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Ein Doppelquartett

Victor Hugo: Ein Doppelquartett - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorVictor Hugo
booktitleFranzösische Liebesgeschichten Von Nodier bis Maupassant
titleEin Doppelquartett
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
editorHans Marquardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9df37f6e
created20061212
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Victor Hugo

Ein Doppelquartett


I

In diesem Jahr heckten vier junge Pariser einen »guten Spaß« aus. Einer war von Toulouse, der zweite von Limoges, der dritte von Cahors, der vierte von Montauban. Aber sie waren Studenten, und wer Student sagt, sagt Pariser. In Paris studieren heißt in Paris geboren werden.

Die jungen Leute waren unbedeutend. Jeder hat solche Gesichter gesehen; vier Stichproben vom Typ des ersten besten. Nicht gut und nicht schlecht, nicht gelehrt und nicht ohne Kenntnisse, weder Genies noch Einfaltspinsel; schön von dem reizvollen April, den man »zwanzig Jahre alt sein« nennt. Es waren irgendwelche vier Oscars; denn damals gab es die Arthurs noch nicht. »Verbrenne ihm Arabiens Düfte«, sang die Romanze, »denn Oscar naht, und sehen darf ich ihn.« Man hatte den »Ossian« in sich aufgenommen, die Eleganz war skandinavisch und schottisch. Das reine englische Genre setzte sich erst später durch, und kaum hatte der erste Arthur, Wellington, in der Schlacht bei Waterloo gesiegt.

Diese Oscars nannten sich Félix Tholomyès, aus Toulouse; Listolier, aus Cahors; Fameuil, aus Limoges; der letzte, Blachevelle, aus Montauban. Natürlich hatte ein jeder seine Geliebte. Blachevelle liebte Favourite, die so hieß, weil sie nach England gereist war. Listolier betete Dahlia an, die als Kosenamen einen Blumennamen trug. Fameuil vergötterte Zéphine, eine Abkürzung von Joséphine. Tholomyès hatte Fantine, die Blonde genannt wegen ihres schönen, sonnengoldenen Haares.

Favourite, Dahlia, Zéphine und Fantine waren vier entzückende Mädchen, duftend und strahlend, noch ein wenig Näherinnen, da sie ihre Nadel nicht ganz niedergelegt hatten. Die Liebelei hatte sie ihrer Arbeit entfremdet, aber von ihren Gesichtern ging ein Rest des frohen Genügens aus, das mit ihr verbunden ist, und in ihren Seelen blühte noch die Blume der Ehrbarkeit, die im Weibe den Verlust der Jungfräulichkeit überlebt. Eine der vier nannte man die Junge, weil sie die geringste Zahl von Jahren hatte, und eine die Alte; die Alte war dreiundzwanzigjährig. Um nichts zu verheimlichen: Die drei anderen waren im Wirrwarr des Lebens erfahrener, leichtfertiger und oberflächlicher als die blonde Fantine, die noch an ihrer ersten Illusion hing.

Dahlia, Zéphine und zumal Favourite hätten das nicht von sich sagen können. Schon mehr als eine Episode wies ihr kaum begonnener Roman auf, und der Liebhaber, der im ersten Kapitel Adolphe hieß, hieß etwa Alphonse im zweiten, Gustave im dritten. Armut und Koketterie sind zwei schädliche Ratgeberinnen; jene murrt, diese schmeichelt, und beide flüstern sie, jede auf ihrer Seite, den schönen Töchtern des Volkes ins Ohr. Die schlechtbewachten Seelen hören auf sie. Daraus erklären sich ihr Straucheln und die Gehässigkeit, die sie mit Steinen bewirft. Man entmutigt sie durch den Glanz alles dessen, was unbefleckt und unzugänglich ist. Ach! Wenn die weiße Jungfrau hungern müßte!

Favourite, die in England gewesen war, wurde von Zéphine und Dahlia bewundert. Sie hatte sehr früh eine Häuslichkeit gehabt. Ihr Vater war ein brutaler, alter Mathematikprofessor, der gaskognische Mundart sprach. Unverheiratet, gab er Privatstunden. Als er jung war, hatte er eines Tages das Kleid einer Kammerfrau sich an einem Ofenschirm anhaken sehen, und dieser Zwischenfall hatte ihn verliebt gemacht. Die Frucht war Favourite. Sie traf hin und wieder ihren Vater, der sie begrüßte. Eines Morgens war eine alte Frau, die wie eine Betschwester aussah, bei ihr eingetreten und hatte zu ihr gesagt: »Sie kennen mich nicht, Fräulein?« – »Nein.« – »Ich bin deine Mutter.« Dann hatte die Alte das Büffet geöffnet, getrunken und gegessen, eine Matratze bringen lassen, die ihr gehörte, und sich behaglich eingerichtet. Diese Mutter, zänkisch und fromm, sprach nie mit Favourite, ganze Stunden äußerte sie kein Wort; sie frühstückte, speiste mittags und abends für vier, ging hinunter, um bei dem Pförtner gesellschaftliche Empfänge abzuhalten, und schimpfte auf ihre Tochter.

Dahlia war zu Listolier, wohl auch zu anderen, und zum Müßiggang dadurch verleitet worden, daß sie allzu hübsche rosige Nägel hatte. Wie sollte man diese Nägel zur Arbeit zwingen? Zephine hatte Fameuil erobert mit ihrer niedlichen, schmollenden und zärtlichen Art, »Ja, mein Herr!« zu sagen.

