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Arthur Conan Doyle: Ein Duett - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleEin Duett
publisherLadyschnikow, Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Bekenntnisse

»Sag mir, Frank, hast du je vor mir eine andere geliebt?«

»Wie schlecht die Lampe heute brennt!« sagte er. Sie brannte so schlecht, daß er sogleich ins Eßzimmer ging, um eine andere zu holen. Es dauerte eine Weile, bis er zurückkehrte.

Sie wartete unerbittlich, bis er wieder saß.

»Ja, hast du, Frank?«

»Ob ich was habe?«

»Je eine andere geliebt?«

»Mein liebes Kind, wozu sollen solche Fragen dienen?«

»Du sagtest, es gäbe keine Geheimnisse zwischen uns.«

»Gewiß, aber es gibt Dinge, die besser unberührt bleiben.«

»Das nenne ich eben ein Geheimnis.«

»Ja, wenn du darauf bestehst – –«

»Selbstverständlich!«

»Nun gut, so bin ich bereit, alle deine Fragen zu beantworten. Aber du darfst nicht mir die Schuld geben, wenn meine Antworten dir nicht gefallen.«

»Wer war sie, Frank?«

»Welche?«

»O, Frank, mehr als eine?!«

»Ich sagte dir ja, es würde dir nicht gefallen.«

»Ach, ich wollte, ich hätte nicht gefragt!«

»Dann lassen wir es, Schatz.«

»Nein, jetzt kann ich nicht mehr, Frank. Ich weiß schon zu viel. Jetzt mußt du mir alles sagen.«

»Alles?«

»Ja, alles, Frank.«

»Das wird kaum gehen.«

»Ist es so schrecklich?«

»Nein, aus einem andern Grunde.«

»Bitte, sag mir ihn, Frank.«

»Es ist ziemlich viel. Du weißt, wie ein moderner Dichter seiner Frau gegenüber seine vorehelichen Erfahrungen entschuldigte. Er sagte, er sei auf der Suche nach ihr gewesen.«

»Nun, das muß ich sagen!« rief sie empört.

»Ich war auf der Suche nach dir.«

»Du scheinst fleißig gesucht zu haben.«

»Aber ich habe dich schließlich gefunden.«

»Ich wollte, du hättest mich am Anfang gefunden, Frank.«

Er sagte etwas vom Abendessen, aber sie war nicht abzulenken.

»Wie viel hast du wirklich geliebt?« fragte sie. »Bitte, scherze nicht, Frank, ich will es wirklich wissen.«

»Wenn ich dir nun eine Lüge sagte – –«

»Aber du wirst nicht!«

»Nein. Ich könnte dir nie wieder unbefangen ins Gesicht sehen.«

»Nun denn, wie viel hast du geliebt?«

»Lege dem, was ich dir sagen werde, keine übertriebene Bedeutung bei, Maude, und nimm es dir nicht zu Herzen. Siehst du, alles hängt davon ab, was man unter Liebe versteht. Es gibt unzählige Arten und Grade von Liebe, von der Laune eines Augenblicks bis zur lebensbeherrschenden Leidenschaft; es gibt Liebe, die sich nur auf körperliches Gefallen gründet, solche, die aus geistiger Verwandtschaft, solche, die aus seelischer Sympathie entspringt.«

»Und von welcher Art ist deine Liebe zu mir?«

»Alle drei vereinigt.«

»Wahr?«

»Vollkommen wahr.«

Sie ging zu ihm hin, und das Verhör wurde unterbrochen. Aber nach einigen Minuten kehrte sie auf ihren Platz zurück.

»Also, Frank, die erste?« sagte sie.

»Ich kann nicht, Maude, bitte!«

»Keine Ausflüchte! Wie hieß sie?«

»Nein, Maude, das geht zu weit. Auch dir gegenüber könnte ich nicht den Namen einer anderen Frau nennen.«

»Wer war sie also?«

»Bitte, gehen wir nicht in Einzelheiten ein. Es ist geradezu qualvoll! Laß mich dir in meiner Art erzählen.«

Sie verzog das Gesicht ein wenig.

