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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Ein deutscher Krieger

Eduard Bauernfeld: Ein deutscher Krieger - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Schriften Band 5
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1844
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleEin deutscher Krieger
pages95-96
created20060810
sendergerd.bouillon
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Zweiter Act.

(Zelt des Obersten.)

Erste Scene.

Oberst Götze und die Offiziere (stehen und halten Kriegsrath). Major Kanne (sehr alt, zum Krüppel geschossen, sitzt auf dem einzigen Feldstuhl).

Oberst. Zum Schluß, Ihr Herren! Schon eine geraume Zeit liegen wir hier vor Bergzabern, das von einem tüchtigen Offizier vertheidigt wird. Wäre die Festung unser, so besäßen wir den wichtigsten Stütz-Punkt im Lande; – aber wie es scheint, erwarten sie droben Entsatz, darum vertheidigen sie sich so hartnäckig, und wollen nichts von Uebergabe hören. Sagt übrigens Eure Meinung. Sprecht zuerst, Major Kanne! Ihr seid der Aelteste und Erfahrenste in unserm Rath, und habt bisher die Belagerung, wenn auch von Euerm Feldstuhl aus, mit Nachdruck und Umsicht geleitet.

Major Kanne (mit heiserer, aber kräftiger Stimme). Zabern muß unser werden, oder in Trümmer fallen – das Letztere kann ich bewerkstelligen – im Nothfall heute noch. (Hustet) Das Erstere wär' aber besser – dafür mögt Ihr sorgen, Oberst. In jedem Fall – laßt blasen. (Hustet.) Zum General-Sturm mein' ich. Das ist meine Meinung. (Hustet.)

Erster Hauptmann. So mein' ich auch.

Die Hauptleute. Wir Alle.

Zweiter Hauptmann. Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich, als der jüngste Capitän, zugleich der einzige bin, der es wagen möchte, eine entgegengesetzte Ansicht –

Major. Entgegengesetzt? Was?

Oberst. Sprecht ungescheut, Capitän von Carlowitz! Bei mir darf ein Jeder reden, wie er denkt.

Zweiter Hauptmann. So erlaub' ich mir denn, darauf aufmerksam zu machen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen unser allergnädigster Herr, der Churfürst selbst, diese neue Occupation, zu Gunsten des uns fremden Lothringers, schwerlich billigen würde.

Major. Nicht billigen? So? Hat Euch das Euer Gönner geschrieben, Graf von Dohna Excellenz?

Oberst. Der Capitän hat ganz Recht.

Major. Hat Recht?

Oberst. Ich darf's Euch nicht verhehlen, Ihr Herren: so eben ist ein Rescript eingelangt aus der Kanzlei in Dresden, das mir befiehlt, mich aller »ernstlichen Affairen« zu enthalten.

(Murren unter den Offizieren.)

Major (steht auf). Wie lautet das?

Oberst. Hier ist das Rescript. Ich weiß, es kam nicht aus der Seele unsers edlen, hohen Herrn – sondern nur aus seiner Kanzlei. Die in Dresden sind erbittert über mich, weil ich meinen eigenen Weg gehe, wie's der Soldat auch muß, denn im Kriege entscheidet der Moment, nicht weit her geholte Instructionen.

Major. Laßt Euch's nicht grämen, Oberst – laßt blasen.

Oberst. Fast möcht' ich's wagen. Einen weiß ich, der mir in Dresden das Wort redet – und dieser Eine ist ein Weib: die gute Churfürstin – die echte deutsche Frau.

Major (zieht den Hut). Die fromme Magdalena Sibilla! Respect vor der!

Oberst. Der gute Engel unsers Herrn. Aber bei dem harten Rescript hat sie gewiß nicht an seiner Seite gestanden. (Liest.) »Ueber jede Operation« heißt es schließlich – »wird ihme, Obrist Götze, aufgetragen, in Zukunft in Vorhinein und mit Consideration zu relationiren. Wegen seiner submissesten Bitte um Auszahlung des rückständigen Soldes für die Truppen wird das weitere Conclusum folgen.«

Major. Was? Kein Geld? Wer ist denn unterschrieben?

Oberst (liest). »Centurn Pflug, Commandant in Dresden. Ad mandatum Serenissimi: Dr. David Döring, Finanzrath.«

Major. Nun ja! Wo der Döring steht, da ist niemals kein Geld nicht zu kriegen. (Die Offiziere lachen.) Aber kein Geld, keine Mannszucht.

Oberst. So denk' ich auch. Zum Glück haben wir Geld.

Major. Das heißt, Ihr schießt alleweile vor, aber Niemand schießt Euch zurück. Wir wissen's wohl; Ihr habt Euer eigenes Vermögen zugesetzt, nur um den Sold zu zahlen.

Oberst. Dafür hab' ich die Verschreibungen der Kanzlei.

Major. Die sind von Papier. (Hustet.) Aber Ein für alle Mal: wir höheren Offiziere nehmen künftig keinen Heller mehr an, bis man Euch contentirt hat. (Beistimmung der Offiziere.)

Oberst. Ohne Sorge, meine Herren! Wir sind gedeckt, und wenn ich Euch vom Gelde sprach, so war es nur, um Eure Meinung über das Rescript zu hören.

Major. Laßt blasen, sag' ich. (Hustet.)

Oberst. Aber ich muß meine unterthänigste Relation abstatten –

Major. Wartet damit, bis Zabern erst umgeblasen ist, und dann bedauert, daß Ihr das Rescript um einen Tag zu spät erhalten habt. Uebrigens – (hustet) laßt blasen.

Ruf der Soldaten (hinter der Scene). Es lebe unser Oberst Götze! Vivat!

Major. Was ist denn das?

Oberst. Mein neuer Geld-Negoziant. Ich habe durch ihn den Sturmsold unter die Truppen vertheilen lassen, wie auch einige Fässer Wein, und nun jubeln sie.

