betrogen werden. Hier die Vorbemerkung zu dem nächsten Brief: ›Trauervoll schön ist dieser Brief für mich, ein klares kleines Hauslicht, das rein und glänzend aus dunklen, unwirtlichen Stätten der Vergangenheit zu mir herüberblinkt –‹ und ein wenig später kommt die Anmerkung: ›O, meine arme kleine Frau – arm geworden für mich!‹«

»So höre ich ihn gerne reden. Ja, jetzt gefällt er mir wirklich etwas besser, Frank.«

»Du mußt dir zweierlei von ihm gegenwärtig halten, Maude. Erstens, daß er ein Schotte war, die von allen Menschen die letzten sind, die ihre Gefühle zeigen können; und zweitens, daß seine Seele stets mit irgendeinem weit entfernten Gegenstande im Ringen lag, wodurch er die naheliegenden kleinen Dinge vergaß.«

»Aber die kleinen Dinge sind alles für eine Frau«, versetzte Maude. »Wenn du je die kleinen Dinge vergessen solltest, Frank, höflich gegen deine Frau zu sein wie gegen jede andere Dame, liebevoll, rücksichtsvoll und teilnehmend, wird es mir keinen Trost gewähren zu wissen, daß du das größte Buch geschrieben hast, das es je gab. Ich würde dieses Buch geradezu hassen, und ich glaube auch, daß die arme Frau im Innern all die Bücher haßte, die ihr ihren Mann geraubt hatten. Ob ihr Haus wohl noch steht?«

»Gewiß. Möchtest du es sehen?«

»Nichts, was ich lieber möchte!«

»Wir bekommen ja einen ganzen Kreis vornehmer Bekanntschaften, Maude. Vor kurzem Pepys, und jetzt die Carlyles. Nun, wir können wohl kaum einen Samstagnachmittag besser verbringen. Wenn du mich also morgen im Charing-Cross-Bahnhofe treffen willst, werden wir zuerst gemütlich bei Gatti zu Mittag essen und dann nach Chelsea fahren.«

* * *

Maude war gewissenhaft sparsam, und Frank in seiner Art ebenfalls, denn mit der hohen Selbstachtung der Mittelklassen hielten sie Schulden für unerträglich. Einen Wagen zu nehmen anstatt den Omnibus zu benützen, gab ihnen ein Gefühl der Verschwendung; dessenungeachtet gönnten sie sich einen für diesen ihren Nachmittagsausflug. Es gibt nichts Angenehmeres als miteinander in einem Hansom zu sitzen; aber damit es auch wirklich ganz kosig und behaglich sei, muß eins dem andern den Arm um die Mitte legen. Es kann einen niemand sehen, denn das Vehikel ist nach einem klugen Plane gebaut. Der Kutscher freilich kann durch ein Loch im Dache herabblicken. Dieser Kutscher tat das und lachte in sich hinein. »Wenn den seine Frau so sehen könnte – o jemine!« sagte er.

Es war ein intelligenter Kutscher, denn da er Frank »Thomas Carlyles Haus« hatte sagen hören, nachdem er ihm die Adresse Cheyne Row Nr. 5 gegeben hatte, hielt er auf dem Themse-Quai an. Vor ihnen war die Chelsea-Brücke durch den dünnen Londoner Nebel zu sehen – gewaltige, zyklopische, massige Bogen wölbten sich über eine Fläche geschmolzenen Metalls, das Ganze ein wenig verschwommen, wie außerhalb des Gesichts-Brennpunktes liegend. Der Zauberschleier des Londoner Nebels – was gibt es auf Erden noch so Schönes? Aber nicht zum Zweck bewundernder Betrachtung hatte der Kutscher gehalten.

»Verzeihen Sie, Herr,« sagte er in der sanften, einschmeichelnden Weise des Londoners, »ich dachte, die Dame möchte vielleicht gern die Statue von Carlyle sehen. Da sitzt er, Herr, im Überrock, mit dem Buch in der Hand.«

Frank und Maude stiegen aus und betraten die kleine gitterumgebene Anlage, in deren Mitte das Monument stand. Es war sehr schlicht und einfach, ein alter Mann im Schlafrock, mit abgenützten Schuhen, ein Buch auf den Knien, Blicke und Gedanken weit weg. In ganz London gab es keine anspruchslosere Statue, aber sie war überraschend menschlich. Sie standen fünf Minuten lang in Betrachtung.