»Sie wollen sich herauswinden, mein Herr. Aber ich will nicht zu hart gegen dich sein. Erzähle also nach deiner Art.«

»Nun also, um es mit einem Wort zu sagen, Maude, ich war immer in irgendeine verliebt.«

Ihr Gesicht verdüsterte sich.

»Deine Liebe muß sehr wohlfeil sein«, sagte sie.

»Es ist beinahe eine Lebensnotwendigkeit für einen gesunden jungen Mann, der Phantasie und warmes Blut hat. Es war alles – oder nahezu alles – ganz oberflächlich.«

»Es will mich bedünken, daß deine Liebe überhaupt oberflächlich ist, wenn sie so leicht hervorgerufen wird.«

»Sei nicht böse, Maude! Ich kannte dich damals ja noch nicht und hatte keine Verpflichtung gegen dich.«

»Du hattest eine Verpflichtung gegen deine Selbstachtung.«

»Siehst du, ich wußte ja, das Thema würde zu Unannehmlichkeiten führen! Warum mußt du auch solche Fragen stellen? Und es ist wohl töricht von mir, daß ich so aufrichtig bin.«

Sie saß eine Weile mit kaltem, finsterem Gesichte da. Im Innersten seines Herzens freute sich Frank eigentlich ihrer Eifersucht, und er beobachtete sie verstohlen.

»Nun?« sagte sie endlich.

»Muß ich fortfahren?«

»Ja, ich will nun schon alles hören.«

»Du wirst nur böse werden, Schatz.«

»Wir sind zu weit gegangen, um jetzt noch stehen zu bleiben. Und ich bin nicht böse, Frank. Es schmerzt nur ein wenig. Aber ich anerkenne deine Aufrichtigkeit. Ich hatte keine Ahnung, daß du solch ein – solch ein Mormone warst.« Sie lachte.

»Ich nahm eigentlich an jedem weiblichen Wesen Interesse.«

»›Nahm Interesse‹ ist gut!«

»So fing es an. Wenn dann die Umstände günstig waren, vertiefte sich das Interesse, bis schließlich, – nun ja, du verstehst.«

»An wie vielen nahmst du Interesse?«

»So ziemlich an allen, wie ich dir sagte.«

»Und bei wie vielen vertiefte es sich?«

»Das weiß ich wirklich nicht.«

»Zwanzig?«

»Ich glaube, mehr.«

»Dreißig?«

»Dreißig sicher.«

»Vierzig?«

»Mehr als vierzig nicht, glaube ich.«

Maude saß erstarrt vor dieser moralischen Verworfenheit.

»Sehen wir einmal. Du bist jetzt siebenundzwanzig Jahre alt; du hast also, seit du siebzehn geworden bist, vier Frauen jährlich geliebt?«

»Wenn du so rechnest,« sagte Frank, »so fürchte ich, es werden mehr als vierzig gewesen sein.«

»Das ist ja schrecklich«, sagte Maude und fing zu weinen an.

Frank kniete vor ihr nieder und küßte ihre Hände. Sie hatte entzückende kleine Hände, weiß, rundlich und samtweich.

»Ich fühle mich solch ein Barbar«, sagte er. »Jedenfalls liebe ich dich aber jetzt mit ganzem Herzen und ganzer Seele.«

»Zum einundvierzigsten und letzten!« sagte sie zwischen Lachen und Weinen. Dann zupfte sie ihn am Haar, um ihn zu beruhigen.

»Ich kann dir nicht böse sein«, sagte sie. »überdies wäre es unschön von mir, wenn ich dir über Dinge böse wäre, die du mir freiwillig erzählst. Du hättest sie mir nicht erzählen müssen. Es ist sehr ehrenhaft von dir. Aber ich wollte, du hättest an mir zuerst Interesse genommen.«

»Das Schicksal hat es nicht gewollt. Es gibt wohl, glaube ich, Männer, die als Junggesellen ganz moralisch leben. Aber ich halte gerade diese nicht für die Besten. Es sind entweder Erzengel in Menschengestalt – junge Gladstones oder NewmansBerühmter Kardinal. – oder es sind kalte, berechnende, furchtsame, unmännliche Naturen, die zu nichts Rechtem taugen. Die der ersten Klasse müssen allerdings großartig sein. Aber ich habe deren noch keinem begegnet, außer in Memoiren. Nach den anderen trage ich kein Verlangen.«

Frauen nehmen an Allgemeinheiten kein Interesse.

