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Ein Credo

Paul Ernst: Ein Credo - Kapitel 1
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authorPaul Ernst
titleEin Credo
publisherAlbert Langen-Georg Müller Verlag
editorKarl August Kutzbach
year1935
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senderwww.gaga.net
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Mein dichterisches Erlebnis

(1932)

Es besteht ein fester Zusammenhang zwischen Kunst und Leben eines Künstlers. Am einfachsten einzusehen ist dieser Zusammenhang wahrscheinlich bei den Malern. Bei den Dichtern hat man eigentlich noch nicht mehr Feststellungen gemacht, wie über den Zusammenhang zwischen dem Rhythmus des Verses und der Körperlichkeit des Dichters. Man hat bei den Malern festgestellt, daß jeder unbewußt seinen gemalten Gestalten die Verhältnisse seines eigenen Körpers gibt. Seine Gestalten haben alle eine Familienähnlichkeit, und zwar gleichen die männlichen Figuren dem Maler selber, und die weiblichen dem weiblichen Wesen, das ihm entspricht, das die ihn erfüllende Geliebte oder Gattin ist. Das geht so weit, daß man hat behaupten können, Rubens habe die Helene Fourment gemalt, bevor er sie überhaupt gesehen habe. Die Schwierigkeit bei den Dichtern rührt daher, daß die Dichter ja die innere Gestalt des Menschen bilden, wie die Maler die äußere, und die innere Gestalt ist eben schwerer zu bilden. Aber wenn man den Blick dafür hat, so wird man bei den Dichtern genau dasselbe sehen, wie bei den Malern. Auch der Dichter stellt in seinen männlichen Gestalten immer sich selber dar, in seinen weiblichen die ihm bestimmte weibliche Gestalt, die er denn auch im Leben sucht. Beim Dichter ist die Sache dadurch noch mehr verwickelt, daß er ja in den weitaus meisten Fällen Kämpfe zwischen den Wünschen darzustellen hat, also Gestalten, die einander feindlich gesinnt sind; aber bei demselben Dichter ist doch der ärgste Schurke immer aus demselben Holz geschnitzt wie der edelste Mansch, und das macht einen Teil des Reizes der Dichtung aus; mit dadurch wird bewirkt, daß jeder Dichter eine einheitliche Welt hat, die ihm gehört und keinem andern, die von der Welt jedes andern Dichters verschieden ist.

Ich will als ein Beispiel Goethe anführen. Goethe hat zwei weibliche Gestalten. Die eine erscheint in ihrer vollkommensten Ausprägung als Philine, die andere als Iphigenie. In seinem Leben kann man solche reinen Ausprägungen nicht verlangen, weil im Leben ja nicht das wirkt, was wir Wirklichkeit nennen, sondern unsere Illusion von der Wirklichkeit. Hier sind die entsprechenden Gestalten die Vulpius und die Stein. Vielleicht wird man mir einwerfen, daß eine dritte Gestalt Gretchen ist. Aber Gretchen ist eine Art Abwandlung von Philine. Soweit der Dichter Menschen darstellt, stellt er Schicksale dar. Wie die andern Menschen sich das Verhältnis zwischen Schicksal und Persönlichkeit vorstellen mögen, geht mich hier nichts an; jeder Dichter ist davon überzeugt, daß das Schicksal unmittelbar von der Persönlichkeit abhängt und von nichts anderem; daß also vor allem die äußern Verhältnisse bei ihm keine Rolle spielen. Bei einem Künstler, der das vollständige Können hat, zeigt sich das darin, daß er bei der Gestaltung eines Vorwurfs äußere Verhältnisse, Zeit, Volk, gesellschaftliche Stellung sich nach Bedarf aussucht, wie er den Vorwurf am leichtesten ohne unnötige Reibungen darstellen kann.

Das Erleben des Dichters wird also immer in einem bestimmten Verhältnis zu seinem Dichten stehen; er dichtet, indem er erlebt, wie er erlebt, indem er dichtet. Man kann nicht sagen, daß sein Erleben sein Dichten beeinflußt, es ist vielmehr so, daß Leben und Dichtung aus einer Quelle kommen. Für den oberflächlichen Blick ist das dadurch nicht leicht zu erkennen, daß im Erleben immer Zufälligkeiten mitwirken, die beim Dichten ausgeschaltet sind; diese Zufälligkeiten können für den oberflächlichen Blick das Leben ganz anders gestalten, als das Dichten.

Ich will wieder das Beispiel Goethes nehmen. Die ihm entsprechenden weiblichen Wesen sind Frau von Stein und Christiane. Zwischen beiden ist keine Verbindung möglich. Es darf uns nicht wundernehmen, wenn sein Liebeserleben immer ungenügend, ja tragisch ist. Ist es nicht schauerlich, sich vorzustellen, daß ein Mann auf den höchsten Höhen der Menschheit für die Ehe keine andere Frau gefunden hat als eine frühere Fabrikarbeiterin, von der er nach ihrem Tode dann sagen konnte, daß sie ihm das Glück ins Haus gebracht hatte! Eine frühere Fabrikarbeiterin, die nicht etwa unter seinem Einfluß sich zu einer höheren Menschlichkeit entwickelte, sondern blieb, was sie war, die an seelisch Reizvollem doch nur Gutmütigkeit, Heiterkeit, Anhänglichkeit und eine gewisse naive Harmlosigkeit haben konnte. Die Ehe ist die innigste Lebensgemeinschaft; wenn sie ganz erfüllt wird, so teilt ein Dichter in ihr alles mit, was er in sich hat. Was konnte Goethe seiner Frau mitteilen! In seiner Dichtung ist von dem Schauerlichen fast nichts zu merken; die Dichtung bringt immer nur eine Abziehung auf die gerade vorliegende Lage, während das Leben umfassend ist. Man stelle sich vor, was herauskommen würde, wenn Egmont Klärchen heiratete, oder Wilhelm Philinen, oder Pylades Iphigenien. Hier in dieser Abziehung liegt die Idealität der Dichtung.

Das Verhältnis von Dichter und Erlebnis ist also so, daß der Dichter nur das Erlebnis hat, das er haben kann, daß er auf jeden Fall das Erlebnis hat, das er haben muß.

Nun müssen wir die Beziehung aber noch von einer anderen Seite betrachten.