Fantine war das einzige der vier Mädchen, das nur von einem einzigen geduzt wurde. Sie entstammte den unergründlichsten Schichten des sozialen Dunkels und trug an der Stirn das Zeichen des Anonymen und Unbekannten. In Montreuil-sur-Mer war sie geboren. Von welchen Eltern? Wer könnte es sagen? Niemand wußte von ihrem Vater und ihrer Mutter. Warum hieß sie Fantine? Nie hörte man einen anderen Namen von ihr. Zu der Zeit ihrer Geburt hatte noch das Direktorium die Herrschaft. Kein Familienname, sie besaß keine Familie; kein Taufname, es gab keine Kirche mehr. Sie nannte sich, wie es dem ersten Vorübergehenden gefiel, der sie traf, als sie ganz klein war und barfuß über die Straße lief. Sie bekam einen Namen, wie ihr das Wasser der Wolken auf die Stirn tropfte, wenn es regnete. Man nannte sie die kleine Fantine. Niemand konnte mehr von ihr erzählen. So war dieses Geschöpf ins Dasein getreten. Mit zehn Jahren verließ Fantine die Stadt und verdingte sich bei Bauern in der Umgegend. Mit fünfzehn Jahren ging sie nach Paris, um »ihr Glück zu finden«. Fantine war schön und blieb rein, solange sie irgend konnte. Sie war eine hübsche Blondine mit schönen Zähnen. Sie hatte Gold und Perlen zur Mitgift, aber ihr Gold umrahmte ihren Kopf, und ihre Perlen waren in ihrem Mund.

Sie arbeitete, um zu leben; danach, und wieder um zu leben, denn auch das Herz fühlt Hunger, liebte sie. Sie liebte Tholomyès. Es war ein Zeitvertreib für ihn, Schicksal für sie. Die Straßen des Lateinischen Viertels, die das Gewimmel der Studenten und der Grisetten erfüllte, sahen das Werden dieses Traumes. In den dädalischen Windungen des Pantheonhügels, in denen so viele Abenteuer angeknüpft werden und sich lösen, war Fantine Tholomyès lange geflohen, aber so, daß sie ihm immer wieder begegnete. Es gibt ein Meiden, das einer Suche gleicht. Kurz, das Idyll hub an.

Blachevelle, Listolier und Fameuil bildeten eine Gruppe, deren Haupt Tholomyès war. Er hatte den Geist für sie alle. Tholomyès war der alte Student in firnen Jahren. Er war begütert mit einer Rente von viertausend Francs. Viertausend Francs Rente, ein prachtvolles Ärgernis für den Berg der heiligen Genoveva. Tholomyès war ein dreißigjähriger, fragwürdig konservierter Lebemann. Er war runzlig und zahnlos, und er deutete bereits eine Kahlköpfigkeit an, von der er selbst, ohne traurig darüber zu sein, sagte: »Mit Dreißig ein Schädel, mit Vierzig glatt wie ein Knie.« Er hatte eine mäßige Verdauung und eine Tränenfistel. Doch je mehr seine Jugend erlosch, desto mehr entzündete sich seine Heiterkeit. Er ersetzte seine Zähne durch spöttischen Witz, seine Haare durch Übermut, seine Gesundheit durch Ironie, und sein tränendes Auge lachte ohne Unterlaß. Er war verderbt, aber er stand in Blüte. Seine Jugend, die vor der Zeit ihr Lager abbrach, zog sich geordnet zurück, lachte schallend und täuschte durch erkünsteltes Feuer. Er hatte ein Stück verfaßt, das vom Vaudeville abgelehnt wurde. Ab und zu dichtete er ein paar Verse. Außerdem zweifelte er mit Überlegenheit an allem, was nach Meinung der Schwachen eine große Stärke ist. Er war also ironisch und kalt. Er war der Chef. Iron ist ein englisches Wort für Eisen. Sollte die Ironie sich von dorther schreiben? Eines Tages ließ Tholomyès die drei anderen zu sich kommen und sagte mit orakelhafter Geste: »Seit bald einem Jahr bitten uns Fantine, Dahlia, Zéphine und Favourite, ihnen eine Überraschung zu bereiten. Wir haben sie ihnen feierlich versprochen. Sie reden darüber in einem fort, besonders mit mir. Wie in Neapel die alten Frauen dem heiligen Januarius zurufen: ›Faccia gialluta, fa o miracolo‹ – gelbes Gesicht, tue dein Wunder-, sagen unsere Schönen immer zu mir.: ›Tholomyès, wann wirst du deine Überraschung gebären?‹ Und zugleich erkundigen sich brieflich unsere Eltern. Unausstehlich dies wie das. Mir scheint, der Augenblick ist gekommen. Wir wollen darüber plaudern.«

Dann senkte Tholomyès die Stimme und unterbreitete einen Vorschlag, der so heiter war, daß ein breites Grinsen der Begeisterung allen vier Mündern entschwebte Und Blachevelle rief: »Ja, das ist eine Idee!« Eine rauchige Kneipe war in der Nähe, sie traten ein, und der Fortgang ihrer Beratung verlor sich im Halbdunkel. Aus dieser Finsternis ging eine blendende Landpartie hervor, die man am folgenden Sonntag unternahm und zu der die vier jungen Männer die vier jungen Mädchen einluden.

II

Was vor fünfundzwanzig Jahren eine Landpartie von Studenten und Grisetten war, läßt sich heute nur schwer schildern. Die Stadt hat nicht mehr dieselbe Umgebung. Das Gesicht dessen, was man das Leben von Rings-um-Paris nennen könnte, hat sich seit einem halben Jahrhundert völlig geändert. Wo der Kuckuck schrie, braust der Eisenbahnwagen. Wo das Zollschiff dahinglitt, fährt das Dampfboot. Man sagt heute Fécamp, wie man einst Saint-Cloud sagte. Paris von 1862 ist eine Stadt mit Frankreich als Bannmeilengebiet.