»Waren sie hübscher als ich?« fragte sie.

»Wer?«

»Diese vierzig.«

»Nein, Schatz, natürlich nicht. Worüber lachst du?«

»Mir fiel ein, wie komisch das wäre, wenn jetzt alle vierzig auf einmal hier wären, und man dich mitten zwischen sie hinein losließe.«

»Komisch!« rief Frank aus. Frauen haben solch sonderbare Begriffe von Humor. Maude lachte, bis sie fast erschöpft war.

»Du fändest es nicht komisch?« fragte sie endlich.

»Durchaus nicht«, erwiderte er kalt.

»Natürlich nicht!« sagte sie und brach wieder in ein entzückendes Kontra-Alt-Lachen aus. Manche Frauen haben ein tiefes, volles, quellendes Lachen, das der herrlichste Laut in der Natur ist.

»Du unterhältst dich wohl gut?« sagte er stirnrunzelnd. Ihre Eifersucht war viel schmeichelhafter gewesen als ihre Heiterkeit.

»Ich lache nicht mehr. Sei nicht böse. Wenn ich nicht lachen würde, müßte ich weinen. Es tut mir leid, daß ich dich geärgert habe.« Da er auf seinen Platz zurückgekehrt war, stattete sie ihm einen fliegenden Besuch ab. »Wieder gut?«

»Noch nicht ganz.«

»Jetzt?«

»Ja. Ich verzeihe dir.«

»Ausgezeichnet! Du verzeihst mir, nach all den Bekenntnissen, die ich da habe hören müssen! Aber du hast von allen denen keine so geliebt wie mich?«

»Keine.«

»Schwöre es!«

»Ich schwöre es!«

»Seelisch und so weiter?«

»Keine einzige.«

»Und wirst auch nie?«

»Niemals!«

»Wirst immer und immer brav sein?«

»Immer und immer.«

»Und die vierzig waren abscheulich?«

»Nein, wahrhaftig, Maude, das kann ich nicht sagen.«

Sie senkte schmollend den Kopf.

»Sie gefielen dir also besser?«

»Wie komisch du bist, Maude! Wenn mir eine besser gefallen hätte, hätte ich sie geheiratet.«

»Allerdings, das ist richtig. Du mußt wohl ein tieferes Interesse an mir genommen haben, als an den andern, da du mich geheiratet hast. Daran habe ich nicht gedacht.«

»Süßes Närrchen du! Natürlich gefällst du mir am besten. Lassen wir das Thema jetzt, und sprechen wir nie mehr davon.«

»Hast du Photographien von ihnen?«

»Nein.«

»Keine einzige?«

»Nein.«

»Was hast du damit gemacht?«

»Von den meisten hatte ich keine.«

»Und die andern?«

»Habe ich vernichtet, als ich heiratete.«

»Das war hübsch von dir. Tut's dir nicht leid?«

»Nicht doch. Es war nur selbstverständlich.«

»Hattest du dunkles oder blondes Haar lieber?«

»Das könnte ich nicht sagen. Ich war nie sehr wählerisch. Du erinnerst dich der Zeile von Henley, die ich dir einmal vorlas: ›Hübsch oder häßlich – Weiber sind sie alle.‹ Das ist der Junggesellenstandpunkt.«

»Kannst du behaupten – das frage ich dich jetzt auf deine Ehre – daß von all den vierzig nicht eine hübscher war als ich?«

»Bitte, sprechen wir von etwas anderem.«

»Und keine gescheiter?«

»Wie komisch du heute bist, Maude!«

»Ich bitte um Antwort.«

»Ich habe dir ja schon geantwortet.«

»Ich habe nichts gehört.«

»O doch. Ich sagte dir, daß ich dich geheiratet und damit bewiesen habe, daß du mir am besten gefielst. Ich vergleiche dich nicht Eigenschaft um Eigenschaft mit allen andern Menschen. Das wäre widersinnig. Ich kann nur sagen, daß deine Vereinigung von Eigenschaften diejenige ist, die mir über alles teuer ist.«

»O, ich verstehe«, sagte Maude zweifelnd. »Wie liebenswürdig offenherzig du bist!«

