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Ein Brautpaar

Adolf Pichler: Ein Brautpaar - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Pichler
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Sechster Band
titleEin Brautpaar
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeSechster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081023
modified20150128
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Auf dem Fahrweg, den Baumeister Mayr zum Steinbruch nördlich von Innsbruck angelegt, kommt man oberhalb eines Föhrenwäldchens zu einer Ecke, wo sich dem Blick ein Labyrinth von Tälchen, Schluchten und Hügeln öffnet, welche mit steilen Schutthalden abbrechen oder einen spärlichen Bestand von Birken und Erlen tragen – mehr Gestrüpp als Wald, denn überall klettern Ziegen, diese Verwüster freien Baumwuchses, herum. Zwei Bäche münden ineinander, sie schließen eine schmale Landzunge ein: – ist es eine Schäferhütte oder ein Ziegenstall, was sich aus der Mitte des saftigen Grases zwischen einem Kirsch- und Apfelbaum erhebt? Hinten ist die Landspitze durch einen Zaun von Dorngestrüpp abgeschlossen, nur ein hölzernes Gitter gewährt den Zutritt. Die Mauern der Hütte, durchrissen von einem Sprung, ragen rauh und ohne Spur eines Kalkbewurfes nur wenig über den Boden empor. Das Dach besteht nicht aus Schindeln, sondern aus alten Brettern, deren Ränder sich bereits durch Regen und Sonnenschein aufwulsteten. An der Ecke fließt ein klarer Brunnen in ein steinernes Becken. Die Türe ist gesperrt, darüber hängt in einer Nische Christus am Kreuz, die Farben des kunstlosen Schnitzwerkes hat bereits das Wetter abgebleicht. Ein ziemlich großes Fenster, aus allerlei, zum Teil trüben und blinden Gläsern zusammengeflickt, ist in der südlichen Mauer angebracht und gestattet einen Blick in die Stube. Die Wände sind reinlich geweißt, der Boden gefegt, zwei Betten mit sauberen Decken stehen nebeneinander, darüber ein Bild in schwarzem Rahmen: »Maria Hilf«, wie man es in Bauernhäusern nicht selten antrifft. Ein Tisch, dessen Bretter nur der Hobel glättete, trägt einen irdenen Krug; an der Türe, welche in den Flur oder in die Küche führt, ist ein Holzschnitt mit den bunten Figuren des Kalenders angenagelt. Ein Ofen, aus gewaltigen grünen Kacheln aufgetürmt, füllt die Ecke. Rückwärts lehnt sich ein kleiner Stall an die Hütte, er ist aus morschen Brettern, deren Astlöcher und Fugen sorglich mit Moos verstopft sind, gezimmert und mag wohl jenen zwei Ziegen, der braunen und der weißen, welche an einem Stein lecken, zur Wohnung dienen. Doch mag es im Sommer nicht unangenehm sein, hier zu hausen. Die Borde des Baches sind eingesäumt von wilden Rosen, am Hag blüht die Hainbutte, Glockenblume und Spierkraut prangen hoch über Perlgras und Quendel – – ja, wer nur Blumenkränze zu winden hätte! Im Herbste blaut die Schlehe, prahlen die roten Dolden der Eberesche, schlingen sich die Silberflocken der Waldrebe durch den ruppigen Zaun, das Rotkehlchen pickt am schwarzen Holunder, und die Ziege nascht die Träubchen des korallenroten Sauerdorns – – wenn sich nur auch der Mensch davon nähren könnte! Die Amsel flötet, die Drossel singt ihr Brautlied, und verliebt girrt die graue Holztaube; – hört es, wer die Last des Elends durch das Leben wälzt, bis er mit derselben ins Grab stürzt?

Wer mag hier wohnen in dieser Öde?

Kein Glücklicher, denkst du vielleicht, nun wir wollen sehen; es war ungefähr auch meine Voraussetzung, als ich diese Hütte zum erstenmal entdeckte. Oft genug war ich als Student auf dieser Erdzunge gelegen, behaglich zum blauen Himmel starrend, sorglos, weil noch jung, oder im Homer blätternd.

Ach, daß es doch immer so bliebe!

Es blieb aber nicht so. Ich ging, um Medizin zu studieren, nach Wien, wohl schaute ich nach Süden, wo die Alpen über dem dunklen Mittelgebirg die weißen Kanten erhoben, erst nach mehreren Jahren jedoch kehrte ich nach Innsbruck zurück. Ich besuchte all die Plätzchen, welche ich seit langem nicht mehr gesehen und ebenso lange als freundliches Bild mit mir herumgetragen. Auch zu dieser Erdzunge stieg ich empor. Es überraschte mich nicht wenig, hier die Hütte zu treffen. Nachdem ich mehrere Mal um sie herumgegangen, wollte ich auch wissen, wer sie bewohne. Ich hatte mir bei einem Sprung über den Abhang einen Knopf ausgerissen; da ich nun nicht mit der Hose in der Hand zu Innsbruck einziehen mochte, sollte mir jener Knopf Gelegenheit geben, die Leute in der Hütte anzureden und Nadel und Faden zu erbitten.