In einem Dichter kommt eine Nation zu ihrem Selbstbewußtsein; der Dichter sagt das mit deutlichen Begriffen, in klaren Bildern und in festen Worten, was in der Nation unbewußt lebt. Das ist nur so möglich, daß im Dichter das Wesen der Nation zu seiner schärfsten Ausprägung kommt, das Wesen der Nation, wie es sich in seiner Zeit äußert; denn dasselbe Wesen äußert sich ja in den verschiedenen Zeiten verschieden; man mache sich etwa klar, daß Parzival, Simplizisimus und Wilhelm Meister alle drei von deutschen Dichtern gedichtet sind, alle drei deutsches Wesen darstellen, aber in den drei verschiedenen Zeiten in so verschiedener Art, daß der oberflächliche Blick kaum Verwandtschaft zwischen ihnen feststellen kann. Bei der Einheit von Erleben und Dichten muß man annehmen, daß das Erlebnis des Dichters auch das Erlebnis seiner Nation in seiner Zeit sein muß. Daß Goethe zwei weibliche Idealbilder hat, wird also wahrscheinlich mit dem Erleben seiner Nation zu seiner Zeit gleichlaufen. Ich möchte da nicht weitergehen, um nicht in Spitzfindigkeiten zu geraten. Die Gleichsetzungen sind eben sehr schwierig zu machen. Rubens, der Flame des siebzehnten Jahrhunderts, fand eine restlose Erfüllung in seinem Leben wie in seiner Kunst in Helene Fourment; er ist eine ganz einheitliche Persönlichkeit mit einem ungebrochenen großen Schwung; wie man diesen einschätzt, das ist eine Sache für sich. Goethe, der Deutsche im Übergang des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, findet im Leben keine restlose Erfüllung, bleibt im Dichten im höchsten Sinn fragmentarisch und schwankt zwischen den entgegengesetzten Polen – er bildet das furchtbar schwere Leben der Nation zu seiner Zeit ab, welche die höchste seelische Aufgabe zu erfüllen hatte und an ihr scheiterte.

Ein jeder Führer ist nur deshalb Führer, weil er den Geführten dahin bringt, wohin der gebracht werden will. In diesem Sinn ist jeder Dichter ein Führer seiner Nation; indem er ihr zum Bewußtsein bringt, was unbewußt in ihr lebt, indem er selber unbewußt lebt, unbewußt bewußt dichtet, was in ihm ist, führt er die Nation. Sein Erlebnis ist das wesentliche Erlebnis seiner Nation zu seiner Zeit; indem er es unbewußt bewußt darstellt, sagt er seiner Nation, was sie zu tun hat. Nur muß man, wenn man diesen Gedanken bedenkt, festhalten, daß Erlebnis wie Dichtwerk auf allen möglichen Ebenen des Lebens spielen können und da so wenig miteinander gemeinsam zu haben brauchen, daß es dem oberflächlichen Blick gar nicht aufzufallen braucht. Nach dieser Vorrede komme ich auf mein Erlebnis, das ich in dem dargestellten Sinn als bestimmend bezeichnen kann, bestimmend für mein Leben wie für mein Dichten. Aus dem Gesagten ergibt sich schon, daß es nicht anekdotischen Charakter hat, daß es in der Dichtung auch vielfach umgesetzt ist in einer Weise, daß vielleicht nur ein nachdichtender Mann den Zusammenhang herauszuspüren vermag. Ich habe komische und tragische Dichtungen geschrieben; ich habe von Komödianten erzählt und von Spießbürgern; von Kaisern, Königen und von Sklaven, von Bourgeois und Proletariern, aus allen Zeiten, vom ägyptischen Altertum an bis in die Gegenwart; ich habe Lyrik, Epos, Drama und Erzählung gedichtet, in allen Dichtungen handelt es sich um dasselbe.

Wenn die Persönlichkeit das erste ist, und das Erlebnis das zweite, so darf es nicht wundernehmen, wenn jeder Mensch eigentlich immer nur ein Erlebnis hat, das denn im Lauf seines Lebens verschiedene Formen annehmen kann. Es darf auch nicht wundernehmen, wenn das typische Erlebnis schon in der Jugend stattfindet. Man kann sich das auch so vorstellen, daß das Jugenderlebnis den Menschen bildet. Heute ist wohl jedem klar, was in meiner Jugendzeit nur sehr wenigen Menschen zu Bewußtsein kam, daß wir in einer revolutionären Zeit leben, in welcher alles, was bis dahin die Menschen am Leben erhalten hat, in Frage gestellt wird. Es ist sehr schwer, das Wesen dieser Revolution zu beschreiben. Alles Geschehen hat seine inneren Zusammenhänge. Es ist uns unmöglich, das gesamte Geschehen mit all seinen Zusammenhängen zu überblicken. Je nach seiner Persönlichkeit sieht der Einzelne immer nur einen Teil und ist geneigt, in ihm die Ursachen für das ganze Geschehen zu finden. Die heute wohl verbreitetste Ansicht ist die, daß in den früheren Zeiten die Erzeugung der Mittel, welche die Menschen für ihren Lebensunterhalt brauchen, Sache der Einzelnen war, und daß heute diese Mittel von organisierten Gruppen für die Gesamtheit hergestellt werden, daß aber noch keine entsprechende Form gefunden ist, in welcher die Verteilung an die Gesamtheit stattfinden kann; daß alle unsere Kämpfe darum gehen, eine solche Form zu finden. Diese Ansicht ist teilweise richtig, wie andere Ansichten auch. Aber es scheint mir, daß sie nicht unter die Oberfläche geht. Sie ist eben die Ansicht einer oberflächlichen Zeit. Ich betone es nochmals, daß es ganz unmöglich ist, den Vorgang in seiner Gesamtheit, also auch in seiner Tiefe zu verstehen; immerhin scheint es mir mehr in die Tiefe zu gehen, wenn man annimmt, daß in die Menschheit eine allgemeine Neigung gekommen ist, die gefühlsmäßigen und herkömmlichen Zusammenhänge zu verlassen und gedankliche, neu gebildete aufzusuchen. Jene erste Auffassung, die sich ergibt, wenn man die Geschichte materialistisch auffaßt, ist auf jeden Fall optimistisch. Diese zweite Auffassung hat die Neigung zu einer pessimistischen Betrachtung unserer Zeit. Der Mensch ist dasjenige Lebewesen, das in immer neuen Verhältnissen lebt, das sozusagen mit sich selber experimentiert. Wenn wir uns klarmachen, daß jede verstandesmäßige Überlegung eine Abziehung zur Voraussetzung hat, daß sie nur innerhalb dieser Abziehung gilt, also falsch wird, wenn sie aus ihr herausgenommen und auf die Gesamtheit des Lebens übertragen wird, so müssen wir zu dem Ergebnis kommen, daß der Versuch der heutigen Menschheit, die Leitung durch das Gefühl und das Herkommen zu verlassen und an deren Stelle die Leitung durch den reinen Verstand zu nehmen, notwendig mißglücken muß. Ich will nur ein Beispiel anführen, das aus dem Gedankenkreis der materialistischen Geschichtsauffassung stammt. Heute betrachtet man die Arbeit lediglich vom Gesichtspunkt des Ertrags. Den Ertrag kann man steigern, wenn man nur an ihn denkt. Aber die Arbeit hat noch eine andere Bedeutung, als Waren zu erzeugen. Sie hat für den Erwachsenen unter anderem die Bedeutung, welche das Spiel für das Kind hat, und diese Bedeutung ist vielleicht noch wichtiger als die, daß der Mensch durch sie seinen Unterhalt gewinnt. Wenn man einseitig auf den Ertrag sieht, dann vernachlässigt man diesen andern Sinn der Arbeit, man nimmt ihr die Lust und macht sie zur Qual. Das Ergebnis ist, daß immer mehr Menschen unzufrieden mit ihrem Leben sind, die Ursache zu dieser Unzufriedenheit mit Recht in ihrer Arbeit sehen, und nun einerseits nicht mehr arbeiten mögen, andererseits an alle möglichen eingebildeten Zukunftsvorstellungen glauben, welche wieder verstandesmäßig ausgedacht sind und dadurch für die Armen viel Einleuchtendes haben, als Endergebnis aber ein noch größeres Unglück erzeugen würden, wie wir schon heute sehen. Hier wird die Hauptursache für den Untergang unserer Zeit liegen.