Die vier Paare unterzogen sich gewissenhaft allen damals denkbaren ländlichen Zerstreuungen. Die Ferien nahten, es wurde ein heißer, heller Sommertag. Gestern hatte Favourite, die einzige, die des Schreibens kundig war, im Namen der vier an Tholomyès geschrieben: »O frivol ist uns zumut', es spaziert früh wohl sich gut.« Deshalb waren sie schon um fünf Uhr morgens aufgestanden. Dann fuhren sie mit dem Marktschiff nach Saint-Cloud, sahen die springenden Wasser trocken und riefen: »Wie schön muß das erst sein, wenn Wasser drauf ist!« Sie frühstückten im »Schwarzen Kopf«, leisteten sich an der kreuzförmigen Baumpflanzung vor dem großen Becken eine Partie in einer Glücksbude, wo man Ringe warf, kletterten in die Laterne des Diogenes, spielten um Makronen Roulette neben der Brücke von Sèvres, pflückten Sträuße in Puteaux, kauften kleines Gebäck in Neuilly und aßen überall Apfeltörtchen. Sie waren selig.

Die jungen Mädchen lärmten und schwatzten wie Grasmücken, die entflattert sind. Es ging toll her. Manchmal gaben sie den jungen Männern sanfte Püffe. Morgenrausch des Lebens! Wundervolle Jahre! Der Libellenflügel zittert. Wer du auch sein magst, erinnerst du dich? Bist du unter dem Gesträuch umhergeschlendert und hast wegen des reizenden Köpfchens hinter dir die Zweige beiseite gebogen? Bist du lachend über eine vom Regen feuchte Böschung gerutscht, mit einer geliebten Frau, die dich mit ihrer Hand zurückhielt und schrie: »Ach, meine funkelnagelneuen Schnürstiefel sind hin!« Wir wollen gleich erwähnen, daß diese belustigende Unannehmlichkeit, ein Guß vom Himmel, für die fidele Gesellschaft ausblieb, obschon Favourite, als man aufbrach, in belehrendem und mütterlichem Ton sagte: »Die Schnecken kriechen über die Wege. Ein Zeichen, daß es regnen wird.«

Alle vier waren sie zum Verrücktwerden hübsch. Ein guter alter klassischer Dichter, der damals berühmt war, ein Biedermann, der eine Eleonore angebetet hatte, irrte an jenem Tage durch eine Kastanienallee von Saint-Cloud, sah sie um sechs Uhr morgens vorüberziehen und rief: »Es ist eine zuviel«, wobei er an die Grazien dachte. Favourite, die Freundin Blachevelles, die Dreiundzwanzigjährige, die Alte, lief unter den großen grünen Zweigen voran, sprang über die Gräben, setzte kühn über das Buschwerk und führte den heiteren Schwarm mit der Unbändigkeit einer jungen Faunin. Zéphine und Dahlia, die ein Zufall derart schön gemacht hatte, daß sie, wenn sie sich einander näherten, beide zur Geltung kamen und sich ergänzten, trennten sich nicht, mehr noch aus instinktiver Eitelkeit als aus Freundschaft. Die erste an die zweite sich lehnend, bildeten sie englische Posen. Damals begannen die Keepsakes zu erscheinen, die Frauen wurden nach der Schwermut bewertet wie später die Männer nach den Graden des Byronismus, und die Haare des zarten Geschlechts hingen schon klagend herab. Listolier und Fameuil stritten um den Vorrang ihrer Professoren und erklärten Fantine den Unterschied zwischen Herrn Delvincourt und Herrn Blondeau.

Blachevelle schien eigens geschaffen, auf seinem Arm den Kaschmirschal von Favourite zu schleppen. Tholotmyès folgte, die Gruppe überragend. Er war sehr vergnügt, aber man merkte ihm an, daß er regierte. In seiner Gemütlichkeit hatte er viel von einem Diktator. Seine Hauptzierde war eine Nankinghose mit Säulen wie Elefantenbeine und Messingstegen. Er hatte ein mächtiges spanisches Rohr zu zweihundert Francs und, da er sich alles erlaubte, ein seltsames Ding im Mund, eine Zigarre. Ihm war nichts heilig, er rauchte. »Dieser Tholomyès«, sagten die anderen in Ehrfurcht, »ist fesch. Was der für Hosen hat, was für eine Energie!«

Fantine war die Freude. Ihre schimmernden Zähne hatten offenbar von Gott eine Mission erhalten: zu lachen. Sie trug noch lieber in der Hand als auf dem Scheitel ihr Hütchen aus genähtem Stroh, mit langen weißen Bändern. Ihr dichtes blondes Haar, das dazu neigte, zu wehen, und sich leicht löste und das sie unaufhörlich wieder ordnen mußte, schien für die Flucht der Galatea unter den Weiden bestimmt zu sein. Ihre rosigen Lippen plapperten hold. Ihre Mundwinkel, wollüstig gehoben wie bei den antiken Masken der Erigona, der Geliebten des Bacchus, sahen so aus, als ermutigten sie die Verwegenheit. Aber ihre langen, umschatteten Wimpern senkten sich diskret über das Hallo der unteren Hälfte ihres Gesichts, Ruhe gebietend. Ihre ganze Toilette hatte etwas Singendes und Flammendes. Ihr Gewand war von malvenfarbenem Barege, die Schleifen ihrer hohen Goldkäferstiefel zeichneten eine Anzahl von X auf ihre dünnen, weißen Strümpfe. Ihre enge Musselin-Spencerjacke war ein Marseiller Erzeugnis, dessen Name Canezou, eine Entstellung der Worte »quinze août« (der fünfzehnte August), im Dialekt der Cannebière ausgesprochen, Schönwetter bedeutet, Hitze und Süden. Die drei anderen, die weniger schüchtern waren, zeigten die Brust entblößt, was im Sommer, unter mit Blumen bedeckten Hüten, viel Anmut und Verlockung vorgaukelte. Aber neben ihrer gewagten Gala schien der Canezou der blonden Fantine, mit seiner Durchsichtigkeit hier und da, mit dem, was er halb und halb verschwieg, was er zugleich verbarg und zur Schau stellte, ein herausfordernder Fund an Dezenz.