Ich klopfte.

Ein altes Weib trat unter die Türe. Zu jener Zeit betrachtete ich die jungen zwar lieber, diese fiel mir aber dennoch auf. Schneeweiße Haare, zu Zöpfen geflochten, waren nach alter Mode um eine lange Nadel von Messing geschlungen, die einige Glasperlen schmückten, durch das braune Gesicht zuckten tausend kleine Fältchen, die Lippen, energisch geschwungen, waren noch nicht abgewelkt, mißtrauisch heftete sie das scharfe Auge auf mich und murmelte, daß ich es noch verstehen konnte: »Was will denn dieser Teufel wieder von uns?«

Ich lachte bei diesem seltsamen Gruß laut auf und antwortete: »Liebe Alte, wär' ich der Teufel, so wollt' ich dich holen, daß meine Großmutter eine Kameradin hätt'; so ist's aber nichts damit und ich möcht' dich nur bitten, mir den Knopf festzunähen.«

Ihre Züge wurden freundlicher. »Nehmt's nicht übel,« sagte sie, »die Leute haben uns so lang' geplagt und geschunden, daß ich manchmal den Teufel lieber säh' als einen Menschen. Geht nur herein, aber bückt Euch, sonst stoßt Ihr an.«

Ich folgte ihr.

Im Zimmer saß ein Greis auf der Bank, neben ihm die Dose. Er blickte mich gleichgültig an. Die Alte suchte in einem Körbchen das nötige Nähzeug, setzte die Brille auf und wischte die Hände an der blauen Schürze ab. Während sie den Knopf festnähte, wendete ich mich an ihren Mann: »Da habt Ihr's ja im Sommer recht fein, aber im Winter! Wann seid ihr aufgezogen?«

Er nahm die Dose, sie war leer; nachdem er hineingerochen und sie wieder zugeklappt, sagte die Alte mit einem mitleidigen Blick: »Hast auch nichts, ich keinen Kaffee, du keinen Tabak! Früher durfte man doch ein Stäudlein bauen, – so viel als die Nase braucht, jetzt ist's verboten. Nehmt's nicht übel: als Ihr klopftet, glaubte ich, Ihr wärt ein Finanzler, wie sie in allen Gärten herumschnüffeln, um das verbotene Kraut auszuspüren.«

»Wann wir aufgezogen?« begann nun der Alte, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Wann? Nun, ich habe im Sommer seitdem fünfmal Erdäpfel gesteckt.«

»Ja, und das ganze Haus kostet neun Gulden,« rief die Alte, »nicht mehr als neun Gulden. Wir haben es selbst gebaut, wir selbst!! – Wenn es nicht regnete, schliefen wir unter den Stauden, er dort und ich hier; regnete es, so legte er sich unter jenes Brücklein, ich nahm meine Zuflucht in jener Kapelle bei unserem Herrn im Elend. Unter Tags bauten wir miteinander, und als die Hütte fertig stand, haben wir geheiratet.

»Geheiratet?« rief ich lächelnd.

»Ja,« schwätzte sie fort, »früher ließ uns die Gemeinde nicht, die Bauern!«

»Laß das unserm Herrn zur Abrechnung!« unterbrach sie der Alte ernst.

Der Knopf war eingenäht. Ich griff in den Sack und legte ein paar Sechserln auf den Tisch.

»Ist viel zu viel!« sagte die Alte. »Ein Gelt'sgott wär' auch genug.«

»Behalt es,« erwiderte ich, »behalt es, der Alte mag sich für die leere Dose ein Lot Scaglia und du ein Lot Kaffee kaufen, es ist ja morgen Pfingstsonntag.«

»Nun, wenn Ihr's Gott zu Ehren gebt,« sprach er, »so dürfen wir es nicht abweisen, und vergelten mög' es Euch Gott, der ja alles auf- und abrechnet.«

Er war aufgestanden. Ein großknochiger hoher Mann, der wohl die Decke der Stube berührt hätte, wenn ihn das Alter nicht gebeugt. Er ging ans Fenster. Ein Sonnenstrahl spielte über sein mildes, ehrwürdiges Gesicht und verklärte es sanft – einer jener Köpfe, die man unter den Bauern bisweilen trifft: ausgemeißelt bis zum feinsten Zug, fest und treu; lange Arbeit und der Schmerz des Lebens gaben ihnen den Ausdruck der Weihe.

Ich verabschiedete mich. Als ich an der Ecke des Fußsteiges zurückschaute, sah ich den Alten mit einem breiten Hut, die weiße Schürze wie eine Wulst um den Leib gedreht, langsam herabsteigen, er wollte sich wohl zur Pfingstfeier eine Prise Tabak holen.

