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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160329
modified20180502
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Gefahr

Wieder das kleine, helle Eßzimmer mit den Strahlen der Morgensonne auf der hohen silbernen Kaffeekanne und dem blanken Brotkorb – alles ebenso wie am Tage vorher, selbst auch die Teller, die Jemima wieder zu wärmen vergessen hatte. Maude saß schweigend, während das Sonnenlicht auf ihrem Haar spielte und zwei rosige Epauletten auf ihre Schultern warf, und sah von Zeit zu Zeit mit fragendem Blick zu ihrem Mann hinüber. Er nahm in sich versunken sein Frühstück, und ihm war übel zu Mute. Ein Kampf spielte sich in ihm ab, denn sein Gewissen zog ihn nach dieser Seite, und sein Instinkt nach der andern. Der Instinkt ist eine uralte, konservative Kraft, während das Gewissen eine neue Erfindung ist; es ist also in der Regel mit Sicherheit vorherzusagen, was die Oberhand behalten wird.

Der Gegenstand des Kampfes war, ob er Maude von Violet Wright erzählen sollte oder nicht. Wenn diese ihre Drohung ausführte, war es sicherlich besser, wenn er Maude vorbereitete. Aber vielleicht wirkten bei Violet doch seine gestrigen Argumente nach, wenn ihre ungestüme Erregung sich gelegt hatte. Warum sollte er der Gefahr auf halbem Wege entgegengehen? Wenn sie kam, so konnte nichts, was er sagte, sie abwehren. Wenn sie nicht kam, so war keine Notwendigkeit da, etwas zu sagen. Sein Gewissen drängte ihn, vollkommen offen gegen seine Frau zu sein. Sein Instinkt sagte ihm, daß das, was er ihr da erzählen würde, obgleich sie es sanft und gütig aufnehmen mochte, doch in ihr nachwirken und ihre Gedanken vergiften würde. Und hier mochte wohl einmal der Instinkt den richtigeren Weg weisen als das Gewissen. Stellt nicht zu viel Fragen, ihr jungen Frauen! Seid nicht zu bereitwillig mit euren Bekenntnissen, ihr jungen Ehemänner! Es gibt Dinge, die vergeben werden können, aber niemals, niemals vergessen. Das kostbarste Ding der Welt, das Herz eines liebenden Weibes, ist zu zart, zu heilig, um durch leichtfertige Offenherzigkeit verletzt zu werden. Er gehört nun ihr. Sie gehört ihm. Die Zukunft gehört beiden. Es ist besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Die Ehepaare, die sich rühmen, keinerlei Geheimnisse vor einander zu haben, sind manchmal glücklich, weil ihr Berühmen manchmal nicht wahr ist.

»Heute kommst du aber nicht spät, Frank?« sagte Maude endlich, um die hohe Kaffeekanne herumblickend.

»Nein, Herzchen.«

»Du kamst gestern so spät.«

»Ich weiß.«

»Warst du im Bureau zurückgehalten?«

»Nein, ich habe mit einem FreundeIm Original kommt es dem Sprecher zugute, daß friend sowohl Freund als Freundin bedeutet. Tee getrunken.«

»Bei ihm zu Hause?«

»Nein, im Restaurant. Wo hat Jemima meine Schuhe hingetan? Ob sie sie auch geputzt hat? Ich kann das vom bloßen Ansehen nie beurteilen. Hier sind sie. Und mein Rock? Kann ich dir etwas in der Stadt besorgen? Also Adieu, Schatz, Adieu!« Maude hatte ihn noch nie so davoneilen gesehen.