»Habe ich dich verletzt?«

»Nein, nein, nicht im geringsten. Mir gefällt es, daß du so offen bist. Ich möchte um alles in der Welt nicht denken müssen, daß es irgend etwas gibt, was du mir nicht zu sagen wagst.«

»Und du Maude, würdest du ebenso offen gegen mich sein?«

»Ja, Schatz, das will ich. Ich bin dir das schuldig, nachdem du mir einen Beweis so großen Vertrauens gegeben hast. Auch ich habe meine kleinen Erlebnisse gehabt.«

»Du?«

»Vielleicht möchtest du lieber, daß ich dir nichts davon erzähle. Wozu soll es dienen, diese alten Geschichten aufzurühren?«

»Nein, ich will, daß du mir alles erzählst.«

»Wirst du dich nicht ärgern?«

»Nicht doch, gewiß nicht!«

»Du magst es mir glauben, Frank, daß, wenn irgend eine Frau ihrem Manne erzählt, daß sie, ehe sie ihn sah, niemals etwas beim Anblick eines anderen Mannes gefühlt hat, das einfach ein Unsinn ist. Es mag vielleicht solche Frauen geben – ich habe noch keine gesehen. Ich glaube auch nicht, daß sie mir gefallen würden, denn es müssen trockene, kalte, unsympathische, gefühlsarme, unweibliche Frauen sein.«

»Maude, du hast einen anderen geliebt!«

»Ich will nicht leugnen, daß ich mich für einige Männer interessiert – stark interessiert habe.«

»Für einige!«

»Das war, ehe ich dich kennen lernte, Schatz; ich hatte ja damals noch keine Verpflichtung gegen dich.«

»Du hast mehrere Männer geliebt?«

»Das Gefühl war meistens ganz oberflächlich. Es gibt verschiedene Arten von Liebe.«

»Mein Gott, Maude! Wie viele Männer haben dir dieses Gefühl eingeflößt?«

»Die Wahrheit ist, Frank, daß ein gesundes junges Mädchen, das Phantasie und warmes Blut hat, von jedem jungen Manne angezogen wird. Ich weiß, du willst, daß ich ganz aufrichtig sei und dir, ebenso wie du mir, alles sage. Aber es gab eine gewisse Klasse junger Leute, bei denen ich stets fühlte, daß sie einen stärkeren Eindruck auf mich ausübten.«

»Ah, du hast also Unterschiede gemacht?«

»Siehst du, du wirst bitter. Ich sage nichts mehr.«

»Du hast schon zuviel gesagt. Nun mußt du auch vollenden.«

»Nun, ich wollte nur sagen, daß schwarzhaarige Männer stets eine besondere Anziehung für mich besaßen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war oft geradezu überwältigend.«

»Darum hast du also einen hellblonden Mann geheiratet?«

»Ich konnte doch nicht verlangen, daß mein Mann alle Eigenschaften in sich vereinige, nicht wahr? Das wäre unvernünftig gewesen. Alles zusammengenommen, gefielst du mir weitaus am besten. Du bist vielleicht nicht der schönste von allen, vielleicht auch nicht der geistreichste – das reine Ideal ist ja unerreichbar – aber ich liebe dich weit, weit mehr, als irgendeinen. – Ich hoffe, du bist nicht verletzt von dem, was ich dir da sage?«

»Es tut mir leid, daß ich nicht dein Ideal bin, Maude. Es wäre ja widersinnig, wenn ich glauben könnte, irgend jemandes Ideal zu sein, aber ich habe immer gehofft, daß das Auge der Liebe ihren Gegenstand verschönere und vollkommen erscheinen lasse. Mein Haar wird sich wohl nicht mehr ändern lassen, fürchte ich, aber wenn du mir etwas sagen kannst, worin ich mich bessern könnte –«

»Nein, nein, ich will, daß du so bleibst wie du bist, Frank. Wenn du mir so nicht am besten gefallen hättest, hätte ich dich doch nicht geheiratet, nicht wahr?«

»Aber jene anderen Erlebnisse?«

»Bitte, sprechen wir lieber nicht mehr davon. Was soll es uns frommen, von meinen alten Erlebnissen zu reden? Du wirst dich nur ärgern.«

