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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20160329
modified20180502
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Eine Gewitterwolke

Blauer Himmel und Sonnenschein; aber ganz unten am Horizont taucht eine schwarze Wolke auf und zieht unbemerkt langsam herauf. Frank Crosse wurde ihrer gewahr, als er eines Morgens ein Kuvert mit einer sehr wohl bekannten Handschrift neben seiner Frühstücktasse fand. Wie hatte er diese Schrift einst geliebt, wie hatte sie seinen Herzschlag beschleunigt, wie begierig hatte er sie gelesen – und nun würde ihn der Anblick einer auf dem weißen Tischtuch zusammengerollt liegenden Viper kaum mehr erschreckt haben. Widerspruchsvolles, unberechenbares, launenhaftes Leben! Vor einem Jahr noch, wie hätte er geringschätzig gelacht, welch wegwerfender Unglaube hätte ihn erfüllt, wenn ihm jemand gesagt hätte, daß ein Brief von ihr ihn mit der Ahnung kommenden Unheils eisig berühren könnte. Er riß das Kuvert auf und warf es ins Feuer. Aber ehe er den Brief entfalten konnte, ertönte der hurtige Schritt seiner Frau auf der Treppe, und sie kam fröhlich und mit mädchenhaftem Ungestüm herein. Sie trug einen rosafarbenen Crepon-Schlafrock mit gelblichweißen Spitzen am Halse und an den Ärmeln. Ein rosafarbenes Band schlang sich um ihre schlanke Taille. Die Strahlen der Morgensonne umflossen sie, und sie erschien ihm als das anmutigste, holdeste Wesen der Welt. Er hatte den Brief in die Tasche gesteckt, ehe sie eintrat.

»Du verzeihst den Schlafrock, Frank.«

»Du siehst entzückend darin aus. Nein, hier passiert man nicht. So, nun darfst du weiter.«

»Ich fürchtete, du würdest ohne mich frühstücken und nahm mir nicht Zeit mich anzukleiden. Ich habe dann noch den ganzen Tag dafür übrig, wenn du fort bist. Da hat man's – Jemima hat wieder vergessen die Teller zu wärmen! Und dein Kaffee ist kalt. Ich wollte, du hättest lieber nicht gewartet.«

»Besser kalter Kaffee in Maudes Gesellschaft.«

»Ich habe immer gedacht, daß die Männer sich der Komplimente entwöhnen, wenn sie verheiratet sind. Ich freue mich, daß das bei dir nicht so ist. Ich glaube überhaupt, daß die Begriffe der Frauen von den Männern zu unfreundlich und ungerecht sind. Das kommt davon, daß Frauen, die auf unangenehme Männer gestoßen sind, herumlaufen und Lärm schlagen, während die, die glücklich sind, stillschweigen und ihr Glück genießen. Ich, zum Beispiel, habe keine Zeit, ein Buch zu schreiben, um jedermann zu erzählen, wie lieb Frank Crosse ist; wenn er aber widerwärtig wäre, wäre mein Leben leer, und da würde ich natürlich das Buch schreiben.«

»Ich fühle mich geradezu wie ein Betrüger, wenn du so sprichst.«

»Das ist eben ein Teil deiner Liebheit.«

»Bitte, nicht, Maude! Es tut mir förmlich weh!«

»Ja, was hast du denn heute, Frank?«

»Nichts, Herzchen.«

»O doch! Ich sehe es dir an.«

»Vielleicht bin ich nicht ganz wie sonst.«

»Ganz gewiß nicht. Ich glaube, du bekommst einen Schnupfen. Ach, bitte, nimm doch ein wenig Ammoniak-Chinin.«

»O Gott, nein!«

»Bitte! Bitte!«

»Mein liebes Herzchen, mir fehlt gar nichts.«

»Es ist aber eine so ausgezeichnete Medizin.«

»Ich weiß; aber ich brauche sie wirklich nicht.«

»Hast du Briefe bekommen, Frank?«

»Ja, einen.«

»Etwas Wichtiges?«

»Ich habe ihn kaum angesehen.«

»Sieh ihn jetzt an.«

»Ach, das besorge ich während der Fahrt. Grüß dich, mein Schatz. Ich muß fort.«

»Wenn du nur ein wenig Ammoniak-Chinin nehmen würdest. Ihr Männer seid so schrecklich starrköpfig. Adieu, Liebster! Acht Stunden, und dann lebe ich wieder.«