»So klein die Statue ist,« sagte Frank endlich, »so denke ich doch, sie ist des Mannes wert.«

»Sie ist ungemein natürlich.«

»Man kann ihn förmlich denken sehen. Bei Gott, ein Kunstwerk!« Frank hatte genug vom Künstler in sich, um den Enthusiasmus zu empfinden, den ein Werk hervorrufen soll, das seinem Gedanken voll entspricht. Dieser alte Mann, dessen Kopf von Vögeln jämmerlich verunziert war, bot ihm einen wahren Genuß. Unter den seelenlosen, schwülstigen, unmöglichen Londoner Statuen war hier endlich eine, vor der zu verweilen ein Vergnügen war.

»Was für eine derartige haben wir noch?«

»Gordon auf dem Trafalgar Square.«

»Ja, Gordon vielleicht. Aber unsere Nelsons und Napiers und Havelocks – zu denken, daß wir ihnen nichts Besseres zu bieten hatten! – Nun haben wir den Mann gesehen, Schatz, sehen wir uns das Haus an.«

Es war offenbar schon ein altertümliches Haus gewesen, als die Carlyles einzogen. 1708 war die Jahreszahl an der Straßenecke. Sechs oder sieben drapfarbene, flachbrüstige, trübfenstrige Häuser standen nebeneinander, das ihrige in der Mitte eingezwängt. Ein armseliges Medaillon mit dem Profil Carlyles war plump in die Mauer eingefügt. Einige ausgetretene Stufen führten zu der schmalen, hohen Tür mit einem altväterischen Fächerfenster darüber. Frank zog die Glocke, und eine rundliche, freundliche Frau mittleren Alters öffnete.

»Ihre Namen in dieses Buch – samt Adresse, bitte«, sagte die freundliche Frau. »Einen Schilling die Person – danke, Herr. Erste Tür links, bitte. Dies war das Eßzimmer –«

Aber Frank war in dem dunklen, düstern, holzgetäfelten Vorhaus stehen geblieben. Vor ihnen ging die Treppe nach oben, mit altväterischen, verbogenen, staubigen Geländern.

»Es ist schrecklich, wenn man daran denkt, Maude, schrecklich! Über diese Treppe lief sie hinauf als eine noch ziemlich junge Frau, diese Stufen nahm er zu zweien als rüstiger Mann, und dann humpelten und hinkten sie darüber, alt, müde und gebrochen, und jetzt sind beide tot und für immer dahin, und dieselbe alte Treppe steht noch immer da, mit demselben Geländer und denselben Stufen! Noch nie habe ich so ganz empfunden, was für Luftblasen wir sind, so wesenlos und in Nichts zerflossen, wenn wir uns auflösen.«

»Wie hätten sie in einem solchen Hause glücklich sein können?« sagte Maude. »Ich fühle förmlich, wie hier Sorgen und Kummer nisteten. Die ganze Atmosphäre ist bedrückend.«

Die freundliche Führerin billigte Empfindsamkeit, aber in gehöriger Ordnung. Man sollte zuerst im Eßzimmer gerührt sein und dann erst im Vorhaus. Auf ihre Ermahnung hin folgten sie ihr denn in das lange, niedrige, altmodische Gemach, in welchem dieses seltsame Paar seine Tage verbracht hatte. Von dem Mobiliar war nur noch wenig vorhanden; an den Wänden hingen Bilder, die sich auf das Leben der Carlyles bezogen, die gesammelt und hieher gebracht worden waren.

»Hier ist der Kamin, in den hinein er seine Pfeife rauchte«, sagte Frank.

»Warum in den Kamin hinein?«

»Sie wollte den Tabakgeruch nicht im Zimmer haben. Am Abend nahm er seine Freunde oft mit hinunter in die Küche.«

»Denk dir, wenn ich dich in die Küche hinunterschickte!«

»Zu jener Zeit war man weniger duldsam gegen die Gewohnheit des Tabakrauchens.«

»Und überdies rauchte er Tonpfeifen«, sagte die Führerin. »Dies hier wird als ein gutes Bildnis der Frau Carlyle angesehen.«

Es war ein schmächtiges, leidenschaftliches Gesicht, aus dem ein stolzer Geist sprach, und in dessen beweglichen Zügen Möglichkeiten von Leidenschaften sowohl für Gutes als für Böses zu lesen waren. Neben ihr das tiefgefurchte, hartgeschnittene Antlitz ihres Gatten. Ihre Lebensgeschichte stand in diesen beiden Bildnissen.