Major. Das ist gescheit. Mit Geld im Beutel und einem kleinen Dusel im Kopf belagert sich's am besten. (Hustet.) Laßt blasen.

Oberst. In's Himmels Namen denn! Laßt die Feste zur Uebergabe auffordern, und weigert sie sich abermals, dann an's Werk. An Ihre Posten, meine Herren! Der Major hat das Commando. Mit Gott, Ihr Herren!

Major. Adieu, Oberst. Wir speisen heute in Zabern, wenn's nicht voraus bestimmt ist, daß die Würmer morgen uns verspeisen sollen. (Ab mit den Offizieren.)

Zweite Scene.

Oberst, dann Georg Büttner.

Oberst (allein). Wir leben leider in einer Zeit, wo jeder ordentliche Kerl eine Ausnahme ist; aber der gütige Gott hat mich gesegnet: er schickt die Ausnahmen alle zu mir.

Büttner (von der Seite eintretend). Nun, Herr Oberst! Seid Ihr zufrieden! Habt Ihr die Leutchen jubiliren hören?

Oberst. Sieh da! Mein wackerer Büttner, mein Finanz-Minister!

Büttner. Und Keller-Meister obendrein. Ihr solltet Eure Lust haben, wenn Ihr sehen könntet, wie Euren Leuten der Rheinwein schmeckt.

Oberst. Das freut mich! Sie haben heute noch tüchtige Arbeit vor, und werden Kraft brauchen. Wie geht's zu Hause, Büttner?

Büttner. Ganz erträglich, Dank der Nachfrage. Meine Alte empfiehlt sich gehorsamst.

Oberst. Hat sie mir meinen ersten, etwas unsanften Empfang schon verziehen?

Büttner. Sie ist vollkommen mit Euch ausgesöhnt, seit Ihr so gütig wart, Euch über ihre frischen blauen Augen zu verwundern.

Oberst. Das freut mich, freut mich! (Trompetenstoß hinter der Scene.) Aha! die Aufforderung! Der alte Kanne ist rasch.

Büttner. Da geht wohl was los?

Oberst. Nichts von Bedeutung . . . Nun – hat Er seinen Sohn im Lager besucht, Büttner?

Büttner. Ja – er sitzt vor dem Zelt.

Oberst. Trinkt und jubelt er nicht mit den Uebrigen?

Büttner. Nein. Er liest die vier Heymons-Kinder.

Oberst. Im Lesen und Schreiben ist er brav; darum hab' ich ihn auch zu meiner Leib-Ordonnanz gemacht.

Büttner. Ja, zum Hin- und Herschicken taugt er – zu was Anderem hab' ich ihn auch niemals brauchen können.

Oberst (Hans entgegen, der als Ordonnanz militärisch und rasch von der Seite auftritt). Nun? (Hans spricht ihm in's Ohr.) Sie wollen nicht capituliren? Es ist gut. Major Kanne soll nach seiner Ordre handeln. (Hans marschirt ab. Theaterspiel mit dem Vater.) Mach' Er jetzt, daß Er nach Hause kommt, Büttner; es könnte hier mit Nächstem ein klein wenig unruhig zugehen. (Einer zweiten Ordonnanz entgegen, die eilig auftritt.) Schon wieder was? (Die Ordonnanz spricht ihm in's Ohr.) Ein Parlamentär? Meinetwegen. Er mag kommen – Aber bald. Eine halbe Stunde geb' ich ihnen Zeit, sich zu bedenken. (Ordonnanz ab.) Der Mensch will immer eine Frist, und wenn's fünf Minuten vor seinem Absterben wäre.

Büttner. Ihr unternehmt einen Hauptsturm auf Zabern, nicht wahr?

Oberst (setzt sich auf den Feldstuhl, munter). So was der gleichen, Alter.

Büttner. Da werdet Ihr wohl kaum Zeit haben, mich jetzt anzuhören?

Oberst. Bis der Parlamentär kommt – warum nicht?

Büttner. Ich wollt' Euch nur sagen, Herr, daß ich gesonnen bin, meinen Pacht aufzugeben, und die Gegend hier, das Land zu verlassen.

Oberst. Was ficht Ihn an, Büttner? Jetzt, wo Er wieder deutsch geworden ist?

Büttner. Deutsch war ich im Grunde immer, Herr Oberst, und will's bleiben. Wie sollt' ich auch anders? Kann doch Keiner aus seiner Haut heraus – aber eben darum will ich fort.

Oberst. Eben darum?

Büttner. Glaubt mir's, Herr, hier ist nicht mehr der Boden für unser Einen. Das Land ist umgeackert – es ist zu viel fremder Same hinein gestreut worden.

Oberst. Hm! Und wo will Er denn hin, Büttner?

Büttner. Nach Eurem Vaterlande, Herr Oberst.

Oberst. So? Nach Sachsen?

Büttner. Meine Alte hat einmal die Vorliebe für das höfliche Land. Ich habe einen Vetter dort, der geheimer Kanzlist ist, und der mir einen einträglichen Pacht in der Nähe von Dresden verschaffen will. Mein Hans liegt mir auch immer in den Ohren, daß ich ihn nach einer großen Stadt schicken soll – da kann ich den Burschen wenigstens im Auge behalten.

Oberst. Reist Er bald, Büttner?

Büttner. Ich kann mich jeden Augenblick flott machen.

Oberst (sieht auf). Ich bin aber noch sein Schuldner –

Büttner. Damit hat's gute Zeit, Herr Oberst. Wißt Ihr was? Wenn's Frieden wird, dann kommt zu mir, auf meinen Pachthof bei Dresden; dort könnt Ihr ausruhen, und dort können wir auch abrechnen, wenn Ihr wollt. Inzwischen lebt wohl, Herr Oberst, und viel Glück zur heutigen Expedition.