Er hatte eine ungestörte Ecke im Coupé, nahm den Brief heraus und las ihn. Dann las er ihn noch einmal mit gerunzelter Stirn und zusammengepreßten Lippen. Er lautete wie folgt:

Geliebter Frankie!

Ich sollte Dich wohl nicht so anreden, da Du mittlerweile ein ehrsamer Ehemann geworden bist, aber die Macht der Gewohnheit ist groß, und schließlich kannte ich Dich ja viel früher als sie. Ich weiß nicht, ob Du es weißt, aber es gab eine Zeit, wo ich Dich sehr leicht hätte dazu bringen können, mich zu heiraten, trotz allem, was Du von meinem bewegten Leben und meinen Abenteuern wissen magst; aber ich überdachte alles sorgfältig und kam zu dem Schlusse, daß es nicht genug wünschenswert sei. Du selbst warst ja immer ein lieber, guter Junge, aber Deine Vermögensverhältnisse waren nicht glänzend genug für Deine tolle Violet. Ich bin eine Freundin lustiger Zeiten, wenn sie auch nicht lange dauern. Aber wenn ich Lust gehabt hätte, mich mit ehrsamer Hausbackenheit zufrieden zu geben, so wärst Du unter der ganzen Bande der einzige gewesen, den ich dazu ausersehen hätte. Ich hoffe, daß Dich das, was ich Dir hier sage, nicht eingebildet machen wird, denn Bescheidenheit war stets eine Deiner besten Eigenschaften.

Aber bei alledem, mein geliebter Frankie, gedenke ich durchaus nicht, vollständig auf Dich zu verzichten; gebe Dich darüber nur keiner Täuschung hin. Gestern erst traf ich zufällig Charlie Scott, und er erzählte mir alles von Dir und gab mir Deine Adresse. Bist Du ihm nicht unendlich dankbar? Und doch, ich weiß nicht, vielleicht gedenkst Du Deiner alten Freundin noch in Liebe und würdest sie gerne wiedersehen.

Aber, ob gern oder nicht, Du wirst sie wiedersehen, mache Dich nur mit dem Gedanken vertraut, mein lieber Junge. Du weißt, wie Du mich einst mit meinen Launen zu necken pflegtest. Nun, ich habe wieder einmal eine Laune, und sie muß mir erfüllt werden, wie immer. Ich will Dich morgen sehen, und wenn Du mich nicht unter meinen Bedingungen in London treffen willst, werde ich Dir abends in Woking einen Besuch machen. Du lieber Herrgott, was für eine Bombe! Aber Du weißt, daß ich stets Wort halte, also sieh Dich vor!

Nun will ich Dir meine Anordnungen für den Tag geben, die Du gefälligst wohl im Gedächtnis behalten wirst. Morgen (Donnerstag, den 14.; keine Mißverständnisse vorschützen!) wirst Du Dein Bureau um 3 Uhr 30 Minuten nachmittags verlassen. Ich weiß, daß Du das kannst, wenn Du willst. Du wirst zu Mariani fahren und mich bei der Eingangstür treffen. Wir werden in unser liebes altes Cabinet particulier hinauf gehen, dort miteinander Tee trinken und recht lieb und gemütlich über alles mögliche plaudern. Also komm! Kommst Du aber nicht, so gibt es einen Zug, der Waterloo um 6 Uhr 10 Minuten verläßt und um 7 Uhr in Woking eintrifft. Ich werde den benützen und gerade recht zum Abendessen kommen. Was das für einen Spaß geben wird!

Adieu, mein lieber Junge! Ich hoffe, Deine Frau liest Deine Briefe nicht, sonst, fürchte ich, könnte sie von diesem Krämpfe bekommen. – Wie immer Deine

Violet Wright.