»Die Ärmste!« sagte Maude.

»Ach ja, das mögen Sie wohl sagen«, nickte die Führerin, deren Akzent die Schottin verriet. »Er war ein Mann, mit dem nicht leicht zu leben war. Seine eigene Mutter hat das gesagt. – Wozu, glauben Sie, hat das hier gedient?«

Sie hatte die Tür zu einem Raum am Ende des Eßzimmers geöffnet, der nicht viel größer als ein Schrank war und keinerlei Fenster oder sonstige Lichtöffnung hatte.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Das war das Puderzimmer, in der Zeit, da die Leute Perücken trugen. Der Puder machte solch einen Staub, daß sie einen eigenen Raum dafür hatten. In der Tür war ein Loch, durch das steckte der Mann den Kopf hinein, und der Barbier drinnen bepuderte ihn mit dem Mehlstreuer.«

Es war seltsam, so auf einmal in jene weitentfernten Zeiten zurückversetzt und daran erinnert zu werden, wie viele andere Menschen innerhalb dieser Wände ihre Tragikomödien abgespielt hatten. Perücken! Nur die vornehmen Leute trugen Perücken. Solche Leute hatten also in der Zeit der ersten George in denselben Räumen gelebt, über die Carlyle murrte und seine Frau sich kränkte. Und auch sie hatten gemurrt und sich gekränkt – und Schlimmeres vielleicht. Es war ein gespenstisches altes Haus.

»Dies«, sagte die freundliche Führerin, als sie mit ihr die Treppe hinaufgegangen waren, »war das Besuchszimmer. Das ist ihr Sofa.«

»Doch nicht das bekannte Sofa?« fragte Frank.

»Ja, Herr, das Sofa, von dem in den Briefen die Rede ist.«

»Sie war so stolz darauf, Maude. Sie kaufte es für achtzehn Shilling und polsterte und überzog es selbst. Und das dürfte wohl »der Schirm« sein. Sie war eine ausgezeichnete Hausfrau; war als verzogenes Kind aufgewachsen, wie sie selbst erzählt, und war doch eine ausgezeichnete Hausfrau. Was für ein Manuskript ist das in dem Glaskasten hier?«

»Das ist das Geschichtswerk, an dem er arbeitete, als er starb – etwas von den norwegischen Königen. Die blauen Schriftzeichen sind seine Korrekturen.«

»Ich kann sie nicht lesen.«

»Niemand konnte sie lesen, Herr. Deshalb wurde das Buch vielleicht auch nicht veröffentlicht. Dies sind die Bilder der preußischen Könige, über die er ein Buch schrieb.«

Frank betrachtete mit Interesse die alten Stiche, eines das Schulmeistergesicht des alten Fritz, das andere die froschähnlichen Züge Friedrich Wilhelms, des halbverrückten Liebhabers der langen Potsdamer Grenadiere darstellend. Als er damit zu Ende war, war die Führerin hinabgegangen, um die Tür zu öffnen, und sie waren allein. Maude faßte seine Hand.

»Ist es nicht seltsam, Schatz?« sagte sie. »Hier haben sie gelebt, das reichstbegabte Paar der Welt, und doch, bei all ihrer Weisheit fehlte ihnen das, was wir besitzen – was vielleicht die wackere Frau, die uns herumführte, besitzt –, das einzige, dünkt es mir, was das Leben wirklich lebenswert macht. Was sind aller Geist und alles Wissen und alles Erkennen der Dinge gegen die Liebe?«

»Bei Gott, kleines Frauchen, in diesem Hause der Weisheit ist noch kein weiseres Wort gesprochen worden als dieses. Nun, Gott sei Dank, wir besitzen sie wenigstens!« Und er küßte seine Frau, während sechs brandenburgische Kurfürsten und preußische Könige von der Wand strenge auf sie herabblickten.