»Durchaus nicht. Ich weiß deine rückhaltlose Offenheit zu schätzen, obgleich ich sagen muß, daß mir das ein wenig unerwartet kommt. Erzähl weiter.«

»Ich weiß nicht mehr, wo ich hielt.«

»Du hast mir erzählt, daß du vor der Ehe einige Liebesverhältnisse hattest.«

»Das klingt abscheulich, nicht wahr?«

»Mir schien es allerdings so.«

»Das kommt aber nur davon, weil du das, was ich sagte, übertreibst. Ich sagte nur, daß ich mich für einige Männer interessiert habe.«

»Und daß Schwarzhaarige dich bezauberten.«

»Allerdings.«

»Ich hatte gehofft, daß ich der erste sei.«

»Das Schicksal hat es nicht so gewollt. Ich könnte dir leicht eine Lüge erzählen, Frank, und dir sagen, du seist der erste gewesen, aber ich könnte mir das nie vergeben. Ich habe die Schule mit siebzehn Jahren verlassen, und ich war dreiundzwanzig, als wir uns verlobten. Dazwischen lagen sechs Jahre. Stelle dir alle die Bälle, Picknicks, Ausflüge und Besuche im Laufe von sechs Jahren vor. Ob ich wollte oder nicht, bin ich unaufhörlich mit jungen Männern zusammengetroffen. Viele davon haben sich für mich interessiert, und ich – –«

»Du hast dich für sie interessiert.«

»Das war nur natürlich, Frank.«

»Gewiß, vollkommen natürlich. Und das Interesse hat sich manchmal vertieft, wie ich höre?«

»Ja, manchmal. Wenn man einen jungen Mann, der sich für einen interessiert, einige Male hintereinander trifft, auf einem Ball, dann auf der Straße, dann im Garten eines befreundeten Hauses, dann begleitet er einen Abends nach Hause – so vertieft sich das Interesse natürlich.«

»Natürlich!«

»Und dann –«

»Nun, was folgte dann?«

»Du bist doch nicht böse?«

»Nein, nein, gar nicht. Warum steckt der Schlüssel nicht in der Likörgarnitur?«

»Ich will Jemima nicht in Versuchung führen. Soll ich ihn holen?«

»Nein, nein, erzähl' weiter! Was folgte also?«

»Nun, wenn man sich eine Zeitlang für jemand tiefer interessiert, dann beginnt man Erlebnisse zu haben.«

»Ah!«

»Schrei nicht so, Frank!«

»Habe ich geschrien? Gleichviel, weiter! Du hast also Erlebnisse gehabt.«

»Wozu in Details eingehen?«

»Du mußt auserzählen. Du hast zu viel gesagt, um jetzt aufzuhören. Ich bestehe darauf, die Erlebnisse zu hören.«

»Nicht, wenn du es in dieser Weise verlangst, Frank.« Maude konnte unnachahmlich würdevoll sein, wenn sie wollte.

»Nein, ich bestehe nicht darauf. Ich bitte dich nur, mir Vertrauen zu schenken und mir einige von deinen Erlebnissen zu erzählen.«

Sie lehnte sich mit halbgeschlossenen Augen im Sessel zurück, ein leises Lächeln der Erinnerung auf den Lippen.

»Nun, wenn du es wirklich hören willst, Frank, so will ich dir einiges erzählen, als Beweis meines Vertrauens. Du wirst dir gegenwärtig halten, daß ich dich damals noch nicht gesehen hatte.«

»Ich werde alle mildernden Umstände in Betracht ziehen.«

»Ich werde dir ein einziges Erlebnis erzählen. Es war mein erstes von der Art, und es ist mir sehr lebendig in Erinnerung. Es war die Folge davon, daß ich mit einem Herrn, der meiner Mutter einen Besuch machte, allein im Zimmer war.«

»Ja!«

»Wir waren also allein, wie ich dir sagte.«

»Ja, ja, weiter!«

»Und er machte mir kleine Komplimente, sagte, wie hübsch ich sei, daß er nie ein reizenderes Mädchen gesehen habe, und so weiter. Du weißt ja, was Männer in einem solchen Falle sagen.«

»Und du?«

»O, ich antwortete kaum, aber natürlich, ich war jung und unerfahren und konnte nicht umhin von seinen Worten erfreut und geschmeichelt zu sein. Ich mag ihn das haben merken lassen, denn plötzlich –«