Beim ersten Lesen erfüllte ihn dieser Brief mit Zorn. Von einem schönen Weibe begehrt zu werden, ist angenehm, selbst für den prinzipienstrengsten aller Ehemänner (trau dem nie wieder, der es leugnet!). Aber begehrt zu werden unter einer gefährlichen Drohung, ist keine angenehme Sache. Und es war keine leere Drohung. Violet war eine Frau, die sich mit Recht rühmte, ihr Wort zu halten. Sie hatte einst mit ihrem gewohnten Freimut lachend gesagt, dies sei die einzige Tugend, die ihr geblieben sei. Wenn er nicht zu Mariani kam, so würde sie sicherlich nach Woking kommen. Er schauderte bei dem Gedanken, wie Maude von ihr verletzt werden könnte. Es war etwas anderes, wenn er seiner Frau im allgemeinen von seinen vorehelichen Erlebnissen erzählte, und wenn dieses Weib sich in sein Haus drängte und eine Szene machte. Die Vorstellung war zu widerwärtig. Die köstliche, reine Luft des Lindenhauses wäre für immer verdorben.

Nein, es gab keine Wahl, er mußte zu Mariani kommen. Er fühlte sich genug Herr seiner selbst, um zu wissen, daß nichts Übles daraus entstehen konnte. Die ihn vollständig erfüllende Liebe zu seiner Frau schützte ihn vor jeder Gefahr. Die bloße Vorstellung einer Untreue verursachte ihm Ekel. Und wie er nun dem Gedanken an dieses Wiedersehen ein wenig näher trat, machte sein Zorn anderen Empfindungen Platz. Es war eine Kühnheit in dem Auftreten seiner alten Flamme, eine verwegene Draufgängerei, die dem Sportsman in ihm imponierte. Überdies war es ein Kompliment für ihn und schmeichelte seiner Manneseitelkeit, daß sie ihn nicht ohne Kampf aufgeben wollte. Sie lediglich als Freundin wiederzusehen, würde nicht unangenehm sein. Ehe er Clapham erreicht hatte, war sein Zorn verflogen, und als er in der Waterloostation den Zug verließ, war er erstaunt zu finden, daß er sich beinahe auf das Wiedersehen freute.

Das Restaurant Mariani ist ein ruhiger Ort, berühmt wegen seines Lacrimae Christi spumante; es liegt in dem engen Straßennetze zwischen Drury Lane und Covent Garden. Daß es in einer Seitenstraße lag, war nicht ungünstig für die Besonderheit seines Geschäftes. Seine Kunden waren ganz frei von dem modernen Fehler des Auffallenwollens und verwendeten sogar einige Mühe darauf, der Öffentlichkeit auszuweichen; noch waren sie sehr gesellig, oder anspruchsvoll in bezug auf große, elegante Räume. Ein kleines, einfaches Kabinett sagte der Mehrzahl von ihnen mehr zu als ein überfüllter Saal, und sie waren sogar bereit, dafür mehr zu bezahlen.

Es war 5 Minuten vor 4 Uhr, als Frank eintraf, und die Dame war noch nicht da. Er stellte sich nahe an den Eingang und wartete. Alsbald rollte ein Hansom durch die enge Straße, und in seiner Wölbung saß sie. Eine schöne Frau sieht nie schöner aus als in einem Hansom, aus dessen dunklen Schatten ihr Gesicht rembrandtartig hervortritt. Sie erhob ihre gelbbehandschuhte Hand, als sie ihn erblickte und sandte ihm einen Gruß und ein strahlendes Lächeln zu.

»Noch immer derselbe«, sagte sie, als er ihr beim Aussteigen half.

»Sie auch.«

»Sehr erfreut. Aber es stimmt leider nicht ganz. Gestern vierunddreißig geworden. Es ist schrecklich. Danke, ich habe kleines Geld. Schon recht, Kutscher. Nun, hast du ein Zimmer bestellt?«

»Nein.«

»Aber du kommst doch mit hinauf?«

»Gewiß, mit Vergnügen.«

Der glattrasierte, wohlgenährte Geschäftsführer, ein Mann mit sanfter Stimme und diplomatischen Manieren, stand im Eingangsflur. Er verbrachte sein merkwürdiges Leben im Eingangsflur. Er erinnerte sich des Paares sogleich und lächelte väterlich.