Diese Entwicklung nun, oberflächlich betrachtet zum Fabrikwesen, tiefer aufgefaßt zu einer Leitung des Volkes durch den abziehenden Verstand, hat in Deutschland mit den sechziger Jahren ihren stärksten Fortschritt genommen. Ich bin im Jahre 1866 geboren, im Harz, also in einer Gegend, welche damals von dem neuen Zug noch fast unberührt war. Ich bin in einer Bergmannsbevölkerung aufgewachsen, die nach der heutigen Bezeichnung proletarisch gewesen wäre; mein Vater würde wahrscheinlich heute auch als Proletarier bezeichnet werden. Es ist selbstverständlich, um den Ausdruck der heutigen Wissenschaft beizubehalten, daß der Bergmann nicht Eigentümer seiner Produktionsmittel ist, auch nicht Eigentümer seiner Produkte, sondern durch einen Geldlohn abgefunden wird. Bergwerke müssen notwendig Eigentum einer reichen Kapitalistengesellschaft oder noch besser des Staates sein. Der Bergmann ist also nach dem Gedankengang der heutigen Wissenschaft ein Proletarier. Aber die damaligen Bergleute waren nicht Proletarier; denn sie hatten keine proletarische Gesinnung. In meiner Heimat waren damals noch Nachwirkungen des Zustandes lebendig, in welchem das gesamte Volk sich als eine Einheit fühlte. Man hatte in diesem Volk die Vorstellung, daß jeder an seiner Stelle seine Pflicht tun müsse, der einfache Werkmann wie der König, und wie im ganzen und großen, von einzelnen Menschlichkeiten abgesehen, die unteren Stände in Pflicht, Treue und Ehre lebten, so hatten sie die Vorstellung, daß auch die höheren Stände so lebten, und die Vorstellung war gleichfalls im großen und ganzen richtig. Jeder nahm seine Stellung als gottgegeben hin, wobei durch Glück und Tüchtigkeit einer in die Höhe kommen konnte, umgekehrt durch Unglück und Untüchtigkeit herunter kam.

Diese Gesinnung wird jetzt nicht mehr verstanden; man kann sagen, daß ziemlich das ganze Volk heute proletarisiert ist. Ich will deshalb eine kleine Geschichte erzählen. Wenn früher in einer kleinen Stadt, wohl auch in einer größeren, ein Mann ein Haus baute, so baute er es sich für sich selbst und womöglich für seine Nachkommen. Er suchte sich das Holz selber aus und ließ es lagern, er suchte sich die Steine selber aus und besprach mit den Handwerkern die Art, wie sie arbeiten sollten. Die Handwerker berechneten den Wert ihrer Arbeit nach der Stunde. Es fiel dem Bauherrn nicht ein, auf Kosten der Dauerhaftigkeit des Baues zu sparen, denn er hätte ja später das Mehrfache der Ersparnis für die Erhaltung seines Hauses ausgeben müssen. Die Handwerker berieten ihn nach bestem Wissen und nach ihrer größeren Erfahrung, denn sie hatten ja keinen Vorteil davon, wenn der Bauherr auf Kosten der Güte billige Baustoffe kaufte; sie hatten ihre Handwerksehre, die ihnen befahl, so gut wie möglich zu bauen, und an Geld nur zu verlangen, was sie an Arbeitslohn zu bekommen hatten. Als ich Junge war, da machten sich die verbesserten wirtschaftlichen Verhältnisse auch in meiner kleinen Stadt durch erhöhte Bautätigkeit geltend. Plötzlich wirkte ein Mann, der früher Bergmann gewesen war, als Bauunternehmer. Er ging zu einem Mann, der sich ein Haus bauen wollte, und rechnete ihm vor, daß das Haus ihm billiger kam, wenn er den Bau mit ihm abmachte, statt sich die Baustoffe selber zu kaufen und selber mit den Handwerkern zu verhandeln. Wenn er mit dem Mann abgeschlossen hatte, dann kaufte er die Baustoffe und verhandelte mit den Handwerkern. Wahrscheinlich richtete er manches praktischer und billiger ein, als das früher geschehen war. So wurde zum Beispiel der Raum haushälterischer behandelt, wobei man freilich bedenken muß, daß die frühere Raumverschwendung eben auf ein anderes Lebensgefühl zurückging. Wahrscheinlich wurde aber auch gespart durch schlechtere Baustoffe und schlechtere Arbeit. Der Mann, welcher sich in dieser Weise zwischen Besteller und Handwerker einschob, wurde von den ehrbaren Leuten in dem Städtchen verachtet. Man sagte von ihm, er habe keine Lust gehabt, als Bergmann ehrlich zu arbeiten, und habe sich nun auf Schwindel, Lüge und Bedrückung gelegt.

Diese Verachtung übte natürlich ihre Rückwirkung auf den Mann aus, der wahrscheinlich ursprünglich ganz tüchtig und klug gewesen war, und er wird sich nach dem Bilde gewandelt haben, das die Leute von ihm hatten.

Man sieht, daß in dem Wesen dieses Mannes schon Züge sind, die für das heutige Geschäftsleben bestimmend sind. Es gibt ein Wort, bei dem sich heute wohl niemand etwas Übles denkt: Ein Geschäftsmann müsse seine Ware liefern, so gut wie man es für den Preis verlangen könne. Die Tätigkeit des Geschäftsmannes wird abgezogen auf den bloßen Verkauf. Früher sagte man: Der Geschäftsmann muß liefern, so gut er kann, und einen angemessenen Preis verlangen, in dem seine Unkosten und der Wert seiner Arbeitsleistung enthalten sind. Früher also war der Geschäftsmann verantwortlich für das, was mit der verkauften Ware nach dem Verkauf geschah; heute ist er das nicht mehr. Käufer und Verkäufer erziehen sich in Wechselwirkung gegenseitig. Wer sich heute ein Haus kauft, der denkt doch nicht mehr daran, daß einmal seine Kinder in dem Haus wohnen sollen.