Mit glänzendem Antlitz, feinem Profil, tiefblauen Augen, fleischigen Lidern, kräftig geschwungenen kleinen Füßen, untadelig eingefügten Handgelenken und Knöcheln, einer Haut, deren Weiß die azurnen Verästelungen der Adern unterbrachen, mit knabenhaft frischen Wangen, dem festen Hals einer Juno von Aegina, starkem und geschmeidigem Nacken, Schultern, wie von Coustou modelliert, einem wonnigen Grübchen in der Mitte unter dem Musselinkleid, mit einer von Träumerei gedämpften Heiterkeit, skulptural und kostbar: So war Pantine, und man erriet unter diesem Putz und diesen Maschen eine Statue, in dieser Statue eine Seele.

Fantine war nicht nur die Freude, sie war auch die Scham. Was einem Beobachter, der sie genau ansah, durch alle diese Trunkenheit der Jugend, des Sommers und der Liebelei fühlbar wurde, war der Ausdruck unbesiegbarer Zurückhaltung und Bescheidenheit. Immer war sie ein wenig erstaunt. Dieses keusche Staunen ist die Nuance, die Psyche von Venus abhebt. Fantine hatte die langen und schmalen Finger der Vestalin, die mit goldener Nadel die Asche auf dem heiligen Herde schürt. Obwohl sie Tholomyès nichts verweigert hatte, war ihr Gesicht in der Ruhe von jungfräulicher Hoheit. Jählings befiel sie manchmal eine ernste und fast strenge Würde, und nichts war sonderbarer und verwirrender als der Anblick, wie ihre Heiterkeit schnell erlosch und Sammlung bei ihr den Stunden, in denen sie sich gehenließ, unvermittelt folgte. Diese plötzliche, oft scharf betonte Getragenheit glich dem Unwillen einer Göttin. Ihre Stirn, ihre Nase und ihr Kinn wiesen das Ebenmaß der Linien auf, das etwas anderes ist als das Ebenmaß der Proportionen und aus dem die Harmonie des Antlitzes sich ergibt. In dem charakteristischen Raum zwischen Nasenwurzel und Oberlippe hatte sie jene beinahe unsichtbare süße Falte, das geheimnisvolle Siegel der Keuschheit, das in Barbarossa die Leidenschaft für eine aus den Trümmern von Ikonium ausgegrabene Diana erregte. Liebe ist sündhaft; mag dem so sein. Fantine war Unschuld, die über die Sünde hinaus besteht.

III

Dieser Tag war von einem Ende zum anderen in Morgenröte getaucht. Die ganze Natur schien zu feiern und zu lachen. Die Blumenbeete von Saint-Cloud dufteten balsamisch. Der Lufthauch über der Seine kräuselte sacht die Blätter. Im Säuseln des bewegten Zephirs bewegten sich die Zweige. Die Bienen plünderten den Jasmin. Ein Bohemevolk von Schmetterlingen ließ sich auf die Schafgarben, den Klee und den wilden Hafer nieder. In dem erhabenen Park des Königs von Frankreich tummelte sich ein vagabundierendes Gesindel: die Vögel. Die vier fröhlichen Paare strahlten, eins mit dem Sonnenschein, den Feldern, den Blumen, den Bäumen. Und in dieser paradiesischen Gemeinschaft tollten die Mädchen redend, singend, laufend, tanzend, Schmetterlinge jagend, Winden pflückend, ihre rosig durchbrochenen Strümpfe im Tau des hohen Grases nässend, jugendlich, ohne Bosheit, und empfingen bald hier, bald dort die Küsse aller, bis auf Fantine, die in ihrem weichen, träumerischen, scheuen Widerstand sich abschloß und die liebte. »Du«, sagte Favourite, »siehst immer so nach Dings aus.«

Nach dem Frühstück gingen die vier Paare dorthin, was man damals das Königliche Beet nannte, eine Pflanze zu besichtigen, die neu aus Indien eingetroffen war und die in jener Epoche ganz Paris nach Saint-Cloud zog. Es war ein bizarres, reizendes Bäumchen auf hohem Stamm, dessen zahllose Zweige, zart wie Fäden, zerzaust, ohne grünes Laub, von einer Million kleiner weißer Röschen besät waren, so daß der Baum Haarsträhnen glich, mit Blumen statt der Blattläuse. Immer war da eine Menge und bewunderte ihn.

Als man ihn gesehen hatte, rief Tholomyès: »Ich lasse euch Esel reiten!«, und nachdem sie mit einem Eselwärter den Preis vereinbart hatten, kehrten sie über Vanves und Issy zurück. In Issy gab es eine Abwechslung. Der Park, Nationaleigentum oder vielmehr zu der Zeit Besitz des Munitionärs Bourguin, stand gerade weit offen. Sie betraten ihn durch das Gittertor, besuchten den Einsiedler, den Gliedermann in seiner Grotte, erprobten die mysteriösen kleinen Wirkungen des berühmten Spiegelkabinetts, des unzüchtigen Fuchsbaues, wert eines Satyrs, der Millionär geworden war, oder eines in Priap verwandelten Turcaret. Sie schüttelten weidlich das große Schaukelnetz, das an den zwei vom Abbé Bernis gepriesenen Kastanienbäumen hing. Sie wippten die Schönen, eine nach der anderen, so daß unter allgemeinem Gelächter die Spitzenunterröcke aufflogen und Greuze sich an dem Schauspiel gelabt hätte. Dann sang Tholomyès aus Toulouse, der ein wenig Spanier war (Toulouse ist eine Cousine von Tolosa), nach einer schwermütigen Melodie die alte Gallega, die vielleicht durch ein schönes, auf einem Seil zwischen zwei Bäumen heftig geschaukeltes Mädchen inspiriert ist:

»Soy de Badajoz,
amor me llama.
Toda mi alma
es en mi ojos
porque enseñas
a tus piernas.«

Einzig Fantine wollte sich nicht in das Netz legen. »Ich hab' das nicht gern, wenn eine sich so spreizt«, murmelte Favourite ziemlich bitter.

