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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 32
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Bei Großmutter

Ich sehe mich noch in der Rosenthaler Straße an dem Hofbrunnen stehen, etwa sieben Jahre alt, als eine Nachbarin, die Wasser holte, zu mir sagte: »Na, Kleiner, du freust dich wohl auch, daß Ferien sind?« Aber in meinem siebenjährigen Lerneifer lehnte ich ab: »Nein, gar nicht; ich gehe zu gern in die Schule.« Später hat sich diese erste Liebe etwas gelegt, und mit den anderen freute ich mich aufrichtig auf die Ferien.

Öfter brachte ich sie in Lehnin zu. Rings von tiefen Wäldern umgeben, unterbrochen von einer wundervollen Seenkette, ist Lehnin einer der schönsten Orte Norddeutschlands. Das Haus der Großmutter lag an der Hauptstraße; der Garten ging bis zum See. Großmutter saß in ihrem großen Lehnstuhl am Fenster. »Großmutter, erzähle von der Franzosenzeit!« Und dann erzählte die alte Frau von den Franzosen, wie sie 1812 nach Rußland zogen und wie es auf ihr zwölfjähriges Herz einen unauslöschlichen Eindruck gemacht habe, als manche Franzosen in Trunkenheit die großen, runden Bauernbrote ausgehöhlt und als Schuhe benutzt hätten, um ihre Gamaschen nicht schmutzig zu machen, wenn sie in den Tanzsaal gehen wollten. Das Volk empfand das mit Recht als Todsünde. Aber doch regte sich in dem gutmütigen deutschen Volk etwas wie Mitleid bei dem namenlosen Jammer der Trümmer der großen Armee. Allerdings griff man jetzt wohl auch einzelnen Ausschreitungen gegenüber zur Selbsthilfe. In den Wäldern zeigte man noch manche vereinzelte »Franzosengräber«. Und dann kam nach den napoleonischen Kriegen eine Zeit der schweren Teuerung; muß doch jeder Krieg im Wirtschaftsleben wirken wie ein Riesenstreik oder eine Riesenaussperrung, da er fast alle kräftigen Menschen durch Kriegsdienst und Rüstungsarbeit von wirklich Werte schaffender Arbeit fernhält. Jeder Krieg muß im Verhältnis zu seiner Ausdehnung einen Ausfall an der Gütererzeugung hervorrufen, der notwendig in besonderer Teuerung zum Ausdruck kommt. Da sei es nach den Freiheitskriegen vorgekommen, daß man für ein Brot ein kleines Haus hätte erwerben können! Von den Russen hatte sie keine gute Erinnerung: »Lieber die Franzosen als Feinde, denn die Russen als Freunde!«

Merkwürdig war ihre Stellung zur Kirche. Sie war eine fromme Frau und las jeden Sonntag eine Predigt und auch ein Gesangbuchlied. Aber in die Kirche ging sie nicht. Dafür hatte sie eine merkwürdige Erklärung: »Was soll ich in der Kirche? Ich bin vielleicht betrübt und muß eine Lobrede anhören, oder ich bin erfreut und muß eine Trostpredigt hören. Da ist es doch viel richtiger, ich suche aus meinem alten Predigtbuch und aus meinem alten Gesangbuch mir Predigt und Lied aus, die zu meiner Stimmung passen, und etwas anderes als Predigt und Lied finde ich ja in der Kirche auch nicht.« Wenn jetzt Strömungen in der evangelischen Kirche lebendig werden, durch eine Ausgestaltung des Ritus, etwa wie in der hochkirchlichen Bewegung, etwas mehr zu bieten als Predigt und Lied, etwas, was eben nur die Kirche bieten und das Haus nicht ersetzen kann, so denke ich oft an die alte, fromme Frau in Lehnin.

Eine Tochter der Tante, deren Mann den Kalkofen übernommen, hatte einen Lehrer in Lehnin geheiratet. Er wohnte in einem Gebäude des früheren Klosters; seiner Dienstwohnung war ein Stück des uralten Klostergartens zugeteilt. Dort bin ich oft durch die alten Bäume gegangen. In der Altarstufe der Kirche ist heut noch der Baumstamm eingemauert, unter dem einst Markgraf Otto I. den Traum gehabt haben soll, in dem er sich von einer wilden Hirschkuh (slawisch – Lehnin) durch göttlichen Schutz gerettet sah und um dessentwillen er dieses Kloster gründete. Alte Bilder zeigten den Abt Siebold, der als Märtyrer des Christentums auf Lehniner Boden fiel. Dagegen stand die berühmte Lehniner Weissagung nicht in hohem Ansehen. Nach ihr schien ja das Ende des Hohenzollernthrons bald bevorzustehen. Und wer konnte das ums Jahr 1885 für denkbar halten?

Großmutter starb 1888, und Tante Marie, die sie treulich bis zu ihrem Tode gepflegt hatte, erbte Haus und Garten. Ich habe sie auch später besucht und immer beklagt, daß das alleinstehende, verwachsene, alte Mädchen so wenig an seine Gesundheit dachte. In der Regel kochte sie gar nicht für sich: »Es ist so langweilig, für sich allein sorgen zu müssen.« War es wirklich nur Müdigkeit, war es übertriebene Sparsamkeit, ich weiß es nicht. Zuletzt schloß sie mit einem Nachbarn einen Vertrag, nach dem er für die Kosten der Grundsteuer und der Straßenreinigung aufzukommen hatte und dafür nach ihrem Tode Haus und Garten erhalten sollte. Nach wenigen Jahren trat der Tod ein. Meine manchmal leise erwachte Hoffnung, einmal in Großmutters Haus in dem alten, schönen Lehnin einen Ruheort zu gewinnen, war durch jenen Vertrag, von dem ich erst nach dem Tode von Tante Marie erfuhr, begraben.

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