Oberst. Büttner!

Büttner. Herr Oberst!

Oberst. Ihr kehrt dem Lande hier den Rücken – sprecht aufrichtig! Ihr glaubt nicht an unser Waffenglück, nicht an den Sieg der deutschen Sache?

Büttner. Je nun, Herr, ich meine, ein Deutschland war und wird wieder sein – aber bisweilen kommt's mir vor, als ob es vor der Hand gar kein's gäbe. Das macht, das französische Wesen hat sich nach und nach gar zu tief eingenistet, sowohl in's Land, als in den Rath der großen Herren. Zu meiner Zeit war's nicht so arg – aber jetzt! Seht, Herr! Alles will französisch parliren, französisch essen, sich französisch kleiden – das will etwas heißen! Ich meine, die fremden Soldaten erobern uns nicht, aber die fremden Sprachmeister, die fremden Köche und die fremden Schneider. Nehmt mir's nicht übel, Herr, das ist so meine dumme Meinung. Na, lebt wohl! Wenn's Frieden wird, sehen wir uns wieder. (Ab.)

Dritte Scene.

Oberst, dann Hans.

Oberst (allein). Wenn dem so ist, und wenn der Bürger so denkt, dann trägt der Soldat freilich seine Haut vergebens zu Markte. – Aber wo bleibt der Parlamentär? (Ruft hinaus.) Ordonnanz!

Hans (auftretend). Herr Oberst!

Oberst. Wo bleibt der Parlamentär? Ich habe keine Lust, lange zu warten.

Hans. Gehorsamst zu melden – die Frist ist noch nicht aus. Die auf der Festung d'roben berathen sich.

Oberst. Berathen sich? Wozu? Sie können sich doch nicht halten. Aber ich ahne, wer sie bei Muth erhält! Fast thut mir's leid, daß ich – – (Zu Hans, der zu horchen scheint.) Rechts um! Marsch!

Hans (im Marschiren, zögernd). Wenn ich ihm nur mein Abenteuer erzählen dürfte!

Oberst. Ich bin dem Burschen noch eine kleine Lection schuldig. (Ruft ihm nach.) Ordonnanz!

Hans (kehrt rasch um). Herr Oberst!

Oberst (fixirt ihn). Er war noch in keiner Affaire, Hans Büttner – ich ließ Ihn bisher immer bei der Bagage; – heute stürmen wir Zabern – Er darf den Sturm mitmachen.

Hans (erschrickt, faßt sich aber). Mich gehorsamst zu bedanken, Herr Oberst.

Oberst. Such' er sich auszuzeichnen – sei Er tapfer – sterb' Er im Nothfall den Heldentod.

Hans (schüttelt sich, für sich). Br!

Oberst. Er hat ohnehin noch etwas gut zu machen, wofür ich Ihn hätte erschießen lassen können.

Hans. Erschie –

Oberst. Ja – (tritt hart an ihn) denn er hat eine Feindin unsers Landes befreit.

Hans (aus der militärischen Haltung heraustretend). So kennt Ihr also mein Abenteuer schon?

Oberst. Ich kannt' es schon damals, als ich Dich zur Strafe dafür Soldat werden ließ.

Hans. Ihr seid allwissend – wie der Zauberer Merlin.

Oberst. Nicht so ganz! So weiß ich zum Beispiel noch immer nicht, wie Du Deine Braut nach Hause gebracht hast.

Hans (geschwätzig). Ohne alles Abenteuer, Herr. Ich hatte mich darauf gefreut– denn der Wald– die dunkle Nacht – die Bergfeste – das Geheimniß – die Gefahr – es lief aber ganz gewöhnlich ab, ganz gewöhnlich – ohne alle Gefahr – nur war ich müde Tags darauf, abscheulich müde – denn der weite Weg hin und her, die schlaflose Nacht, und gleich darauf das Exerciren – aufrichtig gestanden, Herr Oberst: nach Herzenslust wär' ich gleich in der ersten Viertelstunde wieder desertirt.

Oberst. Und wohl gar zum Feinde übergelaufen, nicht wahr? Zu jener Frau von La Roche?

Hans. Zur Melusine? Nein, wirklich nicht. Ueber die bin ich überhaupt garstig enttäuscht worden. In der Nähe betrachtet hat sie gar nichts Feenartiges, nichts Melusinisches – nicht das Geringste – und etwas müßte sich doch zeigen, wenn man mit einer Fee fünf volle Stunden durch einen stockfinstern Wald spaziert – aber es hat sich gar nichts gezeigt – gar nichts. Anfangs schritt sie stumm neben mir einher. »Edle Dame,« sagt' ich, »stützt Euch auf meinen Arm.« – »Danke,« sagte sie. Das war Alles. Kein Wort mehr. Eine halbe Stunde schwieg auch ich – aus Bescheidenheit; dann lenkt' ich das Gespräch auf Lektüre, und fragte sie, ob sie die »wundersame Historie der schönen Flörderpina« gelesen habe, oder die »Geschichte 'nes gold'nen Widders,« oder »Pöna, das Mädchen mit dem Schweinskopf« – nichts von alledem. Einmal – am Ausgang des Waldes, der Mond trat eben hervor, die Bäume und die Waldquellen rauschten und die Grillen zirpten – da setzte sie sich auf einen Baumstrunk, um auszuruhen; da sie durstig war, holt' ich ihr Wasser in meiner Pickelhaube – ich hielt den Helm, sie trank. – Die Scene hatte wenigstens einen Anstrich von etwas Märchenhaftem. Da that sie auch zum ersten Mal ordentlich den Mund auf und sprach – und zwar von Euch.

Oberst. Von mir? Was sagte sie denn?

Hans. Daß Ihr ein tapferer Mann wäret, und auch ein edelmüthiger: aber es wäre Schade, meinte sie, daß Ihr Euer Leben an eine verlorne Sache d'ran setztet.