Dem Manne, der sich jeden Morgen in die City begibt, ist es immer ein Rätsel, was seine Frau mit den sieben Stunden anfängt, die sie nun allein verbringt. Die Frau kann es ihrem Manne nicht erklären, denn sie kann es sich selbst kaum erklären. Die Zeit zersplittert sich auf tausend Kleinigkeiten, die jede für sich unbedeutend sind, und die doch in ihrer Gesamtheit den Unterschied zwischen einem geordneten und einem ungeordneten Haushalt ausmachen. Unter der ehrwürdigen Führung der allwissenden Frau Beeton wird die gewohnte Reihenfolge abgewickelt. Die Köchin muß instruiert, die Speisekammer nachgesehen werden, Überbleibsel werden geschickt in neue und anziehende Formen gebracht, das Abendessen wird angegeben (für Mittag ist alles gut genug), und die Vorräte werden erneuert. Der Gatte genießt abends die vortreffliche kleine Mahlzeit, die gebratene Scholle, das Ris de veau en caisse, den Zitronenpudding, als ob sie automatisch aus dem Tischtuch herausgewachsen wären. Er weiß nichts von der Sorgfalt, der Überlegung, der Voraussicht, der Anpassung an die wechselnde Jahreszeit, die nie ermatten und nie fehlen. Er genießt die Frucht, aber er ist blind gegen die Arbeit, die sie herangezogen hat. Und dennoch geht die Arbeit fröhlich und klaglos weiter.

Wenn die Vorbereitungen für das Abendessen – den feierlichen Höhepunkt des englischen Tages – beendet sind, gibt es für Maude noch immer genug zu tun. Aus dem Kragen eines Kleides ist die weiße Krause herauszunehmen und eine rosafarbene einzunähen. Im Lindenhaus wird fortwährend geschneidert, und Frank ist etwas vorsichtiger in seinen Zärtlichkeiten geworden, seitdem er eines Abends entdeckte, daß seine Frau eine Anzahl Stecknadeln zwischen den Lippen hatte, welche Entdeckung unangenehm ist, wenn man sie mit den eigenen Lippen macht. Dann sind Kasten in Ordnung zu bringen, Silberzeug zu putzen, die Blätter der Guttaperchapflanze zu waschen und die Straußfeder, die gestern feucht geworden, am Feuer neu zu krausen. Das läßt vor dem Mittagessen gerade noch Zeit, den neuen Roman anzufangen, indem man die beiden letzten Seiten aufschlägt, um zu sehen, was eigentlich geschehen ist, und dann kommt das drei Minuten währende Mittagessen der einsamen Frau. Sind nun die Arbeiten beendet, so folgen die schwierigeren gesellschaftlichen Pflichten. Der rosafarbene Schlafrock wird abgetan, und ein einfach elegantes Straßenkleid – graues, französisches Tuch mit weißem Einsatz vorne und einem grauen Zuavenjäckchen – tritt an seine Stelle. Fremde zu besuchen fällt nicht halb so schwer, wenn man mit seiner Toilette zufrieden ist, und sogar Besuche zu empfangen wird leichter, wenn man eine Schneiderin hat, die in Regent Street wohnt. An Dienstagen ist Maude »zu Hause«. An anderen Tagen geht sie ihren Visitekartenteller durch und ist entsetzt über ihre Unhöflichkeit gegen ihre Nachbarinnen. Aber sie kommt mit ihrer Aufgabe nie zu Ende, obgleich sie Tag für Tag erschöpft von ihren Anstrengungen heimkehrt. Noch immer machen ihr Fremde Antrittsbesuche – »Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät, Sie zu bewillkommnen, &c.« – und sie müssen dann ebenfalls besucht werden. Während sie diese Besuche macht, fallen neue Karten auf ihren Vorzimmertisch nieder, und so fährt die närrische und lästige Sitte fort, die Zeit und die Kräfte ihres Opfers zu verschlingen.

Die ersten Besuche von Fremden gestalteten sich in der Regel etwas schwierig. Jemima meldete einen Namen, der vielleicht einige Ähnlichkeit mit dem der Besucherin hatte, vielleicht auch nicht. Die Dame trat ein. Ihr Name war etwa Frau Baker. Maude hatte keine Möglichkeit zu wissen, wer Frau Baker sei. Die Besucherin ließ sich selten zu einer Aufklärung herbei. Zehn Minuten einer unzusammenhängenden und gezwungenen Konversation über Nadelwälder und Golf und Feuerbestattung.In Woking befindet sich ein Krematorium. – Anm. d. Übers. Eine Tasse Tee und ein Abschied. Dann lief Maude zum Kartenteller, um zu sehen, wer die Dame war, mit der sie gesprochen hatte.