»Küßte er dich!«

»Jawohl, er küßte mich. Geh nicht so hin und her, Schatz. Es macht mich schwindlig.«

»Gut. Weiter. Unterbrich dich nicht. Was folgte auf diese – Frechheit?«

»Willst du es wirklich wissen?«

»Ich muß es wissen. Was tatest du?«

»Es tut mir so leid, daß ich überhaupt davon anfing, denn ich sehe, es regt dich auf. Geh, Schatz, zünde deine Pfeife an und sprechen wir von etwas anderem. Du wirst nur böse werden, wenn ich dir die Wahrheit erzähle.«

»Ich werde nicht böse werden. Weiter, was tatest du?«

»Nun, Frank – da du darauf bestehst – ich küßte ihn auch.«

»Du – du küßtest ihn auch?«

»Jemima wird herauf kommen, wenn du so schreist.«

»Du küßtest ihn auch?«

»Ja, Schatz. Ich hatte vielleicht unrecht, aber ich küßte ihn.«

»Großer Gott! Warum tatst du das?«

»Nun, er gefiel mir.«

»Ein schwarzhaariger Mann?«

»Ja, er hatte schwarzes Haar.«

»O Maude, Maude! – Also, weiter. Was dann?«

»Dann küßte er mich wiederholt.«

»Selbstverständlich, da du ihn küßtest! Was war anderes zu erwarten? Und dann?«

»Ach, Frank, ich kann nicht!«

»Erzähl weiter. Ich bin auf alles gefaßt.«

»Aber, bitte, setz dich nieder und renn nicht so auf und ab. Ich rege dich unnötigerweise auf.«

»Da, ich sitze. Du siehst, ich bin nicht aufgeregt. Ich bitte dich um alles, fahre fort!«

»Er fragte mich, ob ich mich auf seinen Schoß setzen wolle.«

»Cha!«

Maude lachte auf.

»Aber, Frank, du krächzt ja wie ein Rabe!«

»Es freut mich, daß du die Sache von der heiteren Seite nimmst. Weiter, weiter! Du erfülltest natürlich seinen bescheidenen und begreiflichen Wunsch. Du setztest dich auf seinen Schoß.«

»Nun ja, Frank, das tat ich.«

»Mein Gott!«

»Ich bitte dich, Schatz, ereifere dich nicht so. Es war doch lange, ehe ich dich kennen lernte.«

»Du erzählst mir also hier mit der größten Ruhe und Gelassenheit, daß du dich diesem Kerl auf den Schoß setztest?«

»Was hätte ich tun sollen?«

»Was du hättest tun sollen? Du hättest schreien, dem Mädchen klingeln, ihm ins Gesicht schlagen – du hättest dich mit dem Stolz deiner beleidigten Frauenwürde erheben und das Zimmer verlassen sollen.«

»Es war nicht so leicht für mich, das Zimmer zu verlassen.«

»Er hielt dich?«

»Ja, er hielt mich.«

»O, wäre ich nur da gewesen!«

»Und dann war noch ein Grund.«

»Welcher?«

»Weißt du, ich konnte damals nicht sehr gut gehen. Ich war erst drei Jahre alt.«

Frank brauchte einige Minuten, bis er das ganz in sich aufgenommen hatte.

»Du Kobold!« sagte er endlich.

»O du dummer, dummer Mann! Ach, jetzt ist mir viel wohler!«

»Du Hexe!«

»Ich mußte dir meine vierzig Vorgängerinnen heimzahlen. Du alter Blaubart, du! Aber ich habe dir doch ein wenig zugesetzt, nicht wahr, Schatz?«

»Ein wenig zugesetzt? Ich bin über und über wund! Es war ein fürchterlicher Traum. Wie konntest du nur das Herz haben, Maude!«

»O, es war herrlich, wundervoll!«

»Es war entsetzlich!«

»Und wie eifersüchtig du warst! Ach, ich freu mich so!«

»Ich glaube nicht«, sagte Frank, den Arm um sie legend, »daß mir je vorher ganz bewußt geworden – –«

Und gerade in diesem Augenblick kam Jemima mit dem Servierbrett herein.

 

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