Die Verantwortung ist aber auch in den übrigen Verhältnissen des wirtschaftlichen Lebens verschoben. Jener Bauunternehmer fragte natürlich nicht mehr danach, ob die Handwerker bei den Preisen, welche er zahlte, leben konnten. Er gab die Arbeit dem Billigsten, und überließ dem, wie er sein Leben einrichten wollte. Diese Gesinnung wurde in der Neuzeit aber allgemein. Früher war die Herrschaft für ihre Dienstboten, der Meister für seine Gesellen, der Bauer für seine Knechte verantwortlich. Nun wurde der Lohn bezahlt und damit hörte die Verantwortlichkeit auf. Bekanntlich sind die Sozialversicherungen an die Stelle der Verantwortlichkeit getreten, ein begrenzter rechtlicher Anspruch an die Stelle eines unbegrenzten sittlichen Verhältnisses.

Das Ergebnis der Rationalisierung der Arbeit und des Lebens war eine ungeheure und schnelle Zunahme von Reichtum und Einkommen in allen Schichten der Bevölkerung, in den handarbeitenden sowohl wie in den anderen. Wahrscheinlich hatte der Fabrikarbeiter im ganzen und großen ein höheres Einkommen als der frühere kleine Handwerksmeister, und an die Stelle des großen Handwerksmeisters trat der Fabrikant. Es war auch eine ungeheure Zunahme der Bevölkerung. Aber wenn es schon an sich kein Glück für eine Nation ist, wenn Reichtum und Einkommen sich zu schnell vermehren, weil beides dann vermutlich schädlich angewendet wird, so ist es ein großes Unglück, wenn diese Vermehrung Hand in Hand geht mit der Zerstörung der sittlichen Bande, welche früher die Gesellschaft zusammengehalten haben, ohne daß neue derartige Bande geschaffen werden. An die Stelle der Verantwortlichkeit des einen für den andern, welche das Volk zu einer Einheit zusammenschloß, ist der Kampf aller gegen alle getreten, ein Zusammenschluß der einzelnen Klassen zu gemeinsamen Fronten, und damit nach dem Kampf aller gegen alle der Klassenkampf. Mit dem Klassenkampf predigt die Sozialdemokratie keine Theorie, sondern sie stellt bloß eine Tatsache fest. Und die Zunahme der Bevölkerung geschah zugunsten der rationalisierten Menschen, welche die andern überall verdrängten, selbst in der Kunst.

Jener alte Zustand, der auf Treue, Glauben und gegenseitiger Verantwortlichkeit ruhte, der in meiner Kindheit und Jugend zum größten Teil noch bestand, entsprach meinem eigenen Wesen. Ich erinnere mich, daß ich damals die Erzählung eines Ereignisses aus dem russischen Feldzug Napoleons las. Von einer deutschen Hilfstruppe waren beim Rückzug noch zwanzig Mann übrig geblieben, mit ihrem Führer, der ein Prinz aus ihrem Fürstenhaus war. In einer besonders kalten Nacht legten sich die zwanzig Mann dicht um ihren Prinzen. Am andern Morgen waren die Zwanzig erfroren, aber der Prinz war gerettet. Vielleicht war der Prinz nur ein ganz mittelmäßiger Mensch. Aber wenn er noch so mittelmäßig war, so hat er doch nie die Treue seiner Leute vergessen können, und ich glaube nicht, daß er je imstande gewesen wäre, seinerseits seine Leute im Stich zu lassen. Napoleon rettete sich damals und ließ sein Heer hinter seinem Rücken erfrieren. Ich sagte mir natürlich, daß bei einem solchen Zusammenbruch der Herrscher, welcher das Ganze zusammenhält, notwendig ist, also sich retten muß; aber doch habe ich es nicht begreifen können, daß er nicht das Schicksal seines Heeres teilte. Der Glaube des Volkes an seinen Herrscher mußte doch zerstört werden, und das war schlimmer, als wenn er mit dem Heere starb, und das Volk ohne Führung zurückblieb. Aber freilich, Napoleon war kein rechtmäßiger Herrscher, und es handelte sich um Franzosen.

Mit solchen Gefühlen und Vorstellungen kam ich als Student in das Berlin der achtziger Jahre. Ich wohnte bei meiner Studentenwirtin, besuchte meine Vorlesungen und ging in einer bescheidenen Gastwirtschaft zum Essen. Von den Zuständen und Verhältnissen der Menschen in der Großstadt kann ich doch eigentlich gar nichts gemerkt haben. Wenn man mich gefragt hätte, so hätte ich nichts sagen können. Aber unbewußt spürte ich die Wirkung des fremden und feindlichen Lebens. Noch heute, wo ich ein alter Mann bin, überfällt mich plötzlich ein Schauer, wenn ich an meinen damaligen Zustand denke. Ich muß eine Art kindlicher Hellsichtigkeit gehabt haben. Ich sah die Stadt zerstört und in verwitternden Ruinen, ich sah das ganze Volk vernichtet; und kein Mensch von denen, mit denen ich zusammen kam, merkte, was ich verspürte. Ich verspürte das alles an unbedeutenden Kleinigkeiten, die den andern wahrscheinlich gar nicht auffielen. Ich studierte Theologie. Meine Lehrer hatten keine Ahnung von dem, was vor ihren Augen vor sich ging, sie lehrten über das Alte Testament und über Paulus, über Kirchengeschichte und die Reformation, und merkten nicht, daß alle diese Gedanken und Begebenheiten nichts mit dem heutigen Menschen zu tun hatten, daß wir vor einem Abgrund standen, der uns notwendig verschlingen mußte.

Es war damals noch die Zeit des Sozialistengesetzes, öffentlich durften die sozialdemokratischen Anschauungen nicht gelehrt werden; die weitaus überwiegende Menge des Bürgertums und auch der Arbeiterschaft hatten keine Vorstellungen von ihnen. Aber die Gedanken von Marx waren die einzigen, welche den Zustand, unter dem ich litt, mit scharfer und rücksichtsloser Kritik darstellten, und welche sagten, was sich aus ihm notwendig ergeben mußte. Ich ließ damals meine theologischen Studien; der Gott, welcher in der Theologie gelehrt wurde, konnte in dieser Verzweiflung nicht helfen, und ich konnte deshalb nicht an ihn glauben. Später habe ich eingesehen, daß unser Zeitalter eines von denjenigen ist, wo Gott sein Angesicht vor den Menschen verbirgt. Seine Gründe dafür können wir nicht wissen. Aber das hat sehr lange gedauert, bis ich das eingesehen habe. Ich schob auch meine philosophischen Studien zurück und widmete mich ganz dem Studium von Marx. Es war mir philosophisch klar, daß der Materialismus, auf welchem die Gedankengänge von Marx aufgebaut sind, philosophisch Unsinn ist, daß also auch die Gedankengänge von Marx falsch sein mußten. Trotzdem glaubte ich an Marx. Denn der Glaube hängt eben von anderen Mächten ab als von dem Verstand. Es war mir klar, daß ich in der heutigen Welt nicht leben konnte; nun dachte ich, ich könnte in einer Welt der Hoffnung auf eine bessere Zukunft leben, in der alle Menschen freie und gleiche Brüder wären.