Oberst. An eine verlorne Sache? So?

Hans. Sie bedauere Euch, und wünsche nicht zu hören, daß Ihr darin unterginget. Das war der Sinn, aber es waren noch eine Menge Worte dabei. Plötzlich stand sie auf, um ihren Weg wieder fortzusetzen. Ich wollte sie begleiten. – »Ich danke Dir, guter Freund,« sagte sie. »Nimm diesen Ring zu meinem Andenken« – hier ist er – ein ganz gewöhnlicher Fingerreif – »dort liegt die Straße nach Zabern – ich habe keinen Führer mehr nöthig.« – »Führer,« rief ich aus; »wenn's weiter nichts wäre! Aber Ihr braucht einen Schützer.« – Sie lächelte, und sah mich groß an. »Beschützt hat mich ein Anderer,« sagte sie mit einem sonderbaren Ton; »Du warst nur mein Wegweiser. Leb' wohl.« – Damit schlug sie die Heerstraße nach Zabern ein, und ließ mir das Nachsehen. – Wegweiser! Nun bitt' ich Euch! Anfangs nannte sie mich einen Engel und zuletzt ist aus dem Engel ein simpler Wegweiser geworden. Und das soll ein Abenteuer sein!

Oberst (sinnend). Verlorne Sache! – Es ist gut, Hans. Du kannst gehen. Noch Ein's! Es scheint, Du hast keine Lust zum Soldaten.

Hans. Nicht die geringste.

Oberst. Zur Strafe war's genug. Ich will Dich beurlauben.

Hans. Beurlauben? Wirklich, Herr?

Oberst. Dein Vater hat im Sinn, sich in der Nähe von Dresden anzusiedeln – Du kannst ihn begleiten, wenn Du willst.

Hans. In der Nähe von Dresden? Bei unserm Herrn Vetter, dem Herrn geheimen Kanzellisten? Juchhe! Nun geht das wahre Leben an! Eine Stadt – und Bücher – und Schriften – und Kanzleien – das ist mein Element! Nun sollt Ihr den Hans erst kennen lernen.

Oberst. Geh' nur, geh', bevor die Trompete das Zeichen zum Angriff gibt.

Hans. Angriff! Mich schaudert! Bin schon fort. Belagert, stürmt, schießt Bresche, wie Ihr wollt – ich gebe alles Abenteuern auf, und verlege mich von nun an einzig und allein auf die Geheimschreiberei. Gott befohlen, Herr Oberst. (Ab.)

Vierte Scene.

Oberst, dann Major Kanne.

Oberst (allein). Verlorne Sache! Und wenn es wäre – und wenn ich unterginge – sei's! Wer kämpft, der lebt, und zum Sterben ist immer Zeit.

Major (auftretend). Oberst, der Parlamentär ist da.

Oberst. Endlich! Warum bringt Ihr ihn nicht gleich mit?

Major. Verzeiht. Ich wollt' Euch erst vorbereiten. Ihr müßt wissen, daß es eigentlich kein Parlamentär ist –

Oberst. Nicht? Was denn?

Major (hustend). Eine Parlamentärin.

Oberst. Was? Ein Weib?

Major. Jene Frau von La Roche.

Oberst. Die?

Major. Sie haben sie d'roben gewählt, weil sie deutsch spricht.

Oberst. So, so! Laßt sie kommen.

Major. Laßt mich zugegen sein.

Oberst. Meinetwegen. Aber sorgt Euch nicht! Ich weiß im Nothfall wohl auch mit Damen umzugehen.

Major. Jedenfalls haben die Feinde unklug gehandelt, Euch ein Weib zuzuschicken.

Oberst. Wer weiß, wer weiß! – Laßt sie nur eintreten, Major Kanne.

Major (nach dem Eingang). Spaziert herein, Madame, wenn's gefällig ist.

Fünfte Scene.

Vorige. Frau von La Roche.

Fr. v. La Roche (anfangs ungewiß). Herr Oberst –

Oberst (artig). Willkommen, Frau von La Roche! Was bringen Sie uns? Was haben Sie uns mitzutheilen?

Fr. v. La Roche. Erstens, daß die Festung entschlossen ist, sich bis auf den letzten Mann zu vertheidigen.

Major (halblaut zum Obersten). Sollte heißen: bis auf das letzte Weib.

Fr. v. La Roche. Zweitens, daß unser Entsatz nahe ist. Bis morgen Abend wird Marschall de Valmy mit einer starken Macht im Elsaß einrücken.

Oberst. Für diesen Fall sind wir gezwungen, Zabern heute noch mit Sturm einzunehmen.

Fr. v. La Roche. Sie glauben mir nicht: hier ist der Brief des Marschalls. Der Spion, der ihn einschmuggelte, entkam Ihrer Wachsamkeit. Sie sind ein zu einsichtsvoller Krieger, Herr Oberst, als daß Sie im Ernste daran denken sollten, sich mit dem Marschall zu messen.

Oberst. Im offenen Felde gewiß nicht – aber auf Zabern will ich ihn erwarten. Die Festung hat Proviant zur Genüge, und Munition bringen wir selbst mit – was auch äußerst nöthig ist, da sich Ihre Besatzung beinahe völlig verschossen hat.

Fr. v. La Roche. Zugegeben, daß Alles so wäre, wie Sie sagen –

Oberst. Es ist so, ganz gewiß, und Sie sind hier, Frau von La Roche, um zu capituliren.

Fr. v. La Roche. Zu capituliren? Es frägt sich, was Sie darunter verstehen, Herr Oberst.

Oberst. Unter Ihren Verhältnissen: sich auf Gnade und Ungnade ergeben.

Fr. v. La Roche. Das werden wir nie.