Sie stiegen von den Eseln ab, und dann gab es wieder eine Freude. Sie setzten in einem Boot über die Seine, und von Passy erreichten sie zu Fuß die Schranke an der Etoile. Seit fünf Uhr morgens waren sie, wie man sich erinnert, auf den Beinen. Aber bah! »Sonntags gibt es keine Müdigkeit«, sagte Favourite. »Sonntags macht die Müdigkeit blau.« Gegen drei Uhr taumelten die vier Paare, verstört vor Glück, auf die Russische Bergbahn los, ein seltsames Gebäude, das auf der Höhe von Beaujon jon errichtet war und dessen Serpentinenumriß über den Bäumen der Champs-Elysées sich türmte.

Ab und zu rief Favourite: »Und die Überraschung? Ich will die Überraschung sehn!«

»Geduld«, antwortete Tholomyès.

IV

Als sie von der Russischen Bergbahn genug hatten, dachten sie an das Diner. Und das ausgelassene Achtgespann, endlich ein bißchen erschöpft, strandete in der Schenke von Bombarda, einer in den Champs-Elysées errichteten Filiale des vielberufenen Restaurateurs, dessen Schild man damals in der Rue de Rivoli sah, neben der Passage Delorme.

Eine große, aber häßliche Stube, mit Alkoven und Bett im Hintergrund. Weil die Wirtschaft sonntags überfüllt war, hatte man sich mit dieser Lagerstatt abfinden müssen. Zwei Fenster, von denen aus sie durch die Ulmen hindurch den Kai und den Fluß betrachten konnten und die ein herrlicher Strahl der Augustsonne streifte. Zwei Tische. Auf dem einen ein triumphaler Berg von Blumensträußen, vermischt mit Hüten von Männern und Frauen. An dem anderen die vier Paare, gruppiert um ein fröhliches Gewimmel von Schüsseln, Tellern, Gläsern, Bierkrügen und Weinflaschen. Nur wenig Ordnung auf dem Tisch, einige Unordnung darunter, jenes »entsetzliche Tricktrack der Füße«, von dem Molière spricht. So war es gegen halb fünf Uhr abends um das Schäferspiel beschaffen, das fünf Uhr morgens begonnen hatte. Das Tagesgestirn neigte sich, der Appetit erlosch.

Von Sonne und Menschen erfüllt, waren die Champs-Elysées nur Licht und Staub, die beiden Bestandteile, aus denen sich der Ruhm zusammensetzt. Die wiehernden Marmorpferde von Marly warfen in goldenem Gewölk die Beine. Eine Schwadron glänzender Gardes-du-Corps mit dem Bläser an der Spitze trabte die Avenue nach Neuilly hinab. Die weiße Fahne schwamm, blaß-rosa in der sinkenden Sonne, auf dem Dach des Tuileriendomes. Die Place de la Concorde, die wieder der Platz Ludwigs XV. geworden war, quoll über von zufriedenen Bummlern. Viele trugen die silberne Lilie am moirierten Ordensband, das im Jahre 1817 aus den Knopflöchern nicht ganz verschwunden war. Hier und dort zirpten inmitten der Passanten, die einen Kreis um sie bildeten und Beifall klatschten, junge Mädchen beim Rundtanz eine bourbonische Weise in den Wind. Überall gesungen, sollte sie die Erinnerung an die Hundert Tage niederkämpfen, und jede ihrer Strophen schloß: »Gebt unser Väterchen in Gent uns wieder, dem Väterchen erschallen unsre Lieder.« Haufen sonntäglich gekleideter Arbeiter aus der Vorstadt, manche sogar mit der Lilie dekoriert wie die Bürger, waren über das große Viereck und das Karree Marigny verstreut. Sie schleuderten Ringe und ritten auf hölzernen Pferden. Andere tranken. Einige, die Druckerlehrlinge waren, hatten Papiermützen auf. Ihr Lachen drang herüber.

Das Diner bei Bombarda ging zu Ende. Fameuil und Dahlia trällerten. Tholomyès zechte. Zéphine lachte. Fantine lächelte. Listolier tutete auf einer in Saint-Cloud gekauften Holztrompete. Favourite blickte zärtlich auf Blachevelle und sagte: »Blachevelle, ich bete dich an.«

Dies zog eine Frage von Blachevelle nach sich: »Und was wäre, Favourite, wenn ich dich nicht mehr liebte?«

»Ach«, rief Favourite, »ach, sage das nicht, auch nicht zum Scherz! Wenn du mich nicht mehr liebhast, würde ich dir nachhetzen, dir die Nägel in die Backen bohren, dich zerkratzen, dich mit Wasser überschütten, dich verhaften lassen.« Blachevelle lächelte mit der genießerischen Geckenhaftigkeit eines Mannes, dessen Eigenliebe gekitzelt wird. »Ja, ich würde die Polizei herbeischreien! Ich würde mich wahrhaftig nicht genieren! Gemeiner Kerl!«