Sie setzten sich in die zwei alten Sessel am Fenster und sahen hinaus auf die schmutzige Straße, und Frank versuchte sich all der großen Männer – »der andern großen Männer«, sagte Maude halb neckend, halb ernst – zu erinnern, die durch diese Fenster geblickt hatten. Tennyson, Ruskin, Emerson, Mill, Froude, Mazzini, Leigh Hunt – so weit war er gekommen, als die Führerin zurückkehrte.

In einer Ecke stand eine Vitrine mit einigem Strandgut aus diesen verschwundenen Schiffen. Kurze Inschriften von Goethe in einer eigenartig sauberen, knabenhaften Schrift auf verzierten Karten. Ebenso kleinere Widmungen zu Geschenken Carlyles an seine Frau. Es war angenehm, mitten in der Erinnerung an die Zwistigkeiten der Vergangenheit der Liebe zu gedenken, die sie geschrieben, und der andern Liebe, die sie so sorgfältig aufbewahrt hatte. Auf einer Karte stand: »Alles Gute geleite mein Lieb durch die Schlucht dieses Lebens und durch den langen Ozean, zu dem sie führt. Amen. Amen. T. C.« Auf einer andern, die 1850 datiert und offenbar einem Geburtstagsgeschenk beigegeben gewesen war: »Noch viele Jahre meiner armen, lieben Jeannie, und mögen die schlimmsten vorüber sein. Nichts Gutes in mir, das ich ihr geben kann, soll ihr fehlen, so lange ich lebe. Gott segne sie!« Wie seltsam, daß von diesem Apostel der Verschlossenheit solche intime Dinge wenige Jahre nach seinem Tode der Öffentlichkeit überliefert wurden!

»Das ist ihr Schlafzimmer«, sagte die Führerin.

»Und dies ist das alte rote Bett!« rief Frank. Es sah kahl, hohl und trübselig aus mit seinen vorhanglosen Bettpfosten.

»Das Bett hatte Frau Carlyles Mutter gehört«, erklärte die Führerin. »Es ist dasselbe Bett, von dem Frau Carlyle in ihren Briefen erzählt, daß sie es in seine einzelnen Bestandteile zerlegt hat.«

»Warum hat sie es in seine Bestandteile zerlegt?« fragte Maude.

»Frag lieber nicht, Schatz.«

»Sie haben recht, Herr. Wenn sie sich einmal in diesen alten Häusern eingenistet haben, ist es schwer, sie wieder wegzukriegen. Eine reinlichere Frau als Frau Carlyle hat es in ganz England nicht gegeben. Der kleine Raum dahinter war sein Ankleidezimmer. Hier im Winkel steht sein Spazierstock. Sehen Sie, was auf der Fensterscheibe steht.«

Es war wirklich ein gespenstisches Haus. In eine der Fensterscheiben war folgendes mit einem Diamanten eingeritzt:

»John Harbel Knowles hat alle Fenster in diesem Hause gereinigt und einige davon frisch angestrichen, in seinem achtzehnten Jahre.

Den 7. März 1794.«

»Wer war das?« fragte Maude.

»Das weiß niemand, Fräulein.« Es war charakteristisch für Maudes schüchterne Grazie, daß jeder sie für ein Fräulein hielt.

Frank betrachtete die Schrift genau.

»Er war der Sohn des Hauses und ein vornehmer junger Herr, der nie vorher in seinem Leben irgend etwas gearbeitet hatte«, sagte er.

Die Führerin war überrascht.

»Wieso wissen Sie das, Herr?« fragte sie.

»Wie käme ein Handwerker zu dem Namen John Harbel Knowles oder gar zu einem Diamantring? Und wer würde es wagen, ein Fenster zu bekritzeln, wenn er nicht zur Familie gehörte? Und warum wäre er so stolz auf seine Arbeit, wenn die Arbeit nicht etwas Neues und Erstaunliches für ihn gewesen wäre? Daß er einige Fenster anstrich und nicht alle, weist auf den Dilettanten hin und nicht auf den Fachmann. Daher glaube ich, daß es die erste Arbeit des Haussohnes war.«

