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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 29
Quellenangabe
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Als »Kamerad«

Ich kam in die 58. Gemeindeschule. Sie lag draußen vor dem Königstor in der Heinersdorfer Straße, die in jener Zeit noch fast völlig unbebaut war. Auch hier war ich bald der Erste in der ersten Klasse. Wenn trotzdem für mich nichts geschah, so lag das einmal daran, daß der Rektor nach kurzer Frist wechselte und der Klassenlehrer M., ein sehr begabter Lehrer, durch häusliches Mißgeschick in seinen Gedanken von allen Schulfragen außerordentlich abgelenkt wurde. Er verlor in jener Zeit seine gesamten Ersparnisse, weil er die Bürgschaft für einen Verwandten übernommen hatte, der Untreue beging. Er warf mir einmal vor: »Wir könnten viel mehr für dich tun, wenn du dich bloß von den anderen Jungen fernhalten wolltest; du gehörst doch nicht zu ihnen!« Das widersprach aber meiner gesamten Auffassung. Ich war ein durchaus »soziales Wesen« und war bewußt jedem ein guter Kamerad, und mein Aufpasseramt, das ich als Klassenerster auszuüben hatte, wurde so verwaltet, daß eben die äußere Ordnung gerade noch gewahrt blieb. Allerdings traf es mich doch ziemlich vernichtend, als nach einer kurzen Krankheit der Lehrer mein Fehlen so auslegte: »Ah, deshalb war es in den letzten beiden Tagen so still in der Klasse, – weil du nicht aufgepaßt hast!«

In den Kämpfen der Schuljugend blieb ich trotz aller Mahnungen der Lehrer nicht »neutral«. Meine Zugehörigkeit in den Kämpfen zu dieser oder jener Partei wurde »natürlich« durch die Lage der Wohnung bestimmt. Als wir in der Prenzlauer Chaussee wohnten, zählte ich eben zu den »Prenzlauern«, die mit den Bewohnern der Königschaussee und der Pappelallee in ständiger Fehde lagen. Die besten Freunde schieden sich nach dem Zufall des Wohnortes. Wir »Prenzlauer« sahen auf die »Pappelianer« und auf die »Königlichen« mit einer Verachtung herab, die deshalb nicht geringer war, weil sie jedes sachlichen Grundes entbehrte. Die Kämpfe wurden oft organisiert ausgefochten, namentlich im Winter. Als ich dreizehn Jahre alt war, hatte ich nicht mehr viel Freude daran und zog mich möglichst zurück. Aber ich sehe noch einen Mittag vor mir, als in einer großen Schneeballschlacht die Prenzlauer durch ganze Straßen zurückweichen mußten. Ich kam zufällig hinzu und hörte bald ihr Geschrei: »Führe uns!« Da erwachte der Ehrgeiz des echten »Prenzlauers«, und wir warfen die Gegner bald aus unserem heiligen Bezirk heraus. Dann aber ging ich. An dem »Eroberungskrieg«, der die Gegner später noch über die Hälfte der Heinersdorfer Straße warf, beteiligte ich mich grundsätzlich nicht mehr.

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