Blachevelle wälzte sich verzückt auf seinem Stuhl und schloß voll Stolz beide Augen. Dahlia sagte, ohne daß sie sich im Essen unterbrach, in dem Getöse leise zu Favourite: »Du bist also närrisch in deinen Blachevelle verliebt?«

»Ich verabscheue ihn«, sagte Favourite im selben Ton und griff wieder nach ihrer Gabel. »Er ist ein Geizkragen. Ich liebe den Kleinen, der mir gegenüber wohnt. Er sieht sehr gut aus, der junge Mensch. Kennst du ihn? Er hat so was vom Schauspieler. Ich schwärme für Schauspieler. Sobald er heimkommt, sagt seine Mutter: ›Ach, mein Gott, jetzt ist meine Ruhe hin. Jetzt wird er brüllen. Mein Kind, mir zerspringt der Kopf!‹ Weil er nämlich in das Haus hinaufgeht, in Mansarden für Ratten, in finstere Löcher, so hoch er nur klettern kann, und singt und deklamiert, weiß ich was?, daß es von unten zu hören ist. Er verdient schon zwanzig Sous täglich bei einem Anwalt, wo er Prozeßakten abschreibt. Er ist der Sohn eines früheren Kirchensängers in Saint-Jacques-du-Haut-Pas, Ach, sehr gut sieht er aus. Er vergöttert mich so, daß er eines Tags, als er zusah, wie ich Krapfenteig knetete, zu mir gesagt hat: ›Mein Fräulein, backen Sie Krapfen aus Ihren Handschuhen, und ich werde sie essen.‹ So was können nur Künstler sagen. Er sieht so gut aus, daß ich wegen des Kleinen bald den Verstand verlieren werde. Egal, ich rede Blachevelle ein, daß ich ihn anbete. Wie ich lüge, oh, wie ich lüge!«

Favourite machte eine Pause, dann begann sie wieder: »Dahlia, weißt du, ich bin traurig. Den ganzen Sommer hat es nur geregnet, der Wind läßt nicht ab zu wüten, Blachevelle ist ein Knicker, kaum gibt's Schoten auf dem Markt, was soll man da essen? Ich habe den Spleen, wie die Engländer sagen. Die Butter ist so teuer! Und das ist scheußlich, siehst du, wir speisen in einem Lokal, in dem ein Bett steht, und davon werde ich lebensüberdrüssig.«

Inzwischen sangen die einen, die anderen plauderten stürmisch, und alle zugleich. In diesem Durcheinander füllte Tholomyès sein Glas und erhob sich. »Ein Gloria dem Wein! Nunc te, Bacche, canam! Verzeihung, meine Damen, das ist Spanisch. Und Beweis, señoras, ist: Wie die Bevölkerung, so das Faß. Der Arroba von Kastilien enthält sechzehn Liter, die Cántara von Alicante zwölf, der Almude von den Kanarischen Inseln fünfundzwanzig, der Cuartin von den Balearen sechsundzwanzig, der Stiefel des Zaren dreißig. Es lebe der Zar, der groß war, und es lebe sein Stiefel, der noch größer war! Meine Damen, ein freundschaftlicher Rat: Irren Sie sich in Ihrem Nachbarn, wenn es Ihnen recht ist! Die Eigenheit der Liebe ist, daß sie sich irrt. Bei der Liebelei soll man sich nicht niederkauern und abrackern wie eine Dienstmagd in England, die vom Scheuern Schwielen an den Knien hat. So ist sie nicht, die süße Liebelei, sie ist ein heiterer Irrtum. Meine Damen, ich vergöttere Sie alle. O Zéphine, o Joséphine, mit Ihrem mehr als zerknitterten Gesicht, reizend wären Sie, wenn Sie nicht schief gebaut wären. Sie gleichen einem hübschen Antlitz, auf das man sich aus Versehen gesetzt hat. – Und nun du, Favourite! Nymphen und Musen! Eines Tages, als Blachevelle in der Rue Guérin-Boisseau über den Rinnstein hinwegschritt, erblickte er ein schönes Mädchen mit weißen, gestrafften Strümpfen, das seine Beine zeigte. Dieser Prolog gefiel ihm, und Blachevelle liebte. Die er liebte, war Favourite. O Favourite, du hast ionische Lippen. Es gab einen griechischen Maler, den Euphorion, mit dem Beinamen: der Lippenmaier. Dieser Grieche allein wäre würdig gewesen, deinen Mund zu malen. Du bist dazu da, den Apfel zu empfangen wie Venus oder ihn zu verzehren wie Eva. Die Schönheit beginnt bei dir. O Favourite, jetzt duze ich dich nicht mehr, weil ich von der Poesie zur Prosa übergehe. Ich heiße Félix, und dennoch bin ich nicht glücklich. Die Namen sind Trug. Wir wollen nicht blindlings an ihren Sinn glauben. Miß Dahlia, ich an Ihrer Stelle würde mich Rosa nennen. Die Blume muß ihren Duft haben und die Frau Geist. Ich sage nichts über Fantine. Sie ist eine Träumerin, nachdenklich und empfindsam. Ein Phantom mit der Gestalt einer Nymphe und der Scham einer Nonne, die sich in das Grisettenleben verlaufen hat, aber sich in ihre Illusionen flüchtet und singt und betet und in den Azur schaut, ohne richtig zu wissen, was sie sieht oder tut. Die Augen dem Himmel zugekehrt, wandert sie ziellos in einem Garten umher, in dem es mehr Vögel gibt als in Wirklichkeit. O Fantine, höre: Ich, Tholomyès, bin eine Illusion. Aber sie hört nicht mal zu, das blonde Geschöpf der Schimäre! Im übrigen ist alles an ihr Frische, Lieblichkeit, Jugend, sanfte Morgenhelligkeit. O Fantine, Mädchen, wert, dich Perle zu nennen, du bist ein Weib aus dem schönsten Orient. Noch eine Empfehlung, meine Damen, heiraten Sie nicht! Die Heirat ist ein Pfropfreis. Das geht gut oder schlecht aus; vermeiden sie dieses Risiko! Die Mädchen sind in ihrer Heiraterei unverbesserlich; und was wir Weisen auch sagen mögen, es wird die Westennäherinnen und die Schuhstepperinnen nicht hindern, von Ehegatten zu träumen, die durch Diamanten reich geworden sind. Na gut! Aber, meine Schönen, merken Sie sich: Ihr eßt zuviel Zucker. Es ist euer einziges Unrecht, o Frauen, daß ihr Zucker knabbert. O nagendes Geschlecht, deine hübschen weißen Zähnchen sind närrisch nach Zucker. Paßt auf, der Zucker ist ein Salz, jedes Salz trocknet aus. Der Zucker ist das austrocknendste aller Salze. Er pumpt die Blutflüssigkeit durch die Adern. Daher das Gerinnen und die Verdichtung des Blutes. Daher die Tuberkel in der Lunge; daher der Tod. Also zerbeißen Sie keinen Zucker, und Sie werden leben. Ich wende mich nun an die Männer. Meine Herren, machen Sie Beute! Rauben Sie einander ohne Gewissensqualen die Geliebten! Über Kreuz! In der Liebe gibt es keine Freundschaft! Überall, wo eine hübsche Frau ist, sind die Feindseligkeiten eröffnet. Keine Schonung, Krieg bis aufs Messer! Eine hübsche Frau ist ein Casus belli; eine hübsche Frau ist ein flagrantes Delikt. Alle Invasionen in der Geschichte werden durch Röcke hervorgerufen. Die Frau ist das Mannesrecht. Romulus hat die Sabinerinnen entführt, Wilhelm der Eroberer die Sächsinnen, Cäsar die Römerinnen. Der ungeliebte Mann schweift wie ein Geier über den Geliebten der anderen. Und all den Unglücklichen, die Witwer sind, werfe ich die erhabene Proklamation Bonapartes an die italienische Armee zu: »Soldaten, euch fehlt alles. Der Feind hat es.«