Oberst. Das thut mir leid, denn für diesen Fall ist unsere Unterhandlung zu Ende, bevor sie noch eigentlich angefangen. Adieu, Herr Parlamentär! – An Ihren Posten, Herr Major! Erwarten Sie den Befehl zum Angriff.

Major. Vivat! (Hustet.) Wir combattiren! (Ab.)

Sechste Scene.

Frau von La Roche. Oberst.

Fr. v. La Roche. Herr Oberst, war das wirklich Ihr letztes Wort?

Oberst. Mein letztes Wort in dieser Sache ist: Uebergabe oder Bestürmung. Wählen Sie, Madame.

Fr. v. La Roche (nach einer kleinen Pause). Das ist nicht Ihre wahre Meinung, Herr von Götze.

Oberst. Wie das? Warum nicht?

Fr. v. La Roche. Sollte der Mann, der sich so großmüthig, so ritterlich bewies, plötzlich aus der Art schlagen?

Oberst. Wenn ich großmüthig war, gnädige Frau, so war ich es da, wo ich es sein durfte, gegen den Einzelnen. Hier handelt es sich um ganz andere Dinge.

Fr. v. La Roche. Ich zahle meine Schuld an Sie, wenn ich Ihnen offen gestehe, daß unsere Lage bedenklich ist. Aber sich feige ergeben wird die Besatzung nie.

Oberst. Es bleibt noch ein Rest von Schuld, denn wir kennen bereits Ihre Lage genau. Uebrigens haben Sie Vollmacht?

Fr. v. La Roche. Unbeschränkte.

Oberst. Nun gut! Da haben Sie meinen Antrag. Ich bewillige der tapfern Besatzung freien Abzug mit klingendem Spiel, mit Waffen und Munition. Nur den Proviant müssen Sie zurück lassen.

Fr. v. La Roche. Das war beiläufig der Vorschlag, den ich Ihnen zu machen gedachte, Herr Oberst.

Oberst. So treffen wir ja zusammen! Es versteht sich, daß Sie im Namen Ihrer Leute versprechen, in dieser Campagne nicht mehr gegen uns zu dienen.

Fr. v. La Roche. Das versprech' ich.

Oberst. Dann sind wir im Reinen, und unser Geschäft ist beendigt. Ich verlasse mich auf Ihr Wort.

Fr. v. La Roche (reicht ihm die Hand). Helene de la Roche, als Bevollmächtigte für Frankreich, verspricht, die stipulirten Bedingungen genau einzuhalten.

Oberst (faßt ihre Hand). Und Oberst Karl von Götze, dermalen im Namen des Herzogs von Lothringen, die seinigen. Der Vertrag ist abgeschlossen.

Fr. v. La Roche. Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, Herr von Götze. Aber ich wußt' es ja: der tapfere Mann ist immer auch der großmüthige.

Oberst. Muß ich mich doch bemühen, die gute Meinung zu verdienen, die Sie von mir hegen, wie ich weiß!

Fr. v. La Roche. Das klingt fast wie Ironie!

Oberst. Nur dann, wenn Ihr Lob nicht ernstlich gemeint war.

Fr. v. La Roche. Das war's – wie auch mein Tadel – nein, Tadel nicht! Nur meine Besorgniß.

Oberst. Sie sind besorgt? Und um mich? In diesem Augenblicke, wo ich Ihnen Bedingungen vorschreiben durfte? Verzeihen Sie, Frau von La Roche, aber das schmeckt ein Bischen stark nach der Eitelkeit Ihrer Nation.

Fr. v. La Roche. Pochen Sie nicht auf Ihren vorübergehenden Triumph, Herr von Götze! Unser mächtiges Frankreich wird zuletzt doch siegen.

Oberst. Immer besser! Aber ich liebe die Frauen, wenn sie patriotisch sind.

Fr. v. La Roche. Und ich die Männer, wenn sie – besonnen sind.

Oberst. Besonnen, gnädige Frau?

Fr. v. La Roche. Nein, Oberst! Ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne Sie zu warnen, ohne Sie aus Ihrer arglosen Sicherheit aufzurütteln, ohne Ihnen den Abgrund zu zeigen, an dessen Rande Sie stehen. Wie Sie im Innersten Ihres Herzens denken, hab' ich aus Ihrer Unterredung mit dem Grafen Dohna erfahren. Sie denken wie ein Mann – treu, offen, bieder, kühn, und sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, in jeder Faser Ihres Herzens ein Deutscher.

Oberst. Das ist wohl in Ihren und in des Grafen Augen ein Fehler?

Fr. v. La Roche. In den meinigen nicht. Es ist kein Fehler – ist eine Tugend, wenn Sie wollen – aber ein Irrthum – ein tugendhafter Irrthum.

Oberst. Ein Irrthum?

Fr. v. La Roche. Ganz gewiß! Schon deßhalb ein Irrthum, weil kein Zweiter so denkt, wie Sie; und dächt' er so, dann wär' es eben ein Einzelner, wie Sie. Aber die Einzelnen machen die Gegenwart nicht aus, sie müssen sich ihr fügen. Das ist der größte Mann, der seine Zeit am besten begreift; er gibt ihr den Inhalt, die Richtung nicht – er spricht sie nur aus, er handelt dem gemäß. That und Wort sind nicht die Väter, sind die Kinder der Zeit. – Mein Freund! Sie sind begeistert für eine edle, schöne Sache, Sie weihen ihr kämpfend Ihr Leben – aber Niemand ist, der Ihre Begeisterung theilt. Wer denkt noch ernsthaft an einen Krieg, der vor dreißig Jahren von beiden Seiten mit brennendem Eifer, mit heiliger Glut begonnen ward! Die Welt ist inzwischen eine andere geworden – die Kinder, die Enkel kennen die Ideen nicht, verlachen sie wohl gar, für die ihre Väter den Heldentod starben. Die Welt ist matt geworden, todesmüde – sie sehnt sich nach Ruhe, nach Erholung – nach dem Frieden. Ja, mein Freund! Der ihre Kämpfe beendigt, nicht der sie fortsetzt, der dem entsetzlichen Weh' mit milder, kluger Hand ein Ziel zu setzen weiß, der ihr den Frieden gibt, die Ruhe – der ist der Arzt, der ist der Held der Zeit.

