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Ein Berliner Junge

Adolf Damaschke: Ein Berliner Junge - Kapitel 26
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authorAdolf Damaschke
titleEin Berliner Junge
publisherHillgers Deutsche Bücherei
editorNS.-Kulturgemeinde Hermann Hillger Verlag
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Was ich konnte und was ich nicht konnte

Schon am 1. Oktober 1875, im Alter von neun Jahren, saß ich in der ersten Klasse der 8. Gemeindeschule. Mit dieser Schule war eine Volksbücherei verbunden, in der die Tochter des Rektors Bielefeld tätig war. Ich war bald einer der eifrigsten Besucher dieser Volksbücherei und sah als neun- und zehnjähriger Junge die schöne, immer liebenswürdige Tochter des Rektors mit Ehrfurcht. – Die Schule machte mir keine Schwierigkeiten. Ich blättere die Zeugnisse durch, meist »Recht gut«, bis auf Gesang. Mir fehlt jedes musikalische Gehör, und es war mir stets unverständlich, wenn jemand urteilte: der spielt unrein, oder: das ist ein falscher Ton! Ich bewundere den Lehrer, der mir einmal »Befriedigend« in Gesang gab. Er hat augenscheinlich meine Stimme nie erprobt. In der Regel steht »Ungenügend« da, was ich immer als Unrecht empfand. »Unfähig« hielt ich für gerechter. Luthers bekanntes Wort: »Einen Schulmeister, der nicht singen kann, den sehe ich nicht an«, weckte in mir stets ein Gefühl stärksten Widerspruchs. Aus dem völligen Mangel an musikalischem Gehör entsprang eine Abneigung gegen jede Art von Musikunterricht. Die Eltern hatten irgendwo ein altes Klavier erstehen können. Ich mußte nun Unterricht nehmen. Die arme Dame in der Lothringer Straße, zu der ich in der Woche zweimal hinpilgern mußte, hat wahrscheinlich ebensowenig oder noch weniger Freude an diesem Unterricht gehabt als ich. Ich habe später vielfach mit Wilhelm Busch geseufzt: »Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.« Eine halbe Stunde Übung auf dem Klavier war eine von den Strafen, die ich am meisten fürchtete. Eines Tages hatte ich auf den alten Windmühlbergen, die nun auch schon lange mit Mietkasernen besetzt sind, wohl beim Drachensteigen oder bei einer anderen Gelegenheit irgendeinen Kampf zu bestehen gehabt und Kratzwunden dabei erlitten. Damit Mutter sie nicht gleich beim Nachhausekommen sehen sollte, setzte ich mich unaufgefordert ans Klavier und übte. Aber dieser Schachzug erweckte die gegenteilige Wirkung: »Junge, was ist dir denn begegnet, daß du dich einmal von selbst ans Klavier setzt?« Auch später, als ich Geige, Klavier, Orgel spielen mußte oder vielmehr sollte, blieb die Musik mir ein verschlossenes Gebiet, und ich war immer erst zufrieden, wenn ich als »völlig unfähig« befreit wurde. An Vokalmusik habe ich immer Freude gehabt, wenn ich den Text verstand und die Melodie mir gefühlsmäßig tieferes Verständnis für den Text erschloß. Bei größerer Instrumentalmusik aber, die ich ja vielfach über mich ergehen lassen mußte, habe ich entweder meine Sinne verschlossen, oder ich habe versucht, den Tönen Vorstellungen zu unterlegen und durch diesen Gedankeninhalt die Macht der Töne mir gleichsam zu übersetzen. Den größten Eindruck von allen Musikwerken habe ich von Bachs »Matthäuspassion« empfangen; aber ich bin mehr als fünfzig Jahre alt geworden, ehe ich den Mut gewann, es einmal mit einem so großen Tonwerk zu versuchen.

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