Ein Landregen machte mehrere Wochen das Gebirge ungangbar, wohl schaute ich hier und da durch den Nebel hinauf, selten war das Sprengerkreuz zu erkennen. Ich hatte die beiden nicht vergessen; durch ihre ganze Erscheinung, ihre Rede und Lebensweise war meine Neugierde im höchsten Maße erregt.

Als die Wege wieder trocken geworden, suchte ich das Tälchen und die Hütte auf. Aus dem Schlot stieg noch Rauch, die Türe war geschlossen und auch durch das Fenster niemand zu sehen. Vermutend, sie möchten in der Küche sein, stieg ich hinter die Landzunge hinauf und begann mit Steinen auf das Dach zu werfen, daß es laut polterte: es grunzten nur ein paar Schweine in einem Zubau unter einem Eschenbusch, den ich bisher nicht bemerkt.

Da rief ein Hirtenbube hinter mir aus den Stauden: »Wollt Ihr Stanzl?«

»Sie scheint nicht zu Hause zu sein,« erwiderte ich und stieg auf den Weg empor; »weißt du, wo sie ist?«

»Dem Geruch nach haben sie eben die Brennsuppe g'essen, werden wohl ihren Geschäften nach sein!«

»Geschäften?«

»Nun ja, sie holt in der Stadt Knochen und Küchenabwurf. Jene stoßt sie zwischen zwei Steinen und siedet für sich die Suppe aus; diesen kriegen ihre Facken dort im Ställchen, die Euch just geantwortet haben.«

»Und was tut denn der Mann?«

»Der geht auch in die Stadt, tragt Holz, oder sucht sonst ein Paar Gröscheln zu verdienen. Viel kriegt er nicht, weißt wohl, es ist überall Noterei.«

»Die Leute haben ja erst in alten Tagen geheiratet.«

»Ist Zeit gewesen nach dreißig oder vierzig Brautjahren.«

»Warum haben sie denn so lang' gewartet?«

»Weil sie nichts besaßen, und nachher ist der Alte erst noch drei oder vier Wochen eingesperrt worden.«

»Was hat er denn angestellt?«

»Weißt wohl, der Gemeindevorsteher hat ihnen nachgesagt, sie seien vor der Messe zum Opfer gegangen, und da hat der Alte in der Kirche ihn einen Verleumder geheißen und Gott im Tabernakel zum Zeugen angerufen. Weißt wohl, so was leidet man nicht.«

»Vor der Messe zum Opfer gegangen? eingesperrt?«

Der Bube lachte verschmitzt: »Das kann ich Euch nicht erklären, laßt Euch's von der Stanzl oder ihrem Sever selbst vermelden.«

Er klatschte mit der Peitsche und trieb seine Paar Kühe weiter.

Vor der Messe zum Opfer gegangen! eingesperrt! Vergebens zerbrach ich mir den Kopf über die Bedeutung jenes Ausdrucks. Es wollte mir auch nie gelingen, die Alten wieder zu treffen; stets waren sie ausgeflogen, wenn ich die Hütte besuchte.

Ich mußte daher die Lösung des Rätsels dem Zufall überlassen.

Erst im Hochsommer begegnete ich der Alten wieder im Wald.

Ich beschäftigte mich damals mit dem Studium der Schwämme, ein Studium, zu welchem mich mehrere Ursachen führten.

Das wissenschaftliche Interesse an diesen sonderbaren Gebilden der Natur war eine derselben, die andere jedoch mehr kulinarischer Art. Ich esse nämlich die Schwämme sehr gern, auf den Markt wurden nicht viel gebracht, meist nur eine Art, und doch wußte ich, daß es noch viele vorzügliche gäbe, welche man ungenossen verfaulen ließ. Ich wollte auch meine Schüler darüber belehren und hoffte so, wenn sie als Ärzte, Priester oder Beamte durch das Land verstreut würden, etwas Nützliches zu leisten.

Oberhalb der Mühlauer-Klamm breitet sich, dem Städter unbekannt, ein dichter Buchenwald aus, einer der wenigen Plätze, wo die duftende Asperula ihren feinen Blattquirl entfaltet. Der Abfall von Laub wird nicht geholt, weil es zu weit ist, und so erhöhte sich nach und nach eine Moderdecke, wo sich die Pilze im feuchten Schatten prächtig entwickeln konnten. Ich hielt mich an diesem Platze auch sonst nicht ungern auf. Hier entspringt der große Mühlauerbach mit zahlreichen Quellen, die frisch und klar aus dem moosigen Felsen sprudeln und über die Steinblöcke, von denen lange Wasserfäden spielen, abwärts eilen. In der Rinne seitwärts bricht vor der Schneeschmelze immer eine ungeheure Lawine los, die manchmal Petrefakten in das Tal liefert und mir so die Fracht erspart. Diesmal hatten mich nur die Schwämme angelockt.