Oberst (nach einer Pause). Ihr sprecht recht kluge, verständige Worte, aber Ihr sprecht als Französin, und ging's nach Euch, so hätt' ich nichts Eiligeres zu thun, als mich und meine Schaar der Gnade Eures königlichen Kindes Ludwig und seines allmächtigen Ministers zu übergeben. – Ihr spracht von Frieden – glaubt Ihr denn nicht, daß ich mich auch nach ihm sehne? – Friede! – Wie süß klingt das Wort! Wie labend, wie belebend! – Friede! Friede! Das heißt: blühende Saaten, freundlicher Verkehr, freier Handel und Wandel, Glück, Ruhe, Sicherheit – es kann aber auch heißen: bezwungene Ohnmacht, unterdrückter Zorn, lauernder Zwiespalt, Unehre, Entwürdigung, Schmach – – verlornes Vaterland. – Ihr sagt, ich sei in jeder Faser ein Deutscher? Ja, das bin ich! Und wißt Ihr auch, was ein Deutscher ist? Was Deutschland ist?
Es ist zuerst ein Land, das seine Sprache
Aus sich erzeugt und seinem Geist, ursprünglich;
Und wie die Sprache, ist das Volk: ein Ur-Volk!
Dem Lande aber, nur dem Geiste pflichtig,
Steht sichtbar ob ein kaiserlicher Lenker,
Von freien Fürsten seines Reiches wählbar,
Den angeerbten Leitern ihrer Stämme,
Am Rhein und Lech. der Oder, Elbe, Donau.
Dort ist das alte Wien, der Kaisersitz,
Die heitre Stadt des Lieder-frohen Oesterreich,
Die vor dem Halbmond uns wie Euch bewahrt,
Und vor dem wilden Andrang des Barbaren;
Bei Gott, die Stadt ist deutsch, gehört zu uns,
Und Unrecht thäten wir, sie nicht zu schirmen,
Wenn sie ein Feind bedroht – jetzt wie in Zukunft! –
Da sind die andern Städte – nun Ihr kennt sie!
Frankfurt, die krönende, das reiche Augsburg,
Das fleiß'ge Nürnberg, Hamburg, schiffbeladen,
Köln, Mainz und Aachen, wie sie alle heißen,
Die freien Städte eines großen Reiches!
Und dieses Land, und dieses Volk, berufen
Von der allmächtigen, allweisen Gottheit,
Den altgeword'nen Erdball zu verjüngen,
Die Welt mit neuem Inhalt zu erfüllen
Und frisches Blut den Adern einzugießen
Der kranken, welken, siechenden Europa –
Das Land, das Volk habt Ihr getrennt, zerrissen,
In seiner Fürsten Händel Euch gemischt,
Den Mittler spielend und den Friedensstifter,
Und schlau des Haders Gegenstand erbeutet.
Doch wähnet nicht, das bring' Euch Glück und Segen!
Deutschland zertheilen heißt zwar Deutschland schwächen,
Doch Deutschland schwächen heißt Euch selber schwächen,
Der Sitte Bollwerk stürzen und der Kraft,
Die Schutzwehr 'gen den Andrang des Barbaren.
Mit Deutschland sinkt der zeugende Gedanke,
Der Geist, der schaffende, die Kunst, das Wissen,
Das Herz der Welt – Europa sinkt mit Deutschland.

Fr. v. La Roche. Ich hör' Euch zu, und möchte Thränen weinen
Ob Eurer Täuschung, Eures edlen Irrthums.
Ihr sprecht von Zeiten, die vorüber sind,
Und thut nicht recht, mein Frankreich anzugreifen.

Oberst. Es gibt kein Frankreich, gibt nur ein Paris!

Fr. v. La Roche. Ganz recht; das ist die Stadt der neuen Bildung,
Die täglich Neues zeugende, die Weltstadt,
Der Mittelpunkt der Geister – könnt Ihr's läugnen?

Oberst. Geister gibt's viel – der Geist ist nur der Eine.
Und Euer viel gepriesenes Paris
Ist eben weiter nichts, als blos der Abglanz
Von eines Mächt'gen Laune und Gewalt,
Um die sich Stolz und Gier und Habsucht schaaren.

Fr. v. La Roche. Mein Freund, was liegt daran, wie kleine Geister
Ausbeuten eines Großen mächt'ge Schöpfung?
Paris ist da und herrscht – wer herrscht, hat Recht,
Hat Recht, so lang er herrscht. Und wer's vermochte,
Die Strahlen alle, die die Welt erleuchten,
In einem einz'gen Brennpunkt einzusammeln,
Und so das neue Licht nach seinem Willen
Rings wieder auszutheilen – der fürwahr
Ist der erneuten Erde neue Sonne.
Doch Alles in der Welt ist Uebergang,
Ein Jeder baut für sich und seine Zwecke!
Wie groß, wie herrlich er den Tempel gründe,
Das kommende Jahrhundert reißt ihn ein,
Den neuen Umriß schon im Geiste tragend:
Ewig ist nichts – als nur die Ewigkeit,
Und was wir schaffen, höchstens ist's ihr Abbild.
Ein Richelieu ist todt, und sterben werden
Auch seine Schöpfungen – doch was in ihnen
Lebendig war, wird neues Leben zeugen,
Vielleicht dem Sinn ein Fremdes, der es schuf,
Doch dem, der's weiter bildete, Bedürfniß;
Was Leben hat, das gilt – was wirkt, das lebt,
Das Todte sei vergessen und begraben.