»Schon lange nicht das Vergnügen gehabt, geehrter Herr.«

»Ich war abgehalten.«

»Verheiratet«, sagte die Dame.

»Ah!« sagte der Geschäftsführer. »Tee gefällig, bitte?«

»Ja, und Muffins.Kleine, dünne Butterkuchen. Du aßest Muffins immer gern?«

»Gewiß, lassen Sie uns Muffins geben.«

»Nummer zehn«, sagte der Geschäftsführer, und ein Kellner führte sie hinauf. »Das Kuvert neun Schilling«, flüsterte er Frank zu, als dieser an der Tür an ihm vorüberkam. Er war ein neuer Kellner und hielt daher jeden für einen neuen Gast, ein Irrtum, der sich im Leben überall wiederholt.

Es war ein nicht sehr sauberes, kleines Zimmer mit einem Tisch in der Mitte, der von einem nicht sehr sauberen Tischtuch bedeckt war. Die diskret matten Fensterscheiben ließen das matte Londoner Taglicht herein. Zu beiden Seiten des feuerlosen Kamins standen Armsessel, und ein altmodisches, unbequemes Roßhaarsofa nahm die gegenüberliegende Wand ein. Auf dem Kaminsims standen ein Paar rosafarbener Vasen, und darüber hing ein Porträt Garibaldis.

Die Dame setzte sich und begann die Handschuhe abzuziehen. Frank stand am Fenster und rauchte eine Zigarette. Der Kellner klirrte und klapperte und rasselte herum, mit dem schließlichen Effekt, daß er Tee und einen Wasserwärmer gebracht hatte. »Bitte zu klingeln, falls Sie noch etwas wünschen«, sagte er und schloß die Tür mit ostentativer Vollkommenheit hinter sich.

»Nun können wir plaudern«, sagte Frank, seine Zigarette in den Kamin werfend. »Der Kellner ging mir auf die Nerven.«

»Du bist doch hoffentlich nicht böse?«

»Worüber?«

»Nun, daß ich sagte, ich würde nach Woking kommen, und so weiter.«

»Ich wäre böse gewesen, wenn ich geglaubt hätte, daß es dein Ernst ist.«

»O, es war sogar sehr mein Ernst.«

»Aber zu welchem Zweck?«

»Nun, weißt du, Frankie, um dich ein wenig dafür zu bestrafen, wenn du mich allzu vollständig über Bord geworfen hättest. Du lieber Gott, sie hat dich ja dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr! Soll mir eine einzige Stunde nicht gegönnt sein?«

»Nun gut, Violet, wir wollen darüber nicht streiten. Du siehst, ich bin gekommen. Rück deinen Sessel näher und trinken wir unseren Tee.«

»Du hast mich nicht einmal noch angesehen. Ich trinke keinen Tee, ehe du das tust.«

Sie stellte sich ihm gegenüber und schob ihren Schleier hinauf. Es war ein Gesicht und eine Gestalt, des Ansehens wert. Braune Augen, dunkles, kastanienfarbenes Haar, ein warmes Rot auf den Wangen, die Gesichtszüge und die Umrisse einer griechischen Göttin, aber mit mehr von Juno als von Venus, denn sie neigte vielleicht ein wenig zur Fülle. In ihren dunklen Nixenaugen funkelte eine übermütige Herausforderung, die auch einen kaltblütigeren Mann als ihren Gefährten erregt hätte. Ihr Kleid war dunkel und einfach, aber von wundervollem Schnitt. Sie war klug genug, um zu wissen, daß eine schöne Frau die Aufmerksamkeit auf ihre Person lenken soll, eine unschöne auf ihre Toilette.