Es war aber auch der Mühe wert! Dort der weißviolette Zimtpilz, dessen Aroma die Gewürze Indiens ersetzen könnte, wenn er nur auch so feurig wirkte. Hier wölbten sich aus dem Rasen die rötlichen Hüte des Reizgers, dessen blutroter Saft manchen vom Genuß abschreckt, obwohl er mit Recht den Beinamen des Delikaten trägt und gar wohl der Trüffel an die Seite gesetzt zu werden verdiente. Zackig wie ein Korallenstäudchen erhebt sich die Bärentatze aus dem Moos, sie weicht an Farbe nur dem Gold des Pfifferlings, den auch unsere Bauern auf den Markt bringen. In breiten Lappen ergießt sich das Schafeuter und der Semmelpilz über den Boden; auf dem Moder wurzelt der Stoppel- und Habichtschwamm, letzterer an einen Mandelkuchen gemahnend und so würzig, daß man ihn fast nur mit andern verspeisen kann. Auch der edle Steinpilz, süß wie Nußkerne und deshalb von Eichhorn und Maus angenascht, erhebt den braunen Hut. Nebenbei siedeln freilich andere Gesellen: der prahlerische Fliegenschwamm, der Hexenpilz – brich ihn auseinander und das gelblichweiße Fleisch läuft alsogleich dunkelblau an – und einer, den der Aasgeruch schon von weitem verrät, der sich aber in einer Geschichte, die vielleicht auch Damen lesen, nicht wohl schildern läßt, seine Form entspricht genau dem Namen, welchen wir nur lateinisch beizusetzen wagen: phallus impudicus – Diese und andere Schätze – die giftigen in einem eigenen Fach – waren bereits in meiner Botanisierbüchse eingeheimst, ich warf mich müde auf das Moos, dem soeben das einblütige Wintergrün entstieg, da hörte ich unweit von mir Äste knicken. Ich glaubte zuerst, es sei eine Haselmaus oder ein Eichkätzchen, unvermutet trat jedoch Stanzl aus dem Gebüsch, ein Körbchen am Arm und sich emsig bückend, um Pfifferlinge aufzuklauben.

»Ihr geht ja,« rief ich ihr zu, »an den besten Schwämmen vorbei, warum laßt Ihr den Steinpilz und den Reizger beiseite?«

Sie blickte erstaunt auf, doch erkannte sie mich alsogleich. »Den Steinpilz,« meinte sie, »kenn' ich wohl, aber die Herren in der Stadt kaufen ihn nicht gern. Den Reizger? Hab' nie davon gehört.«

Ich zeigte ihr diese und andere Schwämme, sie schüttelte jedoch den Kopf und erwiderte: »Kann allerdings in den Büchern stehen, die Bücher haben jedoch keinen Magen, dem so etwas übel täte.«

Erst als ich vor ihren Augen einige Stücke roh genoß, traute sie meiner Gelehrsamkeit; auch auf das zackige Renntiermoos verwies ich sie als ein treffliches Schweinfutter, wenn ihm vorher durch heißes Wasser der Bitterstoff entzogen sei.

Ich hielt Schule im Wald und gab ihr Anweisung, die Schwämme zu kochen und zu dörren. Sie nahm auf mein Zureden von jeder Art mit, ein paar Sechserln drückte ich ihr in die Hand, um Schmalz und Pfeffer zu kaufen, sie solle es versuchen, der Winter sei lang, und ein Vorrat von Schwämmen nicht zu verachten.

»Ja, ja,« sagte sie schließlich, »Ihr meint es gut mit mir, und der Herrgott wird schon mit Euch abrechnen. Das wär' freilich zu brauchen, wenn der Hunger und die Armut Koch sind, wir werden wohl auch da anbeißen müssen.

Seht, wir sind so arm, daß wir bei der Gemeinde um Unterstützung einkamen, was sagte aber der Vorstand? Nun, Ihr kennt ihn gewiß. Der Teufel hat ihm längst die Haare ausgerauft, und aus dem weiten Maul steht ein langer brauner Fackenzahn und krumm ist er auch. Was sagte der? Ich sähe gar armselig aus und könnt' gar wohl in der Stadt betteln. Betteln, ja! Die Herrenleut' sind milder als die Bauern, die haben Kiesel statt der Herzen, und der Gemeindevorstand gar! Nun ja, unser Herrgott wird mit ihm abrechnen, aber eins freut mich halt doch: daß ich ihm stets das hintere Türl offen gelassen.«

»Wollte er Euch?« fragte ich in einem Anfluge von Ironie.

»Ob er mich wollte?« Jetzt bin ich freilich ein altes Weiblein, aber die alten Weiber waren auch einmal jung. Ob er mich wollte? Doch wen kümmert das?« murmelte sie und schwieg.

Mir fiel das Opfer vor der Messe ein; da ich jedoch wußte, daß derlei Volkssprüche oft einen zweideutigen Sinn bergen, unterdrückte ich die Frage, die mir schon auf der Zunge lag.