Mein Erlebnis ist wohl das Jugenderlebnis eines jeden Dichters, nur daß es so schauerlich wie in unserer Zeit wohl selten in irgendeiner Zeit gewesen ist. Wenn das Leben einer Nation in ihren Dichtern ist, dann heißt das eben, daß die Dichter über ihr persönlich zufälliges Leben hinaus das Leben der Gemeinschaft leben, daß Aufschwung und Niedergang, Aufbau und Zerstörung ihnen fühlbar wird, indessen die anderen harmlos an ihrer Stelle stehen und wirken, und ihr zufälliges Leben und zufällige Stellung für selbstverständlich halten. Daß ich in den Gedankengängen von Marx eine Rettung sah, das kam wohl von meiner Jugend. Jugend denkt wohl immer, sie kann die Zukunft nach einem ausgedachten Plan bewältigen; sie weiß nicht, daß sie mitsamt ihren Träumen nur Mittel für den Weltplan Gottes ist, den wir ja noch nicht einmal einsehen können, wenn er erfüllt ist, geschweige denn, daß wir vorher etwas von ihm wissen. Aber das ist ein langer Weg von der Jugend bis zum Alter, ein langer Weg, auf dem einem die Träume zerrinnen und man der Wirklichkeit ins Auge sieht. Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt achtzig Jahre; einige Menschen werden noch älter, die meisten aber sterben viel früher. Und nicht nur das äußere Leben der Menschen ist verschieden lang, sondern auch das Leben der Seele und des Geistes. Die Dichter machen da keine Ausnahme. Es gibt Dichter, welche geistig und seelisch nicht über die zwanziger oder dreißiger Jahre hinweg gewachsen sind, und es gibt andere Dichter, die bis zu ihrem Tode wachsen. Ich hatte das außerordentliche Glück, daß mein Erlebnis immer weiter ging, bis heute, wo ich nun bis in die Nähe der Siebzig gelangt bin; vielleicht wird es noch weiter gehen. Ich mache mir klar, daß ich nur von Gleichaltrigen verstanden werden kann, wenn ich weiter berichte.

Ich war mit den großen Dichtern aufgewachsen und hatte mich an ihnen gebildet. Aber als mir nun die Zerstörung unserer Zeit klar geworden war, als ich glaubte, in den Gedanken von Marx eine Rettung für die Menschheit zu finden, da hielt ich es für unrichtig, dichterisch zu arbeiten. Ich sagte mir, zunächst müssen alle Kräfte der Menschheit angewendet werden, um neue Verhältnisse zu schaffen, in denen die Menschen wieder leben können. Die Dichtung muß zurücktreten vor der Neugestaltung des Lebens. Erst wenn diese Aufgabe gelöst ist, hat die Menschheit wieder ein Recht, Kunst zu treiben. Ich konnte damals noch nicht wissen, daß die Dichtung eine der wichtigsten Mächte für die Bildung des Menschen und seiner Verhältnisse ist.

Als ich begann einzusehen, daß ich mich Träumen hingegeben hatte, daß Marx nur ein Zerstörer war und kein Aufbauer, daß das Proletariat keine schöpferischen Kräfte hatte, da trat die Dichtung bei mir wieder in den Vordergrund. Aber da war ja auch die letzte Hoffnung gestürzt, die mich aufrecht erhalten hatte; da stand ich in der zerstörten Welt ohne irgendeinen Glauben. Ich lebte in der vollkommenen Verzweiflung. Die Werke, welche ich damals geschrieben habe, sind der Ausdruck dieser Verzweiflung. Es sind das zunächst zwei kleine Dramen aus dem Leben des tiefsten Gesindels. Die Form war äußerlich naturalistisch, wie sich aus dem Einfluß der Zeit und auch aus den Anforderungen des Vorwurfs ergab. Aber sie war es nur äußerlich. Der Naturalismus ist entstanden aus einer Gemütsstimmung, welche die bestehende Auflösung bejaht. Ich verneinte sie auf die leidenschaftlichste Weise. Ich glaubte leidenschaftlich an das Wort: »Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn«; und nun sah ich da Gesindel ohne Ehre und Scham, und ich fühlte mich leidenschaftlich gedrängt, das darzustellen. Gleichzeitig schrieb ich einen Band kleiner Erzählungen phantastischer Art, in denen ich zum Teil grauenhafte, alpdruckartige Gebilde schuf, Abbilder meines Innern.

Alle übrigen Manschen können unbefangen Mittel ihrer Zeit sein; auch wenn sie die Richtungen ihrer Zeit bekämpfen, so stehen sie doch in ihr, denn man ist ja mit niemandem fester verbunden als mit seinem Feind. Nur der Dichter kann nicht so leben. Der erste Hoffnungsstrahl wurde mir, als ich die erste dumpfe Einsicht in dieses Verhältnis bekam. Ich schrieb damals meinen ersten Roman: »Der schmale Weg zum Glück«. Es war ein Bildungsroman. Ich stellte in ihm den Weg eines jungen Mannes dar, der aus guten und festen Verhältnissen auf dem Lande in die Großstadt kommt, dort durch die heutige Auflösung hindurchgeht, die politischen Illusionen teilt und dann wieder aufs Land zurückkehrt und sein Leben einer einfachen und auf jeden Fall notwendigen Arbeit widmet. Ich ließ ihn nicht Bauer werden, weil auch der Bauer noch irgendwie mit dem heutigen Hin- und Herfluten zusammenhängt, sondern ich ließ ihn Forstmann werden, weil der Forstmann über zwei oder drei Menschenalter hinweg seine wirtschaftlichen Pläne macht und ausführt, und dadurch in seinem Wesentlichen, nämlich in seiner Arbeit, von seiner Zeit in hohem Maße unabhängig ist. Der Roman war eine Erlösung für mich, in dem Sinne wie mein Jugendfreund Richard Dehmel seinen ersten Gedichtband »Erlösungen« genannt hat. Nun sah ich einen Weg vor mir, den ich gehen konnte, wenn sein Ende auch in Dunkel gehüllt war.