Maude hatte an diesem Tage nicht die Absicht auszugehen, und sie hoffte, daß niemand kommen werde. Die Stunden der Gefahr waren fast vorüber, und es war nahe an vier Uhr, als die Hausglocke scharf ertönte.

»Frau White«, meldete Jemima, die Tür öffnend.

»Wright«, verbesserte die Besucherin, eintretend, »Frau Violet Wright.«

Maude erhob sich mit ihrem angenehmen Lächeln. Sie hatte ein besonders anmutiges und bezauberndes Lächeln, denn es war hervorgerufen von dem Wunsche eines gütigen Frauenherzens, allen, die mit ihr in Berührung kamen, Freundliches zu erweisen. Ihre Liebenswürdigkeit war nie erkünstelt, denn sie hatte den Instinkt einer wahren Lady, jenen Instinkt, von dem so oft gesprochen wird und der so selten zu finden ist. Gleich einem Gentleman, einem Christen oder irgendeinem andern Ideal wird auch dieses gewöhnlich von der Wirklichkeit nur in ziemlich schwächlichem Ersatz geboten.

Aber die Besucherin erwiderte die freundliche Willkommgebärde nicht, noch zeigte sich auf ihrem schönen Gesichte ein Reflex jenes sympathischen Lächelns. Sie standen einen Augenblick und sahen einander an, die eine groß, gebieterisch, gereift, die andere lieblich, mädchenhaft und schüchtern, aber jede schön und bezaubernd in ihrer Art. Glücklicher Frank Crosse, dessen Vergangenheit und Gegenwart sich in solcher Gestalt verkörperten; aber glücklicher noch, wenn er hätte die Vergangenheit vollkommen abschließen können, als die Gegenwart begann. Die Besucherin sprach nicht, aber ihre dunklen Augen ruhten scharf und kritisch auf ihrer Rivalin. Maude, die ihr Stillschweigen der Befangenheit eines ersten Besuches zuschrieb, versuchte ihr die Sache zu erleichtern.

»Bitte, nehmen Sie in diesem Armsessel Platz, wenn Sie wollen. Sie dürften wohl ermüdet sein. Die Nachmittage sind noch recht heiß. Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mich besuchen.«

Ein schwaches Lächeln huschte über das finstere Gesicht.

»Liebenswürdig von mir!« rief sie aus.

»Gewiß; denn in einem anwachsenden Ort wie Woking, wohin so viele neue Leute kommen, muß es eine schwere Aufgabe für die älteren Bewohner sein, sie alle zu bewillkommen. Ich bin überrascht von der Freundlichkeit, die mir so viele erweisen.«

»Ach so«, sagte die Besucherin. »Sie denken, ich wohne hier. Ich komme aber direkt aus London.«

»Ah!« sagte Maude, und erwartete eine Erklärung. Da keine kam, setzte sie hinzu: »Sie werden hoffentlich finden, daß Woking ein hübscher Ort ist.«

»Ein hübscher Ort, um da begraben zu werden, lebend oder tot«, erwiderte die andere.

Es war etwas besonders Unfreundliches in ihrem Ton und in ihrer Art. Es schien Maude, daß sie noch nie mit einer so seltsamen Frau allein gewesen sei. Da war vor allem ihre außerordentliche und doch zugleich fast finstere, üppige Schönheit. Dann die vollkommene Achtlosigkeit ihres Benehmens, die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie sich außerhalb der herkömmlichen Gebräuche des Lebens zu stellen schien. Diese Art ist nur in England zu finden, bei einigen Höchsten der hohen Welt und einigen Höchsten der halben Welt. Sie war Maude neu und gab ihr ein Gefühl der Unbehaglichkeit, gemischt mit der unklaren Empfindung, daß sie sich zum erstenmal in ihrem Leben die Feindseligkeit eines anderen Menschen zugezogen habe. Es durchschauerte sie wie eine Ahnung von Unheil.