»Nun?«

»Wahrhaftig, Violet, du siehst reizend aus.«

»Nun?«

»Die Muffins werden kalt.«

»Frankie, was ist denn mit dir?«

»Nichts ist mit mir.«

»Nun?«

Sie streckte die Hände aus und faßte die seinigen. Er atmete den wohlbekannten, feinen Duft ein, den sie ausströmte. Es gibt nichts, was die Sinne so umnebelt, wie ein Duft, der Erinnerungen und Suggestionen hervorruft.

»Frankie, du hast mich noch nicht geküßt.«

Sie wandte ihr lächelndes Gesicht aufwärts, den Kopf ein wenig zur Seite legend, und einen Augenblick neigte er sich zu ihr. Aber sofort hatte er wieder die Herrschaft über sich. Es erfüllte ihn mit Genugtuung und Sicherheit, zu fühlen, wie rasch und vollkommen das der Fall war. Mit einem Lachen zog er sie an beiden Händen, die er noch immer hielt, auf den Sessel nieder.

»Sei ein braves Kind!« sagte er. »Wir wollen jetzt unsern Tee trinken, und dabei will ich dir eine kleine Predigt halten.«

»Du bist mir der Wahre, um zu predigen!«

»Es gibt keinen besseren Prediger als einen bekehrten Sünder.«

»Du bist also wirklich bekehrt?«

»So ziemlich. Zwei Stück Zucker, wenn ich mich recht erinnere. Das wäre eigentlich deine Aufgabe. Ohne Milch und sehr stark – wie du deinen Teint bewahrst, ist mir ein Rätsel. Aber sicher ist, daß du ihn bewahrst; mein Wort darauf! Bitte, sieh mich nicht so bös an.«

Ihre geröteten Wangen und finsteren Augen rechtfertigten diese Ermahnung.

»Du hast dich wirklich verändert«, sagte sie, mit Staunen ebenso wie mit Zorn in der Stimme.

»Selbstverständlich! Ich bin verheiratet.«

»Na, wenn's nur das ist! Auch Charlie Scott ist verheiratet.«

»Gib Charlie Scott nicht preis.«

»Ich denke, ich gebe mich selber preis. Du hast also alle Liebe zu mir verloren? Ich glaubte, sie sollte ewig dauern.«

»Bitte, sei doch vernünftig, Violet!«

»Vernünftig! Wie ich das Wort hasse! Die Männer gebrauchen es nur, wenn sie kaltblütig eine Gemeinheit begehen. Es ist immer der Anfang vom Ende.«

»Was willst du denn, daß ich tue?«

»Ich will, daß du mein Frankie seist, so wie einst. Ach ja, Frankie, verlaß mich nicht! Du weißt, daß ich jeden für dich hingebe. Und du hast einen guten Einfluß auf mich, ja, wahrhaftig! Du weißt gar nicht, wie hart ich gegen andere bin. Frag Charlie Scott. Er wird's dir sagen. Ich bin so anders geworden, seit ich dich aus den Augen verloren habe. Geh, Frankie, sei nicht abscheulich gegen mich! Gib mir einen schönen Kuß!«

Wieder lag ihre weiche, warme Hand auf der seinigen, und der zarte Veilchenduft ihres Parfüms ging ihm ins Blut wie Wein. Er sprang auf, zündete wieder eine Zigarette an und schritt in dem Gemache auf und ab.

»Du wirst nicht rauchen, Frankie!«

»Warum nicht?«

»Weil du mir einmal gesagt hast, daß eine Zigarette dir hilft, dich zu beherrschen. Ich will nicht, daß du dich beherrschest. Ich will, daß du das fühlst, was ich fühle.«

»Bitte, setz dich doch und sei hübsch brav.«

»Zigarette weg!«

»Sei nicht kindisch, Violet!«

»Weg damit, sag' ich!«

»Nein, laß doch!«

Sie hatte sie ihm aus dem Munde gerissen und in den Kamin geworfen.