Oberst. Ich seh's, Ihr habt den Sinn, der leicht beweglich,
Sich gern und heiter in das Neue findet,
Sich an der Formen Wechsel spielend freut,
Und mehr das Schöne liebt als wie das Wahre –
Ich tadl' Euch nicht darum, ja, ich gesteh' es,
Die Richtung ist's, die mir am Weib gefällt.
Ich aber, seht, bin anders. Was ich halte,
Das halt' ich fest, und schau' nicht rechts, nicht links,
Und diesem Einen folg' ich, keinem Zweiten.

Fr. v. La Roche. Doch wenn's ein Irrwisch ist, der Euch verleitet?
Und wenn Ihr einem Schatten folgt, wie dann?

Oberst. Ei, schöne Frau, das wär' nicht gar so schlimm!
Nur Körper werfen Schatten, und so muß auch
Ein jeder Schatten seinen Körper haben.
Der große Schatten, den Ihr meint, und dem ich
Nachrenne rastlos, athemlos, der hat Euch –
Glaubt mir – gar einen großen Riesenkörper.–
Und setzt sich d'rum nur langsam in Bewegung.

Fr. v. La Roche. Ich merk' aus Eurer Rede lust'ger Wendung,
Daß Ihr des ernstern Streites überdrüßig,
Wohl auch – daß meine Gründe schwach Euch dünken.

Oberst. Nicht doch, nicht doch! Ihr kämpft mit Glück, zugleich
Gewandt und zierlich – recht wie ein Franzose;
Auch spricht für Euch die Welt und der Erfolg.
Doch seht, wir sind zu uneins, um zu streiten.
Soll aus dem geist'gen Kampf ein Vortheil sprießen,
So muß man in dem Hauptpunkt einig sein.

Fr. v. La Roche. Zudem ist Eure Gegnerin – ein Weib!
Das ist für Oberst Götze keine Lockung.

Oberst. Ei nun, Ihr sagt, ich sei ein echter Deutscher,
So muß ich auch die Frauen ehren, denk' ich;
Jedoch die Weiber, wie sie eben sind,
Gesteh' ich Euch, die locken mich nur wenig,
Und eine Ausnahm', so wie Ihr, Madame,
Ist rar, verzweifelt rar – vermuthlich einzig.

Fr. v. La Roche. Ich danke für die herbe Artigkeit;
Doch freut es mich, daß Ihr die Rarität
In mir gefunden glaubt, und daß die Eine
Die selt'ne Einzige – Französin ist. –
Ich halt' Euch schon zu lange auf, Herr Oberst!
Lebt wohl! Ich will die Punkte des Vertrags
Genau erfüllen, und bin Euch verbunden
Für Euer bied'res, ritterliches Handeln! –
Lebt wohl!

Oberst.             Lebt wohl!

Fr. v. La Roche.                 Ihr reicht mir nicht die Hand?
Jetzt, da wir Freunde sind!

Oberst (artig ausweichend).         Verzeiht – nur keine Feinde.

Fr. v. La Roche. Ihr reichtet sie mir früher.

Oberst.                                                     Als ein Zeichen
Zum Abschluß des Vertrags.

Fr. v. La Roche.                         Wie scharf Ihr unterscheidet!

Oberst. Ich schätze Euern Werth und Geist – allein
Deutsch und französisch kann sich nie verbinden!

Fr. v. La Roche (nach einer kleinen Pause).
Ihr werdet anders denken – nach dem Frieden.

Oberst (wiederholend nachdenklich).
– Nach dem Frieden!

Fr. v. La Roche (nach einigem Zögern rasch auf ihn zutretend).
Oberst, o laßt Euch rathen, Euch bewegen –

Oberst (erstaunt).
Wozu?

Fr. v. La Roche.   Zu einem mäß'gen Handeln, Bester!
Ihr eilt dem Abgrund zu!

Oberst.                                 Und wenn es wäre!
Laufgräben auszufüllen sind wir da.

Fr. v. La Roche. Ein Mann wie Ihr!

Oberst.                                           Und wär' ich mehr wie And're,
So besser wird mein gutes Beispiel wirken.

Fr. v. La Roche. Beklagenswerther Wahn!

Oberst.                                                     Was soll's? Ihr wendet
Euch ab? – Wie? Thränen? Und – um mich? Um mich!

Fr. v. La Roche (will fort).
Lebt wohl!

Oberst.             Helene de la Roche, reicht mir die Hand!

(Sie halten sich fest bei den Händen. Längere Pause.)

Siebente Scene.

Vorige. Major Kanne (von der Seite).

Major (verändert, wie schwer gedrückt). Nun, Oberst! – Ihr seid schon einig? Desto besser! Der Kampf ist ohnehin vorüber. Alles ist aus.

Oberst (zerstreut, langsam die Hand der Fr. v. La Roche loslassend). Alles aus!

Major. Ja – und wir können uns auf's Ohr legen.

Oberst. Wie meint Ihr das?

Ruf (hinter der Scene). Friede! Vivat! Friede!

Oberst. Was rufen sie da?

Major (nach einer Pause). Sie rufen den Frieden aus.

Fr. v. La Roche. Den Frieden!

Oberst. Den Frieden!

Major. Bald werden Couriere durch's ganze Land reiten, mit Depeschen, mit weißen Fahnen. Die Herren zu Münster und Osnabrück sind endlich mit ihrer Arbeit zu Stande gekommen. Der Friede ist ratificirt zwischen allen feindlichen Parteien, Deutschen und Franzosen, Schweden und Deutschen unterm 24. October.

Oberst. Friede! Friede!

Wiederholter Ruf (von außen). Friede! Friede!

Major. Da habt Ihr das Echo! – Auch Graf Dohna ist hier. Herr von Carlowitz macht ihm die Honneurs draußen. Ich glaube, sie suchen Euch auf – da kommen sie schon!

Achte Scene.