Die Besucherin machte keinerlei Anstrengung, das Gespräch in Gang zu halten, sondern lehnte sich im Sessel zurück und sah ihr Gegenüber mit scharfem, prüfendem Blicke an. Die durchdringenden dunklen Augen glitten langsam von den braunen Löckchen herab bis zu den glänzenden Schuhspitzen, die unter dem grauen Kleid hervorsahen. Insbesondere verweilten sie auf dem Gesichte und versuchten darin zu lesen und wieder zu lesen. Maude war noch nie in dieser Weise betrachtet worden, und ihr Instinkt sagte ihr, daß die Betrachtung keine allzufreundliche war.

Nachdem Violet Wright ihre Rivalin genugsam angesehen hatte, wendete sie dieselbe kalte Aufmerksamkeit der Umgebung zu. Sie blickte gelassen im Zimmer umher und versuchte aus den Gegenständen, die sie sah, sich das Leben ihrer Besitzer zu rekonstruieren. Maude machte einige konventionelle Bemerkungen, aber die Besucherin war nicht geneigt, sich auf das Wetter oder die Langsamkeit der Züge auf der Südwestlinie ablenken zu lassen. Sie fuhr in ihrer ruhigen und wortlosen Prüfung fort. Plötzlich stand sie auf und ging zu einem Tischchen hin. Dort stand eine Photographie von Frank Crosse in seiner Freiwilligenuniform.

»Dies ist Ihr Gatte, Herr Frank Crosse?«

»Ja; kennen Sie ihn?«

»Flüchtig; wir haben gemeinschaftliche Freunde.« Ein zweideutiges Lächeln spielte auf ihrem Gesichte. »Dieses Bild scheint später aufgenommen zu sein, als da ich ihn zuletzt sah.«

»Es wurde nach unserer Hochzeit aufgenommen.«

»Richtig. Er sieht wie ein braver Ehemann aus. Das Bild ist geschmeichelt.«

»Finden Sie?« sagte Maude kalt. »Ich glaube vielmehr, daß es hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.«

Die Besucherin lachte. »Selbstverständlich müssen Sie das glauben«, sagte sie.

In Maudes sanfter Seele begann sich der Zorn zu regen.

»Es ist aber so!« rief sie.

»Es ist nur recht, daß Sie das glauben«, versetzte die andere mit demselben aufreizenden Lachen.

»Sie kennen ihn wohl nur sehr oberflächlich, wenn Sie das nicht sehen.«

»Dann kenne ich ihn eben nur oberflächlich.«

Maude war wirklich sehr zornig. Sie entdeckte plötzlich Eigenschaften in sich, die sie sich nie zugetraut hätte. Ihr kleiner Fuß klopfte auf den Teppich, und sie saß bleich, mit zusammengepreßten Lippen und funkelnden Augen da, vollkommen bereit, sehr schroff gegen diese seltsame Dame zu werden, die es wagte, ihren Frank so ungeniert zu kritisieren. Die Besucherin beobachtete sie, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich allmählich. Maudes offenkundiger Zorn schien sie zu belustigen und zu interessieren. Ihre Augen verloren ihre kritische Kälte und bekamen einen beifälligen Blick. Sie legte ihrem Gegenüber plötzlich die Hand auf die Schulter, mit einer so natürlichen und zugleich gebieterischen Gebärde, daß Maude es unmöglich fand sie übelzunehmen.

»Er ist glücklich zu nennen, daß er eine so warme Verteidigerin hat«, sagte sie.

Ihr starker Wille und ihre Weltkenntnis gaben ihr eine Übermacht über die mädchenhafte Frau, ebenso wie ihr Alter über deren Jugend. Es lagen keine zehn Jahre zwischen ihnen, und doch fühlte Maude, daß sie mit dieser Frau nicht auf gleichem Fuße sprechen konnte. Ihre gelassene Selbstsicherheit, woraus sie auch immer fließen mochte, ließ Unwillen und Abwehr nicht aufkommen. Überdies waren es ein paar ebenso freundliche als forschende Augen, die jetzt in die ihrigen blickten.