Tholomyès verstummte für eine Minute. »Verschnaufe dich«, sagte Blachevelle. Und sofort stimmte er, gelehnt auf Listolier und Fameuil, nach der Melodie eines Bänkelsangs eines der aus irgendwelchen Worten zusammengestückelten Atelierlieder an, die entweder im Übermaß oder gar nicht gereimt und sinnlos wie das Klappern von Ästen im Wind sind. Aus dem Pfeifenrauch geboren, zergehen und zerfliegen sie mit ihm. Das blöde Couplet, mit dem die Gruppe das Gefasel von Tholomyes erwiderte, war nicht dazu angetan, seine Improvisation zu beschwichtigen. Er leerte sein Glas, füllte es und begann wieder. Kaum hätte er eingehalten, wäre nicht eben jetzt ein Pferd auf dem Kai gestürzt. Von dem Schock blieben der Wagen stecken und der Redner. Das Pferd, eine alte, magere und für den Abdecker reife Stute aus der Beauce, war vor einen schweren Karren gespannt. In der Nähe des Lokals von Bombarda hatte das Tier sich gesträubt, weiterzuziehen. Eine Masse Neugieriger strömte herbei. In seiner Entrüstung fluchend, hatte der Kärrner gerade noch Zeit, mit geziemender Wucht die sakramentalen Worte »Vieh, verdammtes!« auszusprechen, denen er mit einem unversöhnlichen Peitschenhieb nachhalf. Da fiel der Gaul und erhob sich nicht mehr. Die Passanten schrien, die aufgeräumten Hörer von Tholomyès blickten hinüber, und er nutzte das, um mit dem Vers zu enden: »Ein Roß, hat sie gelebt, solang' wie Rosse leben.«

»Armes Pferd«, seufzte Kantine. Und Dahlia rief: »Nun jammert Fantine um die Pferde! Wie kann man so dumm sein!«

In diesem Augenblick kreuzte Favourite die Arme, warf den Kopf in den Nacken, sah Tholomyes entschlossen an und sagte: »So, und die Überraschung?«

»Ganz recht«, erwiderte Tholomyes. »Der Moment ist da. Meine Herren, die Stunde, die Schönen zu überraschen, hat geschlagen. Meine Damen, warten Sie hier ein paar Minuten!«

»Es fängt mit einem Kuß an«, sagte Blachevelle.

»Auf die Stirn«, setzte Tholomyes hinzu.

Jeder drückte feierlich einen Kuß auf die Stirn der Geliebten. Dann steuerten alle vier im Gänsemarsch auf die Tür zu und legten einen Finger auf den Mund.

Favourite klatschte, als sie hinausgingen. »Schon das ist sehr spaßig«, sagte sie.

»Kommt nicht zu spät wieder«, murmelte Fantine, »wir warten auf euch.«

V

Als die jungen Mädchen allein waren, stützten sie ihre Ellbogen zu zweit auf je eine Fensterbank, schwatzten, neigten sich hinaus und riefen einander zu. Sie sahen, wie die jungen Männer Arm in Arm die Schenke von Bombarda verließen. Die Herren drehten sich nach ihnen um, winkten ihnen lachend zu und verschwanden in dem staubigen Sonntagsgewühl, das alle sieben Tage die Champs-Elysées überfällt.

»Kommt nicht zu spät wieder!« schrie Fantine.

»Was werden sie uns bringen?« fragte Zéphine.

»Sicherlich was Nettes«, sagte Dahlia.