Sie deckte ein weißes Tuch über die Schwämme und entfernte sich, mir für das Geld zu Schmalz und Pfeffer dankend.

Ich mochte sie nicht geleiten. Ihre Bemerkungen jedoch bezüglich des Gemeindevorstehers reizten meine Neugier noch mehr, und ich beschloß, dieser verwickelten Geschichte nachzuforschen.

Mit einem bißchen Unverschämtheit hätte man die Leute selbst verhört; wer weiß jedoch, sagte ich mir selbst, ob du die Wahrheit erfährst, denn in ihrer Vergangenheit scheint nicht alles licht zu sein.

Die Ferien begannen, so hatte ich zwei Monate hindurch anderes zu tun, und die Hütte in der Öde kam mir völlig außer Sicht. Erst im Spätherbst, da ich einmal zufällig von jenen Höhen Rauch aufsteigen sah, erinnerte ich mich an das Ehepaar und wählte bald darauf einen warmen, sonnigen Tag, es zu besuchen. Auch diesmal vergebens. Ich stieg rückwärts empor und warf mich auf das Moos unter den Föhren; bald nahm Eumäos meinen Sinn gefangen, nur von Zeit zu Zeit störte mich das Rasseln einer Eidechse und lockte den Blick über die verschwimmenden Zeilen in die Ferne, wo die Gletscher mit frischem Glanze strahlten und der junge Schnee, vom Braun des Heidekrautes, das den Berg in tieferen Lagen umsäumte, scharf abgegrenzt, das Auge fesselte.

Die Sonne nahte bereits dem Hocheder, ihr Licht zuckte spielend durch die Tangeln der Föhren, ich stand auf und suchte den Pfad, den arme Holzsammler, wenn sie das magere Reisig nachschleifen, tief eingefurcht haben.

Weiter unten traf ich Stanzl, sie saß auf einem Bündel dürrer Äste, die sie mit Spagat verknüpft hatte, und schien zu rasten.

»Wie geht's, Alte?« rief ich, »wie habt Ihr den Sommer verbracht?«

»Dank Gott, recht gut, den Sommer hat ja der Herrgott ohnehin für die Armen gemacht, den Reichen schlaunt auch der Winter! Lieber Herr! Ihr seid mit mir schon öfter recht fein gewesen, möchtet Ihr mir jetzt nicht auch ein bißchen helfen?«

Ich zog die Börse, um ihr etwas zu geben.

Sie wehrte lächelnd ab: »Ihr meint auch, daß Euch jeder Arme, der Euch anredet, um Geld anbettle. Ist freilich gut zu brauchen! Ich möcht' Euch aber ersuchen, mir die Reiser aufzulegen. Mein Rücken ist alt und krümmt sich nicht mehr so leicht. Helft mir, lieber Herr! Ist ja auch ein gutes Werk.«

Ich griff an und schob ihr die Last auf den Rücken.

Nachdem sie dieselbe bequem aufgeladen, wollte sie mit einem »Vergelt's Gott!« fort, ich gab ihr aber das Kleingeld, das ich ihr ohnehin bestimmt, und so schied sie doppelt zufrieden.

Ein Holzhacker, der zugeschaut, gesellte sich nun zu mir.

»Herr!« sprach er, »das ist recht, daß Ihr der gebt, der kann man es vergönnen, auch wenn man es selbst nötig hätte. Das sind arme Leute und brave Leute. Freilich stehen sie schwarz im Buche; Protokoll heißt man's ja, wo die Sünden von jedem aufgeschrieben werden, aber trotz dem Protokoll sind sie rechtschaffen, rechtschaffner als die Bauern oft mit hundert Jauch. Tät's nicht sagen, allein Ihr schenktet ihnen was, und da wär's übel, wenn sie jemand bei Euch verschwärzen würde.«

»Ich weiß,« entgegnete ich, »weder im Guten noch im Bösen etwas von ihnen. Schon lang' hätt' ich gern etwas erfragt, und wenn Ihr mir etwas mitteilen wollt, soll's mir auf eine Halbe Bier nicht ankommen. Gehen wir dort in den Garten von Büchsenhausen, das Schloß schützt uns vor dem Wind.«

»Ein Halbele!« schmunzelte er, »das tragt's mir an Werktagen nicht, aber ich will mir's verdienen. Kommt den nächsten Weg!«

Auf einem Felsensteig und quer durch den Anger erreichten wir die Planken, sprangen darüber und setzten uns an den nächsten freien Tisch. Während die Kellnerin zwei Krüge füllte, stopfte er sich das Pfeifchen und begann wie Äneas sein Epos, indem er mich mitten in die Sache führte und eigentlich von hinten anfing.

Die Geschichte ist im Grunde genommen ziemlich einfach, sie schildert die Liebe und Treue zweier ehrlichen Leute, die nie den Boden der Sittlichkeit verließen und, auf ein reines Leben voll Leiden zurückblickend, sich mit der Hoffnung eines schönern Jenseits trösten, jedoch auch abgesehen davon den herrlichsten Lohn in ihrem Bewußtsein tragen.