»Sie lieben ihn also sehr?«

»Selbstverständlich liebe ich ihn. Er ist mein Mann.«

»Folgt das immer daraus?«

»Sie sind ja selbst verheiratet. Lieben Sie Ihren Mann nicht?«

»O, lassen wir meinen Mann. Von dem ist nichts zu sagen. Haben Sie je einen andern geliebt?«

»Nein, nicht ernstlich.«

Maude wunderte sich über sich selbst, und doch waren die Fragen so offen gestellt, daß eine offene Antwort ganz natürlich schien. Es war ihr angenehm zu finden, daß das kalte Gefühl des Widerwillens schwand und daß ihre seltsame Besucherin aus irgendeinem Grunde freundlicher gegen sie geworden war.

»Sie Glückliche, Sie haben also wirklich die einzige Liebe Ihres Lebens geheiratet?«

Maude nickte lächelnd.

»Das ist ja wundervoll! Ich dachte immer, das käme nur in Büchern vor. Sie müssen ungemein glücklich sein!«

»Ich bin sehr, sehr glücklich!«

»Und Sie verdienen es, wie es scheint. Obendrein sind Sie auch wirklich sehr hübsch. Wenn Sie je eine Rivalin hatten, so muß es, glaube ich, ein Trost für sie sein, daß sie von einer so reizenden Frau verdrängt wurde.«

Maude lachte.

»Ich hatte nie eine Rivalin. Mein Mann hat keine wirklich geliebt, ehe er mich kennen lernte.«

»Hat er – o ja, natürlich! Es ist so hübsch, daß Sie beide auf einem reinen Blatt anfingen. Ich fand Sie allerliebst, als Sie vorhin zornig über mich waren, aber die Röte jetzt auf Ihren Wangen steht Ihnen entzückend. Wenn ich ein Mann gewesen wäre, so hätte Ihr Gatte an mir sicherlich einen Nebenbuhler gehabt, als er um Sie warb. Also hat er wirklich vor Ihnen nie geliebt? Ich dachte, daß auch das nur in Büchern vorkommt.«

Das letzte war wieder in einem harten und ironischen Tone gesagt, der Maudes zarte Natur verletzte. Sie blickte rasch auf und war überrascht von dem Ausdruck des Schmerzes, der in das Gesicht ihrer Besucherin gekommen war. Er machte jedoch alsbald dem heiterer Gelassenheit Platz.

»Das paßt ja vortrefflich«, fuhr sie fort. »Aber ich möchte Ihnen einen kleinen Rat geben, wenn Sie mir die Freiheit gestatten wollen: Seien Sie nicht selbstsüchtig in Ihrer Ehe.«

»Selbstsüchtig?«

»Ja, es gibt eine Art Familienselbstsucht, die ebenso schlimm ist, ja vielleicht noch schlimmer, als persönlicher Egoismus. Zwei Menschen lieben einander, und sie schließen sich gegen die Welt ab, haben keinen Gedanken für sonst jemand übrig, und das ganze Weltall mag zugrunde gehen, wenn sie nur in ihrer Liebe ungestört bleiben. Das ist das, was ich Familienselbstsucht nenne. Es ist eine Sünde und eine Schande!«

Maude sah die seltsame Frau betroffen an. Sie sprach rasch und leidenschaftlich, wie jemand, dessen bittere Gedanken sich lange aufgehäuft haben, aus Mangel an einem geeigneten Hörer.

»Denken Sie an die Frauen, die weniger glücklich waren als Sie. Denken Sie an die Tausende, die verschmachten aus Verlangen nach Liebe, und keine Liebe kommt in ihr Leben; deren Herzen sich sehnen nach dem, was die Natur ihnen schuldet, und die Natur zahlt ihre Schuld nicht. Denken Sie an die häßlichen Frauen. Und vor allem denken Sie an Ihre unglücklichen Schwestern, an sie, die weiblichsten von allen, die dem Verderben anheimfielen durch ihre Weichheit, durch ihre liebende, vertrauende Schwäche. Jene Familienselbstsucht, von der ich sprach, verwandelt jedes Haus im Lande in eine Festung, die sich unbarmherzig gegen diese armen Wanderer schließt. Man treibt sie zur Schlechtigkeit und verachtet dann die Schlechtigkeit, zu der man sie getrieben hat. Wenn ich zurückblicke –«

Ein plötzliches Schluchzen erstickte ihre Stimme. Ihr Arm fiel auf den Kaminsims und ihre Stirn auf den Arm. Im Augenblick war Maude an ihrer Seite, während die Tränen über ihre Wangen herabliefen, denn der Anblick von Kummer bereitete ihr stets Kummer, und ihre Nerven waren geschwächt durch die seltsame Unterredung.