»Ich«, meinte Favourite, »möchte ein Präsent von Gold.«

Bald wurden sie von der Bewegung am Ufer abgelenkt, die sie durch die Zweige der großen Bäume sahen und die sie sehr ergötzte. Es war die Stunde der Abfahrt der Briefpost und der Schnellpostkutschen. Fast alle Linien nach dem Süden und Westen Frankreichs gingen damals über die Champs-Elysées. In der Mehrzahl folgten sie dem Kai und nahmen den Weg aus der Stadt hinaus durch die Zollschranke von Passy. In jeder Minute brauste ein großer gelb und schwarz bemalter Wagen, schwer bepackt, geräuschvoll bespannt, unförmig durch die vielen Koffer, Decken und Felleisen, voll von Köpfen, die alsbald verschwanden, die Chaussee zermahlend, alle Pflastersteine zerbröckelnd, durch die Menge, mit dem Funkensprühen einer Schmiede und Staub statt des Rauches, wild wie Furien.

Dieses Gedröhn erfreute die jungen Mädchen. »Was für ein Krach!« rief Favourite. »Als klirrten Ketten durch die Luft!«

Einmal hielt einer der Wagen, die man im dichten Laub der Ulmen kaum unterschied, nur kurz an und sauste im Galopp weiter. Fantine war betroffen. »Seltsam!« sagte sie. »Ich dachte, die Schnellpost hielte überhaupt nicht.« Favourite zuckte die Achseln. »Diese Fantine ist zum Staunen. Für mich ist sie ein Naturwunder. Sie läßt sich von den einfachsten Dingen blenden. Nehmen wir an, ich bin ein Reisender, ich sage zu der Schnellpost: ›Ich gehe vor, Sie holen mich ein, wenn Sie auf dem Kai vorüberrollen.‹ Die Schnellpost sieht mich, hält, ich steige zu. So was geschieht alle Tage. Du kennst das Leben nicht, meine Liebe.«

Eine längere Frist verrann. Plötzlich fuhr Favourite auf, als erwache sie. »Na«, fragte sie, »und die Überraschung?«

»Ja, richtig«, sagte auch Dahlia, »die berühmte Überraschung!«

»Sie bleiben lange«, sagte Fantine.

Kaum daß sie diesen Seufzer ausstieß, trat der Kellner ein, der das Diner serviert hatte. Er trug in der Hand etwas, das einem Briefe ähnelte.

»Was ist das?« fragte Favourite.

»Ein Papier«, antwortete der Kellner, »das die Herren für die Damen hiergelassen haben.«

»Warum haben Sie es nicht gleich gebracht?«

»Weil die Herren«, erwiderte der Kellner, »mir befohlen haben, es den Damen nicht vor einer Stunde zu übergeben.«

Favourite griff nach dem Papier in der Hand des Kellners. Es war wirklich ein Brief. »Halt!« sagte sie. »Adresse fehlt. Aber da steht eine Überschrift: ›Dies ist die Überraschung.‹«

Hastig entsiegelte sie den Brief, öffnete ihn und las vor (sie konnte lesen):

»O unsere Geliebten!

Wisset, daß wir Eltern haben. Eltern, wovon Euch nicht viel bekannt ist. Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt das, kindlich und ehrbar, Väter und Mütter. Diese Eltern also stöhnen um uns, diese Greise verlangen nach uns, diese guten Männer und guten Frauen nennen uns verlorene Söhne, sie wünschen unsere Heimkehr und erbieten sich, Kälber für uns zu schlachten. Wir gehorchen ihnen, da wir tugendhaft sind. Zu der Stunde, da Ihr dies lesen werdet, befördern fünf feurige Pferde uns zu unseren Papas und Mamas zurück. Wir machen, daß wir fortkommen, wie Bossuet sagt. Wir reisen ab, sind abgereist. Wir enteilen in die Arme von Laffitte und auf den Flügeln von Calliard. Die Schnellpost von Toulouse trägt uns vom drohenden Abgrund weg, und der Abgrund seid Ihr, unsere schönen Kleinen! Wir treten wieder in die Gesellschaft ein, in Pflicht und Ordnung, in den großen Trott, drei Meilen in der Stunde. Es ist von Bedeutung für das Vaterland, daß wir wie jedermann Präfekten werden, Familienväter, Feldhüter und Staatsräte. Verehrt uns! Wir opfern uns. Beweint uns rasch und ersetzt uns schleunigst! Wenn dieser Brief Euch zerreißt, tut ihm das nämliche. Lebtwohl! Fast zwei Jahre lang haben wir Euch beglückt. Grollt uns deshalb nicht!

Unterschrift: Blachevelle
Fameuil
Lisfolier
Tholomyès

Postskriptum: Das Diner ist bezahlt.«

Die vier jungen Mädchen sahen sich an. Favourite brach als erste das Schweigen. »Na«, rief sie, »ein guter Spaß ist es doch!«

»Sehr drollig«, sagte Zéphine.

»Die Idee muß Blachevelle gehabt haben«, fuhr Favourite fort. »Drum werde ich jetzt ganz verliebt in ihn. Aus den Augen, aber in den Sinn. So ist das.«

»Nein«, sagte Dahlia. »Es ist eine Idee von Tholomyès. Das spürt man.«

»Dann«, erwiderte Favourite, »nieder mit Blachevelle und hoch Tholomyès!«

»Hoch Tholomès!« riefen Dahlia und Zéphine und platzten vor Lachen los.

Fantine lachte wie die anderen. Eine Stunde später, als sie wieder in ihrem Zimmer war, weinte sie. Es war ja ihre erste Liebe. Sie hatte sich Tholomyès hingegeben wie einem Gatten, und das arme Mädchen hatte ein Kind.








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