»Sie mögen wohl recht haben, Herr, obgleich ich selbst nie daran dachte,« versetzte die Führerin. »Dies, bitte, ist Carlyles Schlafzimmer, worin er siebenundvierzig Jahre schlief. In der Vitrine ist ein Gipsabguß seines Kopfes, nach seinem Tode abgenommen.«

Es war seltsam und unheimlich, den Gipskopf in dem Raum zu sehen, worin der lebende Kopf so oft geruht hatte. Maude und Frank standen lange in seine Betrachtung versunken, während die Führerin, halb ungeduldig, halb beifällig, darauf wartete, daß sie weitergingen. Es war ein Adlergesicht, ganz verschieden von allen Bildnissen, die sie bisher gesehen hatten, mit eingefallenen Wangen, zahnlosem Munde, einer Hakennase, tiefliegenden Augen – die dürren Sparren dessen, was einst ein stattliches Haus gewesen war. Es lag Ruhe und auch etwas wie Staunen über den Zügen – ebenso ein Hauch von Würde und Gelassenheit.

»Die Entfernung vom Ohre zur Stirn soll sich nur noch bei Napoleon und Gladstone finden. So heißt es wenigstens,« sagte die Führerin mit schottischer Vorsicht.

»Es ist das Gesicht eines edlen Mannes, alles in allem genommen,« sagte Frank. »Ich glaube, daß der wahre Thomas Carlyle, ohne Dyspepsie, und die wahre Jane Welsh, ohne Nerven, einander in einem künftigen Leben kennen und lieben.«

»Der Gedanke hat etwas Schönes!« rief Maude. »Ach ja, ich hoffe, daß es so ist! Wie schön wäre der Tod, wenn man dessen sicher sein könnte!«

Die Führerin lächelte nachsichtig in der überlegenen Weisheit ihres Katechismus. »Es gibt drüben weder Heirat, noch Eheleute,« sagte sie, den Kopf schüttelnd. »Dies ist das Gastzimmer, Herr, wo Emerson schlief, wenn er sie besuchte. Und wenn Sie mir nun hieher folgen wollen, werde ich Ihnen das Arbeitszimmer zeigen.«

Sie betraten den merkwürdigen Raum, den Carlyle hatte eigens bauen lassen, in der Hoffnung, daß er alle Geräusche der Welt ausschließen werde, insbesondere das Hahnenkrähen und das Klimpern von Damenfingern auf dem Klavier. Er hatte ihn etwa hundert Pfund gekostet, und was dabei herauskam, war unerträglich heiß im Sommer, unmenschlich kalt im Winter, und so akustisch, daß jeder Laut der Umgebung darin widerhallte. In diesem Falle konnten alle seine stürmenden, wirbelnden Worte dem Gegenstande kaum genügen, alle seine »Kraftsprache« war nicht zu stark für den Anlaß. Im übrigen war es wenigstens ein hohes, geräumiges Gemach, mit Platz für sehr viel Bücher und für das Auf- und Abwandern eines reizbaren Menschen. Es gab hier Stiche von den Bildnissen vieler berühmten Männer, und Briefe und Reliquien in einer langen Vitrine.

»Dies ist eine seiner Tonpfeifen,« sagte die Führerin. »Er ließ sich alle direkt aus Glasgow kommen. Und dies ist die Feder, womit er ›Friedrich der Große‹ schrieb.«

Es war eine kurze, abgenützte alte Kielfeder, arg mitgenommen von ihrer Riesenaufgabe. Wenn eine Feder der Welt, so konnte diese in dem Bewußtsein ruhen, ihre Arbeit redlich getan zu haben. Franks Auge fiel auf ein Stück angebrannten Papiers daneben.

»Maude, sieh her!« rief er. »Da ist ein Stückchen von der verbrannten ›Französischen Revolution‹.«

»Ja, ich erinnere mich. Er lieh sie einem Freunde, und sie wurde aus Versehen verbrannt.«

»Welch ein Schlag! Welch ein fürchterlicher Schlag! Und zu denken, daß seine erste Äußerung zu seiner Frau war: ›Mill, der arme Mensch, ist ganz verzweifelt darüber.‹ Da haben wir Carlyle von seiner schönsten Seite. Und das ist wirklich ein Stückchen des alten Manuskripts. Wie schön er damals schrieb!«

»Lesen Sie dies, Herr,« sagte die Führerin.