»Liebe Frau Wright, weinen Sie doch nicht!« flüsterte sie, und ihre kleine, weiße Hand strich in zögernder Liebkosung über das reiche, dunkelbraune Haar. »Bitte, weinen Sie nicht! Sie haben wohl viel gelitten. Wie gerne würde ich Ihnen helfen! Bitte, sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann!«

Aber Violets gelegentliche Schwächeanfälle waren nie von sehr langer Dauer. Sie wischte sich mit ungeduldiger Gebärde die Augen, richtete ihre hohe Gestalt auf und lachte, als sie sich im Spiegel sah.

»Madame Celandine wäre entsetzt, wenn sie sähe, wie ich eines ihrer Meisterwerke behandle«, sagte sie, indem sie ihren geknitterten Hut und ihr ein wenig verschobenes Haar mit jenen raschen, leichten Schlägen der flachen Hand ordnete, womit Frauen in kurzer Zeit so viel zuwege bringen können. In Unordnung geratener Putz bringt die Hände jedes in der Nähe befindlichen weiblichen Wesens in Bewegung; Maude beteiligte sich daher an dem Tappen und Zupfen und Rücken und vergaß ihre Tränen ganz.

»So, das wird genügen«, sagte Violet endlich. »Es tut mir sehr leid, daß ich mich so lächerlich gemacht habe. Gewöhnlich irre ich nicht nach der sentimentalen Seite ab. Ich glaube, es wird nun Zeit sein, daß ich an die Rückfahrt nach der Stadt denke. Ich habe eine Verabredung fürs Theater, die ich nicht gerne versäumen möchte.«

»Wie seltsam es doch ist!« sagte Maude, auf ihr hübsches Gesicht mit den Tränenspuren im Spiegel blickend. »Ich kenne Sie erst seit wenigen Minuten, und doch fühle ich mich Ihnen in vielen Dingen vertrauter als irgendeiner andern Frau, der ich bisher begegnete. Wie kommt das nur? Welches Band ist zwischen uns, das uns einander entgegenzieht? Und das ist um so merkwürdiger, als ich fühlte, daß ich Ihnen antipathisch war, als Sie hier eintraten, und Sie werden wohl nicht beleidigt sein, wenn ich Ihnen sage, daß ich bald darauf glaubte, daß auch Sie mir antipathisch seien. Ich glaube das aber nicht mehr. Im Gegenteil, ich wünschte, Sie kämen jeden Tag. Und ich möchte auch zu Ihnen kommen, wenn ich in der Stadt bin.«

Maude war, bei all ihrer Liebenswürdigkeit, zurückhaltender Natur, und diese lange Rede setzte sie nicht wenig in Erstaunen, wenn sie später an sie zurückdachte. Aber in diesem Augenblicke kam ihr das so natürlich vom Herzen, daß sie sich der Seltsamkeit gar nicht bewußt war. Ihr Enthusiasmus erfuhr jedoch eine ziemliche Abkühlung durch die Art, wie ihr Entgegenkommen erwidert wurde. Violet Wrights Augen blickten freundlicher als je, aber sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich glaube nicht, daß wir uns je wiedersehen werden. Ich kann Sie leider nicht einladen, mich in London zu besuchen. Ich wollte Sie kennen lernen, und ich habe Sie nun kennen gelernt, aber, so leid es mir tut, dabei müssen wir es bewenden lassen.«

Maudes Unterlippe bebte, wie immer, wenn sie verletzt war.

»Warum wollten Sie mich also kennen lernen?« fragte sie.

»Wegen der oberflächlichen Bekanntschaft mit Ihrem Mann. Ich dachte, es würde mich interessieren zu sehen, was für eine Frau er sich gewählt hat.«

»Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht«, sagte Maude mit schelmischem Gesicht.