Es zeigte sich nun eine Aufgabe, die ein doppeltes Gesicht hatte. Es begann mir klar zu werden, welche Stellung dem Dichter in der Menschheit von Gott angewiesen ist. In einer zerstörten Welt soll er den Menschen zeigen, was das Ziel des Einzelmenschen und der gesamten Menschheit sein soll, er soll als Prediger wirken. Der Prediger aber spricht zu einer Gemeinde. Deshalb ist die höchste Form der Dichtung das Drama, in dem der Dichter zu seinen Füßen das Volk versammelt und zu ihm durch die Schauspieler spricht. Diese Aufgabe muß in einer zerstörten Zeit ganz besonders gelöst werden. Aber eine zerstörte Zeit ist ja gerade dadurch zerstört, daß kein Volk mehr vorhanden ist, daß der Dichter allein steht und in die leere Luft spricht. Die Folge ist unter anderem, daß keine Bühne vorhanden ist, sondern nur diese Unterhaltungsmöglichkeit für den Pöbel, die man Theater nennt. Weil das Drama die höchste Form der Dichtung ist, so ist es auch die schwierigste. Ich habe nun jahrelang gearbeitet, unmittelbar etwa fünf Jahre lang, mir diese Form zu erringen; als ich sie beherrschte, schrieb ich meinen »Demetrios«.

Schiller und Hebbel haben sich beide an dem Vorwurf versucht und sind über der Arbeit weg gestorben. Das ist kein Zufall gewesen. Sie müssen beide schon die kommende Zerstörung gefühlt haben. Auch Hölderlin hat sie ja gefühlt; aber Hölderlin war Lyriker; auch für ihn war die Aufgabe ja zu schwer, und er ging in Wahnsinn unter. Dennoch konnte er einiges wenigstens gestalten. Schiller und Hebbel konnten als Dramatiker ihren Vorwurf nicht in seiner letzten Tiefe erfassen, weil sie die Verzweiflung nicht als Dauerzustand kennengelernt hatten; das ist erst in der heutigen Zeit möglich.

Ich will ein Gedicht, ein Bruchstück aus Hölderlins Nachlaß, der erst siebzig Jahre nach des Dichters spätem Tode ans Licht gekommen ist, hier anführen, um zu erläutern, was ich meine. Es lautet:

Denn über die Erde wandeln
Gewaltige Mächte,
Und es ergreifet ihr Schicksal
Den, der leidet und zusieht,
Und ergreifet den Völkern das Herz.

Denn alles fassen muß
Ein Halbgott,

Oder ein Mensch, dem Leiden nach,
Indem er das höret,
Allein, oder selber verwandelt wird,
Fernnahend die Rosse des Herrn.

Der Lyriker kann unmittelbar sagen, was in seiner Seele ist, der Dramatiker und Epiker braucht, um das auszudrücken, die Darstellung eines Vorgangs aus der Wirklichkeit.

Nun ist der Dichter beschränkt in der Wahl dieser Vorgänge durch seine Darstellungsmittel, am beschränktesten ist der Dramatiker. Er kann immer nur Einzelmenschen und ihre Schicksale darstellen. So ist ja auch der Bildhauer beschränkter als der Maler; er wird am besten tun, immer nur menschliche Einzelkörper darzustellen und durch sie auszudrücken, was in ihm ist.

Was ich erlebte, das war das Schicksal meines Volkes, das stammelnd ein Jahrhundert früher Hölderlin als Lyriker ausgedrückt hatte. Nun lebt der König, der wirkliche König, der König also als Idee, das Schicksal seines Volkes als Einzelner. Indem der Dichter das Schicksal des Königs darstellt, stellt er also das Schicksal des Volkes dar. Falsche Thronanwärter können immer nur in verwirrten Zeiten auftreten, wo entweder eine Partei im Volk, oder ein fremder Staat, der Einfluß auf den Staat des Anwärters nehmen will, ihn unterstützt. Schiller hat die letztere Möglichkeit gewählt und Hebbel ist ihm gefolgt. Schiller spürte gleich Hölderlin die Auflösung des Volkes. Aber er war nicht nur Dichter, sondern auch Theatraliker, und so lockte ihn der theatralisch einfachere Stoff der Unterstützung durch die Fremden. Sein Erleben war nicht stark genug gewesen, er war in der unbestimmten Ahnung geblieben. Dadurch aber verscherzte er sich die Möglichkeit, in die Tiefe zu gehen, und konnte nur eine dekorative Wirkung erzielen.

Es war mir klar, daß ich ein zersetztes Volk annehmen mußte, das sich in einzelne feindliche Klassen aufgelöst hat; und mein Held durfte nicht ein Betrüger sein, der eine Puppe in der Hand der Landesfeinde war, sondern ein Mann, der von seiner königlichen Abstammung, seinem Recht und seiner Pflicht überzeugt war, mit Recht überzeugt war, trotzdem er aus der tiefsten Schicht des Volkes stammte; er ging zugrunde, weil eine Nation überhaupt nicht mehr vorhanden war, die er ausdrücken konnte, sondern nur feindliche Parteien mit ihren selbstsüchtigen Führern, also Spreu.

Mein Demetrios wurde 1903 geschrieben. Er erlebte das, was unser guter Ebert 1918 hätte erleben müssen, wenn er eine Tragödie hätte erleben können, und nicht nur ein guter und anständiger Mann aus dem Volke gewesen wäre, der sicher das Beste wollte, aber weder wußte, was das Beste war, noch die Fähigkeit besaß, den, wenn auch notwendig mißglückenden Versuch zu machen, es durchzusetzen. Ich war mir in sehr hohem Maße klar, daß Demetrios mein eigenes inneres Erleben war. Wie weit diese Klarheit ging, das weiß ich heute nicht mehr, das werde ich wohl auch damals nicht gewußt haben, denn bei einem allzuschweren Erleben schützt eine wohltätige Dunkelheit unsere Einsicht.

Ich habe dann noch eine Reihe Tragödien und Lustspiele aus derselben, sich immer weiter entwickelnden geistigen Verfassung heraus geschrieben, aus welcher Demetrios heraus entstand. Es war selbstverständlich, daß sie von den Literaten nicht begriffen wurden; es wurde mir der Vorwurf gemacht, sie seien »kalt«, »ausgeklügelt« und »aus einer Theorie heraus geschrieben«. Die Theater haben sich mit ihnen auch nicht beschäftigt, denn wenn auch die Bühne die tiefsten Triebe ihrer Zeit ausdrückt, so hat doch das Theater von diesem Zustand keine Ahnung und plätschert munter an der Oberfläche seiner Zeit. Wenn man die heutige Zeit durchschaut hat, so wird man sich leicht denken können, was das für eine Oberfläche ist.