Es war das Fragment eines Briefes Carlyles an seinen Verleger über sein zerstörtes Werk. »Bemitleiden Sie mich nicht,« hieß es da; »muntern Sie mich lieber auf als einen Renner, der gestrauchelt ist, aber nicht liegen bleiben, sondern weiter und weiter rennen wird.«

»Sieh, was ein großes Unglück aus einem Menschen machen kann,« sagte Frank. »Es erhob ihn zum Helden. Und doch konnte er das Krähen eines Hahnes nicht ertragen. Wie unendlich kompliziert ist die menschliche Seele – wie unbegrenzt groß und wie erbärmlich klein! – Da, sieh her, wenn ich je ein eigenes Arbeitszimmer habe, werde ich mir dies in die Wand meißeln lassen. Dies allein war unsere Pilgerfahrt nach Chelsea wert.« Ein kurzer Ausruf war ihm ins Auge gefallen:

»Ruhe! Ruhe! Werde ich nicht die ganze Ewigkeit haben, um auszuruhen?«

Das verklärte Gesicht dort drüben verlieh den tapferen Worten Nachdruck. Frank kopierte sie auf eine von Maudes Karten.

Mit den Zimmern waren sie nun fertig, aber die Führerin, auf die etwas von der Wärme dieser begeisterten Besucher übergegangen war, hatte ihnen noch allerlei zu zeigen. Vorerst den Garten hinter dem Hause. Da war der grüne, tönerne Sitz, auf dem der unphilosophische Philosoph seine Pfeife geraucht hatte – ein absonderlich kalter und unbehaglicher Ruheplatz. Hier war der Platz, wo Jane Carlyle versucht hatte ein Zelt zu errichten und sich auf dem Lande zu wähnen. Hier war der berühmte Nußbaum, das heißt, der Stumpf seines Stammes. Und hier war das Grab des Hundes Nero, des bekanntesten aller kleinen weißen Hunde.

Und zuletzt kam noch die finstere, unterirdische Küche, wo die lange Reihe von Dienstmädchen gelebt hatte, die stellenweise in den Briefen und dem Tagebuche Jane Carlyles auftauchen. Arme, im Dunklen hausende, für andere sich plagende Geschöpfe, die so hart gescholten werden, wenn zufällig einmal eine menschliche Schwäche den hergebrachten Gang ihrer nie endenden Arbeit auf einen Augenblick unterbricht, deren Freuden und Hoffnungen so eng begrenzt sind, – sie sind von allen Wesen dieses Planeten diejenigen, deren ein Mann wohl in Mitleid gedenken mag. So sprach Frank, als er sich in dem von Dunkelheit erfüllten Raume umsah. »Und nie ein Wort der Sympathie für sie, nichts als zornige Geringschätzung in allen seinen Briefen. Seine Feder kämpfte für die Würde der Menschheit, aber wo war die Würde dieser armen Mädchen, denen er gewöhnlich eine verächtliche biographische Zeile in seinen Anmerkungen zu den Briefen seiner Frau widmet. Das ist der größte Vorwurf, den ich ihm mache.«

»Jemima hätte sich das nicht gefallen lassen,« sagte Maude.

Es war angenehm, wieder in die freie Luft hinauszukommen, aber sie fuhren schon wieder durch das Nadelgehölz von Woking, und Maude hatte noch immer den düsteren Eindruck des alten, gespenstischen Hauses nicht ganz abgeschüttelt.

»Schließlich bist du erst siebenundzwanzig,« bemerkte sie, als sie von der Station heimwärts gingen. Sie hatte eine Art, manchmal einen Gegenstand so in der Mitte anzufassen.

»Nun, und dann, Schatz?«

»Als Carlyle siebenundzwanzig war, wußte er schwerlich schon, daß er alles dies tun würde.«

»Es ist kaum anzunehmen.«

»Und seine Frau mochte – wenn er um diese Zeit verheiratet war – für ihn so fühlen, wie ich für dich.«

»Zweifellos.«

»Was für eine Garantie habe ich dann, daß du das nicht schließlich tust?«

»Was?«

»Ein zweiter Carlyle wirst.«

»Ich schwöre es!« rief Frank, und sie schritten lachend durch die Gittertür des Lindenhauses.

 

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