»Er hat vortrefflich gewählt, – besser als ich geglaubt hätte.«

»Sie haben also keine große Meinung von seinem Geschmack?«

»O doch, ich hielt stets sehr viel von seinem Geschmack.«

»Sie haben eine so hübsche Art sich auszudrücken. Sie kennen meinen Mann nur wenig, aber ich sehe, daß Sie die Welt sehr gut kennen. Ich frage mich oft, ob ich wirklich die beste Frau bin, die er hätte heiraten können. Glauben Sie, daß es so ist, Frau Wright?«

Die Besucherin blickte eine kurze Weile schweigend auf die zarte Anmut und liebliche Grazie der Frau vor ihr.

»Ja,« sagte sie dann langsam, wie jemand, der seine Worte wägt, »ich glaube das. Sie sind eine Lady mit dem Herzen einer Lady. Eine Frau kann einen Mann sehr tief herabziehen und kann ihn zum Höchsten anspornen, dessen er fähig ist. Seien Sie nicht weich gegen ihn. Geben Sie nicht nach, wenn Sie fühlen, daß Ihre Art die höhere ist. Ziehen Sie ihn empor, lassen Sie ihn nie Sie herabziehen. Dann wird seine Achtung vor Ihnen seine Liebe zu Ihnen verstärken, und beide zusammen sind unendlich mehr als jedes für sich. Ihr Instinkt wird Sie anleiten, so zu handeln, und deshalb sind Sie die beste Frau für ihn.«

Sie gab ihr Urteil mit so viel Bedacht und so viel Entschiedenheit zugleich, daß Maude vor Glück und Stolz errötete. Erkenntnis und Autorität sprachen aus den Worten dieser unbegreiflichen Frau.

»Wie liebenswürdig Sie sind!« rief sie. »Ich fühle, daß Sie wahr sprechen. Das sollte jede Frau ihrem Manne sein. Und, will's Gott, ich werde es meinem Frank sein.«

»Und noch einen kleinen Rat, ehe ich gehe«, fuhr Violet Wright fort. »Halten sie sich Ihres Mannes nie für sicher. Nehmen Sie seinen Kuß und seine Liebkosung nie als etwas Selbstverständliches an. Ermatten Sie nie in den kleinen Aufmerksamkeiten, die Sie ihm in der ersten Zeit erwiesen. Lassen Sie die Frische der Liebe nicht verwelken, die Liebe selbst könnte ihr bald folgen, wenn auch die Pflicht den Mann treu erhält. Das ist der am häufigsten vorkommende Fehler, den die Frauen machen. Er hat mehr Unglück verursacht als irgendein anderer. Sie merken das nicht eher, als bis es zu spät ist. Seien Sie eifrig bedacht auf die Wünsche und die Bequemlichkeit Ihres Mannes. Es ist nicht die Bequemlichkeit, die er schätzt, sondern die Aufmerksamkeit. Wenn diese fehlt, wird er nichts sagen, wenn er ein gutmütiger Mensch ist, aber er wird es gleichwohl bemerken. Sie ist anders geworden, wird er denken. Und von dem Augenblick wird auch er anfangen anders zu werden. Hüten Sie sich davor. Es ist übrigens sehr selbstlos von mir, Ihnen alle diese weisen Ratschläge zu geben.«

»Es ist sehr gütig von Ihnen, und ich fühle, wie sehr Sie recht haben. Aber warum wäre es selbstlos?«

»Ich wollte nur sagen, daß ich ja keinerlei Interesse daran habe. Was kann es mir ausmachen, ob Sie seine Liebe bewahren oder nicht? Und doch – ich weiß nicht.« Sie schloß Maude plötzlich in ihre Arme und küßte sie auf die Wange. »Sie sind ein liebes kleines Frauchen, und ich hoffe, daß Sie glücklich sein werden.«

* * *

Frank Crosse hatte sich aus der Menge der die Station Woking verlassenden, aus der City heimkehrenden Männer losgelöst und schritt in der zunehmenden Dämmerung rasch auf dem schlechtgehaltenen Wege dahin, der die kürzeste Verbindung mit dem Lindenhause bildete. Plötzlich sah er, und ein Stich ging durch sein Herz, eine große, elegante Frauengestalt auf sich zukommen. Es konnte nicht zwei Frauen auf der Welt geben, die diesen Gang und diese Haltung hatten.