Vorige. Graf Dohna (von den Offizieren begleitet). Ein Schreiber (welcher die Documente trägt).

Zweiter Hauptmann. Hier ist der Oberst, Excellenz.

Graf. Willkommen, Oberst! Habt Ihr die frohe Botschaft vernommen? Hab' ich mein Wort gehalten? – Frau von La Roche! Ich finde Euch hier – finde Euch Beide als Freunde? Oder nicht? – Herr Oberst, jeder Zwist, jede Uneinigkeit hat aufgehört. Ich bin vorläufig zum General-Commissär im Elsaß ernannt, in so weit es deutsch ist. Der gegenwärtige Besitzstand soll einstweilen respectirt werden: die Militärgewalt hat aufgehört. Hier ist mein Creditiv. – Gnädige Frau, ich lade mich bei Ihnen auf Zabern zu Gast.

Oberst. Sie irren, Herr General-Commissär! Frau von La Roche kann Ihre Wirthin nicht sein. Sie sind mein Gast.

Graf (beide betrachtend). Ihr Gast, Herr Oberst?

Oberst. Ja. Berg-Zabern ist in dieser Stunde deutsch geworden – durch freien Vertrag.

Graf. Wie, Frau von La Roche?

Fr. v. La Roche. Der Oberst sprach die Wahrheit.

Graf (nach einer Pause). Sie wollen mich zum Besten haben, Herr Oberst. Ich sah die französische Fahne noch draußen auf den Wällen aufgepflanzt. Frau von La Roche, es bleibt dabei: Ich bin Ihr Gast. (Will Frau von La Roche die Hand reichen, welche zögert, sie anzunehmen.)

Oberst. Halt! Das ist Verletzung des Vertrags!

Graf. Mäßigen Sie sich, Oberst! Bedenken Sie: Das Schwert regiert hier fürder nicht mehr, sondern die Feder. Kommen Sie, gnädige Frau!

Oberst. Halt, sag' ich. (Er reißt den Mittel-Vorhang auf. Man erblickt einen Theil des Lagers – Soldaten und Bauern in Gruppen – im Hintergrunde Zabern.) Auf, Kameraden! Nehmt Euer Gewehr zur Hand! Vertheidigt Euer rechtmäßiges Eigenthum! (Tumult.)

Graf. Soldaten! Wagt es nicht! Hier ist das Friedens-Instrument – ich selbst bin General-Commissär im Namen des Congresses, und ich allein habe hier zu gebieten. Alle rechtmäßigen Ansprüche sollen im gesetzlichen Wege untersucht und ausgeglichen werden; aber wer ferner das Schwert zieht, ist ein Verräther, ist ein Rebell gegen Kaiser und Reich.

Oberst (auffahrend, die Hand am Schwerte). Das ist er nicht, und wer mich etwa so nennt, ist ein – –

Fr. v. La Roche (hält ihn zurück). Ruhig, mein Freund! Weichen Sie der Nothwendigkeit.

Graf (nach einer Pause und allgemeinem Schweigen). Soldaten, brecht das Lager ab! Die Winter-Quartiere sind Euch angewiesen. Herr Major, übernehmen Sie das Commando.

Major. Ich nicht. Ich bin alt und todesmüde. (Setzt sich.)

Graf. Wo ist der älteste Hauptmann? (Schweigen.) Welcher von den Herren Hauptleuten wünscht Beförderung? (Schweigen.) Herr Capitän von Carlowitz!

Zweiter Hauptmann (vortretend). Eure Excellenz!

Graf. Ich kenne Sie als einen treuen Diener unsers Herrn. Uebernehmen Sie die Ober-Leitung. Sie bürgen mir für den Gehorsam der Mannschaft, bis Herr General-Lieutenant von Pflug aus Dresden ankommen wird, um mich abzulösen. Für Ordnung und Sicherheit im Lande werde ich Sorge tragen. – Gnädige Frau, Ihren Arm! Ich führe Sie nach Zabern, und später nach Dresden, zu unserm gnädigsten Herrn, dem Churfürsten, der erfahren soll, wie schlecht man seine Befehle hier im Lager respectirt. Kommen Sie, gnädige Frau!

Fr. v. La Roche. Halt, Herr Graf! Ich bin bereit, Sie unserm Commandanten vorzustellen – im Uebrigen verwahre ich mich gegen jede Verletzung des Vertrags zwischen mir und dem Obersten.

Graf. Wie, Frau von La Roche?

Fr. v. La Roche. Handeln Sie nach Ihren Instructionen – Ich werde nach meinem Gewissen handeln. Kommen Sie.

Graf (für sich, den Obersten und Frau von La Roche fixirend). Steht es so? – Herr von Carlowitz, an Ihr Commando!

(Der Graf, Frau von La Roche und der zweite Hauptmann gehen ab, durch die Mitte. Kriegsmusik. Das Zelt schließt sich.)

Neunte Scene.

Oberst (in sich versenkt). Major (sitzend). Die Offiziere. Büttner (der inzwischen eingetreten und im Hintergrunde geblieben. Die Offiziere nähern sich theilnehmend dem Obersten, der ihnen stumm die Hände drückt, und sie dann nach dem Major hinweist. Sie helfen dem Erschöpften von seinem Sitz auf, der langsam zum Obersten wankt. Die Beiden schließen sich fest in die Arme. Hierauf bedeutet der Oberst rasch den Offizieren, die den Major hinausführen).

Zehnte Scene.

Oberst. Georg Büttner.

Büttner (nähert sich ihm theilnehmend). Herr Oberst –

Oberst. Büttner! – Will Er mich jetzt auf Seinem Pachthof aufnehmen?

Büttner. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen wollt, Herr –

Oberst. Gut, gut! – (Pause.) Er hat recht, Büttner! Es gibt kein Deutschland mehr!

(Der Vorhang fällt rasch. Musik fällt ein.)

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