»Was hilft dir das? Ich habe eine ganze Dose voll.«

»Sie werden alle denselben Weg gehen.«

»Also gut, ich werde nicht rauchen.«

»Ich werde dafür sorgen.«

»Nun, was macht dir das für einen Unterschied?«

»Also, sei jetzt lieb!«

»Setz dich wieder nieder und trink noch eine Tasse Tee.«

»Ach, laß mich mit dem dummen Tee zufrieden!«

»Ich spreche eher kein Wort, als bis du sitzest und dich brav aufführst.«

»Na also, ich sitze! Sprich.«

»Sieh einmal, liebe Violet, du mußt von derlei nicht mehr reden. Manche Dinge sind möglich, und manche unmöglich. Dies ist unbedingt, endgültig unmöglich. Wir können nicht mehr zur Vergangenheit zurückkehren. Sie ist vorüber und abgetan.«

»Wozu bist du dann hergekommen?«

»Um dir Lebewohl zu sagen.«

»Ein platonisches Lebewohl?«

»Selbstverständlich.«

»In einem Cabinet particulier bei Mariani?«

»Warum nicht?«

Sie lachte bitter.

»Du warst immer ein bißchen verrückt, Frankie.«

Er lehnte sich mit ernstem Gesichte über den Tisch.

»Sieh einmal, Violet, aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir uns nicht mehr wiedersehen.«

»Dazu gehören zwei.«

»Nun also, jedenfalls beabsichtige ich, dich nicht mehr wiederzusehen. Wärest du nicht die, die du bist, so wäre es leichter. So aber finde ich die Versuchung doch ein wenig zu stark. Nein, mißverstehe mich nicht und glaube nicht, daß ich schwach werde. Das ist unmöglich. Dennoch möchte ich das nicht noch einmal durchmachen.«

»Es tut mir ungemein leid, daß ich deine Seelenruhe gestört habe.«

Er beachtete ihren Spott nicht.

»Wir sind sehr gute Freunde gewesen, Violet. Warum sollen wir als Feinde scheiden?«

»Warum sollen wir überhaupt scheiden?«

»Lassen wir das. Bitte, liebe Violet, sieh den Tatsachen ins Gesicht und hilf mir das Rechte zu tun. Es wird mir um vieles leichter werden, wenn du mir hilfst. Wenn du ein gutes, liebes Mädel sein willst, so gibst du mir jetzt die Hand wie ein guter Kamerad und wünschest mir viel Glück zu meiner Heirat. Du bist wohl überzeugt, daß ich dasselbe täte, wenn du mir sagen würdest, daß du im Begriffe bist zu heiraten.«

Aber die Dame war so leicht nicht zu besänftigen. Sie trank schweigend ihren Tee oder warf kurze, scharfe Worte in seine Rede. Von Zeit zu Zeit hob sie ihre dunklen Augen mit einem Blitz, der wie fernes Wetterleuchten ein Gewitter ankündigte. Plötzlich sprang sie auf, und unter einem Rauschen ihrer Röcke war sie zwischen ihm und der Tür.

»Hör einmal, Frankie«, sagte sie, »jetzt hab ich genug von dem Unsinn. Bilde dir nur nicht ein, daß du so leichten Kaufes davon kommst. Ich habe dich, und ich halte dich!«

Er drehte sich im Sessel herum und sah sie, die Hände auf die Knie gestemmt, hilflos an.

»O du mein Gott! Fang nicht wieder von vorne an!« sagte er.

»Fürchte nichts!« erwiderte sie mit zornigem Lachen. »Ich werde es jetzt einmal auf andere Weise versuchen, Herr Frank. Ich bin nicht die Frau, die auf etwas so leicht verzichtet, wenn sie sich es einmal in den Kopf gesetzt hat. Ich werde dich nicht mehr bitten –«

»Sehr erfreut!« warf er halblaut ein.