»Violet!«

»Halloh, Frankie! Ich dachte mir, du seist es, aber diese Zylinder und schwarzen Röcke machen alle Männer gleich. Deine Frau wird sich freuen, dich wiederzusehen.«

»Violet, du hast unser Glück zerstört! Wie konntest du nur das Herz haben! Gott weiß, ich spreche nicht für mich. Aber daß ihre Gefühle so tief verletzt worden sind, ihr Vertrauen so erschüttert –«

»Na, sei nur ruhig, Frankie, es ist kein Grund zur Tragik da.«

»Warst du nicht bei mir?«

»Ja.«

»Und hast mit ihr gesprochen?«

»Auch das.«

»Nun denn –«

»Ich hab' dich nicht verraten, mein Junge. Ich war ein Muster von Diskretion. Ich geb' dir mein Wort, daß nichts passiert ist. Und sie ist ein herziges Frauchen, Frankie. Du bist nicht wert, ihre hübschen kleinen Lackschuhe abzuwischen. Das weißt du selber ganz gut. Und bei Gott, Frankie, wenn du gestern bei mir geblieben wärst, so hätt' ich dir das nie verziehen – niemals! Ich will zu ihren Gunsten verzichten. Jawohl, das will ich. Aber zugunsten keiner andern, und wenn ich je höre, daß du Seitensprünge machst, oder das süße, vertrauende Ding anders als mit der größten Zärtlichkeit behandelst, so werde ich dafür sorgen, daß du den Tag verfluchst, da du mich kennen lerntest, so wahr ich Violet heiße!«

»Das magst du, Violet, ich gebe dir das Recht.«

»Gut. Dabei lassen wir's bewenden. Gib mir nun einen Kuß zum Abschied.«

Sie hob den Schleier, und er küßte sie. Er trug eine welke Blume im Knopfloch, und sie zog sie heraus.

»Das nehme ich als Andenken an unsere Freundschaft mit, Frankie, und zugleich als ihr gar nicht übles Symbol. Servus!« Und damit setzte sie ihren Weg zur Station fort. Ein junger Golfspieler, der in Byfleet einstieg, war nicht wenig erstaunt, eine schöne Dame bitterlich weinend in der Ecke eines Coupés zweiter Klasse sitzen zu sehen. »Wahrscheinlich bei so einer Verbrennung da drunten gewesen«, war seine Erklärung gegen seinen Gefährten.

Frank bekam von Maude eine lange und lebhafte Schilderung des erstaunlichen Besuches, den sie heute empfangen hatte. »Wie schade, Schatz, daß du sie nicht näher kennst, denn ich wäre wirklich begierig, so viel Einzelheiten als möglich von ihr zu erfahren. Erst glaubte ich, sie sei verrückt, dann glaubte ich, sie sei abscheulich, und schließlich schien sie mir die weiseste und gütigste Frau zu sein, die ich je gesehen habe. Sie machte mich zornig und bange und betrübt und dankbar und liebevoll, eins nach dem andern, und ich bin noch nie in meinem Leben von jemandem so aus mir selbst herausgetrieben worden. Sie ist so unendlich klug!«

»Wirklich, ist sie das?«

»Und sie sagte, ich sei – o, ich kann es nicht wiederholen – alles, was nett ist.«

»Dann ist sie wirklich klug.«

»Und sie hat eine so hohe Meinung von deinem Geschmack.«

»In der Tat?«

»Weißt du was, Frank, ich glaube fast, daß sie ganz im stillen, verborgenen, selbst ein wenig in dich verliebt gewesen ist.«

»Was du manchmal für närrische Ideen hast, Maude! Aber höre, Kind, wenn wir zum Abendessen fortgehen wollen, so ist es Zeit, daß wir uns umkleiden.«

 

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