Gleichzeitig mit den dramatischen Werken schrieb ich Erzählungen und Romane. Diese Arbeit bedeutete für mich eine Erholung von der furchtbar schweren Anstrengung des dramatischen Dichtens. Auch seelisch bedeutete sie das. Es glückte mir, gedichtete Welten zu schaffen und in ihnen zu leben, als ob ich ganz losgelöst von der mich umgebenden Wirklichkeit sei. Das waren Wunschwelten, wie sie ein Mann schaffen mag, der an der ihn umgebenden Wirklichkeit verzweifelt ist und nun sich hilft, indem er das ganze Leben als ein Spiel auffaßt, das durch ihn geleitet wird. Schon die Lustspiele sind zum Teil so entstanden. Aber wahrscheinlich wird dem feineren Gehör ein tragischer Grundton auch in diesen Arbeiten unverkennbar sein. Die tragische Auffassung des Weltgeschehens ist in ihrem tiefsten Sinn gottlos. Die tragische Auffassung ist die höchstmögliche menschliche Auffassung. Sie löst sich erst in Gott. Es ist deshalb geschichtlich verständlich, daß das Christentum die Erbschaft der antiken Tragödie angetreten hat. Meine Tragödien und die zu ihnen gehörenden Lustspiele sind also gottlos; sie sind der immer künstlerischer werdende Ausdruck der Verzweiflung. Aber hier kam nun eine Weiterbildung durch drei Erlebniskreise. Erstens: wir haben heute das Christentum und wachsen in der herkömmlichen Darstellung von dessen Lehren auf. Die übrigen Religionen sind unvollkommene Ausprägungen der Idee Religion; das Christentum ist durch die Lehre vom Tode des Sohnes Gottes am Kreuz die vollkommenste Ausprägung. Diese Lehre scheint mir aus der antiken Tragödie heraus gewachsen zu sein; mir selber fiel es wie Schuppen von den Augen, als meine Zeit gekommen war, und ich den Übergang zum christlichen Glauben fand, den ich bis dahin nicht verstanden hatte, nicht hatte verstehen können.

Hand in Hand damit ging eine philosophische Erleuchtung. Es wurde mir klar, daß ich die Bedeutung der Wirklichkeit noch überschätzt hatte, und zwar wurde mir das als Dichter klar, dem alles Wirkliche ja nur ein Gleichnis ist.

Endlich machte sich die Logik der dichterischen Form geltend, die über die tragische Weltauffassung hinaus weist.

Nun muß ich in Worten sprechen, die ich für unangemessen halte, die ich aber verwenden muß, weil sie nun allgemein gebraucht werden. Ich erlebte das Geschenk des Glaubens an Gott als Gnade Gottes. Damit waren alle meine Fragen gelöst.

Ich halte einen großen Teil unserer theologischen Gedankengänge und fast die ganze theologische Ausdrucksweise für falsch. Aber vielleicht sind in diesen Dingen, welche die schwierigsten sind für unseren Verstand, andere Ausdrucksweisen nicht möglich.

Gottes Pläne gehen nicht auf den Einzelnen, sondern auf die Gesamtheit der Menschen, und nicht auf unsere kurze Gegenwart, sondern auf den ganzen Zeitablauf. Was uns für unsern begrenzten Blick als Zerstörung erscheint, das ordnet sich in der Gesamtheit des Lebens als Teil einer Neubildung ein, und das tragische Schicksal des bedeutenden Einzelnen löst sich auf in den allgemeinen Zusammenhang des vorwärtsschreitenden Lebens. So ist etwa der Tod Jesu tragisch, wenn ich bloß Jesus betrachte; wenn ich ihn aber in den allgemeinen Weltplan Gottes einordne, dann löst sich die Tragödie auf in den Jubel der befreiten Menschheit, die dankbar am Kreuz niederkniet.

Ich war nun am Ende der Tragödie angelangt; da kamen mir dramatische Pläne, welche in dieses Gebiet der Überwindung des Tragischen hineingriffen.

Ich tat den nächsten Schritt in meiner »Ariadne«.

Damals wurden Ibsens Dramen viel besprochen und übten eine Wirkung auf die Menschen aus, die man sich heute, bei dem furchtbaren Tiefstand der Bühne, nicht mehr vorstellen kann. In Ibsen war ein Dichter und das Erleben eines Dichters. Er hatte das Zusammenbrechen der bürgerlichen Gesellschaft erlebt. Aber es muß ihm irgendwo im Menschlichen gefehlt haben, vielleicht fühlte er nicht tief genug. Er kam nicht darauf, daß dieser Zusammenbruch ja ein notwendiges menschliches Ereignis ist, das zu allen Zeiten und an allen Orten stattfindet, sondern er sah nur die zufällige Zeit, in welcher er lebte, er glaubte, daß deren Geschehnisse apothekermäßig kritisiert werden könnten, in ähnlicher Weise, wie auf einer unendlich viel tieferen Ebene das französische Gesellschaftsstück kritisierte, und so wurde er, statt ein Dichter, ein unzufriedener Philister. Er hätte wohl einen Funken wenigstens von göttlicher Barmherzigkeit und Liebe haben müssen, um aus seiner philisterhaften Kritik herauszukommen.

Ein Vorwurf von Ibsen beschäftigte mich damals jahrelang. Ich spürte, daß ich durch seine richtige Gestaltung das ausdrücken konnte, was ich ausdrücken wollte, was mir erst klares Erleben werden sollte, als ich es ausgedrückt, dichterisch gestaltet hatte. Theseus in meiner Ariadne ist ein tragischer Held, er ist das Höchste von Mensch, das ich bis dahin gestaltet hatte. Aber nun konnte ich mit einemmal eine Gestalt dichten, neben welcher der gewöhnliche Mensch verschwinden mußte, die Gestalt nämlich des Menschen, welcher der Gnade Gottes teilhaftig geworden ist. Und der Vorgang dieses neuen Könnens drückte gleichzeitig aus, was ich für unser Volk empfand: daß die Verzweiflung sich gelöst hatte in der Hoffnung auf die göttliche Gnade.

Nun müßte ich über das Technische sprechen. Ariadne war als Drama etwas Neues, das noch nie dagewesen ist. Aber da müßte ich sehr lange sprechen. Nur eines: daß mir das scheinbar Unmögliche möglich wurde, ein Drama zu dichten, das nichts Schauspielmäßiges enthält, mit drei Figuren, die fast allein auf ein paar Stufen den ganzen Abend stehen, das danke ich der dramatischen Form. Aber das Formal-Technische bildet im Dichter eine Einheit mit seinem Erleben; hier liegen die tiefsten Geheimnisse der dichterischen Kunst.

Noch ein letzter Schritt war möglich. Ich habe ihn in »Kassandra« getan.

Jeder fromme Glaube, auch der Glaube an die Gnadenwahl, steht dicht neben der Lüge. Er wird erst ganz frei, wenn der Mensch den Unwert dessen erkannt hat, was er Wirklichkeit nennt. Kassandra habe ich schon im Krieg geschrieben. Das Geschick Deutschlands vollendete sich. Da war ein Trost, der letzte: das ist ja nur ein Vorgang in der Wirklichkeit; aber das wahre Geschehen gibt die Dichtung.