Nachdem ich einmal einen Faden gefunden, war es mir leicht, auch noch andere zur Ergänzung des Gewebes zu entdecken und dieses in der Art zu vervollständigen, wie ich es jetzt vor dem Leser ausbreite. Zunächst will ich ihm den Ausdruck erklären, der auch mich, obwohl ich gar vielfältig mit dem Volk verkehre, als ungewohnt befremdete: »Vor der Messe zum Opfer gehen!« Es bedeutet: Ein Paar lebt schon vor der Trauung im ehelichen Verhältnis.

Nun zur Sache.

Das uralte Dorf Hülzen zählt wenig vermögliche Leute, dafür stellt es aber eine tüchtige Anzahl Rauharbeiter, die nebenbei ein Häuschen und ein Stücklein Feld zum Anbau von Mais besitzen und daher, um sich durchzubringen, viel schwitzen müssen, ohne viel zu erwerben. Sever war der Sohn eines solchen Zimmermannes, der jedenfalls mehr Kinder in der Stube als Kühe im Stalle hatte und daher gezwungen war, ihre noch jungen Kräfte zum Unterhalt anzustrengen. Kaum war unser Sever der Schule entlaufen, so ging er schon vor sechs Uhr früh in die Stadt, wo er bei Mayrs Bauten vorläufig Mörtel zutrug. War sein Stammbaum nicht groß und berühmt, so war er doch makellos.

Anders bei Stanzl.

Ihre Mutter, ein armes Dienstmädchen, hatte das Unglück, einem Bürger zu gefallen, dessen Sarah längst zum alten Eisen gehörte, ihm jedoch schwerlich eine Hagar zugeführt hätte. Er lernte das Mädchen zufällig bei dem Metzger Norz kennen, wie sie gerade am Brunnen Kalbsfüße putzte, und wußte durch allerlei Umwege einzuleiten, daß sie für höheren Lohn in seinen Dienst trat. Er war ein Wachszieher, versah zahlreiche Kirchen mit Licht und verstand die Schlauheit gründlich, mit dem Rosenkranz in der Hand und einem Spruch des Thomas von Kempis im Mund weltliche, sehr weltliche Zwecke zu erreichen. Böse Zungen nannten ihn den Patriarchen. Nicht weil er ein so ehrwürdiges Alter erreicht hatte, sondern weil er wie jene Erzväter auch viele Weiber liebte und gar manches Büblein und Mägdlein auf der Straße im Gewissen sein nennen durfte. Das schadete aber nichts. Er galt dennoch als frommer und rechtschaffener Mann, vor dem man die Kappe lüftete: besuchte er doch fleißig die Kirche, ließ Messen lesen und war in allen Bruderschaften eingeschrieben.

Stanzls Mutter war eine feste, dralle Dirne mit Holz an der Wand, eine Gestalt, wie sie der Satan in die Phantasie frommer alter Wachszieher malt, um sie zu verführen. Sie erlag denn auch richtig in den Armen unseres Heiligen ihrem Schicksale, bald empfand sie die Folgen ihrer Hingebung und vertraute ihm das Geheimnis. Er hatte in diesen Dingen Geschäftskenntnis und trug ihr an, sie nach Trient zu schicken, dort möge sie ihre Stunde abwarten, das Kind werde man bei einer welschen Frau ausstatten, und kein Mensch solle davon hören. »Tust du das,« fügte er bei, »und beichtest zu Trient alles, dann kannst du bei der Fronleichnamsprozession wieder das Kränzchen tragen und gar leicht findet sich einer, der mit dir hochzeitet.«

Sie war über die bodenlose Niederträchtigkeit des Heuchlers anfangs aus der Fassung geraten und glotzte ihn staunend an, endlich fand sie Worte und überschüttete ihn mit einer Flut von Schimpf, daß ihm Sehen und Hören verging. Sie erklärte ihm rundweg, daß sie ihr Kind in Welschland nicht aussetzen und lieber alle Schande tragen wolle. Tag und Nacht werde sie dafür arbeiten, und wenn er nicht seinen Teil als Vater dareinzahle, so – – sie schwieg zornig und wendete sich gegen die Türe, hinter der des Wachslers Sarah einen Teppich für den Paramentenverein stickte.

Wie Borsten des Igels bäumten sich seine Haare, er keuchte vor Angst und schwor hoch und teuer, alles zu tun, was sie verlange, nur solle sie ihm mit solchen Drohungen nicht mehr heiß machen.

Sie sorgte dafür, daß er Wort hielt, und verriet ihn, weil er es hielt, nicht. Nach wenigen Jahren ergriff ihn jedoch die Herzwassersucht, er starb und machte im Testament eine große Anzahl frommer Stiftungen; an die Sprossen seiner sinnlichen Lust dachte er jedoch nicht, er überließ sie ganz einfach Gott Vater.

