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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 5
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Die beiden Freunde

Meine nächsten Spielgefährten wurden die beiden Altersgenossen des Hauses: der einzige Sohn des Inhabers des Gartenlokals, Fritz Keller, und ein Sohn des Vorderhauses, Fritz Veit. Veits waren neben Dessins die Vornehmsten im Hause. Der Vater, ein feiner, alter Mann, hatte mich liebgewonnen, und wenn wir mit ihm Ausflüge machten, betonte er stets die Gleichheit in unseren Anrechten. Ich habe das dankbar empfunden, namentlich wenn wir drei gingen, Maikäfer zu suchen. Das war nicht ganz leicht, da ganz früh aufgebrochen werden mußte, um in der Kastanien- oder Pappelallee die vielbegehrten Käfer an den Wurzeln der großen Bäume auszugraben. Kamen wir zu spät zu erfolgreicher Jagd, so kamen wir doch nie mit leeren Händen zurück, da der alte Herr Veit nach Sonntagsjägerart das, was wir nicht selbst gewannen, von glücklicheren Jägern erwarb. Diese Maikäfer fanden vielfache Verwendung: zunächst für sehr geschätzten Spiritus zum Einreiben, dann aber auch als Gegenstand schwungvollen Handels. Hier lernten wir zuerst die Grundsätze aller Volkswirtschaft kennen. War das Angebot groß, so mußten drei für eine Nadel gegeben werden – »Käfermai, Käfermai, für eine Nadel gibt es drei!« – war es klein, so konnte man wohl einen Pfennig für einen Käfer erhoffen. Die Käfer selbst wurden wieder nach ihrer Seltenheit gewertet. Kenner schieden sie nach der Farbe ihres Schildes. Am gesuchtesten waren die mit Purpurschildern, die »Kaiser und Könige«, dann kamen die mit den weißen (»Müller«) und die mit den schwarzen Schildern (»Schornsteinfeger«) und endlich das gewöhnliche Volk. –

In die Schule ging ich mit keinem von meinen beiden Freunden, da sie natürlich die höhere Schule besuchten und ich die Volksschule. Ich entsinne mich auch nicht, daß wir von Schule, Schularbeiten oder Schulabenteuern miteinander sprachen. Wenn wir nicht besondere Spiele oder Streiche vorhatten, mußte ich ihnen Geschichten erzählen. Wir saßen dann am liebsten zusammengekauert in einer Ecke des Vorraumes zum Eingang des Kellerschen Lokals, und dann baten sie: »Erzähle!« Es war ganz gleich was – Märchen, Geschichten aus der Geschichte. Natürlich war dabei das Gruseln ein Hauptvergnügen.

Als wir drei Freunde älter wurden, unternahmen wir auch manchen Streifzug in die benachbarten Straßen. Wo heute die Stadtbahn um den Bahnhof Börse donnert, floß oder stand vielmehr ein trüber Kanal, der »Zwirnsgraben«, über den die Herkulesbrücke führte, deren Standbilder jetzt auf der Lützowbrücke stehen. Vor der alten, steinernen, geheimnisvollen Sphinx und dem fürchterlichen Löwen, der mit dem Herkules kämpft, haben wir oft staunend gestanden.

Völlig unverständlich war es uns, wenn wir von Erwachsenen nach der nahen Sophienstraße gefragt wurden, was ziemlich häufig vorkam, weil in dieser schmalen Straße der Handwerkerverein seine regelmäßigen Versammlungen hielt. Daß große Menschen nicht wußten, wo die Sophienstraße war, schien uns zu sonderbar. Kopfschüttelnd sahen wir derartig bedauernswerten, von uns mitleidig zurechtgewiesenen Menschen nach.

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