Ich habe zwischen diesen Hauptwerken noch eine große Menge Nebenwerke geschrieben: Dramen, Lustspiele und Novellen. Meine Theaterwerke wurden nicht aufgeführt, die viel geringeren Novellen fanden den Anklang, den sie in einer Zeit, wie die heutige ist, erwarten durften. Bei den Dramen schiebt sich eben immer das Theater dazwischen, das von allen unseren verrotteten Einrichtungen wohl die am tiefsten gesunkene ist, während bei den Novellen die verstreuten Einzelnen in der Masse aufnehmen können.

Der Krieg war zu Ende mit dem erwarteten Ausgang. Er war ein Heldenkampf des deutschen Volkes gewesen, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, der nach Jahrtausenden noch die Menschheit erheben und erschüttern wird, wenn er einen Dichter findet, der ihn darstellen kann. Noch ist die Zeit zu nahe.

Als das Waffenstillstandsangebot kam, beschloß ich, ein Epos zu schreiben, das die große geschichtliche Zeit des deutschen Volkes, die drei Jahrhunderte von 950 bis 1250, darstellen sollte. Die drei Jahrhunderte sind einzigartig in der Weltgeschichte, denn sie enthalten einen Kampf der höchsten geschichtlichen Ideen, der geistlichen und der weltlichen Herrschaft, einen Kampf, der ewig ist und nie ausgetragen wird, aber in solcher Reinheit wie hier noch nie gekämpft wurde, noch nie von so großen Männern getragen wurde, wie hier. Wenn es möglich wäre, daß diese Dichtung ein Volksbuch würde, dann käme vielleicht das deutsche Volk zum Bewußtsein seiner selbst, das es heute noch nicht hat. Die Dichtung umfaßt sechs Bände und brauchte neun Jahre zu ihrer Vollendung. Es ist die Dichtung, welche ich am Schluß von Kassandra versprochen habe.

Nun blieb mir noch eins: aus der tiefsten Verzweiflung hatte mich der Glaube an Gottes Sohn gerettet. Ohne ihn hätte ich den Ausgang des Krieges und die Revolution nicht ertragen können. Es blieb mir noch übrig, mein Erleben dieses Glaubens, diesen Glauben darzustellen. Ich habe es in dem Buch »Der Heiland« versucht – mit dem Bewußtsein, daß jeder derartige Versuch unzulänglich sein muß, weil das Darzustellende unendlich ist und die Dichtung nur Endliches darstellen kann.

Es stehen Europa noch furchtbare Zeiten bevor, Zeiten, für welche Krieg, Revolution und Wirtschaftskrise nur den Auftakt gebildet haben. Die Möglichkeit eines Wiederaufstiegs sehe ich nur im Anschluß an die Kämpfe, welche Europa mit dem hoffentlich bald wiedererwachenden China bevorstehen. Aber die erste Voraussetzung dafür ist, daß das deutsche Volk – ich sage ausdrücklich: »das deutsche Volk«, denn es ist das für ganz Europa verantwortliche Volk – sich auf sein Wesen besinnt. Mit dem sogenannten Rechtskurs ist es nicht getan, das ist zu wenig. Deutschland muß sich darauf besinnen, daß es einmal das Land der Dichter und Denker war, daß es für Europa die Ideen schuf. Heute holt es sich sogar seinen Stil, seine Darstellungsweise, seine Anschauung der Natur von anderen europäischen Völkern, die auf den Schultern unserer Klassiker und Romantiker fußen, holt sie sich selbst aus dem dummen Amerika. Deutschland muß seine Seele wiederfinden, die heute verschüttet ist.

China war bis zur Revolution das letzte Kulturland der Welt. Das chinesische Volk betrachtete mit Recht die übrigen Völker als Barbaren. Seine Gesittung war so groß, ruhte auf so festem Grunde, daß sie unmöglich zugrunde gegangen sein kann, sie muß wieder aufleben, und dann wird China unüberwindlich sein. Das deutsche Volk hat die Aufgabe noch vor sich, aus sich heraus eine neue Gesittung zu schaffen. Es muß sich darüber klar sein, daß seine alte Gesittung zerstört ist, daß es ganz neu aufbauen muß. Wenn es das Christentum versteht, dann hat es eine Grundlage, die fester ist als die Grundlage des chinesischen Volkes. Aber freilich, es muß das Christentum verstehen. Es ist nicht damit getan, daß es sagt: »Herr, Herr!« So leicht ist der Glaube nicht. Bei dem Wiederaufbau unseres Volkes sollen meine Dichtungen einen Baustein abgeben. Er ist nicht groß, das ist mir bewußt. Aber er ist wenigstens ein Baustein.

[Abschluß einer anderen Fassung]: Ich war nun am Ende der Tragödie angelangt; da kamen mir dramatische Pläne, welche in dieses Gebiet der Überwindung des Tragischen hineingriffen. Als ich sie erfüllt hatte, da kam mir der große Plan meines Kaiserbuchs.

Ich glaube, daß ich in ihm zu der äußersten Möglichkeit dessen gelangt bin, was mit den dichterischen Mitteln darzustellen ist. Es handelt sich in ihm um die Darstellung einer tragischen Idee, welche drei Jahrhunderte lebendig war: die Kämpfe zwischen Kaiser und Papst; diese Darstellung gab zugleich ein Bild unseres höchsten nationalen Lebens, welches das höchste geschichtliche Leben der Menschheit überhaupt gewesen ist. Hier lösen sich die Tragödien der einzelnen großen Männer, der Päpste wie der Kaiser, in einem Bild des allgemeinen Weltgeschehens, das freilich begrenzt ist, wie jedes Kunstwerk begrenzt sein muß, aber doch eine Ahnung des Unbegrenzten geben kann.

Ich bin von der Verzweiflung erlöst, trotzdem im Gang der Entwicklung nun die Lage unseres Vaterlandes so furchtbar geworden ist, wie wohl noch nie die Lage eines großen Volkes war. Kann ich das als Wirkung der göttlichen Gnade bezeichnen? Es verschlingt sich alles, im Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit. Ich bin geneigt, es als Gnade aufzufassen, daß ich meine Dichtung vollenden durfte.

Noch einen Schritt weiter durfte ich gehen. Ich habe nie die Lehre von der Sünde, von der Rechtfertigung und Versöhnung verstanden. Nun wurde es mir klar, was immer in der Geschichte der Kirche neben diesen Lehren mehr oder weniger unterirdisch gelebt hat: die Nachfolge des Lebens Jesu. So habe ich denn mein Buch »Der Heiland« gedichtet, wo mir die Darstellung des glücklichen Zustandes, welcher das Leid und die Verzweiflung der Welt überwunden hat, geglückt ist. Denn der Herr dieser Welt ist der Teufel, und unser Leben hat seinen Inhalt durch den Kampf gegen den Teufel, den jeder an seiner Stelle, auf die ihn Gott gestellt hat, führen muß.

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