Stanzls Mutter schrie und lärmte, aber was half es? Sie hatte den Prozeß verspielt, ohne ihn angefangen zu haben und mußte zufrieden sein, daß sie von den Erben des frommen Mannes nicht als Verleumderin mißhandelt wurde. Gott hab' ihn selig!

Stanzl wuchs auf in Not und Elend: ihre Mutter brachte sie bei einem Bauern auf dem Pütrichhof unter, der sie für die blutigen Kreuzer des Lohnes, den jene als Magd verdiente, in Kost und Pflege nahm und ihr endlich beides, wie er sagte, aus christlicher Nächstenliebe umsonst gab, jedoch bald eine Dirne ersparte, weil sie sich rasch an die Arbeit gewöhnte.

Sie war freilich, wie man in Tirol derb, aber wahr sagt, der Fußfetzen, an dem jeder die kotigen Stiefel rieb, lernte dafür aber auch sich wehren und die Welt ohne Vorurteil und ohne Liebe betrachten. Liebe! Der Bauer drückt sich in natürlichen Dingen sehr unumwunden oder vielmehr roh aus: so erfuhr sie denn schnell über ihre Abstammung und Lage mehr als nötig und mußte als Vorwurf dulden, woran sie nicht schuld war.

Liebe! nur an einen dachte sie mit Wärme, es war Sever. Dieser hatte in der Schule das arme Ding mit wuchtigen Faustschlägen verteidigt, wenn es einer zu höhnen wagte, und als der Bube des Bauern, bei dem sie wohnte, ihr die Tränen ins Auge trieb, weil er sie einen ledigen Balg gescholten, schüttelte er ihn bei den Ohren, daß er blökte wie ein Schöps. Aber Sever war schon lange fort in die Fremde, um sich dort im Handwerk zu vervollkommnen.

So wurde sie sechzehn Jahr alt und schöner als die ehelichen Töchterlein der Gemeinde, – auch braver. Die Sünde der Eltern war nicht ihr Blut, kein unlauterer Tropfen hatte sich demselben beigemischt, und so war ihre Sittlichkeit nicht angelernt, sondern eine Gabe des Himmels, eine Anlage der Natur.

Aber auch der Sohn des Bauern, Thomas Pütrich, war herangewachsen und in das achtzehnte Jahr getreten. Er begann ganz allmählich ihr nachzuschleichen; sie wich ihm nicht aus, weil sie nichts von seinen schlechten Absichten ahnte, suchte ihn aber noch weniger. Endlich stieg er zu ihrem Fenster empor. Sie wollte sich gerade auskleiden. Als sie sein dummes Gesicht durch die Stäbe lächeln sah, löschte sie rasch das Licht, ergriff einen Topf und rief ihm zu, er solle augenblicklich verschwinden, sonst werde er ein zweites Mal getauft. Er gehorchte nicht, sondern rüttelte an den Stäben, um sich durchzuzwängen. Nun trat sie hinzu; draußen war Mondlicht, sie konnte daher alles genau bemerken, aber er nichts im dunklen Raum des Zimmers; erst wollte sie den Topf an seiner Stirne zerschmettern, besann sich jedoch rasch, stürzte ihn über seinen Kopf und setzte ihm denselben wie einen Hut auf. Das Gefäß sank ihm bis zu den Schultern, er taumelte schreiend zurück, ein Kamerad, den er zur Unterstützung mitgebracht, mußte ihn befreien. Die Geschichte wurde bekannt, Thomas hieß von jetzt ab der »Gekrönte« und hatte viel auszustehen. Er schwur sich, daß Stanzl zur Rache für den Frevel ihm gehören müsse, dann wolle er davon auf der Straße und im Wirtshaus erzählen; wer zuletzt lache, lache am besten!

Er vermied es, ihr zu begegnen, um sie desto sicherer überraschen zu können. Lange lauerte er vergeblich, endlich traf er sie allein im Tennen, wo sie Strohbündel zum Häckselschneiden drehte.

»Eh!« grinste er, »du hast es mir letzthin schön gemacht, jetzt könnten wir abrechnen.«

Stanzl schaute sich schnell um, ob ihr niemand zur Hilfe sei, denn sie erwartete von dem rohen Burschen das Niederträchtigste; – sie war ganz auf die eigene Kraft gestellt.

Entschlossen blickte sie ihn an.

Er wollte sich nähern. »Wenn du Häcksel schneiden willst,« sagte sie, »so hast du hier Vorrat, ich gehe dann auf das Feld.«

»Häcksel! da müßt' ich Stroh im Kopfe haben,« lachte er, »abrechnen will ich mit dir!«

»Wir haben nichts auf der Kreide, du hast von mir nach Verdienst abgekriegt.«

»Spotten willst du noch? Du bist ja doch nur ein lediger Fratz und gehörst drum der ledigen Lieb'!« rief er höhnisch, schlang den Arm um ihre Hüfte und wollte sie auf das Heu werfen; ihre Kraft, der Segen fleißiger Arbeit, war ihm jedoch weit überlegen, sie packte zornig mit der Linken seine beiden Hände, hielt sie wie in einem Schraubstock umspannt und bearbeitete ihn mit der Rechten beide Wangen so derb, daß es weithin klatschte und er, wie ein Schulbube trippelnd und in die Höhe hüpfend, durch das ganze Haus brüllte.

Der Alte kam gelaufen. Stanzl ließ Thomas los, dieser stürzte heulend zu seinem Vater und schrie: »Geschlagen hat sie mich, geschlagen!«

Um die Lippen des Mädchens kräuselte sich trotzig ein verächtliches Lächeln.

»Geschlagen,« rief sie, »ja geschlagen! Hättest du den Buben gezüchtigt, brauchten es andere Leute nicht zu tun. Ich kann dir nicht erzählen, warum? – dunkles Rot flog über ihre Wangen – mag er es selber tun, der Schandkerl, du gibst mir noch heute meinen Lohn, den wir ausgemacht, und ich zieh' zur Stunde ab.« Sie kehrte beiden den Rücken.

Ein Nachbar, der ihre Leistungen zu schätzen wußte, und dessen Anträge sie nur abgelehnt, weil sie, obwohl eigentlich jeder Grund fehlte, einige Rücksicht auf ihren bisherigen Brotherrn nehmen wollte, dingte sie sogleich für guten Lohn. Pütrich verweigerte in der Voraussicht, daß die gewöhnliche Bauernlogik nicht anschlagen werde, den Lohn, – ja, nicht einmal ihre Sachen wollte er ausfolgen, es seien ohnehin nur Geschenke von ihm. Sie wendete sich an den Pfarrer. Dieser bedeutete dem Bauern, er solle alsogleich den Liedlohn zahlen und die Habseligkeiten Stanzls abliefern, sonst könne Thomas noch im Zuchthaus studieren, was ihm mit einem ordentlichen Fünfundzwanziger als Trinkgeld nicht schaden täte für seine Lumpereien.

So trat Stanzl in neue Verhältnisse, und Thomas hatte das Nachschauen, mochte es ihm lieb oder leid sein. Er war jedoch eine jener klotzigen Dorfnaturen, in denen der Haß mit jedem Tag des Lebens mehr einrostet und verhärtet, oder, sollen wir vielleicht sagen, die Liebe! Bisher hatte er Stanzl so ziemlich als eine Leibeigene seines Hauses betrachtet, er glaubte auf sie ungefähr das Recht zu haben wie auf eine Kuh im Stalle – doch jetzt! –

Jetzt stand sie ihm frei und gleichberechtigt gegenüber.

Er mußte sie, mochte er sich auch gegen dieses Gefühl sträuben, achten, mehr als die andern Bauernmädchen, die mit ihm, dem künftigen Erben des prächtigen Pütrichhofes, eben nicht spröde taten. Er mußte sie achten – – wäre sie nur kein lediges Kind gewesen, ja dann vielleicht – – aber so! –

Er konnte trotzdem den Gedanken an sie nicht los werden, und ging so oft an dem Hause des Nachbars vorbei, als daß es nicht aufgefallen wäre. Einmal hörte er über den Zaun vom Knecht das Schnadahüpfel:

»Das Ochsl muß gean,
Wo man's hinführt am Soal,
Und der Thomas, der wär' ja
Der Stanzl leicht foal!«

Er ballte die Faust; seit ihn jedoch das Mädchen so gezüchtigt, war er etwas kleinlaut geworden und schlich, ohne etwas zu entgegnen, heim.

* * *

Fronleichnam nahte. Auf dem Land ist dieser Tag ein wahres Fest, das alle Lebensalter und Stände vereinigt, es ist aber vorzüglich ein Fest der Jugend, die es im schönen Schmuck der Frühlingskränze feiert. Da klimmt der lustige Schütz vorher auf das Joch; er pflückt Steinprimeln und Eisglöckchen, um sie seinem Diendl zu bringen; sie lugt schon etliche Wochen früher durch alle Gartentüren, die schönsten Nelken, den üppigsten Rosmarin zu erspähen, zu einem Sträußchen, das der Bub' an der Brust trägt. Da fängt manche Liebe an, die mit einer Ehe schließt, und so freuen sich beim Fronleichnamstag die Alten ebensosehr der Gegenwart, die schöne und starke Kinder vertreten, als der Erinnerung an jene Tage, wo sie auch jung waren und sich putzten.

Darum gibt es für ein gefallenes Mädchen kein größeres Leid, als ausgeschlossen zu sein vom Festzuge, der durch die Gassen und Felder wallt, und könnten Tränen ein verwelktes Kränzlein auffrischen, so wäre dies Wunder gewiß wie an Aarons Stabe schon geschehen.

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