»Du kannst sagen, was du willst, mein Junge, aber du wirst nicht tun, was du willst. Ich habe dich früher gekannt als sie, und ich will dich behalten. Sonst werde ich einen solchen Lärm schlagen, daß es dir leid tun wird, mich gereizt zu haben. Es ist ja sehr nett von dir, hier zu sitzen und mir eine Predigt zu halten, aber es hilft dir nichts, Frankie. Es wird dir nicht gelingen, das alles so leicht abzuschütteln.«

»Warum willst du durchaus bösartig sein, Violet? Was gewinnst du dabei?«

»Ich will dich gewinnen! Ich hab dich gern, Frankie. Ich kann nicht sagen, ob ich dich wirklich liebe, – wirklich, ernstlich, weißt du. Auf alle Fälle will ich aber nicht auf dich verzichten, und wenn du mich gegen meinen Willen verläßt, so gebe ich dir mein Wort, daß ich es dir in Woking ziemlich schwül machen werde.«

Er starrte mit gerunzelten Brauen in seine Teetasse.

»Und überdies, was ist das alles für Unsinn!« fuhr sie fort, ihm die Hand auf die Schulter legend. »Seit wann hast du dich auf das hohe moralische Roß gesetzt? Du warst gerade so ein leichtes Blut wie alle andern, als ich dich zuletzt sah. Du sprichst, als ob ein Mann aufhören würde zu leben, wenn er heiratet. Was hat dich denn so verändert?«

»Ich will dir sagen, was mich verändert hat«, erwiderte er, aufblickend. »Meine Frau hat mich verändert.«

»Ach, deine Frau kann mir gestohlen werden!«

Ein Ausdruck, der ihr neu war, kam in sein Gesicht.

»Laß diesen Ton!« sagte er scharf.

»O, es war nicht bös gemeint! Und wie hat deine Frau diese wunderbare Veränderung zuwege gebracht?«

Sein Wesen wurde weich, da seine Gedanken nach Woking flogen.

»Durch ihren Seelenadel, durch die Atmosphäre, die sie um sich schafft. Wenn du wüßtest, wie durchaus unverdorben sie ist, wie feingeartet bis in ihre verborgensten Gedanken, wie frisch, hold und rein, so würdest du begreifen, daß der Gedanke, falsch gegen sie zu sein, unerträglich ist. Wenn ich mir vergegenwärtige, wie sie heute morgens beim Frühstück saß, so liebevoll und unschuldig –«

Es wäre taktvoller von ihm gewesen, weniger beredsam zu sein. Seiner Hörerin riß plötzlich die Geduld.

»Unschuldig!« rief sie. »So unschuldig wie ich.«

Er sprang auf, mit Augen, in denen ein noch heftigerer Zorn flammte als in den ihrigen.

»Schweigen Sie! Wie können Sie es wagen, etwas gegen meine Frau zu sagen! Sie sind nicht wert, ihren Namen auszusprechen.«

»Ich komme nach Woking!« zischte sie erstickt.

»Gehen Sie zum Teufel, wenn Sie wollen!« erwiderte er und klingelte dem Kellner.

Sie starrte ihn mit einem Staunen an, das noch stärker war als ihr Zorn, während sie mit kurzen, heftigen Rucken ihre Handschuhe anzog. Das war ihr ein neuer Frank Crosse. So lange ein Weib mit einem Manne gut auskommt, ist sie geneigt, ihn im Grunde ihrer Seele für schwach zu halten. Erst wenn sie sich mit ihm entzweit, sieht sie die andere Seite, und diese kommt ihr stets als Überraschung. Er gefiel ihr besser als je nach dieser Enthüllung.

»Ich scherze nicht«, flüsterte sie, während sie die Treppen hinabgingen. »Ich komme so sicher wie der morgige Tag.«

Er würdigte sie keiner Antwort und entfernte sich ohne Gruß. An der Straßenecke angelangt, wandte er sich um. Sie stand, den Kopf stolz erhoben, am Rande des Trottoirs, während der Geschäftsführer eine schrille Pfeife ertönen ließ. In einiger Entfernung tauchte ein Cab auf. Crosse erreichte sie vor diesem.

»Ich hoffe, ich habe Sie nicht beleidigt«, sagte er. »Ich war zu heftig.«

»Willst mich von Woking wegschmeicheln?« erwiderte sie höhnisch. »Ich komme doch.«

»Das ist Ihre Sache«, versetzte er und half ihr